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Collagen über Jahrhunderte deutsch-russischen Verstehen-Lernens

Von Rainer Rupp

Teil I

Erstveröffentlichung am 03.01.2026 auf RT DE

Wer im „besten Deutschland aller Zeiten“ Russland und seine Einwohner nicht verurteilt, läuft Gefahr, zur Zielscheibe von gehässigen Medien- und Politiker-Attacken zu werden. Dabei haben sich Deutsche und Russen seit Jahrhunderten freudig bemüht, sich besser zu verstehen und zu achten.

Es gibt ihn noch in Deutschland, den deutsch-russischen Kulturaustausch. Dafür musste man aber kurz vor Weihnachten ganz weit weg von Berlin gen Westen fahren, ins saarländische Beckingen im französisch-deutsch-luxemburgischen Dreiländereck. Dort gab es in der lokalen „Kulturwerkstatt“ eine bis auf den letzten Platz ausgebuchte deutsch-russische Feier, bei der weder der Hunger nach Kultur und intellektuellem Austausch noch der nach Spezialitäten der russischen Küche zu kurz kam. Begleitet war die Veranstaltung von Live-Chorgesang und Tänzen aus Russland zur Freude und Erbauung der Mitglieder der „Gesellschaft für deutsch-russische Freundschaft“ und deren geladenen Gäste.

Von besonders intellektuellem Genuss war der Vortrag unter dem Titel „Die Wahrnehmungen des Anderen – Betrachtungen von Deutschen und Russen im Spiegel der Literatur im Laufe der Jahrhunderte“, der auf einer „Collage“ von Dr. Thomas Hohnerlein basierte. Diese mehrteilige Artikelserie führt den geneigten RT-Leser mit vielen literarischen Auszügen durch die Jahrhunderte deutsch-russischen Kennenlernens, was aktuell den deutschen und EU-Eliten so verachtenswert erscheint.

Laut der bemerkenswerten Ausarbeitung von Dr. Hohnerlein wissen schriftliche Dokumente und die Literatur im umfassenden Sinne schon vor vielen Jahrhunderten über recht intensive, wiederkehrende und anhaltende Kontakte zwischen Deutschland und Russland und ihren Kulturen zu berichten.

Die „Rus“ und die „Russen“ sind schon in den mittelhochdeutschen Epen und in den Werken der deutschen Dichter des Mittelalters nichts Seltenes. So werden sie schon gemeinsam mit den Griechen und den „wilden Petschenegen“ unter den Kriegern des Königs Etzel im Nibelungenlied erwähnt.

Erste dokumentierte Kontakte Ende des 15. Jahrhunderts

Auf Überlieferungen über die ferne Rus‘ stoßen wir schon bei Walther von der Vogelweide, Hartmann von Aue, bei Tannhäuser oder Ulrich von Lichtenstein. Und bei Oswald von Wolkenstein (1377-1445), einem deutschen Dichter aus dem Val Gardena in Südtirol, der nach den Vorbildern der Reisepoesie erzogen war, der die „russischen“ Lande besuchte und die „russische“ Sprache kannte. Immer wieder gibt es in den alten Schriften Bezüge zu Russland oder den Russen:

„Ich han gewandelt manig her, gen Preussen, Reussen, über mer. Es wär noch vil ze sagen … was ich in jungen tagen, geabenteuert han, mit cristan, Reussen, haiden“

Und von einem Schiffbruch, den er gemeinsam mit einem Russen – einem Seemann oder gleichfalls Kaufmann? – auf dem Schwarzen Meer während einer Reise nach Trapezunt in der heutigen Türkei erlitt, weiß er zu berichten:

„die swarze se lert mich ain fass begreiffen, do mir zerprach mit ungemach mein wargan\n, ein kauffman was ich, doch genas ich und kam hin, ich und ain Reuss.“

Anhand des folgenden Beispiels, das als literarisch nur im weiteren Sinne zu betrachten ist, soll deutlich werden, dass es insbesondere der Handel des aufkommenden Bürgertums, sprich die wachsende Kaufmannschaft war, die nach den bislang überwiegend militärischen Berührungen zwischen den Völkern –den Feldzügen der Kreuzritter nach Litauen und der Rus, einzelnen Erkundungsreisen bis „in ein ander lant, daz war Russenia genant“ – nun vermehrt den ökonomischen und damit auch den kulturellen Austausch beförderte.

