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Deutschland als NATO-Kriegs-Drehscheibe fremdbestimmt

Die – einstweilige – Absage der Stationierung von US-Mittel- und Langstreckenraketen in Deutschland durch Präsident Trump war zum Zeitpunkt der Erstellung des Beitrags noch nicht ausgesprochen. Die hier analysierte fortschreitende Integration von US-Militär und Bundeswehr und die damit verbundenen Gefahren für Deutschland bleiben aber weiterhin akut.

Webredaktion


Deutschland als NATO-Kriegs-Drehscheibe fremdbestimmt

Tauroggen und Rapallo – die Alpträume Washingtons

von Wolfgang Effenberger

auch veröffentlicht am 05.05.2026 auf apolut.net

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Während sich die politischen Beziehungen zwischen Bundeskanzler Friedrich Merz und US-Präsident Donald Trump merklich verschlechtern, wird ab Oktober 2026 erstmals ein Oberst der US Army als stellvertretender Leiter der Operationsabteilung im Kommando Heer der Bundeswehr eingesetzt. (1) Der neu geschaffene Dienstposten gilt als außergewöhnlich tief in die Führungsstrukturen der deutschen Landstreitkräfte eingebettet. Diese in einem paradoxen geopolitischen Kontext erfolgte Maßnahme verdient eine nähere Betrachtung.

Die Operationsabteilung im Kommando Heer (KdoH)/Strausberg

Die Operationsabteilung fungiert als Stab des Inspekteurs des Heeres und ist das zentrale Planungs-, Führungs-, Lenkungs- und Kontrollinstrument der deutschen Landstreitkräfte. Dem Kommando Heer unterstehen unter anderem die 1. und 10. Panzerdivision, die Division Schnelle Kräfte sowie die Heimatschutzdivision. (2)

Der Stab des Kommandos gliedert sich in fünf Abteilungen, geführt durch den Chef des Stabes: (3)

  1. Abteilung Operationen – Planung von Einsätzen und Vorbereitung operativer Entscheidungen
  2. Abteilung Chief Digital Officer / Landbasierte Operation
  3. Abteilung Unterstützung
  4. Abteilung Personal, Ausbildung und Organisation (PAO)
  5. Abteilung Planung

Die Operationsabteilung ist die zentrale Schaltstelle der Entscheidungsvorbereitung im Heer. Hier werden künftige Einsätze konzipiert, operative Abläufe koordiniert und militärische Entscheidungen für die Heeresführung vorbereitet. Sie entspricht funktional einer J3-Abteilung nach NATO-Systematik und ist damit das operative Herzstück des Hauptquartiers.

Der neue US-Dienstposten: Aufgaben und Kompetenzen

Der neue Dienstposten wird im Oktober 2026 förmlich eingerichtet und ist explizit für einen Oberst der US Army vorgesehen. Als stellvertretender Leiter der Operationsabteilung ist der US-Offizier direkt in die Kernprozesse der Einsatzplanung des deutschen Heeres eingebunden.

Laut offiziellen Aussagen des Kommandos Heer und der US-Armee konzentriert sich die Funktion auf drei Kernbereiche: (4)

  1. Vertiefung der deutsch-amerikanischen Zusammenarbeit – enge Abstimmung operativer Planungen auf bilateraler Ebene
  2. Optimierung der gemeinsamen Einsatzfähigkeit innerhalb der NATO – Angleichung von Prozessen, Verfahren und Doktrin
  3. Verbesserung der Interoperabilität – Stärkung der technischen, prozeduralen und personellen Anschlussfähigkeit beider Streitkräfte im NATO-Rahmen und bilateral

Der US-Armeesprecher Lieutenant Colonel Vonnie Wright betonte, der Offizier werde sich „auf die Verbesserung der Zusammenarbeit beider Streitkräfte im Nato-Rahmen“ konzentrieren. (5)

Der Dienstposten ist als Stellvertretung, nicht als Leitungsfunktion konzipiert. Der Leiter der Operationsabteilung bleibt ein Bundeswehroffizier. Dennoch ist die Position außergewöhnlich: Der US-Oberst nimmt damit direkt an der Vorbereitung militärischer Entscheidungen auf höchster nationaler Heeres-Ebene teil. Verteidigungsexperte Nico Lange – ehemaliger Leiter des Leitungsstabes im Bundesverteidigungsministerium und Senior Fellow beim Center for European Policy Analysis (CEPA) – bewertet die Einbindung als strategisch hochrelevant: „Insbesondere in dieser Phase ist ein integrierter US-Stabsoffizier von großem Wert.“ (6)

Generalleutnant Christian Freuding, Inspekteur des Heeres, bezeichnete die Integration als „Ausdruck des gegenseitigen, tiefen Vertrauens“. Er selbst pflege enge Kontakte zu General Christopher Donahue, dem Oberbefehlshaber der US-Landstreitkräfte in Europa und Afrika (USAREUR-AF) mit Sitz in Wiesbaden. Die Entscheidung zur Besetzung sei bereits „vor mehreren Jahren“ getroffen worden – die aktuelle politische Lage hat die Planung also nicht ausgelöst. (7)

Die oberflächliche Formulierung „vor mehreren Jahren“ ist politisch bequem, weil sie suggeriert, es handle sich um ein länger geplantes, routinemäßiges Vorhaben, ohne eine konkrete Regierungs- oder Sicherheitslage zu benennen. In der öffentlichen Debatte reicht das aber nicht, um die Frage nach politischer Verantwortung oder Kontext (z.B. nach Maidan/Ukraine‑Krise 2014, nach der Zeitenwende 2022 oder nach jüngeren Nato‑Planungen) sinnvoll zu beantworten, da der Zeitraum von „mehreren Jahren“ von der Amtszeit verschiedener Bundesregierungen und Sicherheitslagen überdeckt wird.

