Der Mann, der Nein sagte
Joe Kents Rücktritt erschüttert Washington und reicht weit über Amerika hinaus
Ein hochrangiger Sicherheitsbeamter tritt zurück – nicht still, nicht im Hintergrund, stattdessen mit einem offenen Angriff auf die offizielle Begründung eines laufenden Krieges. Joe Kent, bis vor kurzem einer der zentralen Architekten amerikanischer Terrorismusbekämpfung, stellt öffentlich eine weitreichende und entscheidende Frage: Was, wenn die Bedrohung, auf die sich dieser Krieg stützt, nie bestand? Sein Rücktritt ist mehr als ein persönlicher Schritt – er ist ein Riss im Fundament der politischen Erzählung der Vereinigten Staaten.
Ein Meinungsbeitrag von Sabiene Jahn
Erstveröffentlichung am 19.03.2026 auf globalbridge.ch
Nicht Explosionen erschüttern politische Ordnungen – es sind Bekenntnisse. Ein Satz genügt bisweilen, um das Gebäude der offiziellen Erzählung zu erschüttern. Joseph „Joe“ Kent, bis vor wenigen Stunden Direktor des „National Counterterrorism Center“, hat einen solchen Satz geschrieben. Er könne den Krieg gegen Iran „nicht guten Gewissens unterstützen“. Der Iran habe „keine unmittelbare Bedrohung“ dargestellt. Und mehr noch, dieser Krieg sei unter dem Druck Israels und einer mächtigen Lobby in den USA zustande gekommen. Es sind Worte, die nicht aus den Reihen der Opposition stammen, nicht aus einem Feuilleton und auch nicht aus den universitären Thinktanks. Es sind Worte aus dem Innersten der amerikanischen Sicherheitsarchitektur (1)(2)(3).
Wer ist dieser Mann, der sich offensiv gegen den Kurs seiner eigenen Regierung stellt? Um die Tragweite seines Rücktritts aus dem Staatsdienst zu verstehen, muss man das Amt begreifen, das Kent niedergelegt hat. Joe Kent, ist kein Beamter aus der zweiten Reihe, kein pazifistischer Aktivist, auch kein akademischer Theoretiker. Er ist das Produkt genau jener Institutionen, deren Entscheidungen er nun infrage stellt. Kent ist ein 45-jähriger Veteran, stammt aus Sweet Home im Bundesstaat Oregon und wurde in Portland groß. Er diente rund zwanzig Jahre in der Armee, unter anderem im 75th Ranger Regiment, bei den Special Forces und im U.S. Army Special Operations Command. Das offizielle NCTC-Profil betont seine elf Kampfeinsätze in Nahost und anderen Hochrisiko-Regionen sowie mehrere militärische Auszeichnungen. Nach seiner Militärzeit arbeitete er als paramilitärischer Offizier für die CIA (4)(5). Politisch profilierte er sich anschließend als Vertreter eines interventionismus-kritischen „America First“-Milieus, scheiterte jedoch 2022 und 2024 jeweils bei Kongresswahlen in Washington State.
Seine Biografie trägt die Handschrift des Krieges und die des Verlustes. Seine erste Frau, Shannon Kent, war Navy Senior Chief Petty Officer und Kryptologie-Spezialistin. Sie wurde 2019 bei einem Selbstmordanschlag im syrischen Manbidsch getötet. Medienberichten zufolge, hinterließ sie zwei Kinder (6). Das NCTC selbst schrieb in seiner Biografie über Kent, dessen Familie habe ihr Leben dem Kampf gegen den Terrorismus gewidmet, und Shannon Kents Tod sei Teil jenes Vermächtnisses, das die Mission der Behörde antreibe. Dass derselbe Mann nun unter Verweis auf eben diesen Verlust den Kriegskurs seiner Regierung verwirft, verleiht seinem Schreiben einen besonderen moralischen Nachdruck. Dieser Verlust ist kein rhetorisches Ornament, es ist eine biografische Zäsur, die in seinem Rücktrittsschreiben spürbar wird. Wenn Kent davon spricht, dass er die nächste Generation nicht in einen Krieg schicken könne, der keinen Nutzen bringe, dann spricht hier nicht ein Kommentator. Kent ist ein unmittelbar Beteiligter.
