Clown in Kiew
Zur öffentlichen Diffamierung von Ferhat Cato und zum Zustand der politischen Debatte
E-Mail von Sabiene Jahn an den Stadtrat Neuwied
vom 31.03.2026
Die Autorin schreibt zur Vorgeschichte:
Auslöser der Debatte war eine private Rundmail des Engerser SPD-Ortsvorsitzenden Ferhat Cato nach der Landtagswahl, in der er die Milliardenhilfen für die Ukraine kritisierte und den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj als „Clown in Kiew“ bezeichnete. Damit war ein lokaler Vorgang plötzlich zum Gegenstand einer öffentlichen Erregung geworden, die auch von der regionalen Rhein-Zeitung aufgegriffen wurde – bemerkenswerterweise in einem Blatt, in dem eine wirklich offene Debatte über Krieg, Kosten, politische Verantwortung, abweichende Sichtweisen und die Grenzen des Sagbaren sonst allzu oft gerade nicht in dieser Klarheit stattfindet. Zunächst reagierte die CDU-Fraktion im Neuwieder Stadtrat mit scharfer Empörung. Ihr Fraktionsvorsitzender Martin Hahn (CDU) erklärte, wer den „demokratisch gewählten Präsidenten eines angegriffenen Landes als ,Clown‘ bezeichnet, hat jedes Maß verloren“ – das sei „keine sachliche Kritik mehr, sondern eine Entgleisung“. Solche „Tiraden“, so Hahn weiter, bedienten Narrative, „wie man sie sonst vor allem aus extremistischen und populistischen Kreisen kennt“.
Ferhat Cato hielt dem entgegen, er äussere „meine private Meinung. Dafür rechtfertige ich mich nicht.“ Zugleich betonte er, sehr wohl solidarisch mit der ukrainischen Bevölkerung zu sein, aber eben „nicht alles abnicken“ zu müssen, „was Selenskyj macht“. Auch Janick Helmut Schmitz (SPD), Regionalgeschäftsführer der SPD, stellte klar, Catos Aussagen seien nicht Ergebnis irgendwelcher Beratungen oder Beschlüsse der Partei;. Private Meinungsäußerungen unterlägen jedoch „ohnehin keinem Parteibeschluss“. In den Tagen danach wurde der Vorgang von CDU-Seite weiter zugespitzt.
Die Bundestagsabgeordnete Ellen Demuth (CDU) erklärte, „wer Selenskyj verhöhnt, verkennt die Wirklichkeit dieses Krieges“, und behauptete, in der Ukraine werde „zugleich die Sicherheit Europas“ verteidigt. Jan Petry (CDU), Kreisvorsitzender in Neuwied und früherer Landtagskandidat, sprach von einer Rhetorik, die „deckungsgleich mit den Narrativen der AfD“ sei, und formulierte den Satz: „Diese Wortwahl ist nicht nur geschmacklos, sie ist brandgefährlich.“
Vor diesem Hintergrund – also vor dem Zusammenspiel aus parteipolitischer Skandalisierung, moralischer Zuspitzung und einer medialen Inszenierung, die die eigentliche Streitfrage hinter Empörungsritualen verschwinden ließ – entstand mein Schreiben.
Hier folgt die E-Mail von Sabiene Jahn an den Stadtrat Neuwied vom 31.03.2026:
Sehr geehrte Damen und Herren des Stadtrats Neuwied,
mit Befremden verfolge ich die Debatte um Ferhat Cato und die inzwischen ritualisierte Empörung über dessen Formulierung vom „Clown in Kiew“. Ich schreibe Ihnen nicht, weil ich jede Zuspitzung im politischen Sprachgebrauch verteidigen wollte. Ich schreibe Ihnen, weil ich den Eindruck habe, dass hier etwas viel Grundsätzlicheres sichtbar wird – der erschreckende Verfall einer politischen Streitkultur, in der nicht mehr die Sache geprüft, anstattdessen jedoch nur noch die Abweichung markiert und bestraft wird.
