Gedenken an Odessa – 2. Mai 2014

Anlässlich des 7. Jahrestages des Massakers von Odessa fanden am 2. Mai 2021 zwei Gedenkkundgebungen in Berlin statt; eine vor der ukrainischen Botschaft und eine am Brandenburger Tor.

Am 02.Mai 2014 überfielen ukrainische Faschisten in Odessa ein Anti-Maidan-Protestcamp, nachdem bei gewaltsamen Zusammenstößen auf ihren Weg dahin bereits 6 Antifaschisten getötet worden waren.
Der Anti-Maidan war die Gegenbewegung zum Bandera verherrlichenden, alles Russische und Sowjetische ablehnende Maidan. Die Antifaschisten flüchteten sich ins Gewerkschaftshaus, das von den Faschisten in Brand gesteckt wurde. Mindestens 42 Menschen starben, davon 32 im Gebäude selbst. Zehn weitere wurden, nachdem sie von verschiedenen Stockwerken gesprungen waren, noch außerhalb des Gebäudes erschlagen.

Wir veröffentlichen hier einige Fotos der Kundgebung vor der ukrainischen Botschaft sowie die Rede von Liane Kilinc, Vorsitzende des Friedensbrücke-Kriegsopferhilfe e.V. und Mitglied im Deutschen Freidenker-Verband

 

Fotos: Ingrid Koschmieder


Seit sieben Jahren ist Odessa eine offene Wunde

Rede von Liane Kilinc

Kaum zu fassen, dass es schon sieben Jahre her ist.

Und noch immer ist das Massaker von Odessa eine offene Wunde.

Ich habe kurz danach das erste Mal davon gehört; nicht aus deutschen Medien.

Die Tagesschau hatte damals, am 2.Mai 2014, nur eine kurze Meldung dazu übrig: Prorussen und Proeuropäer seien aneinandergeraten, und dabei sei es zu einem Brand in dem Gewerkschaftshaus gekommen…

Es gab und gibt viele Videos und Bilder im Internet, die zeigen, was an diesem Tag in Odessa wirklich geschehen ist. Ich habe sie damals gesehen, und ich rate jedem, der die Ereignisse nicht kennt, sie sich ebenfalls anzusehen; denn nur dann begreift man, welch ein Zivilisationsbruch dort stattgefunden hat, und warum diese Wunde so lange weiter schwären wird, bis die Täter endlich bestraft sind.

Eines der Opfer, dessen Geschichte mir besonders nahe geht, ist Vadim Papura.

Es gibt ein weit verbreitetes Foto, das ihn auf einer Demonstration zeigt. Er trägt die Fahne des Komsomol; es dürfte noch eine sowjetische Fahne sein, sie ist bestickt, nicht gedruckt. Ein hübscher junger Mann, aber ohne Eitelkeit; einer von der Sorte, die nicht einmal bemerkt, dass die halbe Klasse sie anhimmelt. Man sieht, wie stolz er ist, diese Fahne zu tragen, an seiner aufrechten Haltung und dem Anflug von Lächeln auf seinen Lippen.

Vadim war erst 17 an jenem zweiten Mai 2014, so alt, wie mein Jüngster heute ist. Er eilte zu dem Protestcamp auf dem Kulikovo-Platz, als er hörte, die Maidan-Anhänger würden dorthin marschieren.

Der Obduktionsbericht spricht von Brandwunden zweiten und dritten Grades auf einem Viertel der Körperoberfläche. Er spricht auch von „Verletzungen die durch wiederholte Schläge mit einem stumpfen Gegenstand aus verschiedenen Winkeln auf den Kopf “ verursacht wurden. Durch diese Schläge war sein Schädel an mehreren Stellen gebrochen.

Vadim Papura war einer von mehreren, die auf der Rückseite des Gewerkschaftshauses aus dem Fenster sprangen, um dem Feuer zu entgehen. Dort warteten allerdings die bei uns ‚Pro-Europäer‘ genannten Faschisten, um die Gesprungenen mit Eisenstangen zu erschlagen. Auf einem der vielen Videos von diesem Tag kann man das sehen.

Vadims Mutter erzählt in einem Interview von jenem Tag. Um sechs Uhr abends habe ihr Sohn sie das letzte Mal angerufen, er sei im Gewerkschaftshaus, und sie solle nicht kommen und irgendetwas Heldenhaftes versuchen. Um halb acht kamen seine Eltern dort an. “Da waren junge Mädchen, sechzehnjährige”, berichtet die Mutter, “ich konnte nicht begreifen, was sie riefen… auf dem Dach versteckten sich Menschen, und sie wedelten mit ihren Taschenlampen und riefen, ‚los, springt!’” Drei Stunden lang suchen die Eltern den Sohn unter den Festgenommenen; die Polizei von Odessa nahm nämlich die Überlebenden fest, nicht die Täter. Sie finden ihn nicht.

