AktuellesDemokratie – Medien – Aufklärung

Heimat: Diskutiert, aber nicht betreten

Ein Abend im Koblenzer Theaterzelt wollte über „Heimat“ sprechen – und zeigte, wie sehr der Begriff politisch gerahmt und existenziell unterbelichtet bleibt. Die Schriftstellervereinigung „PEN Berlin“ suchte die offene Debatte und offenbarte dabei die Grenzen seines eigenen Rahmens. Was als Gespräch über Zugehörigkeit begann, endete in politischer Vermessung.

Ein Meinungsbeitrag von Sabiene Jahn

Erstveröffentlichung am 09.03.2026 auf globalbridge.ch

Der Beitrag kann auch bei YouTube angehört werden: https://youtu.be/WXw-5lZVxHI

Grafik zur Veranstaltungsreihe vom PEN Berlin

 

Es begann harmlos, beinahe heiter. Ein Fragespiel zum Aufwärmen. „Für wen ist Koblenz Heimat?“ Hände gingen hoch. „Wer ist Rheinländer? Wer ist Europäer? Wer sagt Kartoffeln? Wer sagt Grummbeere?“ Lachen. Dann die Fragen, die sich enger zogen wie ein Netz: „Wer findet die AfD gefährlich für die Demokratie? Wer findet, Deutschland muss die Zuwanderung stärker regulieren?“ Spätestens an dieser Stelle wurde deutlich, dass dieser Abend nicht nur ein literarischer Diskurs sein würde.

Das Theaterzelt war nahezu gefüllt. Von rund dreihundert Plätzen blieben vielleicht fünfzehn leer. Die Sitzordnung erinnerte an eine Offene Bühne, ein Gerüst aus Stuhlreihen, gute Sicht für alle. Die Luft war angenehm. Der Eintritt war frei – lediglich eine symbolische „Schutzgebühr“ von fünf Euro für Platzkarten, wie es in der Ankündigung hieß. Eine Veranstaltung im Schutz staatlicher Förderung – und zugleich im Anspruch auf offenen Diskurs.

Die politische Temperaturmessung – zunächst im medialen Sinne. Die große Mehrheit verortete sich im öffentlich-rechtlichen Referenzrahmen. Das „heute journal“ fungierte als gemeinsamer Informationsanker, wie die Fragerunde herausarbeitete. Der Abend begann für die meisten im Publikum also in einem vertrauten Deutungsraum. Interessant wurde es bei einer scheinbar beiläufigen Nachfrage: „Wer schaut News? News? News oder Nius?“ Ein leichtes Nuscheln im Raum. War es ein ironischer Einschub? Eine Provokation? Oder tatsächlich eine Unschärfe in der Aussprache? Gemeint sein konnte das neue digitale Nachrichtenformat „Nius“, das auf YouTube täglich sendet und im Hintergrund vom Koblenzer Softwareunternehmer Frank Gotthardt finanziert wird. Doch im Saal meldeten sich erstaunlich viele Hände. Offenbar verstanden etliche „News“ im allgemeinen Sinne – nicht „Nius“ als konkrete Plattform. Sollte es tatsächlich „Nius“ gewesen sein, hätte die Zahl der Meldungen ein anderes Bild gezeichnet. Nämlich den raschen Erfolg eines neuen digitalen Formats jenseits klassischer Sender. So aber blieb unklar, ob hier ein Medienwandel sichtbar wurde oder lediglich ein semantisches Missverständnis.

Die kurze Fragerunde ordnete also etwas das Bild, für wen lasse ich dahingestellt, sie wurde vom Veranstalter leider nicht im Videomitschnitt erwähnt, was ich im Nachhinein sehr bedauere. Was sie allerdings verdeutlichte war eine weniger eruptive Gegenöffentlichkeit, eher eine weitgehend kohärente, westdeutsch geprägte Konsenszone mit kleinen Abweichungen.

Die Veranstaltungsreihe des PEN stand unter dem Titel „Ist das noch (oder) schon mein Land?“ Der PEN, ein internationaler Schriftstellerverband (von „Poets, Essayists, Novelists“), versteht sich traditionell als Anwalt der Meinungsfreiheit und als Forum für gesellschaftliche Debatten. Eine offene Frage, die ein offenes Gespräch verlangt hätte. Doch was folgte, war weniger ein Diskurs als eine thematische Drift. Moderiert wurde der Abend von der in Koblenz geborenen Katja Gloger, selbst Autorin und Journalistin, die die Gäste vorstellte. Michael Roth, SPD-Politiker, und Harald Martenstein, Publizist. Schon in der Setzung lag eine Spannung – vor allem weltanschaulich. Dass das Thema „Heimat“ derzeit Konjunktur hat, ist kein Zufall. Es fällt in eine Phase politischer Polarisierung, wachsender Migration, wirtschaftlicher Belastungen und internationaler Konflikte. Parteien reagieren darauf unterschiedlich – manche mit kultureller Selbstvergewisserung, andere mit moralischer Abgrenzung. Der Abend wirkte streckenweise wie eine Reaktion auf diese parteipolitische Aufladung des Begriffs. Heimat erscheint inzwischen verdächtig – oder verteidigenswert. In dieser Spannung bewegt sich auch der PEN.