Deutsch-amerikanische Militärintegration seit dem Regine-Change in der Ukraine 2014

Die Integration zwischen der Bundeswehr und den US-Streitkräften durchlief seit 2014 drei deutlich unterscheidbare Phasen: eine erste Neuausrichtung nach dem Maidan 2014, eine institutionelle Verfestigung bis 2022 und schließlich eine tiefgreifende strukturelle Vertiefung im Zuge der von Olaf Scholz ins Narrativ gebrachten „Zeitenwende“ (Der Angriff Russlands als Vetomacht ohne UN-Mandat). Doch das hatten die USA bereits 1999 beim Angriff auf Restjugoslawien (Serbien/Montenegro) vorweggenommen, der im Gegensatz zur Russlands „Spezialoperation“ ( mit deutlich unter 200.000 Soldaten) ein 78tägiger sich fast nur gegen die Bevölkerung gerichteter, verheerender Bombenkrieg (Einsatz der geächteten Atom-Munition Depleted Uranium und bis heute wirkenden Umweltschäden) gemäß der menschenverachtenden Doktrin von Colonel Warden war.

Phase 1: Der Wendepunkt 2014

Während im Westen das Referendum auf der Krim als Annexion verankert wurde, sieht die restliche Welt darin eher eine Sezession. Die Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts wurde seitens der USA seit dem 1. Weltkrieg nur dann abgesegnet, wenn es den geopolitischen Interessen entsprach – ansonsten immer negiert (siehe u.a. Südtirol)

Seit 2014 war die Bundeswehr konsequent auf Auslandseinsätze und Krisenmanagement ausgerichtet — Landes- und Bündnisverteidigung spielten faktisch keine Rolle mehr. Auf dem NATO-Gipfel in Wales am 4./5. September 2014  – im September 2014 stellte US-General Perkins das Dokument TRADOC 525-3-1 „Win in a Complex World 2020-2040“ vor – vollzog das Bündnis einen grundlegenden Richtungswechsel: Es beschloss den Readiness Action Plan (RAP), die Aufstellung der Very High Readiness Joint Task Force (VJTF) und das verbindliche Zwei-Prozent-Ziel für Verteidigungsausgaben. Dem damaligen NATO-Oberbefehlshaber James Stavridis zufolge war dieser Gipfel „der wichtigste seit dem Fall der Berliner Mauer“.

Deutschland übernahm im Rahmen der VJTF direkt operative Verantwortung: Bundeswehrkräfte stellten mehrfach die Rahmennation, Münster wurde als Hauptquartier des deutsch-niederländischen Korps die Drehscheibe für die neue Schnelle Eingreiftruppe. Ab 2016 folgte auf dem NATO-Gipfel in Warschau die Beschlussfassung über „Enhanced Forward Presence“ (eFP): Vier multinationale Battlegroups wurden im Baltikum und in Polen stationiert, Deutschland übernahm die Führung in Litauen.

Dennoch blieb die bilaterale US-deutsche Integration bis 2022 trotz dieser NATO-Impulse relativ begrenzt — es dominierte das Muster multinationaler Einbindung (z.B. Deutsch-Niederländische Korpsebene, Deutsch-Französische Brigade), es gab danach keine direkte bilaterale Kommandoverschmelzung. (8)

Phase 2: Die Zeitenwende 2022 als Strukturbruch

Am 27. Februar 2022, drei Tage nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, erklärte Bundeskanzler Olaf Scholz die „Zeitenwende“ — verbunden mit einem Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr. Damit begann die tiefgreifendste Strukturreform der deutschen Streitkräfte seit Jahrzehnten. Verteidigungsminister Boris Pistorius verkündete am 4. April 2024 die „Bundeswehr der Zeitenwende“: Vier Teilstreitkräfte (Heer, Luftwaffe, Marine, neu: Cyber/Informationsraum), ein neues Operatives Führungskommando (OpFüKdoBw) ab dem 1. Oktober 2024 sowie die Ausrichtung an der US- und NATO-Doktrin der Multi-Domain Operations (MDO) (9).

Multi-Domain Operations ist ein Konzept, das die US Army seit Herbst 2022 offiziell als Doktrin verankert haben — es fordert die integrierte Koordination aller militärischen Dimensionen (Land, Luft, See, Weltraum, Cyber) und betont explizit gemeinsame Operationen mit Partnernationen. Die Bundeswehr übernahm dieses Konzept direkt: Das Kommando Heer richtete seine Struktur ausdrücklich an dieser US-Doktrin aus. (10)

OPLAN DEU: Das neue Planungsmodell

Der Operationsplan Deutschland (OPLAN DEU) ist das unmittelbare Produkt der Post-2022-Neuausrichtung. Seine Entstehung verlief in klar datierten Schritten: (11) Das Dokument ist als geheimes Kontinuierlich fortzuschreibendes Führungsdokument konzipiert — sein Kern: die Sicherstellung des deutschen Territoriums als „Drehscheibe Deutschland“ für den Aufmarsch von bis zu 850.000 alliierten Soldaten an die NATO-Ostflanke innerhalb von 180 Tagen. Er verknüpft erstmals seit dem Kalten Krieg militärische Operationsplanung systematisch mit zivilen Akteuren — Bahn, Rheinmetall, Autobahn GmbH, Blaulichtorganisationen, Landesverwaltungen. (12)

Das neue Integrationsmodell: US-Oberst im Kommando Heer

Die jüngste und auffälligste Vertiefung der deutsch-amerikanischen Integration ist nun die Entscheidung, ab Oktober 2026 einen US-Oberst als stellvertretenden Leiter der Operationsabteilung im Kommando Heer einzusetzen. Diese Stelle wurde auf Basis des MDO-Konzepts und des neuen bilateralen Vertrauens geschaffen — Inspekteur Generalleutnant Christian Freuding nannte die Integration „Ausdruck unseres gegenseitigen, tiefen Vertrauens“. Die US-Seite bestätigte, Offiziere nur auf „hochselektiver Basis“ auszutauschen, was die Ausnahmestellung dieser Position unterstreicht. (13)

Politisch bemerkenswert ist der Zeitpunkt: Die militärische Vertiefung kommt trotz wachsender politischer Spannungen zwischen Berlin und Washington zustande und ist damit ein Signal, dass die institutionelle militärische Ebene von den taktischen politischen Reibungen zwischen Merz und Trump weitgehend abgekoppelt bleibt. (14)

