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Sebastian Bahlo zum Ostermarsch 2026 in Chemnitz: „Eine gefährliche geopolitische Weichenstellung“

Unter dem Motto „Für Frieden, für Abrüstung, für eine Welt ohne Kriege“ fand am Karfreitag, den 03. April 2026, der 37. Chemnitzer Ostermarsch statt. Eingeladen hatte die Chemnitzer Friedensinitiative. Wir dokumentieren hier die Rede von Sebastian Bahlo, Vorsitzender des Deutschen Freidenker-Verbandes, auf der Auftaktkundgebung.

Webredaktion

Rede von Sebastian Bahlo anlässlich des Ostermarsches am 03.04.2026 in Chemnitz

Die US-israelische Aggression gegen die Iran begann am 27. Februar unter anderem mit einem versuchten Enthauptungsschlag in Teheran, bei dem das Staatsoberhaupt und der geistliche Führer Ali Khamenei gezielt ermordet wurde, sowie mit einem Massenmord an über hundert Grundschülern in der Stadt Minab. Ihr Schulgebäude wurde gezielt mit Präzisionsmarschflugkörpern angegriffen. Ist Euch allen der Name der Stadt Minab geläufig? Das sollte er. Die Opfer dieses Kriegsverbrechens dürfen nicht vergessen werden, die Täter müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Die herrschende Propaganda ist gut darin, Namen in die Köpfe zu pflanzen, wenn es ihre Feindbilder bedient. So kennt jeder den Namen des Kiewer Vororts Butscha, wohin vor einigen Tagen wieder verschiedene russenhassende Bürokraten pilgerten, um des vermeintlichen russischen Kriegsverbrechens zu gedenken, das sich dort vor vier Jahren ereignet haben soll. Aufgeklärt ist nichts, aber Logik und Indizien sprechen eher dafür, daß ukrainische Faschisten nach dem freiwilligen russischen Abzug aus dem Ort eine Strafaktion an prorussischen Zivilisten verübt haben, die dann den Russen angelastet wurde. Wenn die Wahrheit ans Licht kommt, wird man versuchen, den Namen Butscha wieder in Vergessenheit geraten zu lassen – wir sollten auch ihn nicht vergessen.

Der Angriff der USA und Israels auf den Iran ist ein Lehrbuchbeispiel eines unprovozierten Angriffskrieges. Der Iran hat diese Länder nicht bedroht, obwohl er, wie wir jetzt sehen, das militärische Potenzial dazu gehabt hätte. Erst nachdem der Iran angegriffen wurde, hat er massive Raketenangriffe auf Israel, auf US-Stützpunkte in der Region und die Energieinfrastruktur von Ländern, die mit den Aggressoren kollaborieren, durchgeführt. Die durch die Jahrzehnte schon zum running gag gewordene Behauptung, der Iran stehe kurz vor der Fertigstellung einer Atombombe, ist durch nichts belegt. Aber welches Recht hätten auch ausgerechnet die USA, das einzige Land, das jemals Atomwaffen im Krieg eingesetzt hat, und das sie vorsätzlich gegen Zivilisten eingesetzt hat, mit Gewalt andere am Besitz der Atombombe zu hindern?