“Dann sahen wir, dass auf der linken Seite des Gewerkschaftshauses die Toten lagen, hinter einer Polizeiabsperrung. Wir gingen daran vorbei. Mein Mann fragte: ‚Hast du Vadim gesehen?‘ Ich sagte, ’nein‘. Und dann… sahen wir, dass eines der Opfer seine Jogginghosen trug … und uns wurde klar…”

Vadim Papura ist das jüngste der offiziell 48 Opfer. Ich sage offiziell, weil es seit jenem Tag auch Dutzende Vermisste gibt, deren Schicksal nicht geklärt ist.

Sie sind verbrannt und erstickt, aber auch erschlagen oder erschossen worden, also nicht durch das Feuer umgekommen, sondern von einem Mob ermordet, am hellichten Tag und vor laufenden Kameras.

Bei mir zu Hause steht ein Ordner mit meinem Briefwechsel mit Vadims Mutter. Unser Verein Friedensbrücke hat versucht, auch den Opfern von Odessa zu helfen, darum hatte ich Kontakt mit ihr aufgenommen.

Und darum geht mir seine Geschichte besonders nahe.

Die Reaktion in der gesamten EU auf das Massaker in Odessa war bescheiden, wenn man es freundlich sagen will. Es gab im Lauf der Jahre einige Aufforderungen an die Kiewer Regierung, das doch bitte mal aufzuklären, und dann wurde festgestellt, dass der Eifer, das zu tun, sich in Grenzen hielt; aber Konsequenzen hatte das nie. Und immer noch wird behauptet, dieser Brand sei irgendwie passiert. So eine Art Unfall. Schlimm war nicht der faschistische Mob, schlimm war, dass andere darüber berichtet haben. Die Russen. Natürlich. So wurde das noch 2019 auf NTV kommentiert: “Die gerne benutzten Parallelen zu Zweiten Weltkrieg, etwa zum SS-Massaker im belarussischen Chatyn, waren ein Propaganda-Geschenk für den Kreml, der die Maidan-Revolution ohnehin längst zum faschistischen Putsch stilisierte.”

Für jene, die die Vorgeschichte nicht kennen – es gab 2014 in der Ukraine nicht nur die Maidan-Bewegung, die hier so gern im Fernsehen gezeigt wurde, es gab auch eine Anti-Maidan-Bewegung. Während auf dem Maidan ein meterhohes Porträt des Nazikollaborateurs Bandera hing, trug die Anti-Maidan-Bewegung Siegesfahnen und Georgs Bändern. Die Trennlinie zwischen den beiden Gruppen war nicht ethnisch, sie war politisch.

In Odessa, einer Stadt, deren zweite Sprache nach dem Russischen bis Herbst 1941 Jiddisch war, waren die Maidan-Anhänger in der Minderheit. In den Wochen vor dem zweiten Mai war es immer wieder zu Zusammenstößen gekommen, etwa am zehnten April, dem Jahrestag der Befreiung Odessas, aber die Maidan Truppen waren immer unterlegen. Am zweiten Mai hatten sie Verstärkung, die in Bussen und Zügen aus Kharkow, aber auch aus Kiew angereist war; vor allem Anhänger des Rechten Sektors.

Anlass war ein Fußballspiel Odessa-Kharkow.

Bis zu diesem Moment, diesem Tag war die Entwicklung in der Ukraine noch offen. Es hatte Auseinandersetzungen zwischen Anti-Maidan und Maidan in Kiew gegeben, die sehr gewaltsam waren; es hatte Ende Februar einen Überfall von Rechtem Sektor und Udar auf Busse von der Krim gegeben, die mehrere Todesopfer gefordert hatten, und in Saporoschje waren zwei Wochen zuvor eine Reihe von Anti-Maidan-Demonstranten schwer verletzt worden, als sie von Maidan-Anhängern umzingelt und stundenlang festgehalten worden waren. In Donezk und Lugansk hatten Antifaschisten Verwaltungsgebäude besetzt und unabhängige Republiken erklärt; das war aber eigentlich nur genau das, was die Gegenseite einige Wochen und Monate zuvor in der Westukraine ebenfalls getan hatte. Es hätte nicht zu einem Bürgerkrieg führen müssen.

