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Belarus: Unbekanntes Land mit interessanter Gegenwart

Zwischen Polen und Russland liegt Belarus, ein Land mit einer schmerzlichen Geschichte, aber einer lebendigen Gegenwart. Es will kein weiterer Rammbock des Westens gegen Russland werden. Vierter Teil des Reiseberichtes von Tilo Gräser 

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Reisebericht von Tilo Gräser, Teil 4

Erstveröffentlichung am 02.06.2026 auf transition-news.org

Eine der Folgen des deutschen Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion zeigt sich in der demographischen Situation von Belarus. Die hat etwas mit dem Krieg vor mehr als 80 Jahren zu tun, wie uns Vize-Außenminister Igor Sekreta erklärte: Ohne das Opfer von drei Millionen getöteten Menschen, einem Drittel der damaligen Bevölkerung der Belorussischen SSR, könnte diese in Belarus heute doppelt so groß sein, bis zu 20 Millionen Menschen.

Angesichts dessen, was wir in Belarus über das erfuhren, was vor mehr als 80 Jahren Deutsche im «Herrenrassen»-Wahn dort anrichteten, ist der Umgang mit dieser Geschichte in Deutschland beschämend. Das gilt auch für die Versuche, die sowjetischen Denk- und Ehrenmale in Deutschland «umzuwidmen». Befeuert wird das vor allem von ukrainischen Exilanten und ihren deutschen Unterstützern.

Es scheint, als wollten die Nachfahren derjenigen, die die Sowjetunion überfielen und deren Völkern einen hohen Blutzoll abverlangten, sich für die dabei erlittene Niederlage ihrer Vorfahren an den Nachfahren der Sieger rächen. Sicher würden jene, die die «Umwidmung» betreiben, das von sich weisen. Aber sie ignorieren dabei die Vorstellungen der Vertreter Russlands und anderer ehemaliger Sowjetrepubliken zu dem Thema, trotz gültiger deutsch-russischer Verträge zu den Denk- und Ehrenmalen.

Das monumentale Mahnmal in der Festung Brest (alle Fotos: Tilo Gräser)

Sie reden und diskutieren nicht mit ihnen darüber, dafür aber mit den Vertretern der derzeitigen politischen Führung der Ukraine, die von der gemeinsamen sowjetischen Geschichte nichts mehr wissen will. Schon wurde vom Berliner Senat das Gelände des Sowjetischen Ehrenmals für «Kunst und Performances» in Berlin-Tiergarten freigegeben.

Mit solchem Vorgehen entwürdigen sie die Erinnerung und das Gedenken an den Sieg über den Faschismus und die dabei gebrachten Opfer. Dies erklärte unlängst Alexander Miljutin, Botschaftsrat der Botschaft Russlands in Deutschland, bei einer Veranstaltung zu diesem Thema in Berlin. Doch die entsprechenden Proteste der russischen Diplomaten werden ignoriert.

Als ich in Brest vom deutschen «Umwidmen» der sowjetischen Ehrenmale erfuhr, dachte ich spontan eines: «Mögen ihnen die Hände verdorren – ihre Hirne sind es schon.» Das mag eine harte Aussage sein, aber was ist dazu noch zu sagen? Es ist und bleibt eine Schande, wie der Vizeaußenminister Sekreta feststellte.

Ein gemeinsamer Wunsch

Er äußerte sich noch einmal ähnlich bei einem Gespräch, das Éva Péli und ich am 12. Mai in Minsk mit ihm führen konnten. Und er betonte, dass sich sein Land nicht auf einen Angriff auf ein anderes Land vorbereite, sondern weiter daran arbeite, den Frieden in Europa zu sichern. Das solle auch mit einem Konzept für eine eurasische Sicherheitsarchitektur geschehen, an dem gearbeitet werde.

Der Minister mit familiären Wurzeln in der Ukraine und Vorfahren, die den faschistischen Vernichtungskrieg erlitten haben und überlebten, zeigte sich verwundert über die irrationale Politik in Berlin und anderen westlichen Hauptstädten. Das hörten wir immer wieder auch von anderen Menschen hier in diesem Land, die wir trafen, ob bei Begegnungen mit Vertretern der Kommunistischen Partei in Belarus, mit der Museumsführerin Sweta und ihrer Kollegin Ina oder mit dem ehemaligen sowjetischen Offizier Nikolaj, der uns durch das Freiluftmuseum der Partisanen im Wald nahe Brest führte.

