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Europa setzt weiter auf Krieg mit Russland

In Paris fand ein weiteres Treffen der „Koalition der Willigen“ statt, das deutsche Medien als Erfolg auf dem Weg zum Frieden feiern, dabei wurden dort Entscheidungen getroffen, die für Russland unannehmbar sind.

von Anti-Spiegel (d.i. Thomas Röper)

Erstveröffentlichung am 07.01.2026 auf anti-spiegel.ru

Der Spiegel berichtet in mindestens vier fast schon euphorischen Artikeln über das Treffen der „Koalition der Willigen“, das gestern in Paris stattgefunden hat und über dessen Ergebnisse ich bereits berichtet habe. Im Kern sind die dort verkündeten Entscheidungen für Russland inakzeptabel, denn die „Koalition der Willigen“ plant nach einem Waffenstillstand weiterhin die Entsendung von Truppen in die Ukraine und hat auch weitere Entscheidungen getroffen, die man nur als Willenserklärung der Europäer zur Fortsetzung des Krieges bezeichnen kann.

Die dort verkündete, weitgehende Einigung auf Sicherheitsgarantien für die Ukraine, über die der Spiegel optimistisch in einem Artikel mit der Überschrift „Gipfeltreffen in Frankreich – Kushner spricht von »Meilenstein«, Witkoff nennt Sicherheitspläne »weitgehend abgeschlossen«“ berichtet, hat allerdings den Schönheitsfehler, dass die USA, auf deren Unterstützung die Europäer setzen, diese Erklärung mal wieder nicht mit unterzeichnet haben, und dass Politico bereits gemeldet hat, die Erklärung sei „vage“ formuliert. Von einem „Meilenstein“ und „weitgehend abgeschlossenen“ Verhandlungen kann anscheinend also keine Rede sein.

Ein Experte der russischen Nachrichtenagentur TASS hat über das Treffen in Paris und seine Ergebnisse einen Kommentar geschrieben, der in meinen Augen informativer ist, als alles, was der Spiegel darüber geschrieben hat, weshalb ich den TASS-Kommentar übersetzt habe.

Beginn der Übersetzung:

Weihnachtsnacht oder Tag der Programmierer: Europa plant einen Krieg gegen Russland

Andrey Nisamutdinow darüber, wie europäische Staats- und Regierungschefs den Konflikt in der Ukraine verlängern und ausweiten und die USA auf ihre Seite ziehen wollen.

Am Vorabend des orthodoxen Weihnachtsfestes fand in Paris ein weiteres Treffen der „Koalition der Willigen“ statt. Offiziell kamen die Staats- und Regierungschefs der europäischen Länder mit dem hinzugezogenen Wladimir Selensky zusammen, um über die Grundzüge einer Friedensregelung für die Ukraine zu sprechen. In der Praxis zeigen die getroffenen Entscheidungen jedoch deutlich und unmissverständlich, dass Europa kein Interesse an Frieden hat, im Gegenteil, es will den Ukraine-Konflikt fortsetzen und sogar eskalieren.

Krieg ist Frieden

In Nikolaj Gogols Märchen „Die Nacht vor Weihnachten“ stiehlt der Teufel den Mond vom Himmel, um zu verhindern, dass der verhasste Schmied Wakula die schöne Oxana heiratet. Doch dem tapferen Schmied gelingt es, den Teufel zu satteln, nach St. Petersburg zu reiten und mithilfe der Saporoger Kosaken eine Audienz bei der russischen Zarin Katharina II. zu erlangen und von ihr die begehrten Pantoffeln für Oxana zu bekommen. Der Teufel ist gedemütigt, die Liebenden sind wieder vereint, und Weihnachten ist gerettet.

In der modernen Version sieht alles anders aus. Der Teufel, in Gestalt von Selensky, kann den orthodoxen Gläubigen ihren Feiertag rauben: Statt Weihnachten wird der 7. Januar in der Ukraine nun als Tag der Programmierer gefeiert. Und während sich der Schmied Wakula vor der Einberufung auf den Werften in Nantes versteckt und Oxana und ihre Kinder lieber in Polen oder Deutschland Zuflucht suchen als in ihrer Heimat Poltawa, besteigt der Teufel ein Flugzeug und fliegt – ganz weihnachtlich – ins verschneite Paris, um die europäische Kaiserin Ursula von der Leyen zu treffen. Doch er ist nicht an Pantoffeln interessiert, sondern an Geld und Waffen. Und die modernen Fürsten und Bojaren, also die europäischen Staatschefs, kommen ihm gerne entgegen und sichern ihm jede erdenkliche Unterstützung zu, Hauptsache, sie können ein Ende des Konflikts verhindern.

