Gedenken als Widerstand gegen Kriegstreiberei und Geschichtsfälschung
80 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges wird die Rolle der Sowjetunion zunehmend verschwiegen oder falsch dargestellt. Das trifft auch das Erinnern an den Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher. Eine Veranstaltung in Nürnberg hat sich dagegen gewandt. Tilo Gräser war dabei.
von Tilo Gräser
Erstveröffentlichung am 25.11.2025 auf transition-news.org
Vor 80 Jahren, am 20. November 1945, begann im Saal 600 des Nürnberger Justizpalastes der erste Prozess gegen die deutschen faschistischen Kriegsverbrecher. Das Internationale Militärtribunal begann an dem Tag seine Arbeit und fällte am 30. September und 1. Oktober 1946 seine Urteile gegen 21 führende Vertreter des faschistischen Dritten Reiches.

Eigentlich hatte der Prozess schon zwei Tage zuvor, am 18. November in Berlin, begonnen, wo die alliierten Anklagebehörden gemeinsam die Anklageschrift öffentlich vorstellten und die acht Richter aus der Sowjetunion, den USA, Großbritannien und Frankreich vereidigten. Das Verfahren wurde dann im Ostflügel des Nürnberger Justizpalastes durchgeführt, der inmitten der weitgehend zerbombten fränkischen Stadt erhalten geblieben war.
80 Jahre später erinnerte eine Veranstaltung der Gesellschaft für Deutsch-Russische Freundschaft (GDRF) in Nürnberg an den Prozess, seine Hintergründe sowie an die Lehren daraus. Dabei ging es auch darum, dass die Geschichte des 2. Weltkrieges und der Folgen derzeit im Westen umgeschrieben wird, insbesondere mit Blick auf die Rolle der Sowjetunion.
Die Regionalgruppe Bayern der Freundschaftsgesellschaft hatte zu der Veranstaltung eingeladen, die Catrin Heidecker, Leiterin der Gruppe, organisierte. Zum Programm gehörte neben einer Kranzniederlegung an den Gräbern der mehr als 5.000 sowjetischen Kriegsgefangenen auf dem Nürnberger Südfriedhof einschließlich einer kurzen Andacht des russisch-orthodoxen Erzpriesters Pjotr Stepanow und einer Diskussionsrunde zum Thema auch die Vorführung des russischen Spielfilmes «Nürnberg» von Regisseur Nikolai Lebedew aus dem Jahr 2023 nach dem gleichnamigen Roman von Alexander Swjagintsew. Er berichtete danach per Videoschaltung von seiner Arbeit an dem Material für den Film.
Auf dem Friedhof in Nürnberg liegen neben Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern aus mehreren europäischen Ländern auch jene, die aus der Sowjetunion verschleppt wurden und fern ihrer Heimat starben. Auf dem Gelände erinnern Stelen und Namenstafeln an den Gräberfeldern an die Opfer der deutschen Faschisten.

Sind die Namen und Daten der meist jungen Opfer schon beeindruckend, so wird der bewegende Eindruck noch erhöht durch die Fotos der Ermordeten, Verhungerten und an Krankheit Gestorbenen. Das Russisch-Deutsche Kulturzentrum in der Stadt hat ihre Porträts auf Transparenten zu den jeweiligen Stelen gestellt. Die Aufnahmen hatten die deutschen Faschisten von ihren Opfern gemacht, oftmals ist nicht einmal der Name dabei, nur die Gefangenennummer.
Dank für Mut und Verantwortung

An diese Menschen, die den Deutschen nichts getan hatten und nur versuchten, ihre Heimat zu verteidigen, bevor sie fern von ihr sterben mussten, erinnerte Oleg Krasnitskiy in einer Ansprache. Er ist der Generalkonsul Russlands in Bonn, wo das letzte Generalkonsulat des Landes in Deutschland ist, nachdem die anderen auf deutschen Druck geschlossen wurden. Der Diplomat dankte den deutschen Organisatoren und Teilnehmern:
«In der Realität der heutigen Zeit ist das nicht selbstverständlich, dass solche gemeinsamen Aktionen möglich sind. Das erfordert auch Mut, das erfordert Verantwortung, das setzt voraus, dass Leute an ihre fairen Ziele und Überzeugungen glauben.»
Es sei wichtig, diese Kontakte zu pflegen und offen zu sein für den Dialog sowie die «Diskussion über die heutige schwierige Zeit». Der Diplomat sagte, er sei zuversichtlich, dass diese Kontakte helfen, die deutsch-russischen Beziehungen in Zukunft wieder besser zu gestalten. Mit Blick auf die sowjetischen Opfer des deutschen Faschismus betonte er:
«Diese Gräber sind Zeitzeugen der Naziverbrechen. Diese Gräber sind auch Banner für jetzige und zukünftige Generationen, dass der Frieden bewahrt werden muss. Diese Gräber bestätigen auch, dass gegen das Sowjetvolk, gegen Sowjetmenschen, ein Genozid verübt worden war.»
Moskau bemühe sich darum, dass der faschistische Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion von 1941 bis 1945 international als Völkermord anerkannt wird. Das war auch bei den Nürnberger Prozessen, die als Beginn des modernen Völkerrechts gelten, nicht geschehen, bei denen nur die Vorbereitung und Durchführung eines Angriffskrieges einer der Anklagepunkte war.

