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Belarus: Ein unbekanntes Land voller Gedenken

Die Verbrechen das faschistischen Vernichtungskrieges von 1941 bis 1944 haben viele Narben in Belarus hinterlassen. Davon künden auch die Orte, die eine Gruppe Deutscher in dem Land im Mai besuchte. Tilo Gräser war dabei. Ein Reisebericht, Teil 3

 Teil 1      Teil 2

Reisebericht von Tilo Gräser

Erstveröffentlichung am 27.05.2026 auf transition-news.org

Wer mit dem Zug durch Belarus fährt, hört immer wieder Durchsagen, die mit der Melodie des Liedes «Журавли» (Schurawli; deutsch: Kraniche) beginnen. Es ist ein russisches Lied, das an die gefallenen Soldaten erinnert. Es erklingt, wenn der Zug an Orten vorbeirollt oder dort hält, die eng mit Verbrechen der Faschisten von 1941 bis 1944 und dem Kampf gegen sie verbunden sind. Mit ihm werden Informationen über die jeweiligen Ereignisse begleitet.

Wir hörten das mehrmals, als wir mit dem Zug von Brest nach Minsk fuhren und dann wenige Tage später auch wieder auf der Rückfahrt. Das geschah zum Beispiel, als wir an der Station Bronnaja Gora vorbeikamen. In ihrer Nähe befindet sich einer der vielen Orte des Schmerzes und des Gedenkens in Belarus, die auch an die ermordeten jüdischen Menschen aus der Sowjetunion und aus Europa erinnern.

In der Nähe des Dorfes im Oblast Brest, an den Schienen einer Nebenstrecke, gibt es auf insgesamt 675 Quadratmetern mehrere Massengräber. Dort wurden von Mai bis November 1942 mehr als 51.000 Menschen, vor allem jüdischer Herkunft, von den deutschen Faschisten und ihren Helfern ermordet, darunter mehr als 16.000 Menschen aus dem Ghetto Brest. Links und rechts neben der Bahnstrecke wurden die Menschen erschossen und verscharrt.

Jelisaweta Mschar im Gespräch mit dem Historiker Hermann Kopp aus der deutschen Gruppe, ganz links Éva Péli (alle Fotos: Tilo Gräser)

Jelisaweta Mschar, Lokalhistorikerin und Bibliothekarin an einer Schule, beschäftigt sich seit mehr als 25 Jahren mit dem Schicksal der Opfer. Sie hat die vorhandenen Archivdokumente zu dem Verbrechen ausgewertet und die Namen der Ermordeten wieder ans Licht gebracht. Die heute 71-jährige Rentnerin engagiert sich immer noch, um herauszufinden, was geschah und wer die getöteten Menschen waren, die in der Nähe ihres Heimatdorfes umgebracht wurden.

Am 10. Mai traf sie sich mit unserer Gruppe in ihrem Heimatdorf und führte uns zu dem Ort des Schreckens und Gedenkens. Sie berichtete über die Suche nach den Spuren des Geschehens und wie es ihr gelang, die lange Zeit unter Verschluss gehaltenen Dokumente zugänglich und Augenzeugen ausfindig zu machen. Und sie schilderte, was sie über das Schicksal der Ermordeten im Wald von Bronnaja Gora herausfand.

Bis Anfang der 1990er Jahre war das Gelände der Vernichtungsstätte nicht öffentlich zugänglich. Es gehörte nach dem Krieg zu einem Areal der sowjetischen Armee. Nun künden dort ein Denkmal und zwei Gedenksteine von dem Geschehen vor rund 84 Jahren. In den nächsten Jahren soll dort eine offizielle Gedenkstätte entstehen.

Unfassbares Verbrechen

Die deutschen Faschisten der SS, unterstützt von lokalen Kräften und solchen aus der Ukraine, brachten die jüdischen Menschen aus den Ghettos der Region Brest mit Waggons zu der im Mai 1942 errichteten Vernichtungsstätte. Sie zwangen die Opfer, sich auszuziehen, warfen sie in Gruben und schossen ihnen in den Hinterkopf. Vor ihrem Rückzug 1944 ließen sie die Leichen ausgraben und verbrennen, um die Spuren zu verwischen.

Das Areal der einstigen Vernichtungsstätte heute

Insgesamt 186 Waggons zählte der Zeuge Roman Novis damals. Er war der stellvertretende Stationsleiter des Bahnhofs von Bronnaja Gora und ging später zu den Partisanen. Auf einer Tafel am Eingang zu dem Gelände wird auf das Geschehen, auf die Aussagen von Novis und die bisher zusammengetragenen Erkenntnisse hingewiesen..

