Anonyme „Beobachter“ erschaffen „Medien-Realität“
von Stefan Siegert
Der stellvertretende Vorsitzende der Zentralen Militärkommission, Zhang, stehe im Verdacht, schwerwiegende Gesetzesverstöße begangen zu haben, teilte das Verteidigungsministerium in Peking mit. Details zu den mutmaßlichen Verfehlungen wurden nicht genannt. Auch werde gegen Stabschef Liu ermittelt, hieß es.
Die Militärkommission ist das höchste Gremium in China. Beobachter werten die Ermittlungen als einen weiteren Schritt einer politischen Säuberungsaktion. In den vergangenen Jahren waren hochrangige Offiziere unter anderem wegen Bestechung von ihren Ämtern enthoben und zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt worden.
Diese Nachricht wurde am 24.01.2026 im Deutschlandfunk gesendet.
„Im Gegensatz zum Kommentar sollte eine Nachricht objektiv überprüfbare Sachverhalte darstellen und frei von subjektiven Einflüssen sein“, stellt das in diesem Zusammenhang wirklich einmal korrekte Wikipedia fest. „Subjektive Färbungen durch Auswahl oder Wortwahl sollen vermieden werden.“
Der Deutschlandfunk zeigt, wie man das macht. Bis auf die Mitteilung, „Details zu den mutmaßlichen Verfehlungen wurden nicht genannt“, ist im ersten Absatz alles korrekt. In der nachgeschobenen Mitteilung allerdings riecht es schon merklich nach West-Verdacht auf in Wirklichkeit nicht vorhandene „Verfehlungen“.
Am zweiten Absatz ist einzig der erste Satz eine Nachricht. Vom zweiten an geht‘s in die Vollen, „Beobachter“ kommen ins Spiel. Wer immer sie sind: sie ersetzen die Fakten. Ausgerüstet mit Batterien erfundener Behauptungen, besetzen solche Beobachter die Talkshows. Und dürfen unwidersprochen, wann immer sich etwas in der Personalpolitik der chinesischen Parteiführung oder Regierung ändert, hemmungslos von „Säuberungsaktionen“ schwadronieren. Dass politische Führer in Regierungsverantwortung in zugespitzt neuen Konstellationen ihre Reihen ordnen, auch in persönlichen Machtkämpfen, gehört seit 200 Jahren global zur politischen Normalität. Wenn allerdings die Spitze der chinesischen Meritokratie in Partei und Regierung seit Jahren öffentlich immer wieder hervorhebt, die Korruption sei seit Jahrhunderten ein großes Problem für dieses Land, wenn sie offen dagegen vorgeht – kann es sich dabei nur um Säuberungsaktionen handeln. Um etwas Illegales mithin, weil in westlicher Wahrheit nicht ein Reinigungsprozess vollzogen wurde, sondern Mitmenschen wie Ungeziefer behandelt.
Unbegreiflich, dass den Leuten, die so etwas in die Welt setzen seit es den Westen und seine zu Feinden erklärten Konkurrenten gibt, nicht langsam die Decke auf den Kopf fällt. Seit Jahrzehnten immer die gleichen Features und Phrasen. Wie lange wird sich das greinende Volk, nach Heinrich Heine, auf diese Weise noch einlullen lassen? Das Narrativ von den geknechteten Völkern, die (von außen gut mit Geld und Waffen versorgt) gegen demokratisch gewählte aber eben – sorry – „autoritäre“ Regierungen auf die Straße gehen, wurde zum Drehbuch für US-Regime-Change-Aktionen von Jugoslawien bis Beijing und Venezuela.