Roth bekannte gleich zu Beginn, „Es ist noch mein Land. Aber das Land tut mir ganz schön weh.“ Er sprach von Entfremdung, vom „kassierenden Antisemitismus“, vom Israelhass, der ihn bedrücke. Er sagte, „Wir haben diese beiden Versprechen gebrochen“ und meinte damit das Versprechen, mit besonderer Sympathie auf Israel zu blicken und jüdische Menschen in Deutschland Sicherheit zu garantieren. In diesem Augenblick verschob sich die Debatte von allgemeinen Zuschreibungen hin zu einer expliziten politischen Selbstkritik. Das verlieh dem Beitrag Gewicht – unabhängig davon, wie man seine Schlussfolgerungen bewertet. Martenstein wiederum erzählte von seiner eigenen Jugend, von der Scham über deutsche Geschichte, von seinem Aufenthalt in Israel. „Schuld ist etwas Individuelles“, sagte er, „nicht vererblich.“ Heimat, so seine Definition, sei kleiner als der Staat, denn „Deutschland ist mir zu groß für Heimat. Mainz, die Neustadt – das ist Heimat.“ Es waren präzise, sehr persönliche Sätze, die das Thema erdeten.

Doch schon bald verschob sich der Schwerpunkt. Die moralische Temperatur zeigte Konsistenz bei der entsprechenden Frage zur Unterstützung der Ukraine in Koblenz. Die AfD wurde überwiegend als Bedrohung markiert. Widerspruch war möglich – aber er blieb minoritär. Bemerkenswert war, dass diese Einschätzung zu Beginn des Abends bereits durch die einleitende Handabfrage gerahmt worden war. Rund drei Viertel der Anwesenden hatten signalisiert, die AfD für gefährlich für die Demokratie zu halten. Doch im weiteren Verlauf wurde kaum konkretisiert, worin genau die individuelle Gefährdung des eigenen Heimatgefühls bestehen soll. Die Diagnose stand im Raum und eine Begründung schien bereits besprochen zu sein. Damit war die politische Topografie des Abends früh sichtbar. Migration wurde zum dominierenden Referenzrahmen.

In diesem Zusammenhang setzte Michael Roth einen starken Akzent auf das Thema Antisemitismus. Für manche im Publikum wirkte dieser Fokus wie ein Brückenschlag, für andere wie eine Verschiebung des Themas. Statt das Heimatgefühl zunächst existenziell oder sozial zu verorten, wurde es eng an Fragen von Migration und islamistisch geprägtem Antisemitismus gekoppelt. Ob dies eine strategische Antwort auf migrationspolitische Versäumnisse der etablierten Altpartei darstellt oder ein Versuch, das Deutungsfeld gegenüber der AfD neu zu besetzen, blieb unausgesprochen.

Roth sprach von „Verdruss an der liberalen Demokratie“, von einem Vakuum, das die AfD gefüllt habe. Martenstein warnte davor, legitime Sicherheitsbedürfnisse zu delegitimieren und meinte, „Wenn Sie nicht bereit sind zuzugeben, dass wachsender Antisemitismus auch mit Zuwanderung aus extrem konservativen islamisch geprägten Gesellschaften zusammenhängt, dann sehen Sie die Realität nicht“. So unterschiedlich ihre Akzente waren, so ähnlich war die Rahmung. Heimat erschien bei beiden weniger als gelebte Erfahrung denn als politisches Spannungsfeld, das entlang von Migration und Antisemitismus vermessen wurde. Der Streit spielte sich innerhalb derselben Koordinaten ab. Was an diesem Abend ebenfalls nicht gefragt wurde, war die einfache, aber unbequeme Grundfrage, warum entstehen überhaupt Flüchtlingsbewegungen? Menschen verlassen ihre Heimat in der Regel nicht freiwillig. Kriege, politische Destabilisierung und ökonomische Verwerfungen sind Ursachen – und an vielen dieser Konflikte sind westliche Staaten mittelbar oder unmittelbar beteiligt. Wer über „unsere Heimat“ spricht, ohne über die verlorene Heimat anderer zu sprechen, verengt den Blick. Doch auch dieser Zusammenhang blieb ausgespart.

Es war ein Satz, der Applaus wie Widerspruch gleichermaßen provozierte. Und hier zeigte sich das Dilemma des Abends. Er bewegte sich ständig zwischen berechtigter Problemanalyse und pauschaler Zuspitzung. Zwischen Erfahrungsbericht und politischer Zuschreibung. Eine Lehrerin aus dem Publikum berichtete von muslimischen Schülern, die mit Begeisterung „Kein schöner Land“ gesungen hätten. Eine andere Frau, selbst Tochter von Vertriebenen, erzählte von fünf „Müttern“, die ihr nach 1945 Heimat geschenkt hätten. Ein Mann sprach von der „Erodierung humanistischer Werte“. Eine junge Frau mit Migrationsgeschichte sagte, „Deutschland ist meine Heimat gewesen bis zu dem Punkt, als es plötzlich hieß, Migranten sollen wieder gehen.“ Das waren die eigentlichen Momente von Substanz. Wenn Heimat als biografische Erfahrung sichtbar wurde. Wenn jemand sagte, „Heimat ist da, wo ich verstanden werde.“ Oder, „Heimat ist auch Schmerz.“ Dann blitzte auf, was dieser Begriff leisten kann – und was er verdeckt.

Was jedoch auffiel, war die mangelnde Moderation. Themen wurden angerissen, aber nicht vertieft. Roths Selbstkritik am linken Milieu, das antisemitische Tendenzen verharmlost habe, blieb ebenso im Raum stehen wie Martensteins Forderung nach fairem Umgang mit der AfD. Statt nachzufragen, statt Differenzen zu schärfen, glitt die Diskussion weiter. Der Abend wirkte wie ein Fluss ohne Ufer. Themen tauchten auf – Wehrpflicht, Energiepreise, Bildungsgerechtigkeit, Russland, Antisemitismus – und trieben weiter. Nichts wurde wirklich eingefasst. Vielleicht lag das eigentliche Problem tiefer. Es ging an diesem Abend weniger um „Heimat“ als um ihre politische Umrahmung. Der Begriff wurde nicht als offenes Erfahrungsfeld entfaltet, er wurde entlang vertrauter Konfliktachsen sortiert. Heimat erschien nicht als kultureller, sozialer oder existenzieller Raum, eher als Reaktionsbegriff – als Antwort auf Bedrohung, Überforderung oder moralische Krise.