Novis berichtete der staatlichen Sonderkommission zur Untersuchung der Verbrechen des Faschismus, die nach dem Krieg tätig war, über das, was er gesehen hatte. Er sagte laut eines Beitrages des Portals «Беларусь сегодня» («Belarus heute») aus, dass viele der zum Tode Verurteilten bereits in den Waggons an Erschöpfung und Luftmangel starben. Die Toten seien herausgefallen, wenn an den Bahnhöfen die Waggontüren geöffnet wurden; die Lebenden seien ohne jeden Widerstand zu ihren Gräbern gegangen.

Etwa 200 sowjetische Kriegsgefangene mussten die schreckliche Arbeit verrichten, die Leichen der während der Fahrt Verstorbenen und der vor Ort Erschossenen zu verbrennen. Auch sie wurden dann als Zeugen des Verbrechens von der SS ermordet und verbrannt, berichtete uns Jelisaweta Mschar. Sie hat über die vielen Jahre die Dokumente über das Geschehen zusammengetragen und geholfen, die Namen der Ermordeten herauszufinden.

Denis Maruk, ein Blogger aus Brest, drehte 2021 mit ihr einen Film über «Die Gräueltaten der ‹Herrenrasse›», in dem sie über ihre Arbeit und ihre Erkenntnisse erzählt. Jelisaweta Mschar war 2007 und 2008 in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem, wie sie berichtete. Dort habe sie von ihren Erkenntnissen gesprochen, die mit großem Erstaunen zur Kenntnis genommen worden seien. Das gesamte Geschehen der Judenvernichtung auf dem Gebiet von Belarus sei bis dahin unbekannt gewesen.

Schwierige Fragen

Die von den Deutschen erstellten Protokolle über die Ghetto-Insassen, die nach Bronnaja Gora gebracht und ermordet wurden, waren lange Zeit nicht öffentlich zugänglich. Das Gelände selbst sei bis zum Untergang der Sowjetunion geheim gewesen, da sich hier eine Kommandozentrale der Raketentruppen befand, so Mschar. Sie erzählte auch davon, dass in der Sowjetunion über das Geschehen an diesem und anderen ähnlichen Orten nicht gesprochen worden sei, unter anderem wegen des latent vorhandenen Antisemitismus.

Zwei Gedenksteine erinnern auf dem Gelände an die Ermordeten

Die Frage nach dem Umgang mit der Judenvernichtung in der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten ist nicht einfach zu beantworten. In unserer Gruppe wurde auch darüber diskutiert. Ein Aspekt dabei war und ist sicherlich, dass mit dem faschistischen Überfall auf die Sowjetunion ein Vernichtungskrieg begann, der sich gegen die gesamte Bevölkerung richtete. Und jüdische Menschen galten in dem Land zuerst als Sowjetbürger, wie andere auch.

In Deutschland wird inzwischen vor allem der rund sechs Millionen Opfer der Judenverfolgung und -vernichtung, des «Holocaust», gedacht. Die 27 Millionen getöteten sowjetischen Bürger, Soldaten und Zivilisten, spielen dagegen in der öffentlichen deutschen Erinnerungskultur eine immer geringere Rolle.

Eva Peli und ich konnten am vorletzten Tag unserer Reise mit Vertretern der Generalstaatsanwaltschaft von Belarus sprechen. Sie ermitteln seit fast fünf Jahren zum faschistischen Völkermord an der Bevölkerung der Belorussischen Sowjetrepublik. Sie wandten sich dagegen, die Begriffe Holocaust und Völkermord am sowjetischen oder belarussischen Volk sowie die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung und der sowjetischen Bürger gegeneinander auszuspielen.

Auf den Spuren der Partisanen

Vor dem Besuch in Bronnaja Gora war unsere Gruppe am selben Tag als erste aus Deutschland in dem 1972 eröffneten Partisanen-Freiluftmuseum «Chowanschtschina» bei Brest. Dort erklärte und zeigte uns Nikolai, ein ehemaliger sowjetischer Offizier und Bauunternehmer, wie die Partisanen in den belarussischen Wäldern gegen die Deutschen kämpften. Gekleidet wie einer von ihnen führte er uns durch das waldige, leicht sumpfige Gelände.

Nicht nur die nachgebauten Unterstände und Holzhäuser, unter anderem mit dem Lazarett und der Redaktion der Partisanen-Zeitung «Sarija», vermittelten uns einen Eindruck des Lebens im Versteck im Wald. Auch das nasskalte Wetter an diesem Tag ließ ein wenig erahnen, was die Menschen vor mehr als 80 Jahren im Kampf gegen die faschistischen Besatzer aushielten und leisteten.

