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Spiegel-ei

von Stefan Siegert

Im folgenden Text geht es um den Ukrainekrieg. Geschrieben wurde er vor dem 3. Januar 2026. Bis zu diesem Datum gab es noch ein internationales Recht und verbindliche zwischenstaatliche Beziehungen. Ab diesem ersten Samstag des neuen Jahres gilt international nur noch gesetzlose Gewalt. Der folgende Text handelt von einer untergegangenen Welt.

Beim Thema Ukraine kam in der letzten Kalenderwoche des vergangenen Jahres Tempo in die politische Kommunikation. Der Aufreger: Trump telefonierte vor seinem Treffen mit Volodymir Selenskyj in Washington ausführlich mit Wladimir Putin. Für den Spiegel erneut Gelegenheit, Flagge zu zeigen.

„Der ursprünglich aus 28 Punkten bestehende Entwurf“, holte das Magazin weit aus, „wurde auf Einwände der Europäer und Ukrainer auf 20 Punkte verkürzt. Und es ist auch weiter fraglich, inwieweit Kremlchef Vladimir Putin zu für einen Friedensvertrag nötigen Zugeständnissen bereit ist.“ (1)

Wer so schreibt, leidet nicht an Realitätsverlust. Er baut ihn aus. Freilich bei anderen. Die merken meistens gar nicht, wie ihnen im zweiten Spiegel-Satz geschieht. Es sei „weiter“ fraglich, ob Putin „zu Zugeständnissen“ bereit sei (das war er in der Vergangenheit nachweislich oft). So ist das aber nicht gemeint. Der Spiegel ist bestrebt, seinen Leserinnen zu bestätigen, was sie seit langem wissen: Putin will Krieg. Darum ist der Kremlchef, so der Spiegel, zu Zugeständnissen weiterhin nicht bereit. Weil für vernünftige Friedensverhandlungen in einer regelbasierten Welt aber nun einmal Zugeständnisse nötig sind, will einer, der keine Zugeständnisse macht, keinen Frieden. So einfach ist das, wenn es vom Spiegel kommt.

Eine Schlusspointe für Nutzerinnen alternativer Medien und für Freundinnen dialektischen Denkens: Ob Putin Zugeständnisse macht oder nicht, hängt alleine davon ab, um was es geht. Die Russische Föderation hat von Anfang ihrer Militärischen Spezialoperation an ihre Ziele genannt: Kein Nato-Beitritt der Ukraine, keine ausländischen Truppen aus vom Westen dominierten Ländern in der Ukraine, sowie die Annexion der russischsprachigen, seit dem Maidan-Putsch 2014 von der ukrainischen Armee angegriffenen Oblaste der Ukraine (davon, die ganze Ukraine zu erobern, haben die Russen nie gesprochen). Über Zugeständnisse lässt Putin weiterhin mit sich reden. Zum Beispiel über Verhandlungen über einen möglichen EU-Beitritt dessen, was von der Ukraine nach einem militärischen Sieg der Russen noch übrig ist.

Eine Bitte am Ende. Wer sich, zurück bis zu Katharina der Großen, in der russischen Geschichte nicht wirklich auskennt, erlaube sich freundlicherweise kein Urteil darüber, ob die Art und Weise, wie die russische Regierung mit der Ukraine umgeht, in Ordnung ist oder „imperialistisch“.

Stefan Siegert ist Autor mit Schwerpunkt Musik und politisches Feuilleton

Quelle

(1) Artikel „Kreml lobt Friedensgespräche und droht der Ukraine“ vom 29.12.2025, https://www.spiegel.de/ausland/russland-ukraine-krieg-kreml-lobt-friedensgespraeche-und-droht-der-ukraine-a-b46b0cd2-f95e-459b-bfd1-b52aec9ee23b

 


Bild oben: US-Präsident Donald Trump und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auf einer Pressekonferenz am 28. Dezember 2025 in Florida.
Foto: Daniel Torok / The White House, Gemeinfrei
Quelle: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=180957996