Hinzu kam die Form des Abends selbst. Zwar war das Publikum ausdrücklich eingeladen, mitzudiskutieren. Doch jede Wortmeldung blieb kurz. Jeder sprach aus seinem eigenen Sichtfenster, ohne dass Argumente vertieft, hinterfragt oder aufeinander bezogen wurden. Es entstand kein eigentlicher Dialog, anstattdessen eine Abfolge von vielen Perspektiven. Man hörte einander, doch man stritt nicht im argumentativen Sinn. So entstand in großen Teilen der Eindruck einer kontrollierten Kontroverse. Eine wirkliche Zuspitzung, in der Argumente aufeinanderprallen und sich verändern, blieb aus. Demokratie wurde beschworen, doch sie wurde nur begrenzt praktiziert. Heimat wurde benannt, beschrieben und empfunden. Aber sie wurde nicht gemeinsam durchdrungen.

Der „rote Faden“, den mehrere Zuhörer vermissten, war tatsächlich schwer zu erkennen. Heimat wurde zur Projektionsfläche für nahezu alle gesellschaftlichen Konflikte. Doch gerade deshalb hätte es eine stärkere Struktur von der Bühne aus gebraucht. Eine Moderation, die klärt, sprechen wir über kulturelle Identität, über soziale Gerechtigkeit, über politische Loyalität oder über emotionale Verwurzelung? Stattdessen dominierte das Narrativ einer bedrohten Ordnung. Mehrfach fiel der Satz, man müsse die Demokratie „verteidigen“. Roth warnte vor dem Rückzug ins Private: „Wenn nur noch die Lauten, die Harten, die Aggressiven übrig bleiben, werden wir diese liberale Demokratie nicht verteidigen können.“ Martenstein ergänzte: „Fairness ist ein Selbstzweck.“ Auch gegenüber der AfD. Hier lag der produktive Konflikt, der hätte ausgeleuchtet werden können. Wie geht eine Gesellschaft mit Kräften um, die sie in Frage stellen? Wie viel Streit verträgt Heimat? Wie viel Dissens?

Erst im Nachhinein wurde verständlich, weshalb das Konzept des Abends nicht aufgehen konnte – und vielleicht auch gar nicht darauf angelegt war, völlig offen zu sein: Der „PEN Berlin“ – Vertreter Deniz Yüsel verteidigte an diesem Abend die Ausgewogenheit der Reihe und zählte Ministerien sowie Förderer auf. Genannt wurden der Kulturausschuss des Deutschen Bundestages, die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, das Ministerium für Familie, Frauen, Kultur und Integration des Landes Rheinland-Pfalz. Ein Staatssekretär war anwesend. Kurzum: Demokratie als gefördertes Projekt!

Projektförderung setzt konkrete Zieldefinitionen voraus. Förderanträge benennen Problemstellung, Zielgruppe und erwartete Wirkung. Ein Diskurs, der in diesem Rahmen stattfindet, beginnt nicht bei Null, dafür jedoch innerhalb eines gesetzten Wertehorizonts. Neutral sind sie deshalb nicht. Der Deutungsrahmen entsteht bereits im Antrag.

Hinzu kommt ein historischer Hintergrund, der für das Verständnis der aktuellen Ausrichtung nicht unerheblich ist. Im Mai 2022 eskalierte auf der Mitgliederversammlung der Schriftstellervereinigung „PEN-Zentrum Deutschland“ in Gotha ein folgenschwerer Richtungsstreit. Deniz Yücel, damals zwei Jahre Präsident des Verbandes, hatte öffentlich die Einrichtung einer militärisch durchzusetzenden „No-Fly-Zone über der Ukraine“ gefordert. 36 Mitglieder beantragten daraufhin seine Abwahl. Für Teile des Verbandes war eine solche militärpolitische Positionierung nicht mit dem traditionellen Selbstverständnis eines literarischen, dem Frieden verpflichteten PEN vereinbar. Yücel verteidigte seine Haltung mit dem Hinweis, er habe ja nicht zum Angriff auf Russland aufgerufen, nur auf einen bereits gebrochenen Frieden reagiert. Der Konflikt legte jedoch eine grundsätzlichere Frage offen. Soll ein Schriftstellerverband politisch-interventionistisch auftreten oder soll er sich primär als überparteilicher Schutzraum für die Freiheit des Wortes verstehen? Yücel trat schließlich zurück. Kurz darauf zerfiel das Präsidium. In der Folge gründete eine Gruppe von Mitgliedern – Medien berichteten von mehr als 200 – einen neuen Verein „PEN Berlin“. Das ursprüngliche „PEN-Zentrum Deutschland“ mit Sitz in Darmstadt besteht weiterhin fort und betont unter Präsident Matthias Politycki eine bewusst deeskalierende Debattenkultur. „PEN Berlin“ hingegen positionierte sich von Beginn an deutlich aktivistischer im gesellschaftspolitischen Raum. Diese Richtungsentscheidung von 2022 bildet den institutionellen Hintergrund der Gesprächsreihen.