Er sehe in Deutschland keine Feindschaft gegen Russland, so Krasnitskiy, die es umgekehrt auch in seiner Heimat nicht gebe. Die aktuelle politische und mediale Russlandfeindschaft werde nur «künstlich erzeugt, um gewisse politische Ziele zu verfolgen, um von der Verantwortung für die wirtschaftlichen Folgen des Konfrontationskurses in Europa abzulenken». Der Konflikt in der Ukraine könne nur gelöst werden, wenn die Sicherheitsinteressen aller Staaten berücksichtigt werden, sagte der russische Diplomat mit Blick auf die Gegenwart.
Erinnerung und Mahnung

Ähnlich beschrieb es Kirill Dragun, Generalkonsul der Republik Belarus in München, in seiner kurzen Ansprache auf dem Friedhof. Auch er befand, «dass diese Veranstaltung unter den heutigen Umständen, der heutigen geopolitischen Situation in Europa, als präzedenzloses Beispiel für den bürgerlichen Mut der Organisatoren und ihr Engagement für die Ideale des Humanismus und Antifaschismus gelten kann».
Er erinnerte daran, dass jeder dritte Einwohner der damaligen Belorussischen Sowjetrepublik durch den Krieg der Faschisten ums Leben kam. «Die Erinnerung an diesen Krieg ist uns heilig», erklärte der Diplomat und fügte hinzu:
«Am wichtigsten ist es, die Erinnerung an die wahren Folgen des Zweiten Weltkrieges zu bewahren und diese Erinnerung durch Veranstaltungen wie diese an zukünftige Generationen weiterzugeben. Das ist unsere Pflicht, unsere Aufgabe, unsere Mission, die wir nur gemeinsam erfüllen können.»
Zuvor hatte Organisatorin Catrin Heidecker darauf hingewiesen, dass Nürnberg als «Stadt der Reichsparteitage» die Stadt ist, in der die Parteitage der NSDAP stattfanden, «in der das Ungeheuerliche ideologisch geplant und vorbereitet wurde». Sie sei «aber auch mit den Prozessen, in denen die Hauptverantwortliche dieser Unmenschlichkeit zur Verantwortung gezogen wurden, in die Weltgeschichte eingegangen».
«Nürnberg steht somit nach der Nacht des Faschismus auch für das Licht der Gerechtigkeit.»

Der Kalte Krieg habe später verhindert, dass die Einigkeit zwischen den Alliierten aus dem Kampf gegen den Faschismus hilft, die notwendigen Konsequenzen zu ziehen. «Schlimmer noch, heute rüstet Deutschland zum dritten Mal wieder für einen Krieg – wieder gegen den Osten, wieder gegen Russland», bedauerte Heidecker. Deutschland solle «kriegstüchtig» und mit Aufrüstung und Militarisierung aller Bereiche gegen den Feind auch «siegfähig» gemacht werden.
Die Gesellschaft für Deutsch-Russische Freundschaft fordert nach den Worten ihrer bayrischen Regionalleiterin «ein Ende des Hasses, der Kriegsunterstützung und der erneuten Kriegsvorbereitung!»
«Das sind wir den Millionen Opfern, derer wir heute und hier gedenken, sowie den künftigen Generationen schuldig. Jeder hat die Pflicht, Völkermord zu verhindern! Das ist unsere Verpflichtung aus Nürnberg!»
Gerechtigkeit und Würde

