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Berliner Freidenker lernen vom französischen Marxismus

Pressemitteilung des Landesverbandes Berlin des Deutschen Freidenker-Verbandes vom 30.05.2024

Mitte Mai dieses Jahres sprach die französische Historikerin Dr. Annie Lacroix-Riz, Spezialistin für Kollaborationsforschung und für die Geschichte der intraeuropäischen Beziehungen sowie der europäisch-nordamerikanischen Beziehungen des 20. Jahrhunderts, bei einer von den Berliner Freidenkern organisierten Veranstaltung im Sprechsaal über den realkapitalistischen Ursprung der europäischen Integration; über den herkömmlichen, bloß ideengeschichtlichen Narrativ hinausführend.

In Wahrheit rekurrierte die reale europäische Integration in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts auf die politische wie ökonomische Dominanz des deutschen Kapitals über einen Wirtschaftsraum von Bordeaux bis Odessa und in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts in Folge veränderter innerimperialistischer Kräfteverhältnisse auf einen analogen Binnenmarkt, weiter angeführt und integriert unter der Leitung der westdeutschen Wirtschaft, aber nun von der US-Politik strategisch gesteuert.

Dass dieses zentrale geschichtswissenschaftliche Thema wenig bekannt ist, wenngleich renommierte Historiker wie Fritz Fischer früh auf kapitale Kontinuitäten vom Kaiserreich bis in die Bundesrepublik hindeuteten, zeigen auch irreführende Erklärungen etwa der LINKEN, die seit vielen Jahren mit Phrasen wie „Die EU war einst eine Hoffnung für die Menschen“ der eurolyrischen, ahistorischen Metaerzählung auf den Leim zu gehen pflegen. Die Wissenschaftlerin aus Paris hingegen zeigte auf, inwiefern der wahre Gründungsakt der europäischen Integration nicht die berühmte Schuman-Rede vom 9. Mai 1950 war, sondern die Gründung der Chemie- und Stahlkartelle in den 1920er Jahren, welche mit dem Zweiten Weltkrieg in eine noch enger kollaborierende europäische Kapitalunion unter Vorherrschaft der deutschen Großindustrie mündete.

Überdies belegte sie in ihrem Vortrag vermittels Archivfunden, dass die verblüffend rasche französische Niederlage im Frühjahr 1940 Folge intensiver deutsch-französischer Kapital- und Politikkollaboration war. Hierzu veröffentlichte sie ihre Werke „Le choix de la défaite“ („Die selbstgewählte Niederlage“ [der französischen Bourgeoisie]) sowie „De Munich à Vichy“ („Von München [1938] nach Vichy“).

Zudem zeigte sie mittels unzähliger Archivalien auf, inwiefern die Eliten des französischen Staats nicht erst nach Stalingrad (Februar 1943), sondern bereits ab Spätsommer 1941 das deutsche Scheitern gegen Russland antizipierend, die USA als neuen imperialistischen Hegemon anerkannten.

Berliner Freidenkervorsitzender präsentiert das seit Ende April 2024 in dritter, erweiterter Auflage vorliegende Werk „Le choix de la défaite“ aus der Feder der Pariser Wissenschaftlerin

Die Berliner AfD wirbt zurzeit exakt mit selbigen Worten wie die Faschisten vor achtzig Jahren für die EU-Wahlen: „Für das Neue Europa“! Die Geschichtsvergessenheit in der deutschen Hauptstadt erreicht neue Höchststände, nicht einmal die VVN-BdA kritisiert dieses neofaschistische Reiterieren, anscheinend mangels historischer Kenntnisse in Folge der sehr selektiven Wahrnehmung der historischen NS-Propaganda: Die seit Jahren von oben durchgesetzte Geschichtsrevision erreicht beunruhigende Ausmaße und faschistoide Kräfte treten immer selbstbewusster in Fußstapfen des Pangermanismus, in dessen Rahmen der Drang nach Osten bereits Ende des 19. Jahrhunderts die kolonial-kontinentale Hauptstoßrichtung in puncto völkisch-akademischer Ideologieproduktion konstituierte (zusätzlich zur Übersee-Kolonialprojektion 1884-1918).

Folgerichtig war die EGKS-Gründung nicht nur Konsequenz der nordamerikanischen public diplomacy wie heute auch einschlägige Veröffentlichungen im englischsprachigen Raum einräumen, sondern auch unmittelbare Fortsetzung des Konzepts für ein deutsches Mitteleuropa, das im Ersten Weltkrieg Konturen erhielt, dann 1938 durch den Juristen Walter Hallstein für das Neue Europa Hitlers/Mussolinis ein- sowie später, als er erster Präsident der „Hallstein-Kommission“ (Vorläufer der Europäischen Kommission) wurde, nahtlos fortgeführt wurde; allerdings nunmehr unter dem Suprematen Washington.

Daher verwundert es nicht, dass der in Brüssel mit einer zentralen Büste nahe der Europäischen Kommission als „Vater Europas“ gerühmte Robert Schuman im Sommer 1940 Staatssekretär des Vichy-Regimes von Pétain war und Ende der 1940er Jahre Außenminister Frankreichs wurde, nachdem der nationalpopulare Charles de Gaulle aus dem Präsidialamt verdrängt war.