Der ukrainische Bürgerkrieg wurde am 2.Mai in Odessa geboren.

Auf dem Kulikowo-Platz gab es seit Wochen ein Protestlager, so wie auf dem Maidan zuvor. Allerdings ohne gut ausgebildete und bewaffnete Schlägertrupps, wie das auf dem Maidan war; ein vorbereitendes Training in NATO-Einrichtungen gab es nur für die ‚Pro-Europäer‘. Das, was an diesem Tag in Odessa geschah, konnte man davor ahnen oder befürchten, aber keinesfalls wissen.

Es gab Vorbereitungen. Zwei Tage vor dem Massaker traf sich Andrej Parubij, einer der Anführer des Putsches, mit dem Anführer des Rechten Sektors in Odessa. Letzterer ist auf den Videos deutlich zu erkennen – es gibt eine Szene, in der er mit einer Pistole auf ein Fenster des Gewerkschaftshauses feuert. Schon einige Zeit davor hatte einer der großen Förderer ukrainischer Nazis, bizarrer Weise ein jüdischer Oligarch namens Kolomoiskij, öffentlich Belohnungen für getötete ‚Moskals‘ ausgelobt. ‚Moskal‘, Moskauer nennen die Faschisten in der Ukraine jeden, der ihre Bandera-Verehrung nicht teilt.

Später erhielten Anhänger des Kharkower Fußballvereins tatsächlich das ausgelobte Geld; angeblich für das ‚Retten von Brandopfern‘.

Jedenfalls, nach einigen Auseinandersetzungen in der Innenstadt, bei denen tatsächlich unklar war, wer da auf wen geschossen hat, klar war nur, dass die Zahl der Opfer unter den Anti-Maidan-Demonstranten höher war, machte sich eine Menge von einigen Hundert Maidan-Anhängern auf den Weg zum Kulikowo-Platz. Dort waren eher die Alten, die sich von Scharmützeln fernhielten. Als die Meute auf den Platz zulief, wollten sie sich im Gewerkschaftshaus in Sicherheit bringen; nicht ahnend dass es zur Todesfalle werden sollte.

Der Maidan-Trupp brannte erst die Zelte des Protestcamps nieder und bombardierte dann das Gewerkschaftshaus mit Molotow-Cocktails. Die Menschen im Gewerkschaftshaus wurden beschossen. Abgesehen von einer kleinen Gruppe aus einem Sportverein, die tatsächlich versuchte, mit Hilfe eines Baugerüsts vom Feuer Eingeschlossene zu retten, standen die Meisten jubelnd und Parolen brüllend vor dem Haus und sahen zu, wie es brannte. Wenn sie nicht, was ebenfalls dokumentiert ist, durch einen Nebeneingang ins Gebäude eindrangen, um dort dann Türen einzutreten und diejenigen, die sich in Zimmer geflüchtet hatten, zu ermorden…

Man kann es auf den Videos hören, wie sie ihr ‚Heil Ukraine‘ rufen, den Gruß der ukrainischen Faschisten im zweiten Weltkrieg.

Am helllichten Tag ergötzte sich ein Mob an Mord und Totschlag, und mit der gleichen Arroganz wie ihre geistigen Ahnen bei der SS filmen sich diese Faschisten dabei auch noch und zeigen die Bilder der ganzen Welt.

Nein, es ist keine russische Propaganda, wen man das mit den Morden im weißrussischen Chatyn vergleicht – dort waren die Dorfbewohner in die Kirche getrieben worden, die dann angezündet wurde. Demselben Muster folgten die Naziverbrechen in Calavrita in Griechenland und Oradour in Frankreich.

Odessa übertrifft diese Vorbilder allerdings in einem – nichts davon fand zu Friedenszeiten statt, am hellichten Tag, und nirgends gab es jubelnde Zuschauer. Wie könnte man die Täter von Odessa anders bezeichnen, wenn nicht als Faschisten? Wie soll man eine Regierung nennen, die den Tätern ein Lob ausspricht, wenn nicht faschistisch? Sind das die Merkmale einer ‚jungen Demokratie‘, dass Anhänger einer anderen politischen Meinung zusammengetrieben und bestialisch ermordet werden?

Odessa hat jedem, der es gesehen hat, deutlich gemacht: da ist ein Feind auf die europäische Bühne zurückgekehrt, der nur mit Waffengewalt bezwungen werden kann. Nach Odessa war der Bürgerkrieg vorgezeichnet.