Die zeitliche Platzierung des Formats ist dabei strukturell auffällig. Bereits 2024 wurde es im Vorfeld ostdeutscher Landtagswahlen eingesetzt, 2026 tourt es erneut in politisch sensiblen Phasen durch mehrere Bundesländer. Öffentlich wird dies als Beitrag zur Überwindung gesellschaftlicher Spaltung beschrieben. Förderrechtlich ist das Projekt jedoch klar (und nur allein) im Bundesprogramm „Demokratie leben!“ verortet, im Programmbereich Antisemitismus, unter dem Titel „Jüdische Heimat Deutschland, gestern, heute, morgen – ist das noch mein Land?“. Für dieses Projekt sind im Innovationsfonds des Bundes in den Jahren 2023 rund 42.800 Euro und 2024 rund 60.400 Euro ausgewiesen. Für 2025 und 2026 sind bislang keine projektbezogenen Einzelbeträge öffentlich dokumentiert. Unabhängig von der genauen Summe gilt, hier handelt es sich um staatlich finanzierte Diskursformate, die einer definierten Zielsetzung folgen. Diese Zielsetzung ist politisch legitimiert und darüber hinaus nicht neutral.

In der öffentlichen Veranstaltungsankündigung in Koblenz wurde diese spezifische Förderrahmung nicht offengelegt. Das Publikum diskutierte unter dem Titel „Heimat“, ohne über die konkrete Projektbezeichnung und den antisemitismusbezogenen Schwerpunkt informiert zu sein. Die Differenz zwischen öffentlicher Darstellung und förderrechtlicher Einbettung wurde nicht transparent gemacht. Transparenz über Kontext und Zielsetzung wäre jedoch Voraussetzung informierter Teilnahme gewesen.

Wenn der Sprecher des „PEN Berlin“, Deniz Yücel, in einem Interview Anfang des Jahres erklärt, man mache diese Formate „weil es sonst keiner macht“, greift diese Darstellung zu kurz. Gespräche über Heimat und Migration finden täglich statt – in freien Medien, in lokalen und privaten Initiativen, in Vereinen, in digitalen Räumen. Der Unterschied liegt nicht im Engagement, er betrifft den prinzipiellen Zugang zu den üppigen Ressourcen. Förderfähigkeit im Rahmen staatlicher Programme (u.a. „Demokratie leben“) setzt strikt institutionelle Struktur, Antragstellung und organisatorische Einbindung voraus. Nicht organisierte oder bewusst unabhängige Akteure verfügen über diesen Zugang gemäß der Geschäftsbedingungen nicht. So entsteht ein strukturelles Ungleichgewicht. Institutionell eingebundene Träger erhalten Bühne, Technik, enorme Reichweite, mediale Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit. Ungebundene Stimmen bleiben auf eigene Mittel angewiesen. Vor diesem Hintergrund erscheint die thematische Rahmung des Abends weniger zufällig. Wenn unmittelbar zu Beginn Fragen zur AfD, zu Antisemitismus und zu demokratischer Gefährdung gestellt werden. Der Konflikt von Gotha markierte die Entscheidung für eine stärker politisierte Ausrichtung. Die Gesprächsreihe führt diese Linie sichtbar fort.

Ein Blick auf die zwischen dem 26. Januar und dem 18. März 2026 gebündelten 41 Veranstaltungen mit mehr als 60 Mitwirkenden – ergänzt um eine weitere, bislang nur rahmenhaft angekündigte Tour im Spätsommer und Frühherbst 2026 in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin – verdeutlicht die Struktur dieses eng kuratierten Diskursraums. Für diese zweite Phase stehen weder konkrete Termine noch die Namen der Mitwirkenden fest, wohl aber der strategisch politische Rahmen und die geografische Ausdehnung. Bereits die Ankündigung legt jedoch nahe, dass die Reihe in vergleichbarer Größenordnung fortgesetzt werden soll. Biografisch ist das Tableau vielfältig.

Schriftstellerinnen wie Eva Menasse, Simone Buchholz oder Thea Dorn, Journalisten wie Georg Restle, Ijoma Mangold oder Deniz Yücel, Politiker wie Michael Roth, Malu Dreyer, Kurt Beck, Fritz Kuhn oder Ralf Fücks, Wissenschaftler wie Heinz Bude, Harald Welzer oder Andreas Rödder, Vertreter jüdischer Organisationen wie Philipp Peyman Engel und Hanna Veiler, dazu Bürgermeister, Kirchenvertreter und Kulturschaffende. Diese Vielfalt in Herkunft und Profession erzeugt den Eindruck breiter gesellschaftlicher Repräsentanz. In ihrem normativen Grundverständnis jedoch bewegen sich die meisten dieser Akteure innerhalb eines klar umrissenen demokratisch-liberalen Spektrums, das Antisemitismus, Rechtspopulismus und Gefährdungen der liberalen Ordnung als zentrale Bezugspunkte setzt.

Parteipolitisch dominieren frühere oder aktive Vertreter von SPD und Grünen, flankiert von einzelnen CDU- oder FDP-Politikern; dezidiert migrations- oder EU-kritische Intellektuelle, Vertreter alternativer Medien oder exponierte Stimmen aus jenen Milieus, die im Heimatdiskurs häufig als „protestorientiert“ oder AfD-nah beschrieben werden, fehlen hingegen vollständig. Auch die publizistische Verankerung vieler Gäste – von der Süddeutschen Zeitung über Zeit, Welt, taz und ARD bis zu parteinahen Thinktanks – weist in ein etabliertes Medien- und Institutionsmilieu. So entsteht zwar kein parteipolitisch einheitliches Podium, wohl aber ein diskursiv konsolidierter Rahmen. Die Reihe bildet unterschiedliche Tonlagen desselben Grundverständnisses ab, nicht jedoch die Spannweite der gesellschaftlichen Konfliktlinien, die unter dem Begriff „Heimat“ und in Verbindung mit „Demokratie“ auch nicht repräsentativ, tatsächlich verhandelt werden. Gerade jene Perspektiven, die im öffentlichen Streit als Herausforderung oder Irritation auftreten, erscheinen nicht als gleichberechtigte Gesprächspartner, denn sie bleiben implizit Gegenstand der Debatte. Einzelne biografische Ausnahmen – etwa die Teilnahme der früheren AfD-Abgeordneten Joana Cotar, die ihre Partei bereits 2022 verlassen hat und seither fraktionslos war – verändern an dieser Grundstruktur wenig.