Strukturelle Logik des Wandels seit 2014: Maidan-Putsch und TRADOC 525-3-1

Die deutsch-amerikanische Integration folgt seit 2014 einem klar erkennbaren Stufenmuster:

  • 2014: NATO-Beschlüsse schaffen den institutionellen Rahmen (RAP, VJTF, 2%-Ziel)
  • 2016: Konkrete Vorneverteidigung (15) (eFP-Battlegroups) — Deutschland als Rahmennation in Litauen
  • 2022: „Zeitenwende“ beseitigt politische Hemmschwellen, 100 Mrd. Sondervermögen
  • 2023–2024: OPLAN DEU als erster nationaler Kriegsplan seit dem Kalten Krieg; neue Kommandostruktur
  • 2026: Erstmalige tiefe Integration eines US-Stabsoffiziers in die operative Führung des deutschen Heeres

Was 2014 angeblich als NATO-multilaterale Reaktion auf Russland begann, ist bis 2026 zu einer bilateral-strukturellen Verschmelzung der deutschen und amerikanischen Landstreitkräfte auf Kommandoebene geworden — eingebettet in die gemeinsame MDO-Doktrin und den OPLAN DEU als nationalen Ausführungsrahmen. (16)

NATO-Interoperabilität als strategisches Ziel

Interoperabilität ist das erklärte Kernziel. Nach der NATO-Doktrin umfasst Interoperabilität drei Dimensionen: die technische (Systemkompatibilität), die prozedurale (Harmonisierung von Verfahren und Doktrin) sowie die menschliche (gemeinsame Erfahrungen und Netzwerke). Das US-Bundeswehr-Modell zielt auf alle drei Dimensionen ab. Ein integrierter US-Offizier in der Operationsabteilung ermöglicht es, Planungsverfahren der US Army und der Bundeswehr direkt aufeinander abzustimmen und eine gemeinsame Führungskultur zu entwickeln.

Reorganisation der Bundeswehr und neue Führungsstruktur

Der Schritt fällt in eine Phase tiefgreifender Strukturreformen der Bundeswehr. Seit dem 1. April 2025 nimmt das neu aufgestellte Operative Führungskommando der Bundeswehr (OpFüKdoBw) sein volles Aufgabenportfolio wahr und bündelt die operative Führung der gesamten Bundeswehr – einschließlich Landes- und Bündnisverteidigung. Das Kommando Heer bleibt dabei die truppendienstliche Höhere Kommandobehörde, die die Einsatzbereitschaft der Teilstreitkraft sichert und die unterstellten Verbände führt. Die US-Integration auf Ebene des Kommandos Heer ergänzt diese Neustrukturierung: Sie verankert die transatlantische Kooperation unmittelbar in der Planungsebene der Streitkraft. (17)

Geopolitischer Kontext: Militärische Annäherung trotz politischer Eiszeit

 Die Einbettung erfolgt zu einem politisch heiklen Zeitpunkt. Im April 2026 eskalierte der öffentliche Streit zwischen Bundeskanzler Merz und US-Präsident Trump erheblich. Auslöser war die offene Kritik von Merz an der US-Strategie im Iran-Krieg: Er warf Washington vor, keine Exit-Strategie zu haben, und sprach davon, die USA würden sich von der iranischen Führung „demütigen“ lassen. Trump reagierte scharf auf Truth Social: „Er hat keine Ahnung, wovon er spricht!“. (18)

Trump drohte daraufhin, die Truppenstärke der USA in Deutschland zu „überprüfen und zu bewerten“. Diese Ankündigung traf das Pentagon nach Berichten offenbar unvorbereitet: „The Defense Department was not expecting it,“ zitiert Politico einen parlamentarischen Mitarbeiter. Deutschland beherbergt zwischen 35.000 und 40.000 US-Soldaten, stellt dafür keine Miete für Stützpunkte in Rechnung und beschäftigt eine lokale Zivilbelegschaft. Vom Pentagon selbst wurde der US-Stützpunktvorteil deutlich herausgestellt. (19)

Militärische vs. politische Ebene – alles nur Scheingefechte?

Die Divergenz zwischen politischer Spannung und militärischer Annäherung ist das bemerkenswerteste Merkmal des gegenwärtigen deutsch-amerikanischen Verhältnisses. Während Trump mit Truppenabzug droht, vertiefen die Generalstäbe beider Länder ihre operative Verflechtung auf ein historisches Niveau. (20)

Die 2026 verabschiedete „US National Defence Strategy“ fügt eine weitere Dimension hinzu: Sie erwartet von Verbündeten explizit, bei weniger existenziellen Bedrohungen die Führung zu übernehmen, mit „kritischer, aber begrenzter Unterstützung aus den USA“. Dies erhöht den Druck auf die Bundeswehr, eigenständige operative Fähigkeiten aufzubauen. (21)

Deutschland ist die logistische Drehscheibe der NATO in Europa: „US European Command“ (EUCOM) und „US Africa Command“ (AFRICOM) sind auf deutschem Boden angesiedelt, ebenso das größte US-Militärkrankenhaus außerhalb der USA. Grafenwöhr ist der wichtigste Truppenübungsplatz Europas und wird stark von der Bundeswehr und anderen NATO-Partnern genutzt. Die US-Präsenz in Deutschland ist somit nicht nur bilateral, sondern für die gesamte NATO-Architektur in Europa von kritischer Bedeutung.

An dieser Stelle muss die sicherheitspolitisch zentrale Frage gestellt werden: Was bedeutet die tiefe US-Integration in die deutsche Militärplanung – kombiniert mit der Stationierung von Langstrecken-Hyperschallraketen (Dark Eagle) – für Deutschland als potenziellem Kriegsschauplatz? Die Frage nach strategischer Handlungsfähigkeit, nationaler Souveränität und Zivilschutz wird im deutschen Mainstream-Diskurs systematisch unterbelichtet.