Der Mensch Joe Kent erschließt sich nicht allein aus seinem Rücktritt. Wie im Falle Charlie Kirk weben sich auch bei ihm jahrelange mediale Rahmung, die bei Kent im Moment seines Bruchs mit der Regierungslinie offenbar mitgeführt wird. Kent wurde von Leitmedien wie „The New York Times“, „The Washington Post“ oder „CNN“ wiederholt dem „far-right“-Spektrum zugeordnet. Wird derartige Zuschreibung Kents Profil gerecht? Diese Einordnung stützt sich weniger auf eine extremistische Programmatik, vielmehr auf ein Geflecht aus Kontakten, politischen Allianzen und zugespitzten Interpretationen. Konkret benannt werden als Spitzen die „Verbindungen“ zum Blogger und Filmemacher Nick Fuentes, einem offen antisemitischen Vertreter der Alt-Right, sowie zu Joey Gibson, einem Aktivisten aus dem rechtskonservativen Straßenmilieu. Hinzu kommt die zeitweise Beschäftigung eines Beraters mit Bezug zum Umfeld der „Proud Boys“, einer Gruppierung, die in den USA als gewaltbereit eingestuft wird. Diese Verbindungen sind dokumentiert, und doch sind sie zugleich der Ausgangspunkt einer Deutung, die den Schritt vom faktischen Kontakt zur ideologischen Zuschreibung vollzieht. Kent selbst hat diesen Vorwurf zurückgewiesen. Er erklärte öffentlich, er wolle „nichts mit Menschen zu tun haben“, die Gewalt ausüben oder rassistische Ideologien vertreten, und betonte, dass einzelne Kontakte weder politische Übereinstimmung noch persönliche Nähe bedeuteten. Diese Distanzierung steht jedoch im medial ideologisierten Diskurs häufig im Schatten der ursprünglichen Beschreibung.
Der Fall berührt dann auch einen grundsätzlichen Mechanismus alter und moderner politischer Kommunikation. Das Prinzip der Kontaktschuld und des McCarthismus. Es erlaubt, politische Akteure nicht nur nach ihren eigenen Aussagen zu bewerten, sondern entlang der Peripherie ihres Umfeldes zu definieren. Damit bewegt sich die Debatte in jenem Graubereich – aus Begegnungen werden Beziehungen, aus Beziehungen werden Narrative. Der Übergang ist fließend, und gerade deshalb wirksam. Dass Kent zugleich Positionen vertritt, die im amerikanischen Diskurs selbst hoch umstritten sind – etwa seine Kritik an Auslandseinsätzen, seine Zweifel an der Wahl 2020 oder seine scharfe Ablehnung etablierter Sicherheitsinstitutionen –, erleichtert diese Rahmung zusätzlich. Doch auch hier gilt, zwischen Kritik und Ideologie verläuft eine Grenze, die politisch umkämpft ist und medial nicht immer trennscharf gezogen wird.
Wer Kent als Teil des sicherheitspolitischen Establishments versteht, wird darin ein seltenes Signal erkennen. Dass selbst innerhalb der innersten Kreise Zweifel entstehen – und, wie im aktuellen Fall, deutlich ausgesprochen werden. Sein Amt war zentral. Das „National Counterterrorism Center“ ist nicht irgend eine Behörde. Sie ist ein neuralgischer Knotenpunkt der amerikanischen Sicherheitsstruktur. Hier laufen Informationen aus Militär, Geheimdiensten und internationalen Partnern zusammen. Hier werden Bedrohungen bewertet, Szenarien entworfen und operative Prioritäten gesetzt. Der Direktor dieses Zentrums ist nicht nur Administrator, er ist Architekt der Bedrohungswahrnehmung. Wer dieses Amt innehat, entscheidet mit darüber, was als Gefahr gilt – und was nicht.