Der unbewaffnete Chinese im weißen Hemd mit den leichten zwei Beuteln rechts und links wurde zum Symbol. Er schwenkt die Beutel, um der Panzerbesatzung zu sagen: es ist nichts Gefährliches darin. Er weicht dem Panzer nicht aus, der auf ihn zurollt. Der Panzer hält vor ihm an. Ob dieser bis heute Unbekannte davon gewusst hat, dass alles um ihn herum aus den Geheimdienst-Kellern der US-Botschaft gespannt verfolgt wurde? Aber: „30 Jahre nach dem Massaker denkt Peking nicht daran, die Vorgänge neu bewerten zu wollen“, stellt der Wiener Standard fest. „Die heutige Führung ist nicht bereit, die Untaten ihrer Vorgänger aufarbeiten zu lassen“. Abgesehen davon, dass die chinesische Führung nicht nur nicht daran denkt, „die Vorgänge neu bewerten zu wollen“, sie bewertet sie tatsächlich nicht neu, denn sie hat keinen Grund dafür – die Vorgänge vom Tiananmen sind mit Sicherheit nirgends so intensiv diskutiert und abschließend bewertet worden wie in der chinesischen Führung.
Und wann hätte eine der westlichen Regierungen – die seit Jahrzehnten den Weltschulmeister geben und die Länder der Welt mit der Einforderung von Menschen- und Völkerrechten nerven -, wann hätten sie je „die Untaten ihrer Vorgänger aufarbeiten“ lassen?
Es muss Anfang der Nullerjahre gewesen sein, da lief eine großartig recherchierte BBC-Doku von 90 Minuten auf arte, eine wahrhaft objektive Erzählung des Geschehens auf dem Platz des himmlischen Friedens. Alle Seiten der Krise kamen ins Bild. Die rebellischen Studenten, die gleichaltrigen Soldaten, Vertreter von Partei und Regierung, nichtkommunistische, der Führung wohlgesonnene aber distanziert urteilende Unternehmer, unabhängige chinesische Analysten. Die Rolle der US-Botschaft wurde beschrieben (damals gab es Wikileaks noch nicht).
Die chinesische Führung zögerte extrem lange, bevor sie handelte. Sie hat im Vorfeld wiederholt die Sprecher der Studenten ins Gespräch gezogen. Ich traute damals meinen Augen nicht: Gegen Ende der Vorgeschichte wurde eine vom staatlichen chinesischen Fernsehen live (ohne Zeitversetzung) gesendete Diskussion zwischen Mitgliedern der Staatsführung und den Wortführern der Studenten ins Programm gesetzt. Sieben Stunden emotionaler, offener, kontroverser Auseinandersetzung. Die Studenten bewegten sich nicht. Was immer sich am 4. Juni 1989 im Zentrum Beijings an Einzelheiten abspielte, die alle menschlich Fühlenden mit Trauer erfüllen – ein „Massaker“ im Sinn eines bewusst herbeigeführten Massenmords war es nicht. Kein chinesischer Soldat hat, wie wir es in den USA zurzeit wieder im Terror der ICE erleben – ohne dass Tagesschau & Co viel Aufhebens darum machen – auf dem Platz des himmlischen Friedens auf Landsleute geschossen, als wären sie Kaninchen.
Die chinesische Führung unter Deng Xiao Ping hat mit ihrer wohlüberlegten Reaktion damals ein Weltchaos verhindert, das ein gelungener US-Regime Change in der Volksrepublik unweigerlich zur Folge gehabt haben würde. Die BBC-Doku darüber war ein Meisterstück kritischer Objektivität. Wie im Vereinigten Königreich Großbritannien, gehört so etwas auch in der Bundesrepublik längst der Vergangenheit an. Ich habe in den Suchmaschinen des Internets anno 2026 sehr lange nach der BBC-Doku und überhaupt nach einer einzigen authentischen chinesischen Darstellung der Tiananmen-Tragödie gesucht. Vergeblich.
Stefan Siegert ist Autor mit Schwerpunkt Musik und politisches Feuilleton
Bild oben: Ehrenformation der chinesischen Volksbefreiungsarmee aus Soldaten aller drei Waffengattungen
Foto: unbekannt – http://www.defenselink.mil/dodcmsshare/newsstoryPhoto/2000-07/hrs_20007122c_hr.jpg, Gemeinfrei
Quelle: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=287755