Ferhat Cato hat ausgesprochen, was viele Menschen denken, sich im öffentlichen Raum aber längst nicht mehr zu sagen trauen. Dass dies nun zum Anlass genommen wird, ihn moralisch vorzuführen und in die Nähe „falscher Narrative“ zu rücken, ist unredlich, durchschaubar und in seiner Mechanik beschämend vertraut. Statt Argumente zu prüfen, werden Etiketten verteilt. Statt über Krieg, Leid, Kosten, geopolitische Interessen und vertane Verhandlungschancen zu sprechen, wird die Debatte auf die Empörung über ein Wort reduziert. Das ist bequem, aber unredlich.
Ich möchte Herrn Cato ausdrücklich meine Wertschätzung aussprechen. Mut ist in einer solchen Lage nicht das Mitlaufen, sondern das Aussprechen des Unerwünschten. Wer heute die ukrainische Führung kritisiert, wird in Deutschland sehr schnell behandelt, als habe er sich außerhalb des Anständigen gestellt. Dabei wäre gerade das Gegenteil geboten, eine offene, nüchterne und pluralistische Diskussion über einen Krieg, der unzählige Menschen das Leben gekostet, Familien zerrissen und Europa politisch wie wirtschaftlich beschädigt hat.
Vor wenigen Tagen hörte ich ein ausführliches Interview mit einem ehemaligen ukrainischen Rada-Mitglied, das aus eigenem Erleben die Friedensversprechen Selenskyjs, die nicht eingelösten Vereinbarungen und die versäumten Chancen auf Verhandlungen schilderte. Ob man jedes Detail seiner Darstellung teilt, ist nicht der entscheidende Punkt. Entscheidend ist, dass es innerhalb der Ukraine und der ukrainischen Diaspora sehr viel mehr Stimmen gibt, als die hiesige Debatte wahrhaben will. Diese Stimmen sind nicht marginal. Sie sind nur medial unerwünscht.
Auch im Landkreis Neuwied leben Ukrainer, mit denen man sprechen kann, wenn man es denn wirklich wissen will. Manche von ihnen lesen keine deutsche Zeitung, beteiligen sich nicht an lokalen Parteidramen und haben für die moralischen Posekämpfe deutscher Funktionäre nur noch bitteren Spott übrig. Ich kenne einen älteren Mann aus dem Donbass, einen Schiffbauingenieur, weltläufig, erfahren, kein Ideologe. Sein sehnlichster Wunsch ist nichts anderes als das Ende dieses Krieges. Von Selenskyj spricht er nicht ehrfürchtig, sondern mit unverhohlener Verachtung. Andere berichten von Angst, Repression und dem Gefühl, dass Kritik an der Führung lebensgefährlich werden kann. Das sind keine theoretischen Debattenzirkel, sondern menschliche Erfahrungen.
Gerade deshalb halte ich es für abstoßend, wenn hiesige Mandatsträger so tun, als sei jede fundamentale Kritik an Selenskyj schon ein Angriff auf die Freiheit Europas. Diese Formel ist in den vergangenen Jahren tausendfach wiederholt worden. Sie hat den Krieg nicht beendet, kein einziges Leben gerettet und keine demokratische Kultur gestärkt. Sie hat nur dazu beigetragen, dass Menschen verstummen, obwohl sie etwas zu sagen hätten.
Was mich an der jetzigen Debatte besonders stört, ist die politische Selbstgerechtigkeit, mit der sich manche auf Kosten eines Andersdenkenden profilieren. Wer heute mit großer Geste den Demokratiesinn beschwört, sollte zunächst beweisen, dass er Widerspruch aushält. Demokratie bedeutet nicht, dass alle dieselbe außenpolitische Liturgie nachsprechen. Demokratie bedeutet, Dissens zu ertragen, zumal dann, wenn er an einem Krieg rührt, dessen Hintergründe, Nutznießer und Verlängerungsmechanismen bis heute keineswegs ehrlich aufgearbeitet sind.