Auf dem NATO-Gipfel im Juli 2024 in Washington vereinbarten Deutschland und die USA die Stationierung weitreichender US-Waffensysteme auf deutschem Boden ab 2026. Die gemeinsame Erklärung nennt drei System, wovon zwei eine untergeordnete Rolle spielen – SM-6 (Reichweite ca. 400 km) und Tomahawk (Marschflugkörper, Reichweite ca. 1.600 km). Die Hyperschallrakete – Codename „Dark Eagle“ mit einer Reichweite von ca. 2.700–3.000 km – ist nicht nur eine Waffe, die von London bis Moskau reicht – sie ist auch eine Waffe, die aus Deutschland heraus tiefe Angriffe auf russisches Territorium ermöglicht, was eine völlig neue strategische Qualität bedeutet. (22)

Deutschland wurde als Standort gewählt, weil dort bereits die 41. Artilleriebrigade und das im November 2021 reaktivierte 56. Artilleriekommando der US-Armee (hat 1982 die Pershing II aufgestellt), stationiert sind, und weil es als NATO-Logistikdrehscheibe gilt. (23)

Das offizielle Argument ist Abschreckung: Die Systeme sollen Russland davon abhalten, NATO-Territorium anzugreifen. Am 2. August 2019 hatte Trump den INF-Vertrag (Nukleare Mittelstreckensysteme) gekündigt,

Die offizielle Begründung für das Ende des INF‑Vertrags am 2. August 2019 war „Vertragsverletzungen Russlands“ – der eigentliche Hintergrund war jedoch breiter: strategische Konkurrenz mit Russland und China (China hatte den Vertrag nicht unterzeichnet und konnte Mittelstreckensysteme bauen) und der Wunsch der USA nach mehr Rüstungsfreiheit. (24)

Die „Dark Eagle“ soll nun dem russischen Hyperschallprogramm etwas Gleichwertiges gegenüberstellen. Verteidigungsminister Pistorius hatte die Entscheidung ausdrücklich begrüßt. (25)

Hier setzt die von der deutschen Öffentlichkeit kaum geführte Debatte ein. Das Wissenschaft-&-Frieden-Institut formuliert das Kernproblem klar: Die Stationierung der Mittelstreckenraketen im Rahmen der „Multi-Domain Task Force“ (MDTF) in Deutschland „hat Auswirkungen auf das nukleare Gleichgewicht zwischen Russland und der NATO“. Auch wenn die Waffen aktuell konventionell bewaffnet sind: Ein erhebliches nukleares Eskalationsrisiko bleibt bestehen. Russland kann technisch nicht unterscheiden, ob eine aus Deutschland abgefeuerte Hyperschallrakete konventionell oder nuklear bestückt ist. (26)

Die Logik ist die gleiche wie in den 1980er Jahren, als die Pershing-II-Raketen in Deutschland stationiert wurden: Deutschland wird Erstschlagsziel, weil von deutschem Boden aus ein „Gegenschlag“ gegen russisches Territorium möglich ist. Das Magazin Cicero fasste dieses Dilemma bereits 2018 im Kontext des INF-Ausstiegs zusammen: „Ohne den INF-Vertrag wäre die Bundesrepublik aufgrund des in der NATO-Militärstrategie verankerten Ersteinsatzes von Nuklearwaffen bei einem Konflikt zwischen der NATO und Russland dem bedrohlichen Szenario einer auf Mitteleuropa begrenzten, nuklearen Kriegführung ausgesetzt.“ (27)

Generalleutnant a.D. Schelleis, Inspekteur der Streitkräftebasis 2020 und heute Bundesbeauftragter der Malteser für Krisenresilienz, Sicherheitspolitik und Zivil-Militärische Zusammenarbeit – ist eine der lautesten institutionellen Stimmen, die auf die zivile Schutzlücke Deutschlands hinweisen. (28)

Schelleis hat in zahlreichen Vorträgen und Statements den mangelhaften Zustand des deutschen Zivilschutzes beschrieben. Seine Aussagen über die zu erwartende Großschadenslage im Konfliktfall beziehen sich auf die Kombination aus militärischen Bedrohungen, hybrider Kriegsführung, Sabotage, Cyberangriffen und dem Versagen kritischer Infrastruktur.

Auf einer Skala von 1 bis 10 beziffert er Deutschlands Zivilschutzbereitschaft für den Konfliktfall auf „höchstens 4″. Bundesweit fehle es an klaren Koordinationsstrukturen: Zivilschutz sei in Deutschland Ländersache, chronisch unterfinanziert und ohne eigenes Sondervermögen. Die Malteser fordern dafür Milliarden.

„Der militärisch anspruchsvollste Fall“
Strategische Drehscheibe im Zentrum Europas. Abb. 1: Sicherheitspolitische Herausforderungen aus heutiger Sicht/Kdo SKB (21.12.2020) (Archiv Effenberger)

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Heute anscheinend vergessen: Großschadenslage Mai 1945 (Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=30887412)

Schelleis‘ Schlussfolgerungen sind vielleicht noch zu optimistisch. Der Autor würde nach seiner Erfahrung als Wirkungsberater von 1973/74 auf der Skala nicht einmal die 2 vergeben.

Bemerkenswert ist, dass Schelleis aus seiner Analyse nicht die Schlussfolgerung zieht, Deutschland solle sich dem Bündnis entziehen – er zieht genau die entgegengesetzte, aber strategisch logische Konsequenz: Europa müsse „strategisch autonom werden, seine Außen- und Sicherheitspolitik vergemeinschaften“, die Bundeswehr müsse massiv aufgestockt werden (auf 400.000 Aktive), und es brauche einen eigenen europäischen Nuklearschutzschirm. Die Bundeswehr decke im Operationsplan Deutschland ohnehin nur den militärischen Teil ab – der zivile Schutz ist eine eigenständige, ungelöste Aufgabe. (29)

Die Souveränitätsfrage: Wer entscheidet im Kriegsfall?

Dies ist die härteste Frage – und sie wird im deutschen Mainstream selten gestellt.