„ABC“ fasst Kents Rolle dahin zusammen, dass er dem Präsidenten als wichtigster Berater in Terrorismusfragen diente und laut ODNI, dem Office of the Director of National Intelligence, den US-Gegenterror- und Gegennarkotika-Apparat mit beaufsichtigte (4)(5). ODNI ist die zentrale Koordinationsstelle der US-Geheimdienste. Es wurde nach den Anschlägen vom 11. September 2001 geschaffen, um die Zusammenarbeit der verschiedenen Dienste zu verbessern. Kents tägliche Arbeit bestand in der Bewertung, Bündelung und Einordnung existenzieller Bedrohungslagen. Wenn ein solcher Mann erklärt, es habe keine unmittelbare Bedrohung durch den Iran gegeben, dann ist das keine Meinung. Es ist Analyse und nunmehr auch eine tektonische Verschiebung innerhalb der sicherheitspolitischen Selbstbeschreibung der Vereinigten Staaten.
Der Rücktritt erfolgte am Dienstag (17. März 2026), veröffentlicht als offener Brief an Donald Trump auf der Plattform X (7). Der Text ist in seiner Struktur klassisch, in seinem Inhalt jedoch außergewöhnlich. Kent würdigt zunächst Trumps frühere Außenpolitik, die er als Versuch interpretiert, Amerika aus endlosen Kriegen herauszuhalten. „Ich unterstütze die Werte und die Außenpolitik, mit denen Sie 2016, 2020 und 2024 Wahlkampf geführt und die Sie in Ihrer ersten Amtszeit umgesetzt haben. Bis Juni 2025 verstanden Sie, dass die Kriege im Nahen Osten eine Falle waren, die Amerika das kostbare Leben unserer Patrioten raubte und den Reichtum und Wohlstand unserer Nation erschöpfte,“ bekennt Kent im Rücktrittsschreiben und schildert seine Wahrnehmung gegenüber Donald Trump. „In Ihrer ersten Regierung verstanden Sie besser als jeder andere moderne Präsident, wie man militärische Macht entschlossen anwendet, ohne uns in endlose Kriege hineinziehen zu lassen,“ ist zu lesen. Kennt erinnert an die Jahre, in denen militärische Macht punktuell eingesetzt wurde, ohne sich in langfristige Konflikte zu verstricken. Doch dann folgt der Bruch. „Hochrangige israelische Beamte und einflussreiche Mitglieder der amerikanischen Medien setzte eine „Desinformationskampagne in Gang“, so schreibt Kent, „die Ihre America-First-Plattform vollständig untergrub und kriegsbefürwortende Stimmungen säte, um einen Krieg mit dem Iran zu fördern. Diese Echokammer wurde benutzt, um Sie zu täuschen und Sie glauben zu lassen, der Iran stelle eine unmittelbare Bedrohung für die Vereinigten Staaten dar und es gebe, wenn Sie jetzt zuschlagen, einen klaren Weg zu einem schnellen Sieg.“ Sie habe die politische Linie untergraben, habe Stimmungen erzeugt, habe eine Bedrohung konstruiert, die nicht existierte, schildert Kent weiter, „es ist klar, dass wir diesen Krieg aufgrund des Drucks Israels und seiner mächtigen amerikanischen Lobby begonnen haben“, formuliert Kent und der Präsident sei in eine strategische Fehlwahrnehmung gedrängt worden. Kent bilanziert, „Das war eine Lüge, und es ist dieselbe Taktik, mit der die Israelis uns in den verheerenden Irakkrieg hineingezogen haben, der unser Land das Leben Tausender unserer besten Männer und Frauen kostete. Diesen Fehler dürfen wir nicht noch einmal machen.“
Was folgt, ist nicht nur Kritik, stattdessen ein fundamentaler Vorwurf. Der Krieg selbst sei das Ergebnis dieser Dynamik. „Als Veteran, der elfmal im Kampfeinsatz war, und als Gold-Star-Ehemann, der seine geliebte Frau Shannon in einem von Israel erzeugten Krieg verloren hat, kann ich nicht unterstützen, dass die nächste Generation in einen Krieg geschickt wird, in dem sie kämpfen und sterben soll, der dem amerikanischen Volk keinen Nutzen bringt und die Kosten amerikanischer Leben nicht rechtfertigt,“ führt er seine Überzeugung aus. Sein Brief schliesst mit einer emotionalisierenden Note, „Ich bete, dass Sie darüber nachdenken, was wir im Iran tun und für wen wir es tun. Die Zeit für mutiges Handeln ist jetzt. Sie können den Kurs ändern und für unsere Nation einen neuen Weg einschlagen, oder Sie können zulassen, dass wir weiter in Niedergang und Chaos abrutschen. Sie halten die Karten in der Hand.“
Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Trump reagierte kühl, fast demonstrativ gleichgültig und erklärte im Oval Office, er habe Kent zwar immer für einen netten Mann gehalten, aber auch für „very weak on security“ – zu schwach in Sicherheitsfragen sei er gewesen. Als er die Erklärung gelesen habe, sei ihm klar geworden, „it’s a good thing that he’s out“ (8). Eine Formulierung, die weniger auf inhaltliche Auseinandersetzung als auf politische Distanzierung zielt. Die Pressesprecherin des Weißen Hauses Karoline Leavitt wies die Vorwürfe als falsch und beleidigend zurück (9). Man habe klare Hinweise auf eine Bedrohung gehabt. Innerhalb des politischen Systems zeigt sich das gewohnte Muster. Es ist Polarisierung statt Klärung und es verheißt Lagerbildung statt Analyse. Während Teile des republikanischen Spektrums Kent als illoyal darstellen, erkennen andere in seinem Schritt einen seltenen Akt persönlicher Konsequenz. Demokratische Stimmen wiederum nutzen den Moment, um die Kriegsbegründung grundsätzlich infrage zu stellen.
Geheimdienstchefin Tulsi Gabbard vermied eine offene Abrechnung mit Kent, stellte sich öffentlich hinter das Recht des Präsidenten, selbst zu bestimmen, was als unmittelbare Bedrohung zu gelten habe. Haussprecher Mike Johnson und Senator Tom Cotton widersprachen Kent, der demokratische Geheimdienstausschuss-Vize Mark Warner dagegen erklärte trotz scharfer Vorbehalte gegen Kent, in diesem Punkt habe er recht, es habe keine glaubwürdigen Belege für eine unmittelbare iranische Bedrohung gegeben, die einen weiteren „war of choice“ rechtfertigten.
Auch die internationalen Medien reagieren entlang dieser Linien. „Al Jazeera“ hebt die historische Dimension hervor (1). Er sei ein hochrangiger Sicherheitsbeamter, der offen die Legitimation eines laufenden Krieges anzweifelt. „Associated Press (AP)“ und „Reuters“ sprechen von einem direkten Angriff auf die offizielle Begründung der Militärschläge (2)(3). Die „Financial Times“ deutete den Schritt als Symptom wachsender Spannungen innerhalb von Trumps Lager und der MAGA-Bewegung zwischen interventionistischen Falken und dem alten anti-interventionistischen „America First“-Reflex (10). Zugleich zeigen andere Reaktionen, wie polarisiert die Deutung dieses Briefes ist. „Vox“ etwa laß Kents Argumentation als Wiederbelebung antisemitischer Tropen, während konservative Stimmen wie Journalist Tucker Carlson seinen Schritt als Akt persönlicher Integrität würdigten.
Europäische Medien analysieren den Vorgang als Symptom inner-amerikanischer Spannungen, als Ausdruck eines Konflikts zwischen Interventionismus und Rückzug. Andere Stimmen wiederum versuchen, den Vorgang zu delegitimieren, ihn als Einzelfall, als persönliche Abweichung, als politisch motivierten Akt darzustellen.
Von einer einheitlichen Medienreaktion kann keine Rede sein, es handelt sich vielmehr um eine globale, sofort ideologisch aufgeladene Deutungsschlacht um die Frage, ob Kent ein Gewissenszeuge, ein Illoyaler oder ein Brandbeschleuniger ist. Doch gerade diese Vielfalt der Deutungen zeigt, wie tief der Riss ist. Einer dieser Risse trägt nun den Namen des Mannes, der bis gestern noch die amerikanische Anti-Terrorarchitektur mitsteuerte. Doch es geht hier nicht nur um eine Personalentscheidung. Es geht um die Frage, wie Kriege begründet werden – und wer das Recht hat, diese Begründung zu hinterfragen. Kent stellt nicht nur den konkreten Konflikt infrage, sondern das Verfahren, das zu ihm geführt hat. Damit gerät das Fundament staatlicher Legitimation ins Wanken. Genau darin liegt die historische Schärfe des Moments.
