Die schwierigen deutsch-chinesischen Beziehungen
Nach dem Besuch des deutschen Bundeskanzlers in Beijing
von Wolfram Elsner
Aus: „FREIDENKER“ Nr. 1-26, März 2026, S. 33-37, 85. Jahrgang
Westliche Besuchswelle in Beijing
Er war einer der letzten Vertreter eines größeren westlichen Landes, die Beijing zwischen 2025 und 2026 besuchten. Und er brauchte ein gutes Jahr nach Bildung seiner Regierung, um diesen Besuch durchzuführen. Nun endlich besuchte auch der deutsche Bundeskanzler Merz China.
Kanadas Premier Carney hatte im Januar den Standard gesetzt: Mehrere Tage außerordentlich erfolgreichen Verhandelns in Beijing mit relativer Offenheit und offenbar einem Plan für Win-Win. Und er fuhr wieder nach Hause mit einem großen Paket für Austausch und Kooperation, mit Handels- und Investitionsabkommen und sogar Vereinbarungen für Kulturaustausch und Mensch-zu-Mensch Begegnungen. Mit erheblichen Gewinnen für beide Länder. So könnte es gehen. Italiens Meloni war sogar schon 2024 da, Frankreichs Macron im Dezember 2025 und Großbritanniens Starmer folgte Carney auf dem Fuße. Alle verhandelten beachtliche „Pakete“.
Massive geopolitische Motive
Und sie alle waren und sind motiviert durch die neuen geoökonomischen und geopolitischen Bedingungen, die sich für die westlichen Länder verschlechtert haben, sowohl durch den globalen Wandel zu Multipolarität als auch im Verhältnis zu den USA. Das Verhältnis zu China musste also neu justiert werden.
Auch Deutschlands Verhältnis zu China musste angepasst werden. In Berlin ließ man sich allerdings Zeit, und gab stattdessen erstmal den großen China-Kritiker in den letzten Monaten und Wochen, mit Vorwürfen, Forderungen und feindlichem statt kooperativem Denken. Und das, obwohl Deutschland, der „kranke Mann“ der EU (und der OECD), mehr Grund hatte, hier konstruktiv zu wirken als manch andere.
Deutschland hat an internationaler Wettbewerbsfähigkeit verloren und ist im Sozialprodukt per Kaufkraft von Platz drei auf Platz fünf abgerutscht (nun hinter Indien und Russland). Das Wachstum der letzten Jahre war im Durchschnitt praktisch null und inländische Investitionen gehen zugunsten von Auslandsinvestitionen zurück.
Von der Leyens Störfeuer
VdL steuerte die EU noch einmal verstärkt in Richtungen, die den typischen vdL-Chinabashing-Stempel tragen; zeitgleich mit dem Merz-Besuch haute sie weitere Pflöcke der Entkopplung ein: chinesische Unternehmen weiter aus EU-weiten IT-Investitionen zu verbannen (während Siemens u.a. westliche Unternehmen in China tief in den Ausbau der IT-Netze involviert sind), chinesische Forschung weiter aus der EU-Forschungslandschaft hinauszudrängen sowie eine erneute Kampagne zu lancieren über die „Spionage“ durch chinesische E-Autos und E-Busse (wie sie technisch möglich sein soll, fragen sogar staatstreue Medien).
Weitere Schutzzölle sollen hochgefahren werden, und chinesische Investitionen der EU, und in Deutschland, werden weiterhin nach dem vdL-Habeck „Screening“-Verfahren verboten.
Auch hatte man in letzter Zeit noch eine Reihe von Freihandelsabkommen forciert (Mercosur, Indien, Australien u.a.). Es wäre allerdings ein Missverständnis der tatsächlichen Strukturen der internationalen Produktivitätsverhältnisse und Wertschöpfungsketten, wollte man dies nutzen für ein Power-Play in Beijing. Während man gleichzeitig etwa US-Außenminister Rubio für seine neo-hegemoniale Rede in München stehende Ovationen spendet und hier offenbar wieder gerne teilhaben und den Anschluss an ein NeoCon-Washington zurückerlangen möchte.