Man könnte jedoch auch ein moderneres literarisches Bild nehmen, das an das Doppelsprech in George Orwells dystopischem Roman „1984“ erinnert: „Krieg ist Frieden“, denn genau dieses Prinzip haben die Teilnehmer des Pariser Treffens der „Koalition der Willigen“ zur Grundlage ihrer Erklärung gemacht.

Die Erklärung sieht finanzielle Unterstützung, Waffenlieferungen und praktische Hilfe beim Bau von Befestigungsanlagen für Kiew, die Aufstellung einer multinationalen Truppe für die Ukraine unter Beteiligung außereuropäischer Länder, die Einrichtung eines Koordinierungszentrums mit den USA, der Ukraine und der „Koalition der Willigen“ mit einem Operationszentrum in Paris, „den Einsatz militärischer Kapazitäten, nachrichtendienstlicher und logistischer Unterstützung [für die Ukraine], diplomatische Initiativen und die Verhängung zusätzlicher Sanktionen [gegen Russland]“ vor.

Die Äußerungen einzelner Staats- und Regierungschefs geben weitere Einblicke in die wahren Absichten der Europäer. Der französische Präsident Emmanuel Macron unterstützte Kiews Plan, die Stärke der ukrainischen Streitkräfte in Friedenszeiten bei 800.000 Soldaten zu halten. Macron, Selensky und der britische Premierminister Keir Starmer unterzeichneten zudem eine Absichtserklärung zur Entsendung eines multilateralen Kontingents in die Ukraine nach dem Ende des Konflikts. „Potenziell geht es um mehrere Tausend Soldaten“, sagte der französische Präsident und stellte klar, dass „das keine Truppen sind, die in Kampfhandlungen verwickelt werden“.

Starmer kündigte seinerseits an, dass Großbritannien und Frankreich „nach dem Waffenstillstand militärische Hubs in der Ukraine errichten und geschützte Objekte für Waffen und militärische Ausrüstung bauen werden“. Dies beinhaltet die Errichtung von NATO-Basen in unmittelbarer Nähe zu Russlands Grenzen.

Bundeskanzler Friedrich Merz bekräftigte Deutschlands Engagement für einen „politischen, finanziellen und militärischen Beitrag“ zur fortgesetzten Unterstützung Kiews und hielt die Stationierung von Truppen „auf an die Ukraine angrenzendem NATO-Gebiet“ für möglich.

Der belgische Verteidigungsminister Theo Francken versprach, dass sein Land „mit seinen Marine- und Militärkapazitäten aktiv beitragen“ werde. Der schwedische Ministerpräsident Ulf Kristersson erklärte sich bereit, nach einem Waffenstillstand Gripen-Kampfjets in die Ukraine zu entsenden. Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk kündigte an, sein Land werde die Logistik für die Sicherheitsgarantien für die Ukraine übernehmen.

Ohne Washington geht nichts

Sowohl die Pariser Erklärung selbst als auch die Stellungnahmen ihrer einzelnen Unterzeichner enthalten eine Reihe von Bestimmungen, die für Russland offenkundig inakzeptabel sind. Die Europäer bauen offensichtlich darauf, dass Moskau die Bestimmungen des von Kiew und Europa formulierten „Friedensplans“ ablehnen wird. Dann könnte man Russland mangelndes Engagement für eine friedliche Lösung vorwerfen und unverzüglich den Sanktionsdruck erhöhen und den Konflikt eskalieren.

Diese Absichten stehen im Widerspruch zur Position von US-Präsident Donald Trump, der wiederholt seinen Wunsch nach einer raschen friedlichen Lösung des Ukraine-Konflikts geäußert hat. Die Europäer haben erhebliche Anstrengungen unternommen, den amerikanischen Präsidenten auf ihre Seite zu ziehen und seine Bemühungen um ein Abkommen mit Russland zu vereiteln. Unter anderem versuchten sie, den eklatanten Verstoß der USA gegen das Völkerrecht bei der Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro zu beschönigen und die Situation um Grönland herunterzuspielen, auf das Trump und sein Umfeld ihre Ansprüche in den letzten Tagen verstärkt haben.