Ein Zwischenruf im Theaterzelt Koblenz sprach von „SPD-Werbung“. Der Diskurs drohte in Meta-Ebenen zu kippen. Dieser Zwischenruf kam von mir. Er fiel nicht aus Affekt, viel mehr aus Irritation. Michael Roth ist Berufspolitiker der SPD, und natürlich spricht er aus dieser Rolle. Doch im Verlauf des Abends wurde die Parteizugehörigkeit mehrfach betont, bisweilen an Stellen, an denen sie für die Frage nach Heimat keine erkennbare Relevanz hatte. Etwa 1,8 Prozent der Bevölkerung sind parteipolitisch organisiert. Der überwiegende Teil gesellschaftlichen Zusammenhalts entsteht jenseits von Parteien – in Vereinen, in Nachbarschaften, bei der Feuerwehr. In der Atmosphäre kurz vor einer Landtagswahl in Rheinland-Pfalz wirkte die parteipolitische Präsenz auf mich streckenweise wie eine Wahlkampfbühne. Zugleich war die AfD an diesem Abend indirekt Objekt der Debatte, ohne dass ein Vertreter Gegenposition hätte einnehmen können. Das erzeugte eine spürbare Asymmetrie.

Während meiner Zwischenbemerkung fiel eine Szene im Publikum auf, die mir erst später geschildert wurde. Eine Frau einige Reihen vor mir hielt sich demonstrativ beide Ohren zu. Mein Platznachbar erzählte mir anschließend, sie habe offenbar nicht weiter zuhören wollen. Ob es Überforderung, Ärger oder bloße Geste war, lässt sich nicht sagen. Doch die Szene war symptomatisch – nicht nur Zustimmung und Widerspruch, auch Abschottung war an diesem Abend sichtbar. Im Verlauf des Abends entstand zudem mehrfach der Eindruck, die AfD vertrete pauschal eine Haltung „gegen Ausländer“ oder gegen Migration insgesamt. Diese Verkürzung blieb unwidersprochen im Raum stehen. Programmatisch fordert die Partei vor allem eine Begrenzung der Einwanderung, insbesondere die Unterbindung illegaler Migration sowie die konsequente Abschiebung straffällig gewordener Ausländer. Diese Positionen unterscheiden sich argumentativ von der pauschalen Ablehnung aller Zuwanderung. Eine solche Differenzierung fand an diesem Abend nicht statt.

Zugleich blieb eine naheliegende Gegenfrage offen: Wenn Fragen von Migration, Integrationsfähigkeit und innerer Sicherheit gesellschaftlich virulent sind – was hindert andere Parteien daran, diese Themen selbst offensiv zu bearbeiten? Die Vorstellung, ein politisches Feld könne dauerhaft „besetzt“ bleiben, ohne dass konkurrierende Akteure es betreten, wirkt bei näherem Hinsehen wenig plausibel.

Und doch, in all der Unruhe, im fragmentierten Gespräch, zeigte sich etwas Entscheidendes. Heimat ist kein harmonischer Ort. Sie ist ein Spannungsfeld. Sie ist das, was Roth „Verwundbarkeit“ nannte. Sie ist das, was Martenstein als „Geruch des Rheins“ beschrieb. Sie ist die Erfahrung der Vertriebenen, die Sehnsucht der Geflüchteten, die Angst der Alten und der Groll der Enttäuschten. Noch Stunden nach der Veranstaltung stellte sich mir eine schlichte Frage: Welchen Erkenntnisgewinn hatte dieser Abend gebracht? Die Erwartung einer echten Gegenrede zumindest von Harald Martenstein – insbesondere im Hinblick auf die jüngst geführten Debatten um ein mögliches AfD-Verbot blieb eingebettet in ein kalkulierbares Spannungsverhältnis. Vielleicht lag gerade darin die eigentliche Irritation. Die Erwartung speiste sich auch aus der aktuellen Rechtslage. Kurz zuvor hatte ein Kölner Gericht in einem vielbeachteten Verfahren deutlich gemacht, dass die pauschale Einstufung der AfD als „rechtsextrem“ in dieser Form rechtlich nicht haltbar sei. Auch die Diskussion um die behördliche Bewertung durch das Bundesinnenministerium hatte dadurch einen empfindlichen Dämpfer erhalten. Parallel war in Ludwigshafen die Nichtzulassung eines AfD-Kandidaten zur Oberbürgermeisterwahl juristisch umstritten.

All diese Entwicklungen berühren die Frage, wie weit staatliche und politische Institutionen in der Auseinandersetzung mit einer Oppositionspartei gehen dürfen – und wo rechtsstaatliche Grenzen verlaufen. An diesem Abend jedoch wurden diese Aspekte nicht aufgegriffen. Die Debatte blieb auf der moralischen Ebene stehen. Eine ernsthafte Debatte über ein Parteiverbot setzt voraus, dass rechtliche Maßstäbe, Beweislasten und gerichtliche Entscheidungen mitgedacht werden. Die politische Bewertung allein ersetzt keine juristische Prüfung.