So „eingerahmt“ hätte der Merz Besuch schnell ein „leerer“ Besuch werden können.
Merz schafft Wende in letzter Minute
In Deutschland war dementsprechend vor der Reise nicht viel zu hören von einer Debatte über eine positive China-Strategie. Die deutsche politische Szene, einschließlich Merz selbst, schien ja bis vor kurzem mental noch in der Welt des „Entkoppelns“ gefangen zu sein, der Ablehnung eines wirklichen Engagements mit China. Immerhin wurde Merz von der größten Delegation von Unternehmensvertretern jemals (30!) begleitet. Die zumindest dürften gewusst haben, um was es ihnen geht, und dürften ihm spätestens im Flieger nach Beijing noch eine Orientierung gegeben haben.
Nun begegnete man sich in Beijing also plötzlich auf Samtpfötchen. Merz schien Kreide gefressen zu haben, und die chinesische Charme-Offensive schien zu wirken.
Keine Probleme öffentlich thematisieren, das Positive, die Chancen und Potentiale der Kooperation, die Zukunft in den Vordergrund stellen, diese Taktik beider Seiten hat gewirkt. Und sogar einige reale Ergebnisse gebracht.
Man darf Merz persönlich abnehmen, dass er überrascht und beeindruckt war von dem, was er in China zu sehen bekam. Immerhin war in den kurzen eineinhalb Tagen – von Berlin aus erstmal bewusst knapp angesetzt und in Beijing wenige Tage vor den wichtigen „Zwei Sitzungen“ auch durchaus so knapp gewünscht – noch Zeit für Firmenbesuche. Die Robotertänze bei unitree haben ihn sichtlich beeindruckt. Merz hat aber auch schlicht das erfahren, was jeder „Wessie“, der China zum ersten Mal besucht, erfährt: Hi-Tech, eine neue Art von Städten, eine beeindruckende Lebensumwelt und ein überwältigendes soziales Klima im zwischenmenschlichen Umgang. Merz wurde geradezu überschwänglich und sprach sogar von guten persönlichen Beziehungen zu Premier Li und Präsident Xi.
Erstaunlicherweise begleiteten auch die deutschen Mainstreammedien die Wende des Kanzlers und berichten freundlich. Und lassen auch wieder beteiligte Konzernbosse zu Wort kommen, die u.a. klarmachen, das Entkopplung für sie nicht infrage kommt. Merz knüpfe wieder an Merkel an, wurde gesagt. Baerbock-Scholz-Wadephul-Pöbeleien sind erstmal vergessen. (Die Grünen hatten ja in bekannter Selbstüberschätzung noch versucht, Merz für seine Reise aufzuhetzen.) Auch eine Medienwende innerhalb von wenigen Tagen. Vielleicht genießen manche dort auch erstmal ein bisschen Entspannung. Lange anhalten wird das sicher nicht.
In China wurde immerhin, zu Recht, eine Rückkehr zu Pragmatismus und Rationalität der deutschen Politik konstatiert.
Substantielle Ergebnisse
Der konstruktive Inhalt folgte tatsächlich der freundlichen Form: Die „umfassende strategische Partnerschaft“ soll „in einem offenen Dialog“ „auf Augenhöhe“ vertieft werden. China bestellt 120 Airbus A320 Flieger, die übrigens in den erst im letzten Oktober ausgeweiteten Produktionsstätten in Tianjin mit erheblichen chinesischen Zulieferanteilen hergestellt werden (Achtung Spionage- und Absturzgefahr!). Es öffnet sich zudem nun für deutsche Überkapazitäten in Sachen Schweine- und Hühnerfleisch. Der deutsche Landwirtschaftsminister wird bald nach Beijing reisen und, wie Merz angekündigt hat, wietere MinisterInnen ebenfalls. Merz bekräftigte die Ein-China-Politik, der sog. Transformations- und Klimadialog wird wieder aufgenommen, und vor allem die regelmäßigen Regierungskonsultationen, die 2023 eingestellt worden waren. Die erste Konsultation soll schon Ende dieses Jahrs stattfinden.