Eine gewaltige Rolle in den Beziehungen zwischen deutschen und russischen Kaufleuten spielten die Spezialdolmetscher, die den einzelnen Hansestädten – Lübeck, Tallinn, Riga, Malbork, Kaliningrad bis nach Nowgorod – zur Verfügung standen. Auf diese Art war allerdings die Verständigung ein aufwendiges Verfahren, und es sollte sich – ähnlich wie im Handel zwischen Venedig und den oberdeutschen Städten, wie z.B. Nürnberg und Augsburg – als nützlich erweisen, dass es vermutlich Kaufleute waren, die zur Selbsthilfe griffen und ihre alltägliche berufliche Praxis in Form mehrsprachiger Wörterbücher dokumentierten.

Was im Falle des oberdeutsch-venezianischen Austausches ein Adam von Rottweil mit seinem deutsch-venezianischen Wörterbuch von 1477 leistete, fand, wenn man so will, einen Nachahmer in einem Deutschen, der Russisch lernen wollte und sehr wahrscheinlich auch in Russland weilte, und seinem „Russischbuch“, das vermutlich vom Ende des 15. Jahrhunderts stammt. Es könnte laut linguistischen Studien im Gebiet Nowgorod entstanden oder aber mithilfe eines Russen aus Nordwestrussland zusammengestellt worden sein.

Die Vertreter vieler ausländischer Handelsgesellschaften, die im 16. und 17. Jahrhundert in Russland tätig waren, trachteten wiederholt danach, über Moskau einen Handelsweg gen Osten einzurichten. Der Herzog von Holstein, Friedrich III., erhielt vom russischen Zaren 1633 die Genehmigung, Waren aus Persien über das Kaspische Meer entlang der Wolga und Oka nach Moskau zu bringen und von dort auf dem Landweg gen Westen. Diese Gesandtschaft wurde bekanntlich hervorragend vom Sekretär der Delegation, dem hochgebildeten Historiographen Olearius beschrieben, dessen ausführliche Schrift „Reisebeschreibungen“ mit zuweilen sehr ablehnenden Charakterisierungen der russischen Menschen bis heute zu den bemerkenswertesten Büchern über Russland gehört, das vielfach in fremde Sprachen übersetzt wurde und einen Ehrenplatz auch in russischen Bibliotheken fand.

Bei Olearius stößt man auch auf den Namen Paul Fleming, und hier beginnt es in der Tat literarisch im engeren Sinne zu werden. Fleming, der alles, was ihm und seinen Begleitern auf der Reise begegnete, mit unversiegbarer Neugier, Begeisterung und Wissbegierde aufnahm, widmete der Reise ein ganzes Buch mit Sonetten, Sendschreiben und Oden. Er gilt als größter deutscher Dichter des 17. Jahrhunderts und als direkter Vorläufer der klassischen deutschen Dichtung, der Epoche von Goethe und Schiller. Wir haben es also nicht nur mit dem größten deutschen Poeten seines Jahrhunderts zu tun, sondern auch mit einem Russland-Reisenden, und mit dessen Reiseeindrücken sind die besten Früchte seines poetischen Schaffens verknüpft. Flemings Poesie entspringt dem eigenen Erlebten.

Verliebt in die einfachen russischen Menschen

Fleming hielt sich während der Gesandtschaft im Jahre 1634 für längere Zeit in Nowgorod auf. Er hatte sich vermutlich vor dem Hintergrund der Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges entschlossen, sein Heimatland für immer oder zumindest für lange Zeit zu verlassen. Nach Überschreiten der Grenze zum russischen Reich war er gleich von ganz anderen Bildern beeindruckt. Sehr bald erhielt Fleming die Möglichkeit, das russische Leben ganz aus der Nähe kennenzulernen und sich an die Besonderheiten dieser Lebensweise zu gewöhnen.