Was diesen Rücktritt über den Tagesanlass hinaus bedeutend macht, ist sein innerer Widerspruch. Kent war kein klassischer Dissident, kein Oppositionspolitiker und kein liberaler Kritiker des Trumpismus. Er gehörte selbst zu jenem Milieu, das Donald Trump als Kämpfer gegen den Interventionismus der alten republikanischen Eliten verstand. Sogar „Reuters“ erinnert daran, dass Kent seit langem für „America First“-Positionen und Skepsis gegenüber US-Militärinterventionen bekannt war (3). Der Einspruch kommt nicht von außen, sondern aus einem Teil des eigenen Lagers, der sich vom Kriegsverlauf und von dessen Begründung verraten sieht.
Der Fall Joseph Kent ist kein Modell, das sich einfach übertragen lässt. Aber er ist ein Signal. Ein Signal dafür, dass es innerhalb hochgradig strukturierter, hierarchischer Systeme Momente gibt, in denen Individuen eine Grenze ziehen. Es wäre zu einfach, Kent zum Helden zu erklären oder ihn als Abweichler abzutun. Seine Aussagen sind politisch, sie sind zugespitzt und sie sind angreifbar. Doch gerade darin liegt ihre Bedeutung. Sie zwingen zur Auseinandersetzung. Sie öffnen einen Raum, in dem Fragen gestellt werden können, die im normalen Betrieb der Macht keinen Platz haben.
Es bleibt ein Bild. Ein Mann, geprägt vom Krieg, geformt von Institutionen, die auf Sicherheit und Kontrolle ausgerichtet sind, entscheidet sich, auszutreten. Öffentlich, mit einem Brief, der mehr ist als eine formale Erklärung. Er bricht. Wer meint, Kent habe diesen Schritt zu seinem eigenen Schutz getan, verkennt die Lage. Ein solcher Bruch mindert kein Risiko – er verschiebt es. Wer spricht, wird sichtbar. Und Sichtbarkeit war in den elf Einsätzen, die Kent hinter sich hat, selten ein Zustand, der Sicherheit bedeutete.
Und vielleicht ist es genau dieser Bruch, der den Blick freigibt auf das, was unter der Oberfläche längst in Bewegung geraten ist.
Nachtrag
Joe Kent: „Untersuchung im Fall Charlie Kirk wurde nach einer Woche gestoppt!“
Ein Nachtrag ergibt sich aus einem Interview, das der ehemalige US-Anti-Terror-Koordinator Joe Kent am 18. März 2026 – einen Tag nach seinem Rücktritt – dem US-Journalisten Tucker Carlson gab. Mehrere internationale Medien griffen zentrale Aussagen dieses Gesprächs auf. Kent verweist auf konkrete Einschränkungen innerhalb der sicherheitspolitischen Entscheidungs- und Ermittlungsstrukturen. Besonders aufschlussreich ist seine Darstellung eines Treffens mit Charlie Kirk im West Wing. Kent berichtet, „Das letzte Mal, dass ich Charlie Kirk auf dieser Erde gesehen habe, war im Juni (Anm. der Redaktion – 2025) im West Wing.“ Kirk habe ihn direkt aufgefordert mit den Worten, „Joe, halte uns davon ab, in einen Krieg mit dem Iran hineingezogen zu werden.“
Im weiteren Verlauf formuliert Kent eine Reihe von Beobachtungen, die von mehreren Medien aufgegriffen wurden. So zitiert etwa „Associated Press“ aus dem Interview, dass innerhalb der Regierung abweichende Einschätzungen nicht bis zum Präsidenten durchgedrungen seien und kritische Stimmen „nicht gehört“ wurden. Noch konkreter wird Kent mit Blick auf die Ermittlungen im Zusammenhang mit dem Tod Kirks. Laut Berichten, unter anderem von „New York Post“, erklärte er, dass Untersuchungen, an denen auch das National Counterterrorism Center beteiligt gewesen sei, nicht weitergeführt werden konnten. Kent selbst formuliert dies im Interview in bemerkenswerter Klarheit: „Die Untersuchung, an der ich beteiligt war – auch das National Counterterrorism Center war beteiligt –, wurde gestoppt.“