Vor allem an diesem Fakt kommt man nicht mehr vorbei, das ist strategisch relevant, und diese Form wird hoffentlich den Inhalt der künftigen deutsch-chinesischen Beziehungen positiv beeinflussen.
Strukturelle Probleme weiterhin unbearbeitet
Aber die wesentlichen strukturellen Probleme wurden beim Merz-Besuch, wenn auch vorsichtig angesprochen, so doch nicht behandelt. Und die deutschen, EU- und westlichen Politik- und Medien-Narrative bleiben weiter an der Oberfläche, und falsch: „Überkapazitäten“, „Staatssubventionen“, „Preisdumping“ usw. Worum es bei solchen Narrativen wirklich geht, haben wir an anderen Stellen früher schon analysiert.
Deutschland krankt. An vielem. Der jahrzehntelange Vorteil für Deutschlands Industrie- und Exportmaschine seit dem Zweiten Weltkrieg, die eurasische Kooperation und die billigen und verlässlichen Energielieferungen Russlands (im Austausch gegen industrielle Exporte Deutschlands in den unendlichen russischen Markt), wurden im Zuge der Scholz‘schen Zeitenwende gezielt geopolitisch zerstört. Energieintensive Produktionen sind in Deutschland heute angesichts der enorm erhöhten Energiepreise praktisch nicht mehr möglich.
Viele Bereiche, von Produktivitätsentwicklung bis Bildung, sind international zurückgefallen.
Es bleibt also viel zu tun, auch nach diesem Besuch. Aber zu strategischer Entwicklungsplanung und Industriepolitik ist der neoliberale finanzialisierte Kapitalismus seit Jahrzehnten nicht mehr in der Lage. Er kann nur noch bürokratisch handeln: Schutzzölle, Investitionsverbote für chinesische Unternehmen usw. Da nützt auch das Beschwören von „Augenhöhe“ mit Beijing nichts. Diese Augenhöhe ist real, realökonomisch und entwicklungsstrategisch nicht (mehr) vorhanden.
„De-Risking“ der deutschen Industrie: Abstimmung mit den Füßen
Deutsche Unternehmen, bis hinunter zu mittelständischen Unternehmen, inklusive der vielzitierten deutschen „Hidden Champions“, die es ja immer noch gibt, haben dagegen einen Plan, einen fürs eigene Überleben. Sie investieren nun mehr im Ausland als zu Hause, und investieren Rekordbeträge namentlich in China. Entgegen den medialen und politischen Forderungen nach „De-Coupling“ und „Friendshoring“. Insoweit ist Deutschland ein gespaltenes Land, gespalten zwischen einer Unternehmensökonomie einerseits und den Medien, Politikern und meisten politischen Parteien andererseits.
Die Unternehmen sagen: T-I-N-A, „there is no alternative“ (Thatcher)! Wenn wir nicht unsere eigene internationale Wettbewerbsfähigkeit verlieren wollen, müssen wir in China präsent sein, und zwar nicht nur mit Produktion, sondern vor allem mit Forschung und Entwicklung (F&E). So bauen sie neben zahlreichen Produktionsstätten auch zahlreiche F&E-Zentren auf. Und sie streben nach strategischen Kooperationen mit chinesischen Unternehmen.
Somit produzieren sie aber nun nicht mehr nur „in China für China“, sondern „aus China für die Welt“. Sie sind von dort nun Wettbewerber ihrer eigenen heimischen Produktionsstätten geworden, und das auch nicht mehr nur auf Drittmärkten, sondern zunehmend auch im Heimatmarkt. Ein Gutteil der deutschen Importe aus China sind Exporte deutscher Unternehmen (oder Joint Ventures) aus China nach Deutschland. Und deutsche Unternehmen verdienen in China gut, mit mehreren Milliarden Überschuss nach Tätigung von Ersatz- und Nettoinvestitionen. Solche Nettoüberschüsse werden meist nach Hause transferiert und helfen durchaus auch, hier die Staatskassen zu füllen.