Und wie sein Vorbild, der römische Dichter Ovid, während seiner Verbannung in das skythische Südrussland, so will auch Fleming in neuer Umgebung das Neue besingen: „Ich wolt, als wie ich vor bei meiner Muld und Saalen, um euren Obi tun, in den begrünten Talen, der Neeper wohnhaft sein und eures Landes Zier auf mein und euer Art den Wäldern singen für.“ (In heutigem Deutsch heißt das in etwa: „Ich wünschte, ich könnte wieder wie früher bei meiner Mulde [Fluss in Sachsen] und Saale, mit eurem Obst in den grünen Tälern des Dnjepr [Fluss in der Ukraine] wohnen und die Zierde eures Landes auf meine und eure Art den Wäldern vorsingen.“)

Der nachfolgende Auszug entstammt laut Dr. Hohnerlein einem Gedicht Flemings über das Leben der Nowgoroder Bauern, in dem er deren unkomplizierte Lebensweise ausbreitet, ihren Lebenskreis von der Wiege über die Heirat bis zum Begräbnis, ihre Sitten und Bräuche, ihre Betätigungen, ihre Sorgen und naiven Freuden. Das Werk selbst sei sehr stark idealisierend und stimme mit den realen Bedingungen vor Ort in jener Zeit nicht überein. Der vor dem Krieg in Deutschland geflüchtete Fleming sucht das Positive im neuen Land, und dies mit großer Begeisterung und ernsthafter Zuneigung:

„Zeuch in die Mitternacht [eine Metapher für „Zieh in das Unbekannte“], in das entlegene Land, das mancher tadelt mehr, als das ihm ist bekant! Tu‘, was dir noch vergünnt der Frühling deiner Jahre! Laß sagen, was man will! Erfahre du das Wahre! Dem traut man, was man sieht. Und hoffe diß darbei, daß in der Barbarei auch was zu finden sei, das nicht barbarisch ist! Wolan, ich bin vergnüget. Es hat mich nicht gereut, das ich mich her verfüget… Ich muß die Leute preisen, die so wie diese sind.“

Deutsche als Minister in russischen Regierungskabinetten

Ende des 17. Jahrhunderts kommt es in Russland zu einer einschneidenden Zäsur: Im Jahre 1696 übernimmt der damalige Zar und spätere Kaiser Peter I. die Alleinregentschaft. Hier zitiert Dr. Hohnerlein den Philosophen und Publizisten Hauke Ritz, der in seinem jüngst erschienen Buch „Vom Niedergang des Westens zur Neuerfindung Europas“ schreibt:

„Zwischen der Zeit Peter des Großen … bis zur Amtszeit Bismarcks am Ende des 19. Jahrhunderts bestand sogar eine Deutsch-Russische Allianz, die sich durch einen engen Handels- und Kulturaustausch, militärische Allianzen sowie die Auswanderung von Hunderttausenden von Deutschen nach Russland manifestierte. In dieser Zeit hat Russland einen großen Teil seiner Modernisierung in Kooperation mit deutschen Wissenschaftlern, Kaufleuten, Handwerkern und Diplomaten erfahren. In vielen russischen Regierungskabinetten arbeiteten Deutsche als Minister, dreimal waren Deutsche in Russland Kanzler und in Gestalt von Katharina der Großen sogar einmal Zarin.“

Unter Berücksichtigung des Themas dieser Ausarbeitung sollen uns hier weniger die politischen und ökonomischen Errungenschaften der petrinischen Reformen interessieren als vielmehr die kulturellen und ideologischen Interessen, die nach Peters Plänen von der neugegründeten Akademie der Wissenschaften befriedigt werden sollten. Das nahezu analphabetische und unwissende moskowitische Russland verfügte laut dem Autor der Collagen „noch nicht über ausreichendes Lehrpersonal, und so musste man im Laufe des ganzen 18. Jahrhunderts zu diesem Zwecke Fachleute aus ganz Westeuropa, vornehmlich aus Deutschland heranziehen“.

