„Semit“ – Nicht mehr so allein

Der Berliner Kabarettist und Freidenker Dr. Seltsam stellt die neue jüdische Zeitung „Semit“ vor

Aus: „junge Welt“ vom 16. Januar 2010 :


Nicht mehr so allein

Abraham Melzer bringt die Zeitschrift Semit und den Goldstone-Bericht der UNO heraus

Juden, die die Politik der israelischen Regierung gegenüber den Palästinensern als reaktionär kritisieren, werden verstärkt von den Antideutschen als »Kronzeugenjuden« beschimpft, die mit »jüdischem Selbsthaß« beladen seien. Es gibt aber immer mehr davon, nur fehlte ihnen bislang hierzulande eine Stimme. Semit heißt eine junge Zeitschrift, die »für einen gerechten Frieden im Nahen Osten« eintritt.

Semit richtet sich an Juden in Deutschland, die sich weder von Charlotte Knobloch vom Zentralrat der Juden, noch von Henryk Broders »Achse des Guten« vertreten fühlen.

Semit wird herausgegeben von Abraham Melzer, für literarisch Interessierte ein alter Bekannter. Er taucht zum Beispiel in Jörg Schröders Erzählband »Siegfried« als Sohn von Joseph Melzer auf, für dessen Verlag Schröder arbeitete, bevor er den März Verlag gründete. Dieses Buch wird übrigens nach meinem Dafürhalten als einziges Werk von der ganzen lahmen westdeutschen Literatur der siebziger Jahre übrigbleiben, abgesehen vielleicht von ein paar Gedichten von Rolf Brinkmann und Uli Becker und den Brauchitschpapers (»wg.Kohl«). In »Siegfried« taucht der junge Verlegersohn Abraham Melzer ab und auf, schließlich entschwindet er nach Israel, um sein Judentum bei der dortigen Armee unter Beweis zu stellen. Aus dem etwas dicklichen, nervtötenden Knaben Abi ist nun der soignierte silberhaarige Verleger Melzer geworden, ein mutiger Löwenbändiger, der gegen Dummschwätzer und Kriegsverbrecher zu Felde zieht. Semit ist eine Wiederneugründung. Die Zeitschrift erschien von 1988 bis 1992. Damals wurde sie eingestellt, wie Melzer mir in einem Brief schrieb, »weil ich damals so ziemlich allein war, überhaupt keine Anzeigen erhielt und die Zeitschrift ein wenig zu aufwendig gemacht habe, sodaß ich nach vier Jahren mit 100000 DM Schulden dastand und die Druckerei nicht weiter mitmachen wollte. Prügel habe ich damals von vielen Seiten bekommen, von Galinski, von Bubis etc.

Heute bin ich nicht mehr so ganz allein. Es stehen einige Freunde hinter mir, die die politische Richtung der Zeitschrift begrüßen und auch ein wenig Geld für die Finanzierung der ersten Ausgaben gespendet haben. Danach hoffe ich, auf eigenen Füßen zu stehen …« Vom neuen Semit sind bislang fünf Ausgaben erschienen, so daß sich ein positives Urteil über ihre gleichbleibende Qualität abgeben läßt. In jedem Heft gibt es ein aktuelles Thema, das von mehreren Seiten her diskutiert wird: Das Bundesverdienstkreuz für Felicia Langer, Arabische Juden und deren Probleme mit Rassismus in Israel. Die politische Wandlung des Zionisten Avram Burg. Henry M. Broders provokatorische Ankündigung, für das Amt des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland kandidieren zu wollen etc. In Semit schreiben interessante Autoren wie Moshe Zuckermann, Uri Avnery, Gideon Levy, Reuven Snir, Rolf Verleger oder Evelin Hecht-Galinski. Am Kiosk hörte ich folgendes: »Es gibt Hörzu oder Siehfern, aber Sehmit hab ick nich.« Möge sich das bald ändern – fragen Sie doch mal in Ihrem Laden nach. Semit hat auch eine Buch-edition, in der nun der UNO-Bericht der Goldstone-Kommission über den Gaza-Krieg der Israelis auf deutsch erscheint.

Abraham Melzer stellt ihn am heutigen Samstag in Berlin im Haus der Bundespressekonferenz vor. Und am Sonntag ist er zusammen mit dem Jerusalemer Friedensaktivisten Jeff Halper, Direktor des Komitees gegen Häuserzerstörung, zu Gast bei mir in der Leselounge. Semit kann man bestellen bei Abraham Melzer, Bermondstr.9, 63263 Neu Isenburg, info@dersemit.de


Nachtrag (2018): Der Semit erschien als Printausgabe bis 2012 und erreichte 40 Ausgaben. Seit 2014 führt Abraham Melzer die Arbeit als Blog fort: http://der-semit.de/


Collage: rlx (unter Verwendung von Titelbildern der Zeitschrift „Der Semit“ von Erhard Arendt [www.arendt-art.de])