Was an diesem Abend fehlte, war die ernsthafte Auseinandersetzung mit sozialer Ungleichheit. Ein Lehrer sprach von fehlender Bildungsgerechtigkeit. Ein anderer warnte vor ökonomischer Überforderung. Doch diese Fäden wurden nicht weitergesponnen. Dabei ist Heimat ohne soziale Sicherheit kaum denkbar. Wer Angst vor dem sozialen Abstieg hat, wird Heimat anders definieren als jemand, der ökonomisch abgesichert ist. Ebenso fehlte eine tiefere Reflexion über den Begriff selbst. Jean Améry, der auf dem Plakat angekündigt war, blieb unerwähnt. Sein Verständnis von Heimat als verlorener Selbstverständlichkeit hätte der Diskussion Schärfe verliehen.

Auffällig war auch, welche Themen mit Nachdruck eingefordert – und welche in ihrer ganzen Breite dennoch nicht ausgeleuchtet – wurden. Eine Dame meldete sich gleich zweimal mit Vehemenz zu Wort. Man müsse zwingend über Antisemitismus sprechen, sagte sie, man dürfe jüdisches Leben nicht wieder an den Rand drängen. Sie verwies darauf, israelische Künstler würden nicht mehr eingeladen oder in eine Art Sippenhaft für politische Entscheidungen genommen. Konkrete Beispiele wurden nicht vertieft. Ebenso wenig wurde diskutiert, dass in den vergangenen Jahren auch russische Künstler ausgeladen oder unter neutraler Flagge an internationalen Wettbewerben teilnehmen mussten.

Die Frage nach doppelten Maßstäben blieb unausgesprochen im Raum. Vollständig unerwähnt blieb, dass am selben Morgen Israel und die USA militärische Angriffe auf iranisches Territorium begonnen hatten. Die Bundesregierung veröffentlichte hierzu noch am Mittag eine Erklärung, in der sie die Vorgänge als Reaktion auf iranische Bedrohungen einordnete. Unabhängige Berichte zeigten jedoch, dass die militärische Initiative von israelischer und amerikanischer Seite ausging. Über die völkerrechtliche Einordnung, über angebliche Präventivschlag-Doktrinen oder über mögliche Verstöße gegen das Gewaltverbot der UN-Charta wurde in Koblenz nicht gesprochen.

Gerade in einer Veranstaltung, die sich als „politische Temperaturmessung“ verstand, wäre es naheliegend gewesen, diese Diskrepanz zwischen offizieller Regierungsdarstellung und dem faktischen Ablauf zumindest zu benennen. Es blieb bei der Rahmung „Antisemitismus“.

Die Unterstützung der Ukraine hingegen schien im westdeutschen Publikum weitgehend ungebrochen. Zu Beginn hatten sich bei der  entsprechenden Frage zahlreiche Hände gehoben. In Koblenz war kein spürbarer Bruch mit der offiziellen Linie erkennbar. Während in Teilen der Europäischen Union inzwischen stärker über Verhandlungslösungen, Belastungsgrenzen und strategische Neujustierungen debattiert wird, und erstmals Zustimmungswerte unter 50 Prozent – so in Frankreich – zu verzeichnen sind, in Italien sehr niedrig ausfallen, dominierte hier eher die Haltung der moralischen Kontinuität. Zweifel wurden kaum artikuliert – offenbar aus Überzeugung.

Gerade diese sichtbare Geschlossenheit erzeugte jedoch eine merkwürdige Schieflage. Weder wurde vertieft erörtert, welche diplomatischen Optionen vor 2022 in der Ukraine realistisch gewesen wären, noch wurde ernsthaft diskutiert, welche langfristigen ökonomischen Folgen der Sanktionspolitik und der energiepolitischen Entscheidungen Deutschland heute tragen muss. Ich sprach die hohen Energiepreise an, später griff auch Martenstein den industriellen Substanzverlust und die Abwanderung von Produktion diesen Punkt auf. Doch der Themenstrang wurde nicht weiter vertieft. Gerade hier wäre eine strukturierende Nachfrage hilfreich gewesen.

Katja Gloger hat sich in ihrer publizistischen Arbeit intensiv mit Russland und geopolitischen Entwicklungen, wie sie im ZDF bei Lanz vor einigen Jahren bekannte, befasst. Umso mehr hätte dieser Aspekt das Potenzial geboten, die Debatte über Heimat um eine wirtschaftliche und außenpolitische Dimension zu erweitern. Gloger ist zudem in transatlantischen Netzwerken engagiert, was ihre Perspektive auf sicherheitspolitische Fragen mitprägt. Gerade bei Fragen der Energie- und Russlandpolitik existieren in Deutschland unterschiedliche Deutungsangebote – sowohl in auflagenstarken Medien als auch in alternativen Publikationsformen. Eine Moderation, die diese Spannbreite zumindest skizziert oder zur Diskussion stellt, hätte den Diskurs geöffnet. Expertise war vorhanden – sie wurde nur nicht diskursiv aktiviert. Dabei liegt hier ein zentraler Heimatfaktor. Wenn Energie dauerhaft teuer bleibt, wenn industrielle Kerne erodieren, wenn mittelständische Betriebe schließen oder verlagern, dann verändert sich die materielle Grundlage dessen, was viele als Sicherheit empfinden. Wohlstand ist kein ideologischer Begriff, er ist  infrastrukturelle Realität.

Auffällig war zudem die Altersstruktur des Publikums. Viele ältere Besucher, geprägt von Jahrzehnten relativer Sicherheit, solider Einkommen, günstiger Energie und funktionierender Exportwirtschaft. Menschen „unter dreißig“ schienen an diesem Abend nicht erreicht worden zu sein. Ob dies am Format, an der Themenansprache oder an der generellen Entfremdung jüngerer Generationen von klassischen Diskursveranstaltungen liegt, wäre eine eigene Untersuchung wert. Nach der Veranstaltung sprach mich ein Besucher darauf an. Er nannte das Publikum zugespitzt eine „pensionsverwöhnte Strickpullover-Generation“ – eine polemische, aber nicht ganz folgenlose Bemerkung. Hinter ihr stand die Frage, ob Formate wie dieses tatsächlich jene Generation erreichen, die mit steigenden Mieten, unsicheren Arbeitsverhältnissen, digitaler Dauerpräsenz und geopolitischer Verunsicherung aufwächst.

