Die große Entbehrungsoper
von Sabiene Jahn
Erstveröffentlichung am 17.04.2026 auf globalbridge.ch
Als der Westen noch Kriege führte, versprach er seinen Bürgern Ordnung, Sicherheit und moralische Überlegenheit. Heute verlangt er Verzicht, höhere Spritkosten und neue Opfer – und bringt nicht einmal mehr den Mut auf, die Urheber der Eskalation beim Namen zu nennen. Keir Starmer und Anthony Albanese sprechen wie Männer, die einen Brand beklagen, an dessen Legung sie selbst politisch mitgewirkt haben. Sie bitten ihre Bevölkerungen um Disziplin, während sie zugleich an der großen Irreführung festhalten – so zu tun, als sei diese Krise über ihre Länder gekommen, nicht aber aus ihrer eigenen politischen Komplizenschaft erwachsen.
Der Beitrag kann auch bei YouTube angehört werden: https://youtu.be/5Up4A-nrKRk
Es ist ein altbekanntes Bühnenbild: Staatsmänner treten vor die Kameras, die Kulisse ist düster, die Worte sind schwer und der Ton getragen, Ja, und irgendwo zwischen „Verantwortung“ und „Solidarität“ beginnt die nächste Zumutung für die eigene Bevölkerung. Diesmal geben Keir Starmer und Anthony Albanese die Hauptrollen in einer Posse, die sich selbst nicht als solche erkennt. (1)(4)
Der Plot ist simpel, beinahe grob geschnitzt. Ein Krieg erschüttert die Energieversorgung, die Preise steigen, die Unsicherheit wächst – und die politischen Akteure erklären ihren Bürgern, dass nun „Opfer“ notwendig seien. Was fehlt, ist nur ein entscheidendes Detail, die klare Benennung dessen, was diesen Zustand verursacht hat. Stattdessen erleben wir eine eigentümliche Verdrehung der Verhältnisse. Der Krieg wird zur Naturgewalt erklärt, zur anonymen Krise, die über die Welt hereingebrochen sei wie ein Sturm. „Nicht unser Krieg“, heißt es aus London. „Wir sind kein aktiver Teilnehmer“, versichert Canberra. Und doch, militärische Unterstützung, politische Rückendeckung und strategische Infrastruktur – all das ist längst Realität. Die Distanz ist rhetorisch, nimmermehr faktisch. (2)
Die eigentliche Pointe liegt in der Inszenierung der Folgen. Die Bürger sollen sparen, verzichten, sich einschränken. Öffentliche Verkehrsmittel nutzen, weniger fahren, sich auf „harte Monate“ einstellen. (4) (5) (6) Es ist die Wiederkehr eines bekannten Musters. Die Konsequenzen politischer Entscheidungen werden den Bürgern aufs Auge gedrückt, die Ursachen jedoch entpolitisiert.
Historisch ist das keineswegs neu. Die autofreien Sonntage der 1970er Jahre in der Bundesrepublik waren ebenfalls ein Symbol staatlich verordneter Knappheit – eine Mischung aus Krisenmanagement und pädagogischer Maßnahme. Doch während damals ein externer Schock – die Ölkrise – zumindest offen benannt wurde, erleben wir heute eine eigentümliche Sprachverweigerung. Die gegenwärtige Energieverknappung wird als diffuse, fast schicksalhafte Entwicklung geschildert. (9)
Dabei ist die Lage strukturell klar. Eine der zentralen Energieachsen der Welt – die Straße von Hormus – ist de facto blockiert. (1) Förder- und Exportkapazitäten im Golfraum sind beschädigt. (7) Gleichzeitig haben sich insbesondere europäische Staaten in den vergangenen Jahren bewusst von kostengünstigen Bezugsquellen getrennt und alternative, deutlich teurere Versorgungswege etabliert. Das Resultat ist die logische Konsequenz einer politischen Neuordnung der Energieströme. (8) (10)
Die eigentliche Irreführung beginnt dort, wo Ursache und Wirkung systematisch entkoppelt werden. Wenn politische Führungen ihre Bevölkerung zu Verzicht aufrufen, ohne die eigenen Entscheidungen als Teil der Kausalkette anzuerkennen, entsteht ein Vakuum – und dieses Vakuum wird längst von einem wachsenden Misstrauen gefüllt.