Ich halte Ferhat Cato nicht für das Problem. Problematisch ist vielmehr eine politische Klasse, die sich in moralischer Überlegenheit gefällt, aber kaum noch fähig scheint, den Schmerz, die Angst und die Friedenssehnsucht der Menschen ernst zu nehmen. Wer jede Kritik an Kiew – oder den „Clown in Kiew“ – reflexhaft delegitimiert, betreibt keine demokratische Aufklärung, sondern Gesinnungsaufsicht.
Wer Ferhat Cato heute moralisch abkanzelt, kann sich nicht mehr auf eine geschlossene europäische Mehrheitsstimmung berufen. In Frankreich ist die Zustimmung zu Waffenlieferungen erstmals seit 2022 unter 50 Prozent gefallen, in Italien will nur rund ein Drittel einen ukrainischen Sieg, und in mehreren großen EU-Staaten hat der Wunsch nach einem Verhandlungsfrieden inzwischen die robustere Basis.
Ich wünsche mir von Ihnen, dass Sie zu einer sachlicheren und freieren Debatte beitragen. Dazu gehört, einen Mann wie Ferhat Cato nicht öffentlich an den Pranger zu stellen, sondern auszuhalten, dass es auch im Kreis Neuwied Bürger gibt, die den Krieg, seine westliche Begleitmusik und die sakralisierte Figur Selenskyj grundsätzlich anders beurteilen.
Mit freundlichen Grüßen,
Sabiene Jahn
Freie Journalistin
Sabiene Jahn, Trägerin des Kölner Karlspreises für Engagierte Literatur und Publizistik, ist Mitglied des Deutschen Freidenker-Verbandes, LV Rheinland-Pfalz / Saarland
Quellen uns Anmerkungen
(3) https://lostineu.eu/umfragen-unterstuetzung-fuer-die-ukraine-broeckelt/
(7) https://legrandcontinent.eu/de/2025/03/20/eurobazooka/
(8) https://globalbridge.ch/author/sabienejahn/
(9) https://globalbridge.ch/author/sabienejahn/page/2/
(10) https://globalbridge.ch/author/sabienejahn/page/3/
(11) https://globalbridge.ch/der-leere-stuhl-oder-erinnerung-laesst-sich-nicht-ausblenden/ (beinhaltet Aussagen von Ukrainern, die im Landkreis Neuwied leben)
(12) https://globalbridge.ch/frieden-verboten/
(13) https://globalbridge.ch/mein-kampf-oh-pardon-mein-krieg/
(14) https://globalbridge.ch/die-verbotene-vorgeschichte/
(15) https://tkp.at/2025/04/18/frieden-schiessen/
(16) https://tkp.at/2026/01/22/vom-hilfstransport-zum-staatsfeind/
(17) https://overton-magazin.de/author/s-jahn/
(18) https://overton-magazin.de/top-story/ukraine-untergraebt-new-start-vertrag-endgueltig/
(19) https://apolut.net/tag/sabiene-jahn/
(20) https://apolut.net/juristische-ausloschung-ohne-urteil-von-sabiene-jahn/
(21) https://apolut.net/frieden-verboten-von-sabiene-jahn/
(23) https://apolut.net/truppen-als-friedensgarantie-europas-gefahrlicher-irrtum/
(24) https://apolut.net/die-strategische-wahrung-des-ukraine-kriegs-von-sabiene-jahn/
(25) https://www.nachdenkseiten.de/?gastautor=sabiene-jahn
(26) https://www.nachdenkseiten.de/?p=131092
(27) https://clausstille.blog/2022/02/15/der-donbass-und-seine-kleinen-begrabenen-korper-ein-essay-von-sabiene-jahn/ (Meine Reportagereise in den Donbass/ Donezk, Frühjahr 2018)
(28) https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/worte-die-toeten/
© Sabiene Jahn
Wir danken der Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrages
Bild oben: mit KI generiert