Schließlich wird der Krieg damit begründet, daß ein angeblich mörderisches Regime beseitigt werden müsse, ja, er diene gar der Befreiung des iranischen Volkes. Die Heuchelei dieses Arguments ist eigentlich augenfällig. Trotzdem hat es seine Wirkung auch auf manche Kriegsgegner entfaltet, die meinen, ihrem Protest Glaubwürdigkeit zu verleihen, wenn sie als erstes eine Distanzierung vom sogenannten Mullah-Regime vorausschicken. Ich tue das nicht, denn hier werden getrennte Probleme miteinander vermengt. Man wird sicher nicht erwarten, daß der Freidenker-Vorsitzende eine islamische Republik für eine ideale Staatsform hält. Man muß sich aber  vergegenwärtigen, wie unaufrichtig die Verurteilung des iranischen Herrschaftsystems ist, wo es regelmäßig Parlaments- und Präsidentschaftswahlen gibt, wo Protest prinzipiell legal ist, während zahlreiche Verbündete der USA in der Golfregion absolute Monarchien ohne jegliche politische Freiheiten sind. Wenn die Befürworter eines Regime Change damit liebäugeln, den Sohn des Schahs als neuen Führer einzusetzen, widerlegen sie selbst ihre pseudodemokratische Maskierung. Wir befinden uns hier auf dem Boden eines ehemaligen Staates, in dem auch nicht alles perfekt gewesen sein soll, aber seine Bürger hätten sicher gerne selbst über sein Schicksal entschieden. Das wäre aber dann wohl doch zu viel der Demokratie gewesen. Den vorläufigen Gipfel der Absurdität stellt die Situation in Syrien dar, dessen so genannten Übergangspräsidenten, einen noch vor wenigen Jahren mit Kopfgeld gesuchten Al-Qaida-Terroristen, Bundeskanzler Merz vorgestern in Berlin empfangen hat. Gegen die Regierung von Baschar al-Assad, der mehrmals direkt gewählt worden war, hatten USA und EU umfangreiche harte Sanktionen verhängt, unter denen der Staat schließlich zusammenbrach. Die Dschihadisten rissen die Macht nach einem schnellen militärischen Vormarsch im Dezember 2024 an sich. Obwohl es seitdem keine Präsidentschaftswahlen gibt, obwohl es mit Billigung der neuen Machthaber Massaker an ethnischen und religiösen Minderheiten gibt, obwohl die Rechte von Frauen massiv eingeschränkt werden, sind die Sanktionen wieder aufgehoben, und dem Al-Qaida-Mann wird der rote Teppich in Washington, Paris und Berlin ausgerollt. Die Begriffe Demokratie und Diktatur sind von unseren westlichen Führern und ihren Propagandisten zu sinnentleerten Worthülsen gemacht worden.

Ein von außen aufgezwungener Regime Change kann per se nicht demokratisch sein. Die inneren Probleme eines Landes sind Sache seines Volkes und können nur souverän vom Volk gelöst werden, wenn es vor äußerer Gewalt sicher ist. Übrigens hängen autoritäre Herrschaft im Inneren und äußere Bedrohung immer unmittelbar zusammen.

Im Schatten des Irankrieges und seiner Folgen für die Weltwirtschaft geht die israelische Invasion im Libanon genauso unter wie der fortgesetzte Völkermord im Gaza-Streifen und die Intensivierung der Verfolgung der Palästinenser im Westjordanland mit der Abriegelung der Al-Aqsa-Moschee, aber auch christlicher Kirchen, und zuletzt die Einführung der Todesstrafe in Israel, die faktisch nur auf Palästinenser angewendet werden kann.

Der Irankrieg hat zu einer Verknappung des Rohöls auf dem Weltmarkt geführt und damit den auf Ölimport angewiesenen europäischen NATO-Mitgliedsländern geschadet. Die Versuche des US-Präsidenten, dies als Druckmittel zu benutzen, um sie zu einer direkten Kriegsbeteiligung zu überreden, waren bisher nicht erfolgreich. Doch auch wenn von den Regierungen mehr oder weniger deutliche Kritik, vor allem am unabgesprochenen und scheinbar planlosen Vorgehen der USA geäußert wird, muß man feststellen, daß alle Länder, die den USA Militärstützpunkte und ihren Luftraum zur Verfügung stellen, Kriegsparteien sind. Spanien und Italien haben ihren Luftraum für US-Militärflüge in die Golfregion gesperrt. Wir fordern die Bundesregierung auf, diesem Beispiel zu folgen. Wenn die Basis Ramstein als Steuerungszentrum nicht mehr genutzt werden könnte, würde der Krieg enden. Die Forderung mag unrealistisch erscheinen, da sie sich gegen das deutsche Vasallenverhältnis zu den USA richtet, das die Bundesrepublik Deutschland seit ihrer Gründung geprägt hat. Aber nichts sollte uns davon abhalten, unrealistische Forderungen zu stellen, wenn sie richtig sind. Die deutsche Unterstützung für einen völkerrechtswidrigen Krieg, der Deutschland schadet, zu entziehen, müßte eigentlich die selbstverständlichste Forderung sein.

