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Merz im Abstiegsstrudel

von Stefan Siegert

So haben wir ihn noch nicht gesehen. Ein von düsteren Wolken verschattetes Gesicht, die Stirn gerunzelt, er hatte direkt so etwas wie einen Anflug von Profil und Charakter. Friedrich Merz, in einer Umfrage soeben von den Bundesbürgern als mit 87 Prozent Minus schlechtester Regierungschef der BRD-Geschichte abgekanzlert, brachte zu seinem Auftritt am 28. April vor Gymnasiasten in NRW eine für seine Verhältnisse überraschend realistische Einschätzung der Weltlage mit.

Hätte er den Verlauf der Ereignisse im Iran vorhergesehen, so der Kanzler am Ende seiner Ausführungen, hätte er Donald Trump „noch nachdrücklicher vom Krieg abgeraten“. Noch nachträglicher? Als Merz noch den Primus unter den transatlantischen Vasallen gab, dankte er vor Monaten dem US-Präsidenten nachdrücklich für dessen genozidale Aktivitäten im Nahen Osten, er bezeichnete sie als „Drecksarbeit“ – eine ersichtlich in ihrer Ausdrücklichkeit und Ausdauer kaum noch zu steigernde kritische Haltung gegenüber dem Mann im Weißen Haus.

Immerhin, auf diese Weise erfahren die Menschen in Tagesschauland wenigstens einmal, dass die US-Army auch nicht mehr das ist, was sie mal war. Sie wird, so Merz hellsichtig vor den Gymnasiasten, „vom Iran gedemütigt“.

Der von Olaf Scholz nach dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine in die Welt gesetzte Begriff „Zeitenwende“ entpuppt sich. Denn weit über Schilda und Europa hinaus geht die scholzsche Zeitenwende ins Globale. Und nicht die Ukraine spielt in dieser Zeitenwende, die sich vor unseren Augen und in unseren Albträumen als eine Art Weltrevolution 4.0 entwickelt, eine Hauptrolle. Die spielt mit großer Gelassenheit die Iranische Republik, wer hätte das gedacht?

Es sieht aus, als gäbe es nicht nur viel zu fürchten im Frühjahr 2026. Es gibt auch viel zu lernen. Wer wusste schon (wer weiß es heute), was für den jahrtausendealten Staat Iran faktisch „Theokratrie“ bedeutet? Es kommen andere Formen von „Volksherrschaft“ als die westliche „Demokratie“ ins Blickfeld. Mit hingeschluderten Schlagworten wie „Mullah-Regime“ oder – wie notorisch im Fall China – mit dem Allrounder „Diktatur“ ist da wenig geholfen, aber viel versperrt.

Vielleicht wird die im Westen heilige Kuh „Demokratie“ derzeit endlich erkennbar: als ein Tier, dazu geschaffen, vom „(neo)liberalen“ Staat gemolken zu werden. Es lässt sich darüber nachdenken, ob im Vergleich die Staatlichkeit von Ländern wie Iran oder China ebenfalls nur dazu da ist, ihre Bevölkerungen zu melken. Die Performance und Geschichte der Molkerei Epstein im Westen jedenfalls gibt im Vergleich – auf Gerhard Poltsch gesagt – relativ ein schlechtes Bild ab.

Stefan Siegert ist Autor mit Schwerpunkt Musik und politisches Feuilleton


Bild oben: Bundeskanzler Fiedrich Merz, Juni 2025
Foto: © European Union, 1998 – 2026, Attribution
Quelle: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=175278068