Gemäß Artikel 24 GG kann Deutschland Hoheitsrechte auf zwischenstaatliche Einrichtungen (wie die NATO) übertragen. Im NATO-Vertrag (Art. 5) ist der Bündnisfall an einen Angriff geknüpft; über den Einsatz eigener Kräfte entscheidet formal jeder Staat souverän. Im Ernstfall der Landes- und Bündnisverteidigung würde die Bundeswehr jedoch unter NATO-Kommando operieren – das Recht zur Kriegseröffnung und die Eskalationsleiter lägen faktisch weitgehend bei der US-Führung und dem NATO-Oberbefehlshaber (SACEUR), der traditionell ein US-General ist. Dark Eagle ist eine US-Waffe, die unter US-Kommando steht. Deutschland hat keinen Finger am Abzug und keine Kontrolle darüber, ob und gegen welche Ziele sie eingesetzt wird. Der Stationierungsvertrag (Truppenstatut, SOFA) gibt Deutschland keine Mitsprache über den Einsatz. Gleichzeitig macht die geographische Lage Deutschland automatisch zum Ziel einer Gegenmaßnahme Russlands in einem Erstschlagszenario – und damit zum Hauptschlachtfeld. (30)

Das Prinzip der „Drehscheibe Deutschland“

Deutschland definiert sich in der aktuellen NATO-Strategie explizit als „strategische Drehscheibe“ für Truppenverlegungen nach Osten. Das Bundeswehr-Zentrum Innere Führung spricht von Dual Use“ – zivile Infrastruktur und Militärinfrastruktur sind in dieser Konzeption untrennbar verbunden. Das bedeutet im Umkehrschluss: Autobahnen, Brücken, Häfen, Bahnhöfe und Flughäfen werden zu militärisch relevanten Zielen – für beide Seiten. (31)

Dieses Konzept ist nicht neu; es entspricht der NATO-Strategie seit den 1950er Jahren. Neu ist die Kombination aus dem Wegfall des INF-Vertrags, der Stationierung von Langstreckensystemen, die die Vorwarnzeit gegen russische Hochwertziele nahezu auf null reduzieren, und der gleichzeitigen Einbettung eines US-Offiziers in die operative Planungsebene des deutschen Heeres.

Die Frage nach dem Ende des Krieges

Eine der gravierendsten Fragen, die im Bericht über den US-Oberst ausgeblendet blieb, ist: Wer bestimmt, wann und wie ein Krieg endet?

Im zweiten Weltkrieg wurde über das Schicksal Deutschlands in Potsdam und Jalta entschieden – ohne deutsche Beteiligung. Im heutigen institutionellen Rahmen wäre das zwar formal anders: Der Deutsche Bundestag muss einem bewaffneten Einsatz der Bundeswehr zustimmen (Parlamentsvorbehalt). Doch bei einem schnellen, eskalativen Konflikt mit hypersonischen Waffen – deren Flugzeiten im Minutenbereich liegen – ist parlamentarische Deliberation physisch unmöglich. Die operative Steuerung läge bei den NATO-Kommandobehörden und beim US-Präsidenten.

Der Politikwissenschaftler und Sicherheitsexperte Rudolf Dreßler hat dieses Dilemma auf den Punkt gebracht: Über einen Krieg, der auf deutschem Boden stattfindet, würden Entscheidungen von Menschen getroffen, die tausende Kilometer entfernt leben – die eigene Gesellschaft trüge die Lasten, ohne die Entscheidungen zu treffen.

Zivilschutz: Der blinde Fleck

Vor diesem Hintergrund ist die von Schelleis beschriebene Zivilschutzlücke nicht nur ein administratives Problem, sondern ein kategorisches Versagen staatlicher Fürsorgepflicht. Deutschland plant zwar pilotweise „Notstädte“ für je 5.000 Menschen – aber die Relation zur Bevölkerungsgröße und zu den potenziellen Schadenlagen macht deutlich, wie weit dieser Planungsstand von der Realität eines modernen Krieges auf deutschem Boden entfernt ist. (32)

Schelleis schätzt, dass nur etwa 25 Prozent der Deutschen aktive Eigenvorsorge betreiben – obwohl 75 Prozent wissen, dass sie nötig wäre. Eine Gesellschaft, die im Ernstfall weder konzentriert warnen, evakuieren, versorgen noch schützen kann, ist kein Ausnahmefall – sondern der gegenwärtige deutsche Normalzustand. (33)

Einordnung: Was die Kombination bedeutet

Die Gleichzeitigkeit von drei Entwicklungen ist das eigentlich Brisante:

Entwicklung Bedeutung für Deutschland
US-Oberst als stellv. Leiter der Operationsabteilung im Kommando Heer (ab 10/2026) US-Militär tief in deutsche Heeresplanung eingebettet; kein rein nationales Kommando mehr (34)
Stationierung von Dark Eagle (ab 2026) Deutschland wird strategisches Erstschlagsziel
Mangelhafter Zivilschutz
(Schelleis: „höchstens 4 von 10″)
(Effenberger: „höchsten 2 von 10)
Gesellschaft unvorbereitet auf die humanitären Folgen eines Angriffs

Die Logik der Abschreckung setzt voraus, dass Russland rational kalkuliert und vor einem Erstschlag zurückschreckt. Die Logik der Eskalation zeigt, dass verkürzte Vorwarnzeiten durch Hyperschallraketen und tiefe operative Verflechtung die Entscheidungskorridore im Krisenfall dramatisch verengen – auf beiden Seiten.

Es ist möglich, die tiefe US-Integration in die Bundeswehr – sowohl auf personeller Ebene (US-Oberst im Kommando Heer) als auch auf Systemebene (Dark Eagle) – gleichzeitig als Ausdruck eines funktionierenden Bündnisses und als Ausdruck eines asymmetrischen Machtverhältnisses zu beschreiben, das Deutschland in einem Konflikt zur Schlachtbank führen könnte, ohne über Beginn, Verlauf oder Ende des Krieges mitzuentscheiden.

Diese Frage zu stellen, hat nichts mit Pazifismus oder russischem Narrativ zu tun. Sie ist die Kernfrage demokratischer Sicherheitspolitik: Welches Risiko trägt eine Gesellschaft, die von einer Atommacht als Ziel und Drehscheibe definiert wird, und in welchem Verhältnis steht dieses Risiko zu ihrer eigenen Entscheidungsmacht? General Schelleis hat auf die Schutzlücke hingewiesen – aber die politische Debatte darüber, warum diese Lücke besteht und was die Stationierung neuer Erstschlagwaffen in diesem Zusammenhang bedeutet, findet in Deutschland kaum statt.