Zu den Erinnerungen aus Belarus gehören die Eindrücke von der Festung Brest, einem der ersten sowjetischen Orte, die vor 85 Jahren von der faschistischen deutschen Wehrmacht überfallen wurden. Dort leisteten Gruppen sowjetischer Soldaten fast einen Monat lang Widerstand, obwohl die deutschen Truppen in ihrem Vernichtungs-, Raub- und Eroberungskrieg gegen die Sowjetunion längst weiter vorrückten.

Am 9. Mai 2026 in der Festung Brest

Wir haben die offiziellen Feierlichkeiten am 9. Mai am Platz vor dem monumentalen Mahnmal in der Festung ebenso miterlebt wie wir uns die Museen auf dem Festungsgelände angesehen haben, die an das Geschehen und die Verteidiger erinnern. Und wir haben Menschen getroffen wie den 96-jährigen Veteranen Alexej Petrowitsch Formin oder Irma und Oleg, die aus Russland stammen, in Deutschland leben und auf der Rückreise unbedingt am «Tag des Sieges» in Brest sein wollten.

Jedes Mal war die Freude über die Begegnung gegenseitig, manches Gespräch war kürzer, manches länger – wie das mit Irma und Oleg. Mit ihnen waren wir uns einig, dass wir uns an diesem «Tag des Sieges» an keinem besseren Ort begegnen konnten als in der Festung Brest.

Aus den Gesprächen mit ihnen und den Mitarbeiterinnen des Museums der Festung und dessen Direktor Alexander Korkotadse und zahlreichen anderen haben wir eine Botschaft mitgenommen: Auch die Menschen in Belarus wollen, dass sich so etwas wie dieser Krieg vor mehr als 80 Jahren nie wiederholt. Sie wollen Frieden und sie verstehen nicht den neuen Hass und die neue Kriegstreiberei im Westen Europas.

Und wir waren uns einig, dass es keinen Grund dafür gibt, dass sich die Völker unserer Länder wieder so etwas antun wie das, wovon wir die Spuren in Brest und anderswo sahen. Nur die Herrschenden mit ihrer profitgetriebenen Gier zetteln einen neuen Krieg an. Sie wollen mit ihrer Hetze gegen andere Völker die eigene Bevölkerung wieder in einen Krieg treiben.

Ein überraschendes Land

Zu den Eindrücken und Erfahrungen gehört auch, dass Belarus ein modernes Land ist, dessen Städte manchen von uns mit ihrer Sauberkeit und mit ihren funktionierendem öffentlichen Verkehrssystem überrascht haben. Ein Land, das nicht von einer angeblichen Diktatur kündet, sondern von einer lebendigen und vielfältigen Gesellschaft.

Es ist ein Land, in dem vom Staat vieles für die Bürger getan wird. Das hat wohl auch mit der speziellen Art zu tun, wie Belarus und seine Führung unter Präsident Alexander Lukaschenka die Erfahrungen aus der sowjetischen Zeit verarbeiten und auch nutzen. Das gilt für das grundsätzlich kostenlose staatliche Gesundheitssystem wie für den Wohnungsbau mit den vielen neugebauten Wohnvierteln, die zugleich immer die Versorgung der Bürger mit den Dingen des täglichen Bedarfs einbeziehen.

Bei einem Treffen im Haus der Belarussischen Frauenunion hörten wir, dass die Regierung unter Lukaschenka sich sehr für die sozialen Interessen der Menschen einsetzt. So würden Familien und insbesondere jene mit Kindern gefördert – das geschieht natürlich auch wegen der demografischen Situation. Den Angaben nach gibt es allein elf staatliche Programme, um Familien und Alleinerziehende zu unterstützen.

Die Gruppe aus Deutschland mit den Vertreterinnen der Belarussischen Frauenunion

Die soziale Politik des Landes sorge aber auch für die rund 500.000 Invaliden, erklärten uns die Frauen. «Der Mensch ist der höchste Wert in Belarus», berichteten sie. Der Frauenbund wird aktiv in staatliche Entscheidungen mit einbezogen, berichteten uns einige der insgesamt 200.000 Frauen, die in der Organisation aktiv sind. Diese ist Mitglied in der Gesamtbelorussischen Versammlung, einem gesellschaftlichen Parlament – «unserer Volksdemokratie», so die Frauen dazu.