Allerdings – eine Möglichkeit hätte es noch gegeben; und es war ein zweites Mal der damalige deutsche Außenminister Steinmeier, der diese Möglichkeit nicht genutzt hat. Sein erstes Verbrechen an den Menschen der Ukraine waren die Scheinverhandlungen gewesen, die er mit zwei weiteren Außenministern mit Janukowitsch und Maidan Vertretern geführt hatte, nur um am Tag danach schon nichts mehr davon wissen zu wollen und die Putschregierung anzuerkennen. Eben dieser Minister Steinmeier war am 11.Mai, weniger als zwei Wochen nach dem Massaker, in der Ukraine, Sogar in Odessa.

Ganz kurz war davon die Rede, er wolle auch das Gewerkschaftshaus aufsuchen. Als das Kiew nicht genehm war, wurde der Punkt aus der Planung gestrichen.

Man stelle sich einmal vor, Steinmeier hätte nicht nur das Gewerkschaftshaus aufgesucht, sondern vielleicht dort einen Kranz für die Opfer niedergelegt und dann womöglich noch Überlebende im Krankenhaus besucht…

Ja, durch diese wenigen Handlungen wäre die Mauer des Schweigens, die sich nach wie vor um das Massaker zieht, durchbrochen worden. Es hätte der Putschregierung signalisiert, dass sie nicht tun kann, was ihr beliebt; dass Verbrechen dieser Art nicht geduldet werden. Hätte Steinmeier das getan, der Bürgerkrieg hätte noch verhindert werden können.

Er tat es nicht. Und man sollte sich darüber im Klaren sein, das Personal im Auswärtigen Amt weiß, welche Schritte möglich sind; es war kein Versehen, es war eine Entscheidung. Indem er Odessa aufsuchte, aber das gerade erst geschehene Verbrechen ignorierte, erteilte Steinmeier all den Verbrechen, die noch folgen sollten, seinen Segen.

Und die Kiewer Faschisten nutzten diese Carte Blanche seither ausgiebig, für ein weiteres Massaker in Mariupol eine Woche danach, für die Bombardierungen der Städte im Donbass, für Morde auf offener Straße wie an dem Journalisten Oles Busina, für alles, was Faschisten so tun, und sie werden dafür belobigt und gehätschelt, weil sie ihre Zähne in die Richtung fletschen, in die sie sie fletschen sollen, gegen Russland.

Seit sieben Jahren ist Odessa eine offene Wunde, und in diesen sieben Jahren ist nicht die Ukraine europäischer geworden, Europa wurde ukrainischer. Als wäre das Denken der ukrainischen Nazis, die nur Freunde oder Feinde kennen, eine ansteckende Krankheit. Und doch kann all das Geschrei, die wütende Hetze gegen Russland, die inzwischen zu Resolutionen des Europäischen Parlaments gebündelt wird, in denen kein einziger wahrer Satz steht, dass Crescendo der Kriegstrommeln nicht den Gestank verdecken, der von dieser schwärenden Stelle ausgeht, von dem ungesühnten Verbrechen dieses zweiten Mai 2014 in Odessa. Dieser Gestank haftet an all jenen, die die ukrainischen Nazis besonders innig umarmen. Er haftet an einer Frau Baerbock, beispielsweise, die gemeinsam mit Marie-Luise Beck und Ralf Fücks in einer Stiftung sitzt, die eifrig um Sympathie für diese Faschisten wirbt.

Er haftet an einem Bundespräsidenten Steinmeier, der zweimal die Möglichkeit hatte, Blutvergießen zu verhindern, und zweimal lieber mit Ukronazis schmuste.

Dieser Gestank durchdringt die ganze NATO-Strategie, die wie eine Zombie-Ausgabe des Unternehmens Barbarossa immer weiter gen Russland drängt.

Auch wenn es jetzt nicht so scheint, dieser Wiedergänger des zweiten Weltkriegs wird nicht anders enden als beim ersten Mal.

Die Unmenschlichkeit, die in Odessa ihr Haupt erhob, wird scheitern. Weil sie scheitern muss. Weil der Mensch kein Vieh ist.

Weil es andere Vadims geben wird oder schon gibt; und eines Tages errichten sie vielleicht eine Statue in Odessa, von einem hübschen jungen Mann, aber ohne Eitelkeit, wie er stolz eine Fahne trägt, aufrecht, ernst und mit einer Andeutung eines Lächelns auf den Lippen.

Liane Kilinc ist Vorsitzende des Friedensbrücke-Kriegsopferhilfe e.V.
und Mitglied im Deutschen Freidenker-Verband


Beitragsbild oben: Ingrid Koschmieder