Deren Augenmerk richtete sich nicht zuletzt auch auf Fragen der Geschichte der russischen Sprache und der Literatur. Es sollte der Übergang vom episodenhaften, zuweilen spärlich dokumentierten, eher gelegentlichen Berühren der beiden Kulturen hin zu einem breiteren, vielfach von lebhaftem Interesse geprägten Durchdringen der beiden kulturellen Sphären werden, wie wir im nachfolgenden Teil II feststellen werden.


Teil II

Erstveröffentlichung am 04.01.2026 auf RT DE

Während Thomas Mann Alexander Sergejewitsch Puschkin für einen der vier größten Dichter des Abendlandes hält, werden aktuell in der Musterdemokratie Ukraine, der Beschützerin unserer westlichen Werte, die Denkmäler, die an Puschkin erinnern, auf offizielle Anordnung zerstört.

Die im Laufe des 18. Jahrhunderts in Deutschland und in Russland im Entstehen begriffenen Nationalliteraturen sollte sich für die nächsten 200 Jahre und darüber hinaus immer wieder deutlich aufeinander beziehen, sowohl hinsichtlich der Personen und der Formen als auch hinsichtlich der Inhalte. In diesem Zusammenhang verweist der Autor der Collage, Dr. Thomas Hohnerlein, auf das „Handbuch der allgemeinen Geschichte der litterärischen Cultur“, erstmals erschienen in Marburg in den Jahren 1804/05.

In diesem Werk verblüffe Ludwig Wachler mit der ersten vollständigen und zusammenhängenden Darstellung der Entwicklung der russischen Literatur, und durch seine Kenntnisse von Lomonossow (der übrigens von 1736–41 in Deutschland studierte), Wassili Trediakowski, Iwan Chemnitzer, Iwan Dmitrijew und Nikolai Karamsin.

In der dritten Ausgabe von 1833 fügt er u. a. Alexander Sergejewitsch Puschkin mit den Worten hinzu: „urwüchsig stark ist A. Puškin“.

Laut Dr. Hohnerlein vermittelt uns Puschkin in seiner Poesie einen Eindruck, wie stark der Einfluss aus Deutschland zuweilen war; so sei z. B. der des „Stürmers und Drängers“ Johann Wolfgang von Goethe auf Puschkins „Eugen Onegin“ „unübersehbar“. Gleich am Anfang des Romans finden wir eine Stelle, an der die junge Tatjana in ihrem Helden, Eugen, die Verkörperung einiger literarischer Gestalten, u. a. die des „Werther, dieses Herz in Flammen“ sieht. Und in Tatjanas Monolog am Ende des Versromans, der sich an Eugen richtet, könne man ohne Schwierigkeiten weitgehende Übereinstimmungen mit Lottes Einrede von Goethes Werther feststellen.

Zu „Eugen Onegin“ sei noch am Rande bemerkt, dass Karl Marx und Friedrich Engels ihr Studium der russischen Sprache mit einer Lektüre ebendieses Werks verbanden.

Aber nicht nur der jugendliche Stürmer und Dränger Goethe habe seine Spuren in Puschkins Werk hinterlassen, sondern auch der reife, späte Goethe und sein Opus Magnum, der „Faust“. Der war für Puschkin „die größte Schöpfung dichterischen Geistes“, vergleichbar mit der „Ilias“ in der klassischen Literatur der Antike.

In vielen Werken Puschkins ließen sich Bezüge zu Goethes Faus finden (z. B. im „Gespräch zwischen Buchhändler und Dichter“ bis hin zu den „Szenen aus der Ritterzeit“) Unübersehbar ist das in einer 1825 in Michailowskoje entstandenen eigenständigen Schöpfung Puschkins, dem faustischen Gedicht „Der Dämon“:

„Als ich noch jung war und mich eben
Des Lebens mächt’ger Ruf erst traf –
Ich oft den Nachtigallen lauschte
Und wie die alte Eiche rauschte.
Ein Mädchenblick ließ mich erbeben
Und raubte nachts mir wohl den Schlaf.