Auch verdeutlichte die Referentin die atlantische Ausrichtung der weiteren Väter Europas: der Belgier Paul-Henri Spaak, der 1946-49 Regierungschef Belgiens und 1952-54 erster Präsident der Gemeinsamen Versammlung der EGKS war, sowie der transatlantische Geschäftsmann Jean Monnet, dessen für die EG 1976 wirkmächtige Memoiren qua „CIA via Ford Foundation“ editiert wurden (Zitat Annie Lacroix-Riz). Parallel finanzierte selbige Ford-Stiftung eine erste Hochschule für European Studies in der Schweiz.

Der Berliner Freidenkervorsitzende ergänzte, dass diese nordamerikanische Übermachtposition auch die Nord Stream-Zerstörung von 2022 erkläre; dies war ein genuin europäisches Projekt (deutsch-russisch-italienisch-österreichisch und auch mit finanzieller Beteiligung des französischen Staats errichtet wie F.A.Z. berichtete, als es um die Abschreibungsformalitäten ging), welches bereits in den 2010er Jahren von US-Argusaugen zum Scheitern verurteilt wurde.

Zum Abschluss der Veranstaltung erinnerte der Vorsitzende der Berliner Freidenker, dass aus dieser von Volksherrschaft weit entfernten Kontinuitätslinie zuletzt drei hervorstechende antidemokratische EU-Vorfälle hervorgingen – eingedenk der historischen Tatsache, dass die Volkssouveränität integraler Bestandteil der Demokratie ist:

  1. 2005: Verstoß gegen die Volkssouveränität der Niederländer und Franzosen
    Die Franzosen stimmten beim Referendum vom 29. Mai mehrheitlich gegen das bellizistische EU-Verfassungsprojekt ebenso wie die Niederländer, welches jedoch 2009 als Lissabon-Vertrag durch die Hintertür erneut hineinkam mitsamt militärischer Beistandsklausel (Art. 42 Abs. 7 EUV).
  2. 2015: erneut Verstoß gegen das zentrale Prinzip der Volkssouveränität
    Von der EZB und dem Bundesfinanzminister torpedierter Volksentscheid vom 5. Juli, der auf Geheiß des deutsch-atlantisch-europäischen Imperiums im Papierkorb landete genauso wie die zitierten Referenden zweier EU-Gründungsvölker 2005.
  3. 2019: Verstoß gegen demokratisches Wahlprotokoll
    Die seitdem amtierende Kommissionspräsidentin von der Leyen war nicht angetreten zu den EU-Wahlen, sondern Ergebnis von Hinterzimmerabsprachen und der 2019 ausgestochene konservative EU-Spitzenkandidat Weber revanchierte sich unlängst, indem er ausplauderte, dass Macron erneut jemanden in das höchste Amt der Europäischen Kommission katapultieren will, der offiziell gar nicht zu den EU-Wahlen präsentiert wurde: diesmal den ehemaligen EZB-Präsidenten Mario Draghi..

Nach der Diskussion überreichte der Vorsitzende der Berliner Freidenker der Geschichtswissenschaftlerin die unten abgebildete Kalligraphie, die er im Chinesischen Kulturzentrum selbst angefertigt hatte. Darauf sind Daten des Revolutionskalenders von 1793 abgebildet (mit welchem die Franzosen die altägyptische 10-Tage-Woche einführten), um spiegelbildlich zur pangermanistisch-angloamerikanischen Kontinuität das positive Gegenstück seit der Französischen Revolution zu vergegenwärtigen: die relative Kontinuität seit dem aufkommenden, tugend- und würdevollen Konzept der Volkssouveränität, welches auch hierzulande sehr präsent war etwa 1848 sowie 1918/19 – eine Parallele zum anhaltenden Revolutionszyklus Chinas, wo der Souverän, das Staatsvolk, de jure und de facto über der Verfassung steht.

Kürzlich beschworen Emmanuel Macron und Olaf Scholz das von oben diktierte Wahrnehmungsmanagement mit dem Satz „Unser Europa ist sterblich“, nachdem der Präsident Frankreichs dieses neue atlantische wording im April bereits an der Sorbonne einführte: ein propagandistischer Ausdruck der rein instrumentellen, „technizistisch-rationalen Vernunft“ (Albert Camus) im Rahmen der neuesten Kriegskampagnen innerhalb von 500 Jahren kolonialistisch-kapitalistischer Kontinuität.

Glücklicherweise würdigen gegenwärtig französische Marxisten wie der Philosoph Georges Gastaud, dessen neues Werk zur Dialektik der Natur während der Diskussion im Sprechsaal gezeigt wurde, in wegweisenden Artikeln die Bedeutung des Kantschen Werks zum ewigen Frieden sowie den Vernunftbegriff bei Immanuel Kant, welcher den erwähnten modernen Rahmen transzendiert und, ähnlich wie bei Einstein, das menschliche Vorstellungsvermögen als wesentlichen Teil der Vernunft definiert. Schließlich wird die neue Ära der Multipolarität entscheidend von unten realisiert werden; auch und insbesondere durch bewusst-kollektive geistig-materielle Arbeit.

Das seitenstarke Werk des Philosophen Georges Gastaud zur aktualisierten Naturdialektik liegt ebenso aus wie mehrere Veröffentlichungen von Annie Lacroix-Riz

Annie Lacroix-Riz ist emeritierte Professorin für neuzeitliche Geschichte an der Universität Paris 7


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Alle Fotos: DFV Landesverband Berlin

Bild oben: Prof. Dr. Annie Lacroix-Riz am Folgetag ihres Vortrags
Foto: DFV Landesverband Berlin