Zwei Gedenksteine erinnern auf dem Gelände an die Ermordeten

Das Museum befindet sich auf dem Gelände, auf dem im Krieg bis zur Befreiung des Territoriums der Belorussischen SSR 1944 die Partisaneneinheit mit der Nummer 1001211 ihren Gefechtsstand und ihre Unterkünfte hatte. Es versucht, seinen Besuchern einen Tag im Leben der Partisanen zu vermitteln, wie uns Nikolai erklärte.

Das Besondere daran sei gewesen, dass sich auf dem Areal auch ganze Familien aufhielten, insgesamt zwischen 300 und 600 Menschen, je nach Lage. Sie hätten sogar Weihnachten gefeiert:

«Der Kommandant der Partisanengruppe verkleidete sich als Partisanen-Weihnachtsmann. Die Kinder schmückten den Weihnachtsbaum, tanzten im Kreis und bekamen Geschenke.»

Wir bekamen auch einen kleinen Einblick in eine Schule, die die Partisanen für die Kinder organisierten. Antonina Tschasis zeigte uns, wie sie unterrichtet wurden und wie dabei improvisiert werden musste, da natürlich keine regulären Lehrmaterialien vorhanden waren. Geschrieben wurde entweder auf erbeuteten deutschen Dokumenten oder auf Tafeln mit Sand, Rechnen lernten die Kinder mit allem, was der Wald bot.

Nikolai erklärte uns, wie sich die Partisanen vor den Deutschen versteckten, wie sie gegen diese kämpften und welche Waffen sie dabei einsetzten und wie sie ihr Leben organisierten. Er gab uns auch einen Einblick in den Schrecken, den sie bei den deutschen Truppen auslösten. Davon zeugte der Brief eines deutschen Wehrmachtsoffiziers, den er uns zeigte.

Ein einfacher Wunsch

In einem der Unterstände wies die Kopie einer deutschen Heereskarte die Region als «Ständiges Partisanengebiet» aus. Von diesem aus starteten die Partisanen ihre Angriffe, während sich keiner der Deutschen und auch keiner ihrer belorussischen Kollaborateure in das Waldgebiet wagte, wie Nikolai erzählte. Oft kommen Jugendgruppen in das Museum, berichtete unser Partisanen-Führer und erklärte:

«Die Führungen, die hier stattfinden, sind Führungen des Mutes und des Patriotismus für unsere Jugend, für die kommenden Generationen, damit sie niemals die Schrecken des Krieges vergessen, die sich hier, auf unserem belarussischen Boden, ereignet haben.»

In solchen Erdhütten lebten die Partisanen und bereiteten sie sich auf den Kampf vor

Doch es geht Nikolai und den anderen Mitarbeitern des Museums, die uns einen Einblick in das schwere Partisanenleben gaben, nicht nur um Patriotismus und den Heldenmut der Partisanen – ohne ihr Leid zu verschweigen. Zum Abschluss unseres Besuches, bei einem zünftigen Partisanenessen mit Wodka und Speck, sagte er etwas, was wir immer wieder in den Tagen in Belarus hörten:

«Unsere Türen stehen Euch hier immer offen. Wer in friedlicher Absicht zu uns kommt, den empfangen wir alle. Und ich wiederhole noch einmal: Ich wünsche uns allen Frieden.»

Heute breite sich in der Welt wieder Krieg und Not aus, stellte der Mann fest, der wie viele andere in Belarus Vorfahren durch den faschistischen Vernichtungskrieg verloren hat. Sein Vater habe seine Eltern durch die Faschisten verloren, und er sei als Zehnjähriger zu den Partisanen gekommen, wie er berichtete. Beide Großväter seien nach Deutschland in Konzentrationslager verschleppt worden; und eine Großmutter sei von den Deutschen, die andere und eine Tante seien von ukrainischen Bandera-Leuten erschossen worden.

«Lasst uns friedlich leben», sagte er und wünschte uns Frieden, Liebe und Gesundheit. Und sang zum Abschied gemeinsam mit den Deutschen das populäre sowjetische Lied «Katjuscha» – und wir stimmten ein, so gut wir konnten, auf Deutsch und Russisch.

Fortsetzung folgt in Kürze

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Bild oben: Diese Schienen führen zur einstigen Vernichtungsstätte Bronnaja Gora nahe dem belarussischen Brest, wo mehr als 50.000 Menschen ermordet wurden
Foto: Tilo Gräser