Und als Begeisterung sich regte,
Der Liebe Glut, des Ruhmes Glanz,
Die hohe Freiheit mich bewegte,
Mir Herz und Sinn erfüllten ganz,
Da ward die Hoffnung oft betrogen,
Vergällt ward oft mir der Genuß,
Dann heimlich kam zu mir geflogen
Ein abgrundböser Genius.

Unsre Begegnung war stets traurig,
Sein Lächeln droht mir allerwärts,
Sein Flammenblick umfaßt mich schaurig,
Gift träufelt mir sein Wort ins Herz,
Wenn er den höchsten Gott versuchte,
Mit Lästerworten, maßlos scharf,
Wenn alles Schöne er verfluchte,
Und die Begeisterung verwarf.

An Freiheit wollte er nicht glauben.
Die Liebe höhnte er so wüst.
Die ganze Schöpfung lag im Staube
Und war nicht wert, daß er sie grüßt.“

Es fällt schwer, bei diesen Zeilen nicht an Faust und Mephistoteles zu denken, meint Hohnerlein und verweist als Nächstes auf das das Gedicht „Der Dolch“, das Puschkin dem radikalen deutschen Burschenschaftler und Mörder von August von Kotzebue, Karl Ludwig Sand, gewidmet hat. Es dürfe vermutet werden, so der Autor, dass dieses Gedicht Puschkins patriotische Kritik an der zunehmend autokratischen Herrschaft des einst eher als liberal angesehenen Zaren Alexander I. zur Grundlage gehabt hatte.

Es war die Zeit unmittelbar nach den Karlsbader Beschlüssen, als die Teilnehmer des Wiener Kongresses die angestrebte Restauration der autoritären, teils noch absolutistischen Feudalherrschaft durch Einschränkung der Pressefreiheit und offene Zensur abzusichern suchten. Auch Puschkin war unmittelbar von Zensurmaßnahmen der Zaren (insbesondere auch von Alexanders Nachfolger Nikolai I.) betroffen, wodurch er sich nicht selten gezwungen sah, seine Werke in Teilen zu verstümmeln, damit er sie überhaupt publizieren konnte, ergänzt Dr. Hohnerlein und fügt als Beispiel einen kurzen Ausschnitt aus Puschkins „Der Dolch“ an:

„Der Pöbel rast, entfacht die wilde Rebellion,
Das Blut schäumt, finstere Gewalten
Enthaupten Liberté, verwalten
Wird nun als Schreckensmacht der Henker ihren Thron.

Er ordnet neu die Welt, mit einem Fingerschnippen
Schickt er zum Hades seinen Feind.
Doch ein Jüngling flink erscheint
Und stößt den Dolch ihm in die Rippen.

Oh du vom Schicksal auserwählter junger Held,
Oh Sand, du gabst dein Leben hin.
Dein Körper durch das Richtschwert fällt,
Doch auferstehen wird dein stolzer Sinn.

In deinem deutschen Marterland bleibst du Gefahr,
Als ewger Schatten fürchtet dich die Macht,
Und über deinem Grabe wacht
Des Dolches Schneide unsichtbar.“

Deutlich trifft hier laut Hohnerlein Rosa Luxemburgs Aussage von 1918 zu, als sie ausdrücklich auf den gesellschaftlichen Bezug in Puschkins Schaffen hinwies und schrieb, dass die russische Literatur, mit Puschkin und Michail Lermontow beginnend, „in unvergleichlichem Glanz eine sichtbare Fahne vor der Gesellschaft ausgerollt“ habe.

Später fanden sozialistische und antifaschistische Schriftsteller während der Hitlerdiktatur in der Emigration verstärkt Zugang zu einem inzwischen vollständigeren und unzensierten Puschkin-Bild.