1983 standen für die Vorneverteidigung Streitkräfte von sechs befreundeten Nationen „Schulter an Schulter mit Verbänden der Bundeswehr, um unmittelbar an der Trennungslinie zwischen West und Ost, im Schwerpunkt der Bedrohung Westeuropas, verzugslos die Verteidigung aufnehmen zu können.“ (35)

2011 schrieb Wolfgang Effenberger in seinem Buch „Das amerikanische Jahrhundert, Teil 1 Die verborgenen Seiten des Kalten Krieges: „Der Einsatz an der Frontlinie im NATO-Mittelabschnitt glich der Anordnung einer Perlenkette oder Schichttorte. Nördlich von Hamburg standen die Landstreitkräfte Jütland, bestehend aus dänischen und deutschen Kräften, im Süden von Hamburg schlossen sich an: das  1. (NL) Korps, das 1. (GE) Korps, das 1. (BR) Korps, das 1. (BE) Korps, das III. (GE) Korps, das V. (US) Korps,  das VII. (US) Korps und daran schließlich das II. (GE) Korps. Die Korpsgrenzen – mit einer Ausnahme – waren auch Sprachgrenzen, was eine Kommunikation im Gefecht erheblich erschwert hätte. Im Sinne einer effektiveren Führung wäre auch eine andere Einteilung möglich und sinnvoll gewesen. Oder hatte man den Deutschen nicht vertraut? Zwang das warnende Beispiel der Konvention von Tauroggen (36) oder vielleicht Rapallo zu dieser Form von Einbindung?“ (37)

Archiv Effenberger

Die in der deutschen Sicherheitspolitik am meisten verdrängten Frage hätte lauten müssen: „War die „Schichttorte“ des Kalten Krieges primär operative Notwendigkeit – oder Kontrollinstrument? Die Antwort lautet: beides, und das eine war nicht von dem anderen zu trennen.

Die „Schichttorte“ – operativ oder politisch?

Die Gliederung entlang NORTHAG (Hamburg bis Hessen) und CENTAG (Hessen bis Alpen) war tatsächlich so aufgebaut, dass die drei deutschen Korps durch Sprachgrenzen voneinander getrennt waren – was im Gefecht tatsächlich ein gravierendes Führungsproblem dargestellt hätte. Die multinationalen NATO-Kommandobehörden (CENTAG, NORTHAG, AFCENT) konnten übrigens nicht frei über die in der Vorneverteidigung eingesetzten Korps verfügen – die Korps blieben national geführt. Das heißt: Im Ernstfall wäre die Führungskette auf Korpsebene zerrissen gewesen.

Die Wissenschaft-und-Frieden-Datenbank belegt, dass nach den Pariser Verträgen von 1954 die NATO-Strukturen bewusst so gestaltet wurden, dass operative Konzepte und Einsatzplanungen der angloamerikanischen Verfügungsgewalt vorbehalten blieben – explizit mit dem Vermerk „for American eyes only“. Die Einbindung der Bundeswehr sollte „gesicherte Kontrolle und erwünschte Kalkulierbarkeit deutscher Militärverbände“ gewährleisten. Das ist diplomatisch formuliert, meint aber genau die Angst vor einem deutschen Ausbrechen aus einem von UK/USA geführten Krieg. (38)

Tauroggen und Rapallo – die realen Alpträume im Hintergrund

Tauroggen und Rapallo sind die beiden historischen Präzedenzfälle, die in westlichen Hauptstädten tatsächlich als Negativfolie fungierten:

  • Tauroggen (1812): Ein preußischer General handelt eigenmächtig mit dem Feind – und löst damit eine historische Kettenreaktion aus. Die Konvention demonstriert, dass deutsche Militärs zu eigenständigem strategischem Handeln jenseits der Bündnistreue fähig und willens sind.
  • Rapallo (1922): Das geschlagene Deutschland und das isolierte Sowjetrussland normalisieren ihre Beziehungen über den Kopf der Westmächte hinweg. Der Alptraum eines deutsch-russischen Sonderwegs, der bis heute die NATO-Psychologie prägt.

In diesem Licht war die Schichttorte nicht nur operative Logik, sondern strukturelle Entmündigung. Ein deutsches Korps, das allseitig von alliierten Korps flankiert ist, kann sich nicht aus dem Bündnis lösen, ohne den gesamten Verteidigungsabschnitt zu kompromittieren. Das Prinzip der Vorneverteidigung unmittelbar an der Ostgrenze bedeutete zusätzlich: Die Bundeswehr kämpft auf eigenem Territorium als erste und verliert sofort alles, was sie verlässt. (39)

Das Grundprinzip der strukturellen Einbindung als Kontrollinstrument ist heute subtiler, aber erkennbar dasselbe. Damals: Korps an Korps, Sprachgrenze als Trennlinie, operative Planung „for American eyes only“. Heute: US-Oberst in der Operationsabteilung des Kommandos Heer, Dark Eagle unter US-Kommando auf deutschem Boden, SACEUR weiterhin traditionell ein US-General. (40)

Der Unterschied: Im Kalten Krieg war Deutschland geteilt und besetzt – die Einbindung war eine Folge des verlorenen Krieges. Heute ist Deutschland formal souverän und wählt diese Einbindung – oder lässt sie geschehen. Die unbequemste Frage: Ist aus der aufgezwungenen Einbindung von 1955 eine internalisierte Einbindung von 2026 geworden – und hat Deutschland dabei vergessen, den Unterschied zu bemerken?