China ist ein „Kraftraum“ für die deutsche Industrie und ihre technologische Entwicklung geworden. Sie profitiert in China von den vollständigen Wertschöpfungsketten (WSK), den reichhaltigen regionalen Clustern, der üppigen Zuliefererszene mit ihren zahlreichen „Unicorns“, von der hohen Qualifikation der Arbeitskräfte, den schnellen und effizienten Informationsflüssen, einer effizienten Bankenfinanzierung, der günstigen und verlässlichen Energieversorgung, den effizienten und kostenlosen Infrastrukturen und den effektiven und leicht zugänglichen privaten und öffentlichen Dienstleistungen.
Aber deutsche Unternehmensführer, die immer „das große Sorgen“ hatten, sind heute deutlich weniger in deutschen Medien vertreten, soweit es ihr Engagement in China betrifft. Sie haben kaum noch Gelegenheit, ihre Gründe zu erläutern. Sie wurden oft genug dafür „gebasht“. Sie scheinen dazu in Deutschland inzwischen zu schweigen und ihre Strategie eher still zu verfolgen.
So stimmen deutsche Unternehmen also mit den Füssen ab. Sie sorgen dafür, dass sie unabhängig sind von möglichen Sanktionen der USA und/oder der EU, durch vollständige WSK in China. Die deutschen „First-Tier“-System-Zulieferer gehen mit und investieren ebenfalls in Produktion und F&E. „Second-Tier“-Zulieferer dürfen mitkommen, anderenfalls werden die WSK mit chinesischen Zulieferern komplettiert. Eine autarke deutsche Unternehmensökonomie in China. Ein De-Coupling der eigenen Art, wie man sie sich in westlichen politischen Kreisen nicht vorgestellt hatte.
Handelsungleichgewicht und gescheitertes „Friendshoring“
Kein Wunder also auch, dass deutsche Exporte nach China leiden; sie werden durch Produktion in China ersetzt. Und dass die Importe aus China steigen, da sie auch Exporte deutscher Joint Ventures in China beinhalten. Ein strukturelles Problem, das nur durch strategische Kooperation gelöst werden könnte. Von einer Fähigkeit oder Bereitschaft, solche Probleme zu sehen und zu lösen, ist weder in Brüssel noch in Berlin bisher etwas zu bemerken.
Zwischenzeitlich hat sich Deutschland aus Anlass des Ukraine-Konflikts ja auf eine Umstellung auf Kriegswirtschaft festgelegt. Berlin hat die geopolitischen Prioritäten gesetzt und ist mental damit besetzt. Industriepolitik ist fast nur noch Rüstungspolitik. Bleibt da noch Raum für eine konstruktive, kooperative China-Strategie?
Und auch wenn die politischen Parteien des Westens ihre Firmen zum „Friendshoring“ und zur Verlagerung von Produktion nach, sagen wir, Indien oder Vietnam zwingen, die Produktivitätsverhältnisse lassen sich nicht einfach per politischem Wunschdenken umbiegen. Wenn Indien oder Vietnam mehr Produktion von China übernehmen, sehen wir sofort an den Statistiken, dass deren Importe von Zulieferteilen aus China proportional steigen.
Deutschland Partner der Neuen Seidenstraßen?
Die Probleme sind strukturell, gravierend, und Lösungen nicht in Sicht. Da kann schnell wieder Frust aufkommen und die Charme-Reserve des Merz-Besuchs schnell wieder aufgebraucht sein. Strukturelle Lösungen aber sind potenziell unendlich vorhanden.
Wollte man an den wachsenden Märkten der Welt teilhaben, sollte man sich als Nation in den Kraftraum der Welt begeben und eine deutsche Mitgliedschaft in der Belt-and-Road Initiative mit ihren mehr als 150 Partnerländern anstreben. Aber von so etwas sind wir wohl noch einige (Licht-)Jahre entfernt. Da müssten erst neue Politikergenerationen heranwachsen.
Prof. Dr. Wolfram Elsner lehrte an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft der Universität Bremen
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Bild oben: Frachtschiff im Hafen von Qingdao in der ostchinesischen Provinz Shandong. (Foto: Xinhua)
davor das Titelbild des FREIDENKER 1-26