Wenn Heimat verhandelt wird, ohne dass die Jüngeren anwesend sind, entsteht eine Schieflage. Denn für sie ist Heimat weniger Erinnerung als Zukunftsfrage. An diesem Abend wurde viel über Werte gesprochen. Weniger über strukturelle Grundlagen. Vielleicht erklärt das die latente Unzufriedenheit mancher Zuhörer. Ein spürbarer Teil des Saales wirkte reservierter, kritischer, weniger bereit, sich in die dominante Deutung einzufügen. Das Publikum war engagiert, streitbar und teilweise auch aufgebracht. Es wollte reden. Vielleicht war das die eigentliche Leistung dieses Abends, einen Raum zu öffnen. Ein „kollektives Lagerfeuer“, wie Roth es nannte. Doch ein Lagerfeuer braucht nicht nur Brennholz. Es benötigt auch jemanden, der das Feuer hütet.

Eine weitere eigenartige Rahmensetzung entstand, als ein Zuschauer die geringe Wahlbeteiligung in Ludwigshafen erwähnte – sie habe bei gut zwanzig Prozent gelegen. Die Zahl stand im Raum wie ein Symptom demokratischer Müdigkeit. Nicht erläutert wurde jedoch, dass der dortige OB-Wahlkampf im Vorfeld von juristischen Auseinandersetzungen geprägt war. Ein Kandidat der AfD war kurzfristig nicht zugelassen worden. Ob und in welchem Umfang diese Konstellation Einfluss auf die Wahlbeteiligung hatte, blieb unerörtert. Statt diese komplexe Vorgeschichte zumindest einzuordnen, verlief die Diskussion einfach weiter. Die niedrige Beteiligung wurde als Indikator allgemeiner Politikverdrossenheit gelesen – ohne die konkreten lokalen Umstände auszuleuchten. Gerade an einem Abend, der sich als Seismograf der aktuellen gesellschaftlichen Spannungen verstand, wäre eine differenzierte Betrachtung dieses Beispiels naheliegend gewesen.

Heimat ist kein Besitzstand. Sie ist eine Beziehung. Zwischen Menschen, zwischen Generationen, zwischen Erinnerung und Gegenwart. Wer sie politisch instrumentalisiert, verengt sie. Wer sie nur sentimental betrachtet, verkennt ihre Härte.

„Ist das noch mein Land?“ Diese Frage blieb unbeantwortet. Vielleicht, weil sie gar nicht kollektiv beantwortet werden kann, sehr intim und persönlich ist. Vielleicht auch, weil sie mehr verlangt als eine zweistündige Podiumsdiskussion. Sie verlangt Zuhören, Widerspruch, Selbstkritik, und deshalb ist Demokratie auch nur „als Prozess unter Menschen und nicht durch Politiker zu verstehen“, wie es ein Zuhörer anregend erörterte – und eine Moderation, die nicht nur Fragen stellt und eher Gespräche führt. Und so blieb Heimat das, was sie oft ist, ein großes Wort, unter dem vieles verhandelt wird – und manches ungesagt bleibt.

Was aber ist nun Heimat? Der österreichische Schriftsteller Jean Améry schrieb nach dem Exil, Heimat sei nicht nur ein Ort, er ist „Sicherheit in der Welt“. Und er wusste, dass sie zerbrechen kann – innerlich und nicht nur geografisch. Der Philosoph Ernst Bloch nannte Heimat „etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war“ – eine Utopie, die wir vor uns hertragen. Die deutsch-amerikanische Publizistin Hannah Arendt beschrieb Heimatlosigkeit als den eigentlichen Skandal des 20. Jahrhunderts und das Fehlen eines Raumes, in dem man Rechte hat, weil man dazugehört. Christa Wolf, eine ostdeutsche Autorin, sprach wiederum von einer „Ortsgebundenheit des Gedächtnisses“. Heimat war für sie nicht Staat und nicht Ideologie, vor allem jedoch Erinnerungsschicht. Landschaft, Geruch, Sprache, Dialekt, Biografie. Ein Raum, in dem sich Erfahrung sedimentiert. Für viele Ostdeutsche bedeutete Heimat lange Zeit etwas sehr Konkretes. Die Gewissheit, Arbeit zu haben, gemeinsam und sinnerfüllt etwas zu tun. Keine Existenzangst zu kennen. Nicht fürchten zu müssen, in einen fernen Krieg geschickt zu werden. Man kann über politische Systeme streiten, über Freiheitsgrade und auch über Mängel. Aber Sicherheit – soziale wie persönliche – war eine Realität. Solche Gewissheiten prägen ein Heimatgefühl. Und sie sind nicht trivial.

Heimat ist auch das Wissen, ich falle nicht ins Bodenlose. In der Gegenwart erleben wir eine neue Form der Verunsicherung. Auch Autoren berichten davon, dass sie sich im eigenen Land nicht mehr frei fühlen. Die Journalistin Dagmar Henn lebt heute in Moskau und begründete ihren Weggang mit der Sorge, in Deutschland nicht mehr ungehindert arbeiten zu können – ihr Schritt verweist auf ein Gefühl von Entfremdung und Angst frei ihre Meinung äussern zu dürfen. Diese Entfremdung ist der Anfang von Heimatverlust.