Zu den insgesamt 120 Teilnehmern auf dem Friedhof sowie bei der Veranstaltung am Nachmittag gehörte Hans Bauer. Er war stellvertretender Generalstaatsanwalt der DDR und ist Vorsitzender der Gesellschaft zur rechtlichen und humanitären Unterstützung (GRH). Auf dem Nürnberger Friedhof erinnerte er daran, dass eigentlich insgesamt 13 alliierte Prozesse gegen deutsche Kriegsverbrecher geplant waren, aber nur einer zustande kam.
Der Anstoß dazu sei von der Sowjetunion gekommen, die erste Prozesse dieser Art bereits 1943 durchführte, so in Charkow. Es sei darum gegangen, «Gerechtigkeit zu üben, die Würde der Opfer wiederherzustellen. Einer gerechten Strafe zuzuführen.» Das Besondere des Nürnberger Prozesses und die Lehre bis heute sei, «dass einzelne Personen, die einen ganzen Staat missbraucht haben, ein ganzes Volk missbraucht haben, zur Verantwortung gezogen werden».
Bauer ging in seiner Ansprache wie später in der Diskussion nach der Filmvorführung auf die aktuelle Geschichtsverfälschung ein. So wurde in einer aktuellen Dokumentation des Senders Arte zum Nürnberger Prozess zwar viel über die faschistische Judenvernichtung gesprochen, aber der faschistische Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion mit seinen 27 Millionen Toten nur beiläufig erwähnt – obwohl es sich um einen der Hauptgründe für das Verfahren vor 80 Jahren handelte.
Es sei kaum zu glauben, so der Jurist, dass die Geschichte so gefälscht werde, dass das EU-Parlament in einer Erklärung behauptete, die Sowjetunion trage Mitschuld am Zweiten Weltkrieg. In Deutschland werde diskutiert, die Denkmäler und Ehrenhaine für sowjetische Soldaten zu verändern oder gar abzureißen, warnte er vor einer «neuen Erinnerungskultur», die das Gedenken an die sowjetischen Opfer auslöscht.
Die Freundschaft mit Russland ist für Bauer nicht nur ein «Gebot der Vernunft», sondern kommt aus «dem tiefsten Herzen», wie er bei der Kranzniederlegung sagte. Nach dem Film berichtete er, dass er auch eine persönliche Beziehung zu dem Hauptkriegsverbrecherprozess von Nürnberg habe. So hat er nach seinen Angaben als DDR-Jurist den sowjetischen Hauptankläger Roman Rudenko bei einem Vortrag erlebt und einen der Journalisten kennengelernt, die damals von Nürnberg berichteten: Markus Wolf, den späteren Aufklärungschef der DDR.
Fehlstellen und Unterschiede
Er habe als Staatsanwalt bewundert, wie es vor 80 Jahren gelang, innerhalb kurzer Zeit den Prozess vorzubereiten, und wie die vier beteiligten Staaten trotz unterschiedlicher Rechtssysteme und Sichten dabei zusammenarbeiteten, erklärte Bauer. Zwar sei damals eine ganze Reihe faschistischer Organisationen als «verbrecherische Organisation» eingestuft worden, so die SS, die NSDAP-Führung und die Gestapo. Aber die deutsche Wehrmacht sei als «etwas Ehrenhaftes» ausgespart worden.
Doch ohne die Wehrmacht hätte der faschistische Vernichtungskrieg gar nicht stattfinden können, stellte Bauer klar und fügte hinzu: «Das war doch eigentlich die Hauptmacht dabei.» Nach dem Nürnberger Prozess habe der schon zuvor begonnene Kalte Krieg mit seiner antisowjetischen Stoßrichtung die Oberhand gewonnen.
Bauer ging auch darauf ein, wie unterschiedlich die in Folge des Zweiten Weltkriegs entstandenen beiden deutschen Staaten BRD und DDR versuchten, die faschistischen Verbrechen zu ahnden. In der alten Bundesrepublik seien etwa 7.000 Kriegsverbrecher verurteilt worden – und oftmals bald wieder aus der Haft entlassen worden –, in der DDR dagegen 13.000.