Darüber hinaus präzisiert er den Ablauf dieser Unterbrechung und beschreibt einen bemerkenswert kurzen Zeitrahmen. Die Mitarbeit seines Hauses sei „nach der akuten Phase – der ersten Woche – beendet worden“, man habe ihm signalisiert, man werde sich melden, sollte weiterer Bedarf bestehen. Gleichzeitig habe es jedoch weiterhin Ermittlungsansätze gegeben. Kent formuliert hierzu, „Es gab noch vieles, das wir hätten untersuchen müssen … es gab Verbindungen, denen wir hätten nachgehen müssen.“ Und weiter,
„Wir hatten noch zahlreiche weitere Ansätze, die auf eine mögliche ausländische Verknüpfung hindeuteten, und wir wurden daran gehindert, diese weiterzuverfolgen.“ Zugleich betont er ausdrücklich die Grenzen seiner Aussagefähigkeit, er könne zu bestimmten Aspekten „nicht ins Detail gehen“. Seine zentrale Formulierung bleibt dabei bewusst offen: „Ich ziehe keine Schlussfolgerungen … ich sage nur: Es gibt unbeantwortete Fragen.“
Parallel dazu berichten mehrere Medien, darunter „The Guardian“, dass Kent im Interview insgesamt ein Bild zeichnete, in dem abweichende Einschätzungen innerhalb des Apparats marginalisiert und Entscheidungsprozesse auf einen engen Kreis konzentriert worden seien.
In zahlreichen Beiträgen wurde Kent nicht nur als zentraler Insider wahrgenommen, sondern zugleich der Wunsch geäußert, ihn zu schützen. Nutzer der Sozialen Medien fordern öffentlich, seine Sicherheit zu gewährleisten, da er sensible Einblicke in politische Entscheidungsprozesse gegeben habe. Diese Reaktionen, unabhängig von ihrer inhaltlichen Bewertung, verweisen auf ein wachsendes Misstrauen gegenüber offiziellen Darstellungen.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt. Nach übereinstimmenden Berichten mehrerer internationaler Medien läuft seit Monaten eine Untersuchung des FBI gegen Kent. Die erste Berichterstattung hierzu erschien am 18. März 2026 bei „Semafor“ (elitenahes Medium) und wurde anschließend von einer Vielzahl etablierter Medien bestätigt, darunter „Associated Press“, „NBC News“, „CBS News“, „The New York Times“, „Axios“, „Reuters“, „BBC“ sowie „Der Spiegel“.
Gegenstand der Untersuchung ist der Verdacht, dass klassifizierte Informationen unrechtmäßig weitergegeben worden sein könnten. In einzelnen Berichten wird in diesem Zusammenhang auch auf mögliche Kontakte zu Medienakteuren verwiesen, wobei unter anderem der Name von Tucker Carlson genannt wird, ohne dass eine konkrete Zuordnung einzelner Informationsflüsse öffentlich belegt wäre. Die Kritik an Kent kommt aus unterschiedlichen Richtungen. Während mit Taylor Budowich ein Vertreter aus dem engeren Umfeld des Weißen Hauses ihm illoyales Verhalten und wiederholte Leaks vorwirft, reagierte die Anti-Defamation League (ADL), eine einflussreiche US-Organisation zur Bekämpfung von Antisemitismus, auf Kents Aussagen zur Rolle Israels mit dem Vorwurf, diese bedienten antisemitische Stereotype. Gleichzeitig fanden Kents Positionen im Gespräch mit Tucker Carlson eine Plattform in einem medienpolitischen Umfeld, das sich seit Jahren kritisch gegenüber militärischen Interventionen und Teilen der US-Nahostpolitik positioniert.
Der Stand der Dinge ist klar zu differenzieren – ein formales Strafverfahren, also eine Anklage, ein Grand-Jury-Verfahren oder eine gerichtliche Verhandlung – wurde bislang nicht eingeleitet. So berichtet „The Guardian“, dass die Ermittlungen vor seinem Ausscheiden begonnen hätten, während das FBI eine offizielle Stellungnahme hierzu verweigerte. Auffällig ist jedoch die Gleichzeitigkeit von öffentlicher Kritik an der Iran-Politik und den Untersuchungen gegen den ehemaligen Sicherheitsbeamten.