Der Eindruck entstand, dass sich in den vergangenen Jahren eine projektförmig künstlich organisierte Zivilgesellschaft etabliert hat, deren Existenz zunehmend von staatlicher Förderung abhängt. Eine ehemalige Lehrerin und Schriftstellerin im Gespräch nach der Veranstaltung formulierte es zugespitzt: Für nahezu jedes gesellschaftliche Anliegen werde eine Initiative gegründet, die öffentliche Mittel erhält – und deren Fortbestand dann wiederum vom Fortbestehen dieses Anliegens abhängt. Sie verweist auf ein Unbehagen, dass organisierte Interessen bisweilen medial sichtbarer erscheinen als das alltägliche, nicht geförderte gesellschaftliche Miteinander.

Der Kern ist, Heimat ist etwas Besonderes. Etwas, das sich nicht beliebig vervielfältigen lässt. Es ist einzigartig. Etwas, das Wohlgefühl und Verlässlichkeit braucht. Eine vermeintliche Heimat, die ihre sozialen Anker verliert, die wirtschaftliche Substanz erodieren lässt, die Gesprächsräume nicht pflegt und sie überwiegend in Projektform verwaltet, wird brüchig. Und eine brüchige Heimat verteidigt man nicht aus Überzeugung. Man verteidigt nur, was einem Halt gibt.

Vielleicht liegt genau hier die eigentliche Frage dieses Abends. Nicht: Ist das noch mein Land? Vielleicht eher: Was schenkt mir dieses Land, damit ich es als meines empfinden kann? Heimat ist kein politisches Etikett, kein Schlagwort für Wahlprogramme und keine moralische Selbstvergewisserung. Heimat ist eine Erfahrung. Eine leise, körperliche Gewissheit. Sie wohnt im Alltag, nicht im Diskurs. Sie zeigt sich im Blick des Bäckers, der Dich kennt, im Nachbarn, der Deine Pakete annimmt oder Dich zum Grillen einlädt, im Wissen, dass man bleiben darf, ohne sich ständig rechtfertigen zu müssen.

Es geht nicht um Zuwanderung als abstrakte Größe. Es geht um das Maß dessen, was eine Gesellschaft unter normalen Bedingungen tragen kann, ohne zu zerreißen. Es geht um das Gleichgewicht zwischen Offenheit und Verlässlichkeit. Um die Fähigkeit, Neues aufzunehmen, ohne das Eigene preiszugeben. Heimat gedeiht nicht im permanenten Ausnahmezustand. Sie wächst nicht aus rhetorischer Eskalation, nicht aus Hass gegen Nationen, nicht aus einem moralischen Argwohn gegenüber anderen Entwicklungswegen. Jede Gesellschaft hat ihre eigenen Zyklen, ihre eigenen Reifungen, ihre eigenen Fehler und Korrekturen. Bevormundung – gleich in welcher Richtung – schafft keine Nähe. Sie erzeugt Distanz. Vielleicht braucht es weniger Misstrauen. Die schlichte Gewissheit, dass der andere ebenfalls Kinder hat – und sie lachen sehen will. Dass Sicherheit, Würde und Zukunft keine exklusiven Güter sind. Heimat entsteht dort, wo man nicht im Dauervergleich lebt. Sie beginnt im Vertrauen. Und sie bleibt nur dort lebendig.

Der Abend war weniger eine Suche nach Heimat als der Versuch, politische Koordinaten zu festigen. Heimat wurde vermessen – aber nicht betreten.

Vielleicht zeigt auch die gemessene Temperatur dieses Abends weniger über Heimat als über uns selbst. Über unsere Gewissheiten politischer Machtfragen, unsere Bruchlinien und unsere Gesprächsfähigkeit. Die Temperatur war nicht eisig. Aber sie war auch nicht warm. Die Veranstaltung wollte fragen, ob dieses Land noch als Heimat empfunden wird. Tatsächlich wurde vor allem darüber gesprochen, wovor es geschützt werden müsse. Das ist nicht dasselbe.

Heimat entsteht nicht auf Podien und nicht in Parteizuschreibungen. Sie entsteht zwischen Menschen, die ihr Leben miteinander organisieren. Dorfgemeinschaften an Rhein und Mosel wissen, was Gemeinsinn bedeutet, spätestens wenn sie gemeinsam Hochwasser bekämpfen mussten. Politische Überzeugungen werden auch dort diskutiert. Aber im praktischen Zusammenhalt verlieren sie ihre Schärfe. Heimat zeigt sich nicht im permanenten Alarmmodus. Sie zeigt sich dort, wo man kontinuierlich gemeinsam handelt, weil man es muss – und weil man dort bleiben will.

Sabiene Jahn, Trägerin des Kölner Karlspreises für Engagierte Literatur und Publizistik, ist Mitglied des Deutschen Freidenker-Verbandes, LV Rheinland-Pfalz / Saarland

 

Quellen und Anmerkungen:

Ausschnitt aus der Veranstaltung in Koblenz (Video): https://penberlin.de/

Tonmitschnitt der Veranstaltung in Koblenz (ohne Fragerunde): https://penberlin.de/wp-content/uploads/26.02.28._Heimat_Koblenz_Audio.mp3

Termine und Mitwirkende: https://penberlin.de/heimat_rp-mitwirkende/

 

© Sabiene Jahn
Wir danken der Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrages


Bild oben: Veranstaltung des PEN am 28.Februar 2026 in Koblenz (Theaterzelt): v.l.n.r. Michael Roth, SPD-Politiker, Harald Martenstein, Publizist und Katja Gloger, Autorin und Journalistin, die am Abend moderierte.
Foto: PEN Berlin