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Ski oder Bi – Hauptsache Athlon

Satire von Stefan Siegert

Die Läuferin mit der Nummer 18, das ist…lassen Sie mich nachschauen… die US-Amerikanerin. Bisher mitten im Feld. Ihr traut man mehr zu. Großartig, wie sie im Anstieg mit jedem Schritt immer noch gleitet. Das ist Langlauf. Der klassische Stil in Reinkultur.

Das Wetter wahrhaft olympisch. Die herrlichen Gipfel der Dolomiten, der blaue Himmel. Es könnte etwas kälter sein. Aber die Sonne scheint. Für uns ein herrliches Bild. Für die Waxing-Teams der Athletinnen aber – ein Problem. Der Schnee ist weich. Die Eiskristalle stechen nicht mehr ins Wachs der Skier, der Ski verliert an Abdruck, die Läuferin verliert an Tempo und Kraft, wenn nicht – ja, wenn nicht – die Wachs-Spezialisten das weiche Wachs aufgetragen haben, das am Schnee klebt und für Abdruck sorgt.

Im Bild das Hauptfeld. Eine Spitzengruppe hat sich abgesetzt. Drei Läuferinnen sind im Wald rechts im Bild verschwunden, gleich wird auch das Hauptfeld ins Grün der Fichtenkronen eintauchen. – – Und da ist auch schon der Waldrand auf der anderen Seite. Er liegt im Schatten. Hier ist die Spur eisglatt. Gleich müssen sie kommen, die drei Ausreißerinnen. Das Rennen ist in der entscheidenden Phase. Das Feld noch im Wald. Noch zwei Kilometer vom Waldrand bis zum Skistadion. Da ist die Dreier-Spitze! Die Russin vorne, gleich hinter ihr die Chinesin im roten Anzug mit den gelben Sternchen, wo ist die Französin? Sie musste offenbar abreißen lassen.

Zurück zum Waldrand. Wann kommt das Feld? Der Abstand knapp eine halbe Minute. Da kommen sie. Mitten drin unsere deutsche Teilnehmerin im ungewohnten schwarzen Laufanzug. Und wo ist die Nummer 18? Wo ist die Mitfavoritin aus den USA? Da sehen wir sie. In der rechten Spur mit dem weißen Stirnband, die toughe Siebenundzwanzigjährige aus Montana, im Weltcup ganz vorne mit dabei. Sie wird sich mehr versprochen haben von diesem Rennen. Aber Moment. Sie hat da was auf dem Rücken. Vielleicht kann die Kamera uns die Läuferin noch einmal von der Seite zeigen? Vielleicht kriegen wir ein Bild. Um uns herum auf der Pressetribüne wird es unruhig. Der spanische Kollege neben uns hat sein Fernglas an den Augen. Tatsächlich. Von der Seite können wir es jetzt erkennen. Die US-Amerikanerin läuft mit einem Karabiner auf dem Rücken. Was ist da los? Wir sind hier definitiv im olympischen Skiathlon-Wettbewerb, ohne Zweifel. Die Biathlon-Wettbewerbe starten erst übermorgen. Aber das Rennen wird anscheinend nicht unterbrochen!! Hier oben bei uns in den Reporterkabinen ist der Teufel los. Alles läuft herum und will wissen, was hier geschieht. Jetzt, ja, danke, kriegen wir eine Eilmeldung hereingereicht. Was ist los? Die Kollegin schüttelt den Kopf, sie weiß es auch nicht.

Das Rennen läuft weiter, es geht auf die Entscheidung zu. Die Chinesin und die Russin haben sich kurz vor dem Stadion noch einmal abgesetzt, die Französin in Blau ist weit abgeschlagen, die Vertreterin Europas droht vom Feld geschluckt zu werden. Von oben jetzt. Die beiden Führenden. Im Schuss ins Stadion hinunter. Eine lange Linkskurve… Und jetzt die endlose Zielgerade. Sie kämpfen Spur an Spur. Boah, was für ein Fight! So sieht perfekte Doppelstocktechnik aus. Immer kürzer die Intervalle. Immer kraftvoller die Bewegungen. Noch siebzig Meter bis zu Gold oder Silber. Die Chinesin scheint eine halbe Skilänge vorn. Aber die Russin jetzt – –

(der hallende Knall eines Schusses)

Was ist das? Die Chinesin auf der Ziellinie. Sie liegt leblos im Schnee. Mein Gott! Das ist keine Erschöpfung. Das ist…wir hoffen alle, dass es gut ausgeht für die sympathische Sportlerin aus dem Reich der Mitte. Was für ein Gedränge! Die Kameras kommen gar nicht mehr durch. Was ist hier los? – – Ja, hallo, da sind wir, in unserer Kabine, hallo, liebe Zuschauer. Wir sind so ratlos wie Sie zu Hause an den Bildschirmen. – – Ach so, ja, danke Olli, die Eilmeldung. Die haben wir in der Aufregung des Rennens ganz vergessen, sorry. Da ist sie. Schauen wir mal, vielleicht… ja, das ist…das ist irgendwie… meine Damen und Herren, da muss ich mir ja fast die Brille putzen, das liest sich wie Fake News. Ist aber offensichtlich von CNN. Ein neuer Post vom X-Kanal des US-Präsidenten von heute morgen. Er hat sich entschlossen, lese ich, während der laufenden Olympischen Spiele das IOC zu verlassen, die USA fühlen sich damit nicht länger an die Charta des Internationalen Olympischen Komitees gebunden. Die US-Athleten würden zwar weiterhin an den Spielen teilnehmen, sie würden sich den geltenden Regeln allerdings nicht länger verpflichtet fühlen, die lägen nicht im Interesse der Vereinigten Staaten. Tja, meine Damen und Herren. Was soll man dazu sagen?

Die Aufregung hier ist riesig. Das Blaulicht des Notarztwagens spiegelt sich im Glas unserer Kabine, Sie sehen es. Unter uns hektisches Gedränge, italienische Feuerwehr, Carabinieri, Blutkonserven. Das sieht nicht gut aus, meine Damen und Herren. Was hat das noch mit Sport zu tun? Aber ich höre gerade über den Kopfhörer, Moment, genau, gleich kommt das heute journal, meine Damen und Herren. Vielleicht ist Marietta Slomka ja schon in der Lage, ein wenig Licht in die bestürzenden Ereignisse dieses Olympiatages zu bringen.

Redaktioneller Nachtrag:

Der Sport ging unter im katastrophalen Wirrwarr des Skiathlon-Rennens. Aber die Platzierung unserer deutschen Teilnehmerin wollen wir doch noch nachliefern. Sie verfehlte die Top Twenty nur knapp. Der vierundzwanzigste Platz liegt trotzdem recht weit unter den Erwartungen. Wie wir nach dem Rennen in den Katakomben erfuhren, soll es am Waxing gelegen haben. Die Sprecherin der Langläuferinnen wies in der Pressekonferenz darauf hin, dass die Sportlerinnen lange vor den Olympischen Spielen die Entscheidung des Innenministeriums kritisiert hätten, das Waxing aus Kostengründen outzusourcen. Insbesondere die Vergabe an die als Schwesterbetrieb der Bahn neugegründete DB-Wax stand im Zentrum heftigen Unmuts.

Stefan Siegert ist Autor mit Schwerpunkt Musik und politisches Feuilleton


Bild oben: Symbolbild mit KI (ChatGPT) erstellt