Denn die Bevölkerung ist nicht mehr die schweigende Masse vergangener Jahrzehnte. Informationen zirkulieren schneller, Narrative werden überprüft und die entsetzlichen Widersprüche sichtbar, verliert die politische Kommunikation ihre Glaubwürdigkeit.
So verwandelt sich die politische Bühne zur Groteske. Die Akteure spielen Ernst, während das Publikum die Brüche im Stück längst erkennt. Die großen Worte – Verantwortung, Stabilität, Sicherheit – stehen im Kontrast zu einer Realität, in der zentrale Fragen unbeantwortet bleiben. Wer trägt Verantwortung? Wer trifft Entscheidungen? Und vor allem – wer bezahlt den Preis?
Es sind nicht die politischen Entscheidungsträger, die an der Zapfsäule stehen. Es sind nicht die Architekten geopolitischer Strategien, die ihre Heizkosten neu kalkulieren müssen. Es sind die Bürger. Und genau hier kippt das Stück und es entsteht ein gefährlicher Raum – einer, in dem politische Steuerung zunehmend durch Skepsis ersetzt wird. Wie lange akzeptiert die Bevölkerung eine Erzählung, die ihre eigene Intelligenz unterschätzt? Die große Entbehrungsoper hat nämlich einen Schönheitsfehler. Ausgerechnet jene, die den Vorhang aufgezogen haben, wollen nun so tun, als säßen sie bloß zufällig im Parkett.
Sabiene Jahn, Trägerin des Kölner Karlspreises für Engagierte Literatur und Publizistik, ist Mitglied des Deutschen Freidenker-Verbandes, LV Rheinland-Pfalz / Saarland
(Red.) Es gibt auch Kriegsgewinnler dieses Krieges – zu ihnen gehört nicht zuletzt auch die Schweiz – siehe «die Schweiz – online.ch»!
Anmerkungen
1.) https://www.gov.uk/government/speeches/pm-remarks-1-april-2026
2.) https://www.reuters.com/world/uk/uk-requires-closer-eu-partnerships-due-volatile-world-starmer-says-2026-04-01/
3.) https://www.pm.gov.au/media/press-conference-parliament-house-canberra-49
4.) https://www.reuters.com/world/asia-pacific/australia-pm-albanese-address-nation-over-iran-crisis-2026-04-01/
5.) https://www.reuters.com/world/asia-pacific/australia-offer-businesses-693-million-cheap-loans-ease-fuel-cost-pressure-2026-04-01/
6.) https://www.reuters.com/business/energy/australia-halve-tax-petrol-bring-down-costs-wake-iran-war-2026-03-30/
7.) https://www.reuters.com/business/uk-food-inflation-heading-towards-10-due-iran-war-industry-says-2026-04-01/
8.) https://www.reuters.com/business/energy/any-eu-fiscal-response-energy-prices-should-be-tailored-ecb-2026-03-19/
9.) https://www.econostream-media.com/news/2026-03-26/ecb%E2%80%99s_lagarde%3A_energy_disruption_could_last_%E2%80%9Cyears%E2%80%9D_expecting_swift_return_to_normal_%E2%80%9Coverly_optimistic%E2%80%9D.html
10.) https://www.reuters.com/business/euro-zone-economy-may-already-be-ecbs-adverse-path-policymaker-warns-2026-04-01/
© Sabiene Jahn
Wir danken der Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrages
Bild oben: Die große Entbehrungsoper – mit Hilfe von KI ins Bild gebracht … (übernommen von globalbridge.ch)