So schrieb z. B. Erich Weinert 1890–1953), ein deutscher Kommunist, 1937 ein rebellisch-proletarisches Gedicht mit dem Titel „Puschkin in einer regendichten Abenddämmerung am Fenster in seiner dunklen Stube in Michailowskoje“:

„Tot ist der Abend.
meiner Seele Segel,
Das heitren Tags von Sonnenwind geblähte,
Hängt schlaff und naß, und morsch bis in die Nähte.
Doch bin ich noch nicht mürb, gekrönter Flegel.

Tief ist die Nebelnacht.
Doch über sie
Wölbt sich mein Himmel, den du nie erflügelt.
Ein süßes Mittel hast du ausgeklügelt:
Ein feines Gift ist die Melancholie.

In deinen Sälen ist nicht Nacht und Nebel.
Dort frißt man sich am Fleisch des Volkes satt.
Das Volk kann noch nicht schreien, da es den Knebel
der Bojarenfaust noch im Rachen hat.
Von tausend Kerzen flammen die Paläste.
Kein Aufruhr stört die Symphonie der Feste.
Schon schloß das Eis der Newa schwarzes Maul.
Und schwarz liegt die Bastille Peter-Paul.

Nun kommt die Nacht mit nassen Leichenhänden.
Was kriechst du unter meinem Fenster hin,
Armseliger Knecht?
Mußt du dich selber schänden?
Du weißt doch, daß auch ich gefangen bin!
Krumm streichst du wie ein scheues Tier ums Haus.
O könnt ich deinen Rücken grademachen!
Ich würde einen Donnerwind entfachen,
Der blies in Petersburg die Kerzen aus.

Rot wird der Nebel,
Wie von fernem Brande –
Da strömt es,
Regiment an Regiment!
Da kommt mein Volk.
Und seine Fahne brennt.
Und wo sie brennt, wird’s hell im Vaterlande.
Ich fühl den heißen Brand mir im Gesicht.
Ich seh mein Volk mit stolzen Stirnen schreiten …
O sklavisches Jahrhundert!
Dieses Licht
In meiner Seele, du erstickst es nicht,
Auch nicht in der Verbannung Dunkelheiten“.

Thomas Mann, der weitaus als einer der größten – und oft sogar als der bedeutendste – deutschsprachige Schriftsteller und Literat des 20. Jahrhunderts gilt, schrieb über Puschkin:

„Nach den dichterischen Genien meiner Liebe und Wahl befragt, und sollten es auch nur sechs sein, nur vier, würde ich Puschkins Namen nicht vergessen … Puschkin, der slawische Lateiner, war volksecht und europäisch wie Goethe, wie Mozart.“

Bei Puschkin, der noch in der Enge des scheinliberalen Zarismus Alexanders I. und der schon wieder offen reaktionären Regentschaft Nikolais I. nach dessen Niederschlagung der Dekabristen lebte und arbeitete, deutete sich in seinem Sand gewidmeten Gedicht „Der Dolch“ das neuerliche Aufbrechen der gesellschaftlichen Widersprüche schon an.

Alexander Herzen (Iskander), geboren in Russland im Jahr 1812, wird mitten in diese bedeutungsschwangeren Zeiten hineinwachsen. Als Heranwachsender und Erwachsener unternahm er mehrere Reisen nach Westeuropa. Dort verbrachte er zahlreiche, teils längere Aufenthalte (teilweise durch Exil begründet) u. a. auch in Deutschland und später in England. Diese Begegnungen mit der westeuropäischen Kultur und Politik sollten starken Einfluss auf seine geistige Entwicklung haben.