Was für Deutschland zu erwarten ist – eine nüchterne Diagnose

Lord Ismay formulierte das NATO-Gründungsprinzip 1949 auf drei Achsen: „To keep the Russians out, the Americans in, and the Germans down.“ Das ist kein Bonmot. Es ist ein Programm. US-Dokumente aus den Jahren 1965/66, die erst vor wenigen Jahren freigegeben wurden, bestätigen, dass die Allianz tatsächlich bezweckte, „Westdeutschlands Stärke und Vorherrschaft auf dem Kontinent einzudämmen“ – also nicht nur Russland abzuschrecken, sondern Deutschland strukturell zu begrenzen. (41)

Bemerkenswert ist: Alle drei Achsen des Ismay-Prinzips sind heute noch wirksam. Russland ist der Gegner. Die Amerikaner sind mit 35.000–40.000 Soldaten und nun auch Dark Eagle in Deutschland präsent. Und Deutschland trägt die Hauptlast auf dem Kontinent – wirtschaftlich, logistisch, geographisch – ohne über die Entscheidungslogik zu bestimmen. Die Formel wurde nicht überwunden. Sie wurde modernisiert. (42)

Das historische Muster der deutschen Bündnistreue

Die Parallele ist historisch valide und ernst zu nehmen. Im Ersten Weltkrieg war Deutschland im Bündnis mit Österreich-Ungarn und dem Osmanischen Reich – Bündnispartner, die Deutschland in einen Mehrfrontenkrieg zogen, den es strukturell nicht gewinnen konnte. Im Zweiten Weltkrieg war es ein Bündnis mit Italien und Japan.

In beiden Fällen führten Bündnisse Deutschland in den Krieg. Am Ende deutsches Territorium jeweils primäre Schadensfläche. Die Entscheidungen fielen woanders, die Trümmer lagen hier.

Die NATO-Einbindung der Bundesrepublik war ausdrücklich als Gegenmodell dazu konstruiert: nicht Aggression, sondern Einbindung; nicht Eigeninitiative, sondern kollektive Disziplin. Das Problem ist, dass diese Konstruktion das Leidenspotenzial nicht aufhebt – sie verschiebt nur den Modus. Deutschland bleibt Schauplatz. (43)

Wenn man die gegenwärtige Entwicklung nüchtern fortschreibt, ergibt sich folgendes Bild:

  • Erstens: Deutschland wird als militärische Drehscheibe weiter ausgebaut, nicht zurückgebaut. „Drehscheibe Deutschland“ ist offizieller NATO-Begriff – und Drehscheiben sind im Krieg vorrangige Ziele. (44)
  • Zweitens: Die Stationierung von Dark Eagle und Tomahawk macht Deutschland zum Trägersystem eines strategischen Erstschlags gegen russisches Territorium. Die Gegenlogik – Russland schlägt auf das zurück, von dem aus geschossen wurde – ist keine Vermutung, sondern Doktrin. (45)
  • Drittens: Die demokratische Kontrolle über den Einsatz dieser Waffen liegt außerhalb Deutschlands. Im Eskalationsfall entscheidet Washington. (46)
  • Viertens: Der Zivilschutz ist, laut Schelleis, auf einem Niveau von „höchstens vier von zehn“. Die Gesellschaft ist auf eine Großschadenslage nicht vorbereitet. (47)
  • Fünftens: Die politische Klasse in Deutschland diskutiert Rüstungsausgaben, Bündnisverpflichtungen und Zeitenwende – aber nicht die Grundfrage, was all das für die Zivilbevölkerung in einem realen Konflikt auf deutschem Boden bedeutet.
Die härteste Schlussfolgerung

Der Unterschied zwischen dem Kalten Krieg und heute: Im Kalten Krieg gab es den INF-Vertrag, der Mittelstreckenraketen verbot. Er ist seit 2019 Geschichte. Im Kalten Krieg gab es eine breite gesellschaftliche Debatte über die Stationierung von Pershing II. Heute gibt es für diese Frage keine öffentliche Aufmerksamkeit mehr. Im Kalten Krieg stand hinter der deutschen Einbindung die Logik der Kriegsvermeidung durch atomares Patt. Heute ist der Konflikt in der Ukraine bereits real, die NATO-Ostflanke schon Krisengebiet, und die Eskalationslogik näher an der Schwelle als je seit 1962. (48)

Was für Deutschland zu erwarten ist, wenn diese Entwicklung nicht politisch gebrochen wird, ist kein Mysterium. Es ist in der Geometrie der Lage eingeschrieben: Ein Land, das die Waffensysteme einer Supermacht trägt, die gegen eine andere Supermacht gerichtet sind, wird im Ernstfall zum bevorzugten Gegenschlagsziel. Wer das Ismay-Prinzip ernst nimmt – und es durch die US-Dokumente als real belegtes Programm und nicht nur als Bonmot versteht – kommt zu einem unbequemen Befund: Deutschland wurde gegründet, eingebunden, aufgerüstet und positioniert, damit andere Kriege gewinnen können. Nicht damit Deutschland überlebt. (49)

Das ist keine Gewissheit. Es ist eine strukturelle Wahrscheinlichkeit. Und die Differenz zwischen Wahrscheinlichkeit und Gewissheit ist kein Trost – sie ist politische Handlungsfrist. Diese Frist wird nicht genutzt.

Wolfgang Effenberger, Jahrgang 1946, erhielt als Pionierhauptmann bei der Bundeswehr tiefere Einblicke in das von den USA vorbereitete „atomare Gefechtsfeld“ in Europa. Nach zwölfjähriger Dienstzeit studierte er in München Politikwissenschaft sowie Höheres Lehramt (Bauwesen/Mathematik) und unterrichtete bis 2000 an der Fachschule für Bautechnik. Seitdem publiziert er zur jüngeren deutschen Geschichte und zur US-Geopolitik. Zuletzt erschienen vom ihm „Schwarzbuch EU & NATO“ (2020) sowie „Die unterschätzte Macht“ (2022)

Anmerkungen und Quellen

1) https://www.ad-hoc-news.de/ausland/deutschland-will-die-us-armee-eng-in-seine-militaerischen/69260124

2) https://www.bundeswehr.de/de/organisation/heer/struktur/kommando-heer

3) https://www.bundeswehr.de/de/organisation/heer/struktur/kommando-heer

4) https://regionalheute.de/us-oberst-wird-stellvertretender-abteilungsleiter-im-kommando-heer-1777475462/

5) https://caliber.az/en/post/media-us-embeds-colonel-in-german-army-command-as-berlin-washington-ties-deteriorate

6) https://fakti.bg/en/world/1051377-berlin-strengthens-military-ties-with-us-despite-merz-trump-tensions