Es gebe eine niederländische Untersuchung über den unterschiedlichen Umgang der beiden deutschen Staaten mit den faschistischen Verbrechern, berichtete Bauer. Das Gemeinsame sei demnach gewesen: Beide gingen nach dem «Unsere Leute»-Prinzip vor. In der DDR seien «unsere Leute» die Opfer der Faschisten und die Widerstandskämpfer gewesen, für die BRD-Politiker dagegen «die Nazis, die wieder eingegliedert wurden».
Der Jurist verwies auf das Beispiel Hans Globke, engster Vertrauensmann des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer. Dessen Vergangenheit hatte ein 1963 in der DDR geführter Prozess gegen ihn aufgedeckt: Der spätere Staatssekretär des Bundeskanzlers hatte im Dritten Reich als Fachjurist maßgeblichen Anteil an der Ausarbeitung der Nürnberger Rassengesetze und verfasste später einen Kommentar zu diesen Gesetzen. Globke zählte damit zu den geistigen Wegbereitern der späteren «Endlösung der Judenfrage».
Auf diesen und ähnlichen Fälle machte 1965 auch das in der DDR veröffentlichte «Braunbuch. Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik» aufmerksam, auf das Bauer ebenso wie auf dessen Wiederveröffentlichung 2012 aufmerksam machte. Darin hatte ein internationales Autorengremium 1.200 Kurzbiografien von einflussreichen Stützen des deutschen Faschismus zusammengefasst, die nach 1945 in der Bundesrepublik Deutschland nicht nur weitgehend straflos ausgingen, sondern hohe und höchste Positionen einnahmen (Minister, Staatssekretäre, Generale und Admirale, Justizbeamte, Staatsanwälte, Richter, leitende Beamte des Auswärtigen Amtes, der Polizei und des Verfassungsschutzes).
Notwendige Erinnerung
Nikita Rajewski, Kultur-Referent der Russischen Botschaft in Deutschland, überbrachte zuvor ein Grußwort von Botschafter Sergej Netschajew. Die Urteile des Nürnberger Tribunals seien «ein zentrales Element des Bewusstseins für die tragischen Lehren der Geschichte, deren Aufarbeitung und rechtliche Bewertung sowie für die Gestaltung des völkerrechtlichen Ordnungsrahmens der modernen Welt», hieß es darin.
«In der gegenwärtigen Realität, wo in einer Reihe von europäischen Staaten die neonazistische Ideologie wieder auflebt, Märsche der SS-Veteranen stattfinden, Kollaboratoren heroisiert werden, Versuche zur Umschreibung und Fälschung der Geschichte zunehmen, Denkmäler für die sowjetischen Befreier abgerissen, Gräber geschändet und Symbole des großen Sieges verboten werden, ist es sehr wichtig, daran zu erinnern, welche enormen Opfer für den Sieg gebracht wurden.»
Den Teilnehmern wurde eine Ausstellung präsentiert, die dem Genozid am sowjetischen Volk während des Großen Vaterländischen Krieges 1941 bis 1945 gewidmet ist. Die Botschafts- und Konsulatsvertreter hatten das Material mitgebracht, das vom Nationalen Zentrum für historische Erinnerung beim Präsidenten der Russischen Föderation erarbeitet worden war.
Unter den Teilnehmern der Veranstaltung am Samstag war auch der Friedens- und Menschenrechtsaktivist Thomas Ulherr aus Nürnberg. Es sei für ihn ein wichtiges Anliegen, an die Geschichte zu erinnern, erklärte der 63-Jährige im Gespräch. Das sei gerade jetzt wichtig, wo sich Nürnberg mit dem Titel «Stadt der Menschenrechte» schmücke und behaupte, «Stadt des Friedens» zu sein.