Trumps Überlegungen, aus der NATO auszutreten, können wir nur begrüßen. Viel zu lange wurden europäische Länder in die Geostrategie der USA eingespannt. Die fällige militärische und geopolitische Neuausrichtung der europäischen NATO-Länder beinhaltet eine wichtige und gefährliche Weichenstellung: Setzen sich die Kräfte durch, die wieder eine deutsch-europäische Supermacht aufbauen und die US-Hegemonie durch ihre eigene Hegemonie ersetzen wollen, oder setzt sich die Einsicht in die Vorteile friedlicher Zusammenarbeit durch, wozu insbesondere die Wiederannäherung an Rußland gehört.

Durch die aktuelle Energiekrise wird deutlich, wie wir uns mit dem ungeheuerlichen Sanktionsregime gegen Rußland und dem weitgehenden Verzicht auf russische Öl- und Gaslieferungen ins eigene Fleisch geschnitten haben. Wir haben uns nicht aus einer angeblichen Abhängigkeit von Rußland befreit, sondern haben uns in eine Abhängigkeit von den USA begeben. Rußland war immer ein verläßlicher Geschäftspartner, der selbst heute noch seine vertraglichen Verpflichtungen gegenüber unfreundlich agierenden Ländern einhält. Rußland hat den Mut, das verbrecherische Ölembargo der USA gegen Kuba zu durchbrechen und ließ trotz Drohungen den Tanker Anatoly Kolodkin mit 730.000 Barrel dringend benötigten Rohöls nach Kuba fahren.

Doch anstatt eine friedenssichernde Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil anzustreben, bereiten sich die Regierenden unverhohlen auf einen neuen Krieg gegen Rußland vor. Sogar das Jahr 2029 soll dafür schon feststehen. Ich habe früher nicht verstanden, warum Brecht in seinem Vers „Das große Karthago…“ hervorhebt, daß die kommenden Kriege „in aller Öffentlichkeit“ vorbereitet werden, ich bezweifelte das und glaubte, die Kriege werden eher im Geheimen vorbereitet. Heute weiß ich aus eigener Anschauung, was Brecht meinte. Wie seine Forderung, daß den Kriegsvorbereitern „die Hände zerschlagen“ werden müssen, in unserer Zeit umzusetzen ist, da ist guter Rat teuer. Ich empfehle jedenfalls breite Bündnisse und das Vermeiden von Spaltungen. Ich habe einen Denkanstoß. Ich lese im Aufruf zu dieser Veranstaltung, daß „Vertreter nationalistischen, faschistischen und rassistischen Gedankenguts“ unerwünscht seien. Das mag vielen einleuchten, aber die Sache ist die: Wirkliche Nationalisten, Faschisten und Rassisten kommen nicht zu einer Friedensdemonstration, dazu benötigt man keine explizite Ausschlußklausel. Aber auf Leute, die keine Nationalisten, Faschisten und Rassisten sind, nur zu manchen Fragen nicht die gleiche Meinung haben wie die Veranstalter, und die die Erfahrung gemacht haben, daß jene inflationär gebrauchten Wörter als Totschlagargumente gegen ihre Ansichten gebraucht werden, wirkt der Satz wie eine Chiffre dafür, daß hier ein exklusiver Club ideologisch gleichgerichteter Menschen unter sich bleiben will. Ich weiß, wie solche Aufrufe zustandekommen, daß man es nie allen recht machen kann, und will nur in aller Bescheidenheit anregen, darüber nachzudenken, wie solche Sätze die Breite von Bündnissen einschränken.