Oftmals sind sie als Selbständige oder Kleinunternehmerinnen in verschiedenen Bereichen, von der IT über Handel, sozialen Angeboten bis zum Tourismus, tätig. Sie berichteten, wie der Staat solche privaten Initiativen unterstützt, vor allem im IT-Bereich.

In Gesprächen außerhalb des Programms erfuhren wir aber auch, dass viele Menschen vor allem aus dem Westen des Landes in Polen arbeiten. In Belarus selbst haben manche mehr als eine Arbeitsstelle, um genügend Geld zu verdienen. Es gebe genug Arbeit, aber es werde oft schlecht bezahlt, hörten wir unter anderem.

Wir sahen aber kaum Menschen, die dem äußeren Anschein nach arm oder sozial vernachlässigt waren, anders als in deutschen Städten. In Brest begegneten uns Invaliden und eine ältere Frau, die um Spenden baten. Die staatliche Grundrente reicht nicht immer zum Leben.

Keine zweite Ukraine

Die Preise steigen auch in Belarus, ohne dass die Löhne mitziehen, erfuhren wir. Im Durchschnitt dürften beide etwa bei einem Drittel der deutschen Durchschnittslöhne und -preise liegen. Doch das Alltagsleben scheint für die meisten bezahlbar, soweit wir das in den Städten sehen konnten. Die Supermärkte haben eine umfangreiches Angebot und volle Regale, was uns ebenfalls erstaunte. Und selbst auf dem Land war zu sehen, dass sich immer mehr beispielsweise die Rekonstruktion oder den Neubau ihres Hauses leisten können

Es gibt auch ein reichhaltiges kulturelles Leben, von klassischer Kunst bis zu populärer Unterhaltung. Die kulturellen Traditionen des Landes spielen anscheinend eine große Rolle. Einige aus der Gruppe besuchten in Minsk eine Ballettaufführung, ein Konzert sowie eine Bilderausstellung.

Das Parlamentsgebäude von Minsk, erbaut in den 1930er Jahren, mit Lenin-Statue

In Deutschland wird seit 2020 über Belarus fast nur noch als «Diktatur» berichtet – von einer solchen sahen wir aber nichts. Damals gab es aus Anlass der Präsidentschaftswahl größere Demonstrationen. Verschwiegen wird dabei unter anderem, dass eine ganze Reihe der Demonstranten gewaltsam vorging. Das geschah auch mit Symbolen jener weißrussischen Nationalisten, die vor mehr als 80 Jahren die faschistischen Besatzer unterstützten.

Das erinnert an die Vorgänge in der Ukraine, die am Ende über die Ereignisse auf dem Kiewer Maidan 2014 in den heutigen Krieg führten. Dahinter stehen die gleichen Interessen westlicher Kräfte, wie sie Peter Scholl-Latour 2007 in seinem Buch «Russland im Zangengriff» beschrieb. Darin verwies er auch auf die «erklärte Absicht der USA, die westliche Allianz auf die Ukraine und Weißrussland auszuweiten».

«Belarus entspricht nicht den Erwartungen, die die atlantischen Partner an die Teilstaaten der zerbrochenen Sowjetunion richteten. Minsk fügte sich nicht in das Konzept einer überstürzten Liberalisierung von Politik und Wirtschaft» ein, stellte Scholl-Latour fest. Das gilt bis heute und ist einer der Gründe, warum westliche Medien über den Langzeit-Präsidenten Lukaschenka nur als «Diktator» berichten. Dafür werden belarussische Intellektuelle wie die Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, die die Oppositionsrolle spielen, als vermeintliche Freiheitshelden gefeiert.

Im Buch von Scholl-Latour ist zu lesen, dass bezüglich Belarus «die Manöver dieser sehr speziellen NGOs und deren Generalproben in Sonderausbildungslagern Polens uns Litauens» stattfinden. Und: «Die CIA führt dabei häufig die Regie.» Die US-Stiftung National Endowment for Democracy (NED) versorge belarussische «Bürgerinitiativen» mit «üppigen Spenden», so der Autor nach einer Reise durch das Land. Ziel dessen sei es, «die Republik vom Minsk auch auf den Beitritt zur Nato vorzubereiten und sie zu den sankrosankten Prinzipien der freien Marktwirtschaft zu bekehren».