Er bedauerte, dass die Stadt nach der kurzfristigen Absage durch den ersten Veranstaltungsort – aus Angst vor Problemen mit der ukrainischen Gemeinschaft – nicht das Rathaus dafür zur Verfügung stellte. Für ihn sind die Nürnberger Prozesse das «Fundament des modernen Völkerrechts», auf dessen Grundlage die Nationen zusammenleben müssten, «damit sie eben ihre Konflikte nicht militärisch, sondern anderweitig lösen, wie wir es im Zivilleben auch tun».
Es gebe in Nürnberg auch eine ganze Reihe offizieller Veranstaltungen zum Beginn des Hauptkriegsverbrecherprozesses vor 80 Jahren. Aber dabei werde die Rolle der Sowjetunion weitgehend ausgeblendet und kämen russische Vertreter kaum zu Wort, kritisierte Ulherr. Das sei aber gewissermaßen eine bundesdeutsche Kontinuität, wobei sich die Stadt in ihrer Erinnerungsarbeit schon offener gezeigt habe.
Lehren und Verdrängtes
Für ihn ist die Lehre aus dem Faschismus, «dass man Unrecht nicht duldet, dass man Tyrannei nicht duldet, dass man die Dinge, die jetzt passieren, eigentlich nicht duldet». Aber gegenwärtig würden «viel zu große Teile unserer Gesellschaft das sehr wohl dulden und nicht nur dulden, sondern aktiv mitmachen».
«Wir haben jetzt in Hessen Meldestellen für Gesinnungsvergehen, für Denkverbrechen. Das muss man sich ja vorstellen, und aufgrund der Meldungen dieser Meldestellen wird sogar dann die Staatsanwaltschaft und die Polizei aktiv. Vollkommen wahnsinnig.»
Er sei «sehr skeptisch» sagte er auf die Frage, ob er Hoffnung auf eine positive Veränderung habe. Auch die Intellektuellen würden erneut versagen, stellte der Friedensaktivist fest und sagte, das gelte auch für die gesellschaftlichen Organisationen wie die Kirchen und die Gewerkschaften. Er hoffe dennoch, «dass der Rest der Bevölkerung doch irgendwie zur Besinnung kommt».
Aaron Lorenz, Jahrgang 1978, aus dem thüringischen Brotterode war nach Nürnberg zu der Veranstaltung gekommen, «weil ich gegen Krieg bin». Sein Opa habe ihm erzählt, wie es im Krieg war. Im Pflegeheim, wo er arbeitete, habe er viele Menschen gesehen, «die das ihren Lebtag lang verdrängt haben, aber zum Ende ihrer Tage sich dann doch befreien wollten». Er habe erlebt, wie manche an ihrem Lebensende daran zerbrochen sind. Und:
«Ich wurde in der Nachtschicht mit Socken beworfen, weil sie dachten, die Russen kommen, und Granaten fallen. So war das in diesen Köpfen und in den Herzen eingebrannt.»
Lorenz hat sich intensiv mit der Geschichte beschäftigt und auch viel darüber gelesen, wie er sagte. Für ihn ist es wichtig, «bei der Wahrheit zu bleiben, die Realität zu betrachten, mir nichts einreden zu lassen, mein Wissen und mein Handeln danach auszurichten, was der Realität entspricht, und nicht diesen Lügen», erklärte er mit kritischem Blick auf Politik und Medien.

Der Prozess vor 80 Jahren sei wichtig gewesen, aber heute «wird alles unter den Teppich gekehrt und hingenommen». Er verwies auf das Beispiel des gegenwärtigen israelischen Völkermordes an den Palästinensern. Das Treiben des israelischen Premiers Benjamin Netanjahu werde nicht verfolgt, während beim Ukraine-Krieg Russland ein «Vernichtungskrieg» vorgeworfen werde und jeder Tote mehr zähle als die ermordeten palästinensischen Kinder und die anderen Opfer im Gaza-Streifen.
Beitrag gegen Einseitigkeit
Der Thüringer machte damit auf etwas aufmerksam, was sich auch in der multimedialen Installation zeigt, welche die Besucher des historischen Saales 600 des Nürnberger Justizpalastes zu sehen bekommen. Dabei wird die Geschichte mit der Gegenwart verknüpft, aber die zahllosen Verbrechen der Kriege des Westens, vor allem der USA, werden ausgelassen. Da werden Ruanda ebenso wie die jugoslawischen Zerfallskriege erwähnt und es wird dazu aufgefordert, Kriegsverbrechen und Völkermord zu ahnden.
Wenig überraschend wird auch Russland wegen des Ukraine-Krieges in der Liste aufgeführt. Am Ende ist die bekannte Menschenrechtsanwältin Amal Clooney zu sehen, die sagt: «Das ist Ihr Nürnberg-Moment, Ihre Chance, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen.» Es wird dabei nicht angegeben, dass sie das 2019 vor dem UN-Sicherheitsrat sagte, als sie forderte, sexuelle Gewalt in Konflikten mit Hilfe eines internationalen Strafgerichts aufzuarbeiten.

Diese einseitige Propaganda sehen täglich Hunderte Besucher des «Memoriums», wie das Museum heißt, das an die Nürnberger Prozesse erinnert. Auch an dem Sonntag nach der Veranstaltung kamen viele zum Nürnberger Justizpalast, um sich über das Geschehen vor 80 Jahren zu informieren.
Am Vortag wurde der wichtige und notwendige Versuch unternommen, an das zu erinnern, was heute ausgelassen wird, wenn es darum geht, was geschah und zum Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess führte. Es war ein notwendiger Beitrag gegen die einseitige Darstellung und Neuschreibung der Geschichte, die heute von jenen betrieben wird, die wieder gegen Russland hetzen und von der eigenen Gesellschaft «Kriegstüchtigkeit» statt Friedensfähigkeit einfordern.
Tilo Gräser ist diplomierter Journalist und Mitglied des Deutschen Freidenker-Verbandes
Bild oben: Ein Ausschnitt von einem der Porträt-Transparente an den Gräberfeldern für sowjetische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter auf dem Nürnberger Südfriedhof
Foto: Tilo Gräser)