7) https://www.berliner-zeitung.de/news/bundeswehr-us-oberst-uebernimmt-zentrale-rolle-im-deutschen-heereskommando-li.10033590

8) https://www.deutschland.de/de/topic/politik/bundeswehr-internationale-kooperation-im-fokus

9) https://www.friedenskooperative.de/friedensforum/artikel/bundeswehr-der-zeitenwende

10) https://soldat-und-technik.de/2022/10/streitkraefte/33022/multi-domain-operations-einsatzdoktrin/

11) https://www.bundeswehr.de/resource/blob/5920008/5eb62255741addec3f38d49a443d0282/booklet-operationsplan-deutschland-data.pdf

12) https://oplan.de/was-ist-der-oplan-deu/

13) https://www.focus.de/politik/ausland/hoher-us-offizier-uebernimmt-schluesselposition-in-bundeswehr_66ec5ab5-1b44-44ba-8688-0a8fa4ce6642.html

14) https://www.berliner-zeitung.de/article/bundeswehr-us-oberst-uebernimmt-zentrale-rolle-im-deutschen-heereskommando-10033590

15)1961 änderte der deutsche General Heusinger den von den USA eingeführten Begriff „Vorwärtsstrategie“ in Vorwärtsverteidigung – dann in den Medien häufig als Vorneverteidigung benutzt.

16) https://oplan.de/literatur/

17) https://www.bmvg.de/de/presse/strukturaenderung-bundeswehr-umgesetzt-5927744

18) https://www.spiegel.de/ausland/donald-trump-vs-friedrich-merz-im-iran-krieg-usa-erwaegen-truppenstaerke-in-deutschland-zu-reduzieren-a-a9816949-c248-49e9-93fb-cca6387480f2

19) https://www.fr.de/politik/trump-sagt-die-usa-koennten-truppen-in-deutschland-reduzieren-angesichts-von-spannungen-mit-merz-zr-94285717.html

20) https://smallwarsjournal.com/2026/04/29/command-level-integration-between-u-s-and-german-militaries/

21) https://caliber.az/en/post/media-us-embeds-colonel-in-german-army-command-as-berlin-washington-ties-deteriorate

22) https://augengeradeaus.net/2025/12/neues-vom-dark-eagle-3-500-km-reichweite-fliegt-von-london-bis-moskau/

23) https://defence-network.com/dark-eagle-us-hyperschallwaffe-deutschland/

24) https://www.bmvg.de/de/aktuelles/erklaert-der-inf-vertrag-30250

25) https://www.hartpunkt.de/tomahawk-sm-6-und-neue-hyperschallwaffe-dark-eagle-kommen-nach-deutschland/

26) https://wissenschaft-und-frieden.de/artikel/stationierung-ab-2026/

27) https://www.cicero.de/aussenpolitik/inf-vertrag-russland-usa-nuklearwaffen-mittelstreckenraketen-ersteinsatz

28) https://www.ukrinform.de/rubric-ato/4068066-martin-schelleis-generalleutnant-a-d-bundesbeauftragter-fur-krisenresilienz-bei-den-maltesern.html

29) https://www.reservistenverband.de/magazin-die-reserve/vortrag-schelleis-gsp-krisenvorsorge/

30) https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/regelbasierte-internationale-ordnung/voelkerrecht-internationales-recht/truppenstationierungsrecht-217066

31) https://www.bundeswehr.de/de/organisation/zentrum-innere-fuehrung/if-3-25-drehscheibe-deutschland-5960654

32) https://www.bild.de/politik/inland/zivilschutz-im-kriegsfall-bund-plant-notstaedte-fuer-je-5000-menschen-66f66524ee5af53f9b204700

33) https://www.reservistenverband.de/magazin-die-reserve/gsp-schelleis-vortrag-zur-ganzheitlichen-krisenvorsorge/

34) https://www.ad-hoc-news.de/ausland/deutschland-will-die-us-armee-eng-in-seine-militaerischen/69260124

35) Weißbuch 1983, S. 145f.

36) Durch die Konvention von Tauroggen am 30.12.1812 trat General Ludwig York von Wartenburg mit dem preußischen Kontingent von Napoleon zu den Russen über und löste dadurch die Befreiungskriege aus. Am 16. 4. 1922 wurde in Rapallo der deutsch-russische Vertrag über die Wiederaufnahme der Beziehungen abgeschlossen.

37) Wolfgang Effenberger: Das amerikanische Jahrhundert, Teil1 Die verborgenen Seiten des Kalten Krieges, Hamburg 2011, S. 85

38) https://wissenschaft-und-frieden.de/dossier/die-macht-und-militaerpolitik-der-bundesrepublik/

39) https://zms.bundeswehr.de/de/mediathek/aktuelle-karte-schichttorte-vorneverteidigung-kalter-krieg-5533640

40) https://www.ad-hoc-news.de/ausland/deutschland-will-die-us-armee-eng-in-seine-militaerischen/69260124

41) https://www.goodreads.com/quotes/1293757-the-purpose-of-the-nato-alliance-is-to-keep-the

42) https://www.clubofthree.org/at-75-nato-must-have-its-own-zeitenwende/

43) https://www.kas.de/de/web/geschichtsbewusst/essay/-/content/geschichte-nato-mehr-als-ein-reines-militaerbuendnis

44) https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/bundeswehr-2024/556396/drehscheibe-deutschland/

45) https://www.swp-berlin.org/publications/products/aktuell/2024A36_US-Mittelstreckenwaffen_Deutschland.pdf

46) https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/regelbasierte-internationale-ordnung/voelkerrecht-internationales-recht/truppenstationierungsrecht-217066

47) https://www.bild.de/politik/inland/zivilschutz-im-kriegsfall-bund-plant-notstaedte-fuer-je-5000-menschen-66f66524ee5af53f9b204700

48) https://www.bmvg.de/de/aktuelles/erklaert-der-inf-vertrag-30250

49) https://www.reservistenverband.de/magazin-loyal/die-nato-am-scheide

 


Bild oben: KI-generierten Bild vom Autor, erstellt mit DALL·E (OpenAI), 2026.