1837, im Todesjahr Puschkins, und 1838 hielt er sich in Dresden und der Schweiz auf, wo er seine Kenntnisse der deutschen Philosophie intensivierte. Er lernte schon als junger Mann Deutsch und las früh Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Immanuel Kant, Johann Gottlieb Fichte und Ludwig Feuerbach. Hegel blieb seine wichtigste Bezugsperson, und Herzen selbst betrachtete sich später als „linken Hegelianer“. 1849/50 hielt er sich in Berlin, Potsdam und Hamburg auf. Nach der Niederschlagung der bürgerlichen Revolution von 1848/49 beobachtete Herzen in Berlin das politische Klima im restaurativen Preußen. 1850 verfolgte er den Kölner Kommunistenprozess.

Aus seiner Zeit in England, wo er 1852 ankam, stammt folgende Charakterisierung der deutschen Emigration, die der Niederschlagung der Revolution 1849 folgte. Mit Witz und Ironie zeichnet er ein Bild der deutschen Anführer der bürgerlichen Revolution. Laut Dr. Hohnerlein, auf dessen in Teil I vorgestellten ausführlichen Recherchen („Collage“) dieser Artikel sich bezieht, würde es sich lohnen ein ganzes Kapitel aus Herzens Beschreibung ausführlich zu zitieren. Denn „man fühlt sich auch hier an aktuelle Charaktere und ihre Auseinandersetzungen in der Linken erinnert“, so Hohnerlein:

„Die deutsche Emigration unterschied sich von den anderen durch ihren schwerfälligen, langweiligen und zänkischen Charakter. Es gab bei ihr keine Enthusiasten wie bei den Italienern, es gab weder Hitzköpfe noch rasche Zungen wie bei den Franzosen. Die anderen Emigrationsgruppen zeigten wenig Neigung, mit ihnen in nähere Beziehungen zu treten; der Unterschied in den Manieren, im Habitus, veranlasste sie, eine gewisse Distanz zu wahren; die französische Frechheit hat nichts gemein mit der deutschen Grobheit.

Der Mangel an allgemein üblicher weltmännischer Haltung, der schwerfällige schulmäßige Doktrinarismus, die übermäßige Vertraulichkeit, die überflüssige Offenherzigkeit bei den Deutschen erschwerten für Leute, die daran nicht gewöhnt waren, den Umgang mit ihnen. Aber auch die Deutschen selbst waren nicht sonderlich um Kontakt bemüht, da sie sich einerseits in ihrer wissenschaftlichen Entwicklung für weit höherstehend als anderen betrachteten, anderseits in Gegenwart der übrigen das peinliche Gefühl nicht loswurden, das Provinzler in einem großstädtischen Salon und Beamte in einem aristokratischen Kreis befällt.

Innerhalb der deutschen Emigration herrschte dieselbe Zerfallenheit wie in ihrer Heimat. Einen gemeinsamen Plan hatten die Deutschen nicht, ihre Einheit wurde aufrechterhalten durch gegenseitigen Hass und boshafte gegenseitige Verfolgungen. Die besten unter den deutschen Verbannten fühlten dies. Tatkräftige Menschen, reine Menschen, kluge Menschen wie K. Schurz, wie A. Willich, wie Reichenbach gingen fort nach Amerika. Sanft geartete Menschen schützten ihre Geschäfte vor, entschuldigten sich mit den Londoner Entfernungen, wie es Freiligrath tat. Die übrigen, mit Ausnahme von zwei, drei Anführern, rissen einander in unermüdlichem Ingrimm in Stücke und schonten weder Familiengeheimnisse, noch verschmähten sie die ärgsten kriminellen Anschuldigungen.“

Im nachfolgenden Teil III wächst die Zahl der großen russischen und deutschen Dichter und Denker, die einander befruchtet und hoch geschätzt haben exponentiell an, angefangen mit der Freundschaft zwischen Theodor Storm und Iwan Turgenjew.

Rainer Rupp ist Mitglied des Beirats des Deutschen Freidenker-Verbandes


Bild oben: Collage Alexander Puschkin / Thomas Mann unter Verwendung von:

Alexander Puschkin
Gemälde von Orest Adamowitsch Kiprenski, Gemeinfrei
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Thomas Mann
Foto: Nobel Foundation, Public Domain
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