Bei einigem hatten die Europäer Erfolg: Am Pariser Treffen der „Koalition der Willigen“ nahmen erstmals Stephen Witkoff, der Sondergesandte des US-Präsidenten, und Jared Kushner, der Schwiegersohn des US-Präsidenten, persönlich teil. Trump hatte Kushner zum Chefunterhändler in der Ukraine-Frage ernannt. Im Anschluss an das Treffen sprach Witkoff von „großen Fortschritten“ und berichtete, die Vereinbarung über „Sicherheitsprotokolle“ sei „weitgehend“ abgeschlossen. Auch Kushner bezeichnete das Treffen als „wichtigen Meilenstein“, fügte jedoch hinzu, dass die Vereinbarung über Sicherheitsgarantien für Kiew „nicht bedeute, dass wir Frieden erreichen werden“.

Gleichzeitig berichtete Politico, dass die amerikanische Seite sich weigerte, das Dokument über ihre Beteiligung an der Überwachung des Waffenstillstands zu unterzeichnen, und dass die Pariser Erklärung selbst „vage“ sei, denn sie enthält keinerlei Erwähnung der potenziellen Rolle der USA bei der Bereitstellung von Sicherheitsgarantien für die Ukraine, einschließlich Geheimdienstinformationen, logistischer Unterstützung und Zusagen zur Unterstützung der europäischen multinationalen Truppe.

Es besteht kein Zweifel, dass die Europäer bald wieder versuchen werden, Trump von ihrem gemeinsamen Plan mit Kiew zu überzeugen. Dazu werden sie die amerikanischen Befürworter der Fortsetzung des Konflikts nutzen, von denen es im US-Kongress (und sogar im Weißen Haus) viele gibt. Im schlimmsten Fall wären sie mit einem Szenario zufrieden, in dem der US-Präsident über ausbleibende Ergebnisse der Friedensbemühungen enttäuscht ist und sich zurückzieht, sodass Europa nach eigenem Ermessen handeln kann.

Es wird wie bei Gogol

In jedem Fall ist es für den Teufel Selensky noch zu früh, einen Sieg zu feiern: Wie die Ergebnisse des Pariser Treffens der „Koalition der Willigen“ gezeigt haben, besteht noch keine vollständige Einigung, weder zwischen Europa und den USA noch unter den Europäern selbst. Ja, es gibt in Europa einen starken Kern, der die Konfrontation mit Russland fortsetzen und sogar verschärfen will: Großbritannien, Frankreich, Deutschland, die baltischen und skandinavischen Staaten sowie die von Ursula von der Leyen geführte EU-Kommission, die offen einen Kurs der Militarisierung der EU verfolgt. Doch es gibt auch Gegner einer Eskalation, auch unter den „Willigen“.

So kündigte der tschechische Ministerpräsident Andrej Babiš nach dem Pariser Treffen an, dass seine Regierung keine Mittel aus dem Staatshaushalt für die Initiative zur Munitionslieferung an die Ukraine bereitstellen werde. Er erklärte außerdem, die Tschechische Republik werde „niemals Soldaten in die Ukraine entsenden“. Insgesamt spricht sich laut Babiš „ein großer Teil“ der 37 an dem Treffen teilnehmenden Länder gegen eine Entsendung ihrer Truppen in die Ukraine aus.

Mehrere Teilnehmer des Treffens haben die Meinung des tschechischen Ministerpräsidenten offen bestätigt. Unter anderem lehnten der kroatische Ministerpräsident Andrej Plenković und der rumänische Präsident Nicusor Dan eine Truppenentsendung in die Ukraine selbst im Falle eines Waffenstillstandsabkommens kategorisch ab.

Die Meinungsverschiedenheiten unter denen, die hinter dem Kiewer Regime stehen, spielen Russland zweifellos in die Hände. Doch im Kampf gegen den in der Ukraine grassierenden Nazi-Abschaum setzt unser Land lieber allein auf seine eigenen Kräfte. Und diese Kräfte reichen vollkommen aus, um sicherzustellen, dass die Geschichte wie bei Gogol endet: Die Saporoger Kosaken, Wakula und Oksana aus Dikanka und alle anderen Ukrainer werden friedlich und wohlhabend in einem friedlichen und neutralen Land leben, während der abscheuliche Teufel und die anderen Dämonen verachtet und in Vergessenheit geraten werden.

Ende der Übersetzung

Thomas Röper, geboren 1971, lebt seit über 15 Jahren in Russland. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.


Bild oben: Treffen der „Koalition der Willigen“ am 06.01.2026 im Élysée-Palast in Paris 
Foto: Number 10 – https://www.flickr.com/photos/number10gov/55027840628/in/dateposted/, OGL 3,
Quelle: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=181378920