Damit bleibt auch dieser Punkt Teil eines noch nicht abgeschlossenen Zyklus und fügt sich in die von Kent selbst formulierte Diagnose ein, ein Geflecht aus offenen Fragen, unterbrochenen Prozessen und konkurrierenden Deutungen.
Sabiene Jahn, Trägerin des Kölner Karlspreises für Engagierte Literatur und Publizistik, ist Mitglied des Deutschen Freidenker-Verbandes, LV Rheinland-Pfalz / Saarland
Quellen und Anmerkungen:
1.) https://www.aljazeera.com/news/2026/3/17/us-national-counterterrorism-center-director-joe-kent-resigns-over-iran-war; https://www.aljazeera.com/news/2026/3/18/who-is-joe-kent-and-why-did-he-resign-as-trumps-counterterrorism-chief
2.) https://apnews.com/article/trump-iran-war-kent-resignation-e2e17a76d79617a68370f076c0291208
5.) https://www.dni.gov/index.php/careers/student-opportunities/125-about/organization/national-counterterrorism-center; www.dni.gov/index.php/newsroom/press-releases/press-releases-2025/4127-pr-42-25; https://www.dni.gov/index.php/nctc-who-we-are/director-nctc; https://www.dni.gov/index.php/nctc-how-we-work; https://www.dni.gov/index.php/careers/student-opportunities/125-about/organization/national-counterterrorism-center; https://www.reuters.com/world/middle-east/us-national-counterterrorism-center-director-resigns-over-war-iran-2026-03-17/
6.) https://www.navytimes.com/news/your-navy/2019/01/19/sailor-killed-in-bombing-leaves-behind-a-husband-and-two-children/; https://www.navytimes.com/podcasts/2021/05/26/the-spouse-angle-podcast-up-this-week-gold-star-husband-joe-kent-on-life-after-losing-his-wife/; https://www.navytimes.com/news/pentagon-congress/2026/03/17/top-trump-official-resigns-over-iran-blaming-israel-for-march-to-war/
7.) @joekent16jan19; https://x.com/joekent16jan19/status/2033897242986209689; https://x.com/joekent16jan19
8.) www.youtube.com/shorts/00tt2i15ltM
9.) https://abcnews.go.com/Politics/top-trump-counterterror-adviser-resigns-iran-war-imminent/story?id=131147889 ; https://www.reuters.com/world/middle-east/us-national-counterterrorism-center-director-resigns-over-war-iran-2026-03-17/ ; www.youtube.com/watch?v=ytWxRWbh2m8; https://apnews.com/article/trump-iran-war-kent-resignation-e2e17a76d79617a68370f076c0291208;
10.) https://www.ft.com/content/f3dad979-875e-4ee7-836c-264890d5df6b?syn-25a6b1a6=1
11.) Interview: https://tuckercarlson.com/live-show-march-18-2026; www.youtube.com/watch?v=1cbw1utqzHg&t=267s; Transkript: https://singjupost.com/tucker-carlson-show-w-joe-kents-interview-since-resigning-as-counterterrorism-director-transcript/
13.) https://apnews.com/article/fbi-counterterrorism-classified-documents-de5efb8bc0bdb59b45c247b6251ab6f6 (inklusive Update)
15.) https://www.cbsnews.com/news/joe-kent-trump-counterterrorism-iran-fbi-investigation-leak
16.) https://www.nytimes.com/2026/03/18/us/politics/fbi-joe-kent-intelligence-leak.html
17.) https://www.axios.com/2026/03/19/joe-kent-fbi-leak-investigation
18.) https://www.reuters.com/world/middle-east/us-israeli-war-aims-iran-are-not-same-gabbard-says-2026-03-19/; https://www.reuters.com/world/iran-war-live-trump-administration-intelligence-officials-testify-after-joe-kent-2026-03-18/
19.) https://www.bbc.com/news/articles/c33j3gxvgmro
© Sabiene Jahn
Wir danken der Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrages
Bild oben: Joe Kent, offizielles Portrait als Direktor des NCTC, Juli 2025 (Ausschnitt)
Foto: Office of the Director of National Intelligence – https://www.dni.gov/index.php/nctc-who-we-are/director-nctc, Public Domain
Quelle: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=171185560