Natürlich wird argumentiert, daß die Bedrohung von Rußland ausgehe, aber diese Behauptung ist unsinnig. Rußland ist das flächenmäßig größte Land der Erde und verfügt über riesige Vorkommen an Bodenschätzen, Küsten zum Pazifik, zur Arktis, zum Baltikum, zum Schwarzen Meer und zum Kaspischen Meer. Was sollte es von uns wollen? Insoweit die russische Intervention in der Ukraine als Beweis für ein angeblich aggressives Verhalten Rußlands herangezogen wird, ist es wichtig, sich immer wieder die Geschichte dieses Krieges zu in Erinnerung zu rufen:
Bis 2013 hatte niemand an eine militärische Auseinandersetzung zwischen Rußland und der Ukraine gedacht. Die Situation änderte sich durch die aggressive völkerrechtswidrige Einmischung der USA in der Ukraine, die eine verfassungswidrige Machtübertragung an antirussische und teilweise offen faschistische Kräfte unterstützten. Obwohl die neuen Machthaber die Krim und den Donbass nicht kontrollierten, wurden sie von EU- und NATO-Ländern sofort als legitime Regierung anerkannt. Damit war das Land gespalten. Es folgte die friedliche Wiedervereinigung der Krim mit Rußland und der Versuch Kiews, den Donbass militärisch zu erobern. Die Minsker Abkommen sahen Verhandlungen über eine relative Autonomie der Donbass-Republiken im Rahmen eines einheitlichen ukrainischen Staates vor. Kiew verfolgte dieses Ziel nicht ernsthaft, sondern ließ sich acht Jahre lang mit NATO-Waffen für eine neue Offensive ausrüsten, während Zivilisten beschossen wurden und Rentenzahlungen zurückgehalten wurden.

Ich will niemandem eine moralische und rechtliche Bewertung der russischen Intervention in der Ukraine aufzwingen, darum geht es nicht; ich will nur deutlich machen, daß hier von russischer Seite keine Willkür, kein Wahn, kein Abenteurertum im Spiel war, sondern daß die Eskalation bis dahin immer von der Ukraine und ihren westlichen Unterstützern ausging. Wenn man das weiß, bleibt nichts mehr von einer russischen Bedrohung, und daraus folgt, daß unsere Kriegsplaner, die das genau wissen, nicht Verteidigung, sondern Angriff im Sinn haben.

Die gigantische Aufrüstung zahlt das Volk genauso wie die hohen Energiepreise. Die Meinungsfreiheit wird in atemberaubenden Tempo eingeschränkt. Ich weiß nicht, ob ich mir mit meiner heutigen Rede nicht eine Anklage und eine Hausdurchsuchung einhandle. Die EU verhängt Sanktionen gegen Personen, weil sie Angst vor deren Meinungsäußerungen hat, und nimmt ihnen die Existenz, wohlgemerkt ohne Gerichtsurteil, ja ohne jeglichen Straftatsvorwurf. Gegen diese faschistoide Willkürgesetzgebung gibt es noch viel zu wenig Protest.

Die Wiedereinführung der Wehrpflicht ist unter solchen Vorzeichen natürlich klar abzulehnen. Es ist schon einmal eine junge Generation sinnlos an der Ostfront dezimiert worden.

Die Amtskirchen fabrizieren einen „Geistlichen Operationsplan Deutschland“ (GOD), in dem sie sich offen auf die Herausforderungen der Militärseelsorge in einem großen Krieg einstellen, anstatt die christliche Friedensbotschaft zu verkünden und dem Kriegskurs widersprechen. Die Ostermärsche bieten unseren christlichen Mitstreitern Gelegenheit, hier einen Kontrapunkt zu setzen.

Sebastian Bahlo ist Vorsitzender des Deutschen Freidenker-Verbandes


 Der Aufruf zum Chemnitzer Ostermarsch 2026 als PDF


Bild oben: Ostermarsch in Chemnitz am 03.04.2026
Foto: Sebastian Bahlo