Boykottinitiative als „falsch“ beurteilt – die Selbstentlarvung der „Faktenchecker“ erreicht ein neues Level
von Sebastian Bahlo
Regelmäßig beschäftigen wir uns im Deutschen Freidenker-Verband mit dem Phänomen, daß Organisationen, die sich vorgeblich dem „Faktenchecken“ – einer an sich besonders im Social-Media-Zeitalter wichtigen Aufgabe – verschrieben haben, ihren Daseinszweck weniger darin zu sehen scheinen, die Mediennutzer zuverlässig auf elementar falsche oder nicht belegbare Tatsachenbehauptungen aufmerksam zu machen, sondern sich die Autorität anmaßen, Meinungen und Bewertungen verbindlich als „richtig“ oder „falsch“ zu beurteilen und damit keineswegs unabhängig, sondern extrem parteiisch agieren.
Ein frappierendes, geradezu kurioses Beispiel für solche Anmaßung liefert am 9. März das Factchecking-Portal „Mimikama“. Autorin Hilde Ollig, die laut Beschreibung auf der Mimikama-Homepage „die Nadel im Heuhaufen“ findet – oder sollte es eher das Haar in der Suppe heißen? – widmet ihren Faktencheck einem aktuellen Social-Media-Kettenbrief, den auch der Autor am 7. März per Telegram-Messenger erhalten hat:
„Vom 10.03.26 bis 10.04.26 werden bundesweit alle Tankstellen des Mineralölkonzern Shell boykottiert. Das bedeutet: niemand in Deutschland tankt in dieser Zeit bei Shell. Wenn Shell dann die Spritpreise senkt ist der nächste Konzern dran. Verbraucher nützt Eure Macht! Die Kanadier haben uns das schon mit Erfolg vorgemacht! Bitte leite diese Nachricht an 10 deiner Kontake weiter.“ (Schreibung und Zeichensetzung im Original.)
Hintergrund ist natürlich der sprunghafte Anstieg des Ölpreises in direkter kausaler Folge der israelisch-US-amerikanischen Aggression gegen den Iran mit der vorhersehbaren Sperrung der Straße von Hormus durch das angegriffene Land. Die sozialen Medien zur schnellen Verbreitung einer Boykottstrategie zwecks Senkung der Kraftstoffpreise an den Tankstellen zu nutzen, ist eine naheliegende und legitime Idee. Daß der ursprüngliche Initiator unbekannt ist, ist weder wichtig noch irgendwie verdächtig oder unmoralisch; der Erfolg einer solchen Kampagne hängt von der Masse der ebenfalls anonymen Individuen ab, die den Aufruf verbreiten und ihm Folge leisten, unabhängig davon, wer den Einfall, der gewiß nicht allzu originell ist, zuerst hatte.
Man sollte meinen, daß ein derartiger Social-Media-Vorgang, wenigstens in inhaltlicher Hinsicht, überhaupt keinen Gegenstand für einen Faktencheck bilden kann, da keine Aussage, sondern eine Aufforderung geäußert wird, deren Wahrwerdung vom Verhalten der Empfänger abhängt, die Kategorie richtig-falsch somit nicht anwendbar ist. Doch Hilde Ollig rückt der Logik mit Gewalt zu Leibe, wie wir hier auszugsweise dokumentieren wollen:
„Die Behauptung
Eine Nachricht in sozialen Netzwerken und Messenger-Diensten behauptet:
Vom 10.03.2026 bis 10.04.2026 sollen alle Shell-Tankstellen in Deutschland boykottiert werden. Wenn niemand dort tankt, müsse Shell die Preise senken. Als Beleg wird angeführt, dass eine ähnliche Aktion in Kanada bereits erfolgreich gewesen sei. Zugleich fordert die Nachricht dazu auf, sie an zehn Kontakte weiterzuleiten.
Aufgestellt von: Unbekannt“
„Faktencheck: Falsch
Für eine bundesweite Boykottaktion gegen Shell gibt es keine belastbaren Hinweise oder bestätigten Organisatoren. Die Nachricht entspricht dem typischen Muster eines Kettenbriefs.“
„(…) Belege für eine tatsächlich geplante oder koordinierte Aktion gibt es nicht.“
Der letzte Satz macht deutlich, daß die Faktencheckerin das Prinzip einer solchen Social-Media-Kampagne, wo die Verbreitung eben Vorbedingung für das Gelingen der Boykottaktion ist, was kein Geheimnis, sondern allen Beteiligten sonnenklar ist, entweder nicht begreift, oder, was wahrscheinlicher ist, ihre Leser darüber zu täuschen beabsichtigt. Es ist, wie wenn ein Aufruf zu einer Demonstration lauten würde: „Kommt alle, damit wir eine Million werden!“, und ein Faktenchecker würde mangelnde „Belege“ monieren dafür, daß tatsächlich eine Million Teilnehmer zu erwarten seien, was den Aufruf nach seinem Urteil dann „falsch“ machen würde.
Noch wunderlicher mutet aber Hilde Olligs Feststellung an:
„Seriöse Boykottaktionen werden normalerweise von Organisationen, Initiativen oder Verbänden angekündigt. Dazu gehören etwa Pressemitteilungen, Kampagnen-Webseiten oder öffentliche Ansprechpartner. Für den angeblichen Shell-Boykott zwischen dem 10. März und 10. April 2026 fehlen solche Hinweise vollständig. In der kursierenden Nachricht wird keine Organisation genannt, die den Boykott koordiniert oder öffentlich dazu aufruft.
Damit fehlt eine zentrale Voraussetzung für eine reale bundesweite Aktion.“
Nicht nur, daß die Faktencheckerin einen Aufruf als richtig oder falsch bewerten zu können glaubt, sie erklärt auch Protestaktionen, die nicht „von Organisationen, Initiativen oder Verbänden angekündigt“ werden, für nicht real.
Nun gut, vermutlich hat sie das Prinzip, das die Existenzgrundlage ihres Arbeitgebers bildet, daß nämlich Organisationen benutzt werden, um das Massenbewußtsein zu formieren, so vollkommen verinnerlicht, daß es ihr schlicht unbegreiflich wäre, wenn ohne die Leitung einer Organisation eine Idee massenhaften Zuspruch fände. Nur erklärt das nicht, wieso sie überhaupt die Mühe eines Faktenchecks auf sich nimmt, um die ihrer Meinung nach nicht reale Sache zu „widerlegen“. Und hierfür ist nur ein einziger Grund auszumachen: Sie will den Erfolg der Aktion verhindern, also gerade verhindern, daß die Aktion das wird, wofür sie scheinheilig „Belege“ vermißt: real und wirksam.
So ungeschickt hat selten ein Faktenchecker verraten, was seine eigentliche Mission ist: die Herrschenden vor dem Volk zu schützen, koste es, was es wolle, selbst elementare Logik. Man ist geneigt, Mimikama ein sauberes Eigentor in Form des „Streisand-Effekts“ zu wünschen, wie man es im Social-Media-Jargon nennt, wenn der Versuch der Unterdrückung einer Information gerade ihre Verbreitung befeuert.
Sebastian Bahlo ist Vorsitzender des Deutschen Freidenker-Verbandes
Quelle:
https://www.mimikama.org/shell-boykott-2026-kettenbrief-ohne-reale-aktion/
Bild oben: Historische Shell-Zapfsäule
Quelle: pixabay.com / Inhaltslizenz