Die Führung des Landes will verhindern, dass aus Belarus eine zweite Ukraine wird, als nächster Feindstaat an der Grenze des von der NATO eingekreisten Russlands. Dazu wird auch seit 2020 gezielt über die Geschichte des faschistischen Vernichtungskrieges aufgeklärt, damit das Wissen darum mit den letzten Überlebenden nicht verschwindet.

Normales Leben

Die Generalstaatsanwaltschaft von Belarus ermittelt deshalb seit mehr als fünf Jahren über die Verbrechen des Völkermordes an der Bevölkerung der einstigen Belorussischen SSR. Das richtet sich auch gegen die neuen Nationalisten, die mit den alten Symbolen gewaltsam für alte Ziele aktiv sind.

Bei unserem Aufenthalt sahen wir nicht nur die zahlreichen architektonischen Hinweise auf die Zeit der Belorussischen Sozialistischen Sowjetrepublik – vieles davon nach dem Krieg wieder- oder neu aufgebaut. Wir sahen ebenso die zahlreichen Erinnerungen an den gemeinsamen Kampf der Völker der Sowjetunion gegen die Faschisten aus Deutschland und deren Verbündete, durch Symbole, Plakate und andere zahlreiche Hinweise. Vor dem Lenin-Denkmal vor dem Haus des Parlaments von Belarus in Minsk erklärte uns unsere Stadtführerin Tatjana:

«Die Sowjetunion gehört zu unserer Geschichte. Wir wollen und können sie nicht auslöschen, als hätte es sie nie gegeben, so wie es in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken geschieht.»

Zugleich sahen wir Menschen in Brest und Minsk, die so normal leben und ihr Leben gestalten wie ihre Zeitgenossen in anderen Städten in Europa, ob in Deutschland, Frankreich oder wo auch immer. Sie fahren moderne Autos, auch zunehmend chinesische, sie sitzen und stehen in Bus, Straßenbahn oder Metro und beschäftigen sich dabei mit Informationen, Nachrichten oder Spielen auf ihrem Smartphone.

Ein Einkaufszentrum in Minsk

Sie treffen sich mit Freunden, gehen in Cafés und Restaurants, kaufen in Einkaufszentren ein, die aussehen wie in westlichen Großstädten. Sie leben einfach ein ganz normales Leben, mit ähnlichen Problemen wie ihre Zeitgenossen anderswo in Europa. Wie normal und modern das Land ist, ist gleichfalls in der Architektur der Gegenwart zu sehen.

Eine herzliche Einladung

Auch das zeigt, dass Belarus mitten in Europa liegt, nicht an seinem Rand und erst recht nicht außerhalb. Nur im westlichen Teil des Kontinents wird das nicht recht wahrgenommen und eine Abgrenzung und Abschottung betrieben, die nicht von jenen ausgeht, die in Minsk Verantwortung tragen. Scholl-Latour schrieb dazu 2007:

«In Belarus hat sich der Westen als unfähig erwiesen, sich in die Psychologie eines benachbarten, aber fremden Landes zu versetzen.»

Im Zentrum von Minsk

Und wer nicht glauben kann, was wir in Belarus erlebten, dem sei vermittelt, was die Museumsführerin Ina in der Festung Brest am 9. Mai zu uns sagte und was wir auch von anderen hörten:

«Kommen Sie zu uns, besuchen Sie uns, lernen Sie uns und unser Land kennen! Sie sind herzlich willkommen!»

Diese Einladung gebe ich gern weiter. Solche Reisen wie unsere nach Belarus, die Begegnungen mit den Menschen dort sind das beste Mittel gegen den Hass und die Hetze, die in Deutschland von Politikern und mit ihnen verbundenen Medien nicht nur gegen Russland, sondern ebenso gegen Belarus betrieben werden. Sie sind zugleich ein gutes Mittel gegen die Unwissenheit, die Nährboden für falsche Vorstellungen und auch Angst ist.

Tilo Gräser ist diplomierter Journalist und Mitglied des Deutschen Freidenker-Verbandes

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Bild oben: Das Tor zur Stadt Minsk, gegenüber dem neuen Bahnhof der Hauptstadt von Belarus (Foto: Tilo Gräser)