Darf man überhaupt noch Indianer sagen?
Interview von Klaus Hartmann mit Gawan Maringer
Der Arbeitskreis Indianer Nordamerikas (AKIN) mit Sitz in Wien wurde 2024 durch die einladende „entwicklungspolitische NGO“ von einer großen Kultur-Veranstaltung zu Gunsten von Menschenrechten und Entwicklungspolitik ausgeschlossen. Begründung: Die Indianer im Namen des Arbeitskreises.
In Vorbereitung des nächsten Freidenker mit dem Titel „Indianerland in Indianerhand“ sprach Klaus Hartmann mit Gawan Maringer, stellvertretender Obmann des Arbeitskreis Indianer Nordamerikas und seit 1999 in diesem tätig. Seit 2001 ist er für und mit RepräsentantInnen Indigener Völker, insbesondere aus Nordamerika, in diversen UN-Gremien in New York und Genf tätig. Maringer hat zwei Universitätsabschlüsse als Magister in Kultur- und Sozialanthropologie sowie Publizistik und Internationale Entwicklung, beide mit Schwerpunkt Rechte Indigener Völker, unter der Betreuung des Univ.- Prof. Dr. Kuppe.
Der Arbeitskreis Indianer Nordamerikas wurde (in letzter Zeit) wegen seines Namens kritisiert – was entgegnen Sie?
Die Kritik seitens einer bedeutenden entwicklungspolitischen Organisation war insbesondere skandalös, da sie die Exklusion aus der von ihnen organisierten Veranstaltung bedeutete und somit wertvolle Menschenrechtsarbeit unsererseits verhinderte. Bemerkenswert ist hierbei auch, dass wir zuvor langjährig viele Male völlig problemlos teilnehmen konnten.
Eine Menschenrechtsorganisation, die nachweislich seit Jahrzehnten wertvolle politische Arbeit für und mit Indigenen Völkern und deren VertreterInnen durchführt aufgrund ihres Namens auszuschließen, ist an sich höchst zweifelhaft, umso bedenklicher jedoch, wenn sich dieses „Cancelling“ auf zeitgenössisch oberflächlicher Meinungsmache wider besserer Aufklärung unsererseits gründet. Unser Name basiert in erster Linie auf dem politischen Begriff „Indianer“ – ein Terminus, der selbstverständlich kolonial behaftet ist und – wie allseits bekannt – auf einem Missverständnis gründet. Hierzu eine scherzhafte Bemerkung vom American Indian Movement (AIM), ich glaube es war Russell Means: „I am glad Columbus did not look for Turkey.“
Der Begriff stellt sich jedenfalls als sehr dynamisch, heterogen und Kontext-behaftet dar. Seine politische Dimension ist vielfältig, wurde jedoch von Indigenen Völkern der Amerikas und hierbei insbesondere in Nordamerika zu ihren Gunsten zurückerobert, um sich gemeinschaftlich zu solidarisieren, zu organisieren, und im Kollektiv gegen die kolonial fundierte, staatlich avancierte Oppression Widerstand zu leisten. „Indian – Indianer“ transformierte sich demzufolge zu einem panindigenen Begriff des Widerstandes gegen Kolonialismus, Genozid und dessen Folgen. Dies ist freilich nur eine Facette dieses Begriffs, jedoch genau jene, der unsere Organisation sich verhaftet fühlt. Als namhafte Beispiele, welche den europäischen Unterstützerorganisationen als Titel gebende Vorbilder gegolten haben, sind etwa das American Indian Movement, die National Indian Brotherhood und das International Indian Treaty Council zu nennen.
Wie sehen Wissenschaftler die Problematik?
Als heterogener Begriff ist „Indianer“ im deutschsprachigen Raum nicht völlig kongruent mit dessen englischen Pendant „Indian“. Impliziert „Indian“ originär u.a. kolonial-abwertende Assoziationen, ist „Indianer“ größtenteils positiv konnotiert und maßgeblich durch den Autor Karl May geprägt worden. Diese Prägung liegt im damaligen Zeitgeist verortet und beinhaltet auch zahlreiche Klischees und Stereotypen, eine komplette Ablehnung und diesbezügliche Zensur kann jedoch kaum zielführend sein, zumal Karl May in seinen Werken den Kolonialismus oftmals anprangert und ein weitgehend menschliches, wenn auch idealisiert-heroisches Bild der „Indianer“ zeichnet.
Unser Ehrenmitglied Dr. René Kuppe, Rechtsanthropologe und Experte für Rechte Indigener Völker, beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Indigenen Völkern Nordamerikas. Er befürwortet die reflektierte Verwendung des Begriffs „Indianer“ und dessen Fortbestand. Insbesondere verweist Kuppe hierbei auf einhergehende rechtliche und politische Implikationen des Terminus „Indian“, welche bereits in den Ursprüngen der britischen Kolonialgeschichte wurzeln. Im 18. Jahrhundert wurden indigene Gruppen als „Indian Nations“ oder „Indian Tribes“ bezeichnet und sind als solche bis heute sowohl in Kanada als auch in den USA juristisch anerkannt. Demzufolge implizieren diese politischen Termini spezifische kollektive, politische Rechte, die über eine bloße kulturelle Kategorisierung hinausreichen und die kollektiv-rechtliche Selbstbestimmung hervorheben. Oftmals sind damit „Treaties“ verbunden, Verträge, welche zwischen den „indianischen Nationen“ und den Kolonialmächten abgeschlossen wurden. Der generalisierende, aus dem internationalen Recht stammende Begriff „Indigene Völker“ reicht demnach nicht aus, um diesen historisch gewachsenen, im globalen Vergleich hervorhebenswerten Sonderstatus zu umfassen. Diese Besonderheit ist historisch mit dem Begriff „Indian“ und seiner deutschen Übersetzung „Indianer“ verwoben.
Laut Kuppe ist es auch hinsichtlich der kulturellen Dimension keineswegs abwegig, von „Indianern“ zu sprechen, da trotz vieler Differenzen auch zahlreiche kulturelle Gemeinsamkeiten im indigenen Nordamerika erkennbar sind. Der renommierte indigene Theologe, Historiker und Aktivist Vine Deloria Jr. betonte beispielsweise die verbindenden Elemente bezüglich Kultur und Spiritualität „der Indianer“. Hierbei sei auch nochmals an den eingangs erwähnten, dynamischen, panindigenen „Indianer“ Begriff verwiesen.
Nicht zuletzt sieht Kuppe in der aktuellen Debatte eine gewisse Absurdität: Europäische Organisationen, die sich moralisch überlegen fühlen, ignorieren mitunter sowohl die historischen Realitäten als auch die Wünsche der Betroffenen selbst – und laufen dabei Gefahr, genau jene koloniale Geste zu wiederholen, die sie zu überwinden glauben.
Was sagen die Betroffenen selbst?
Im Juli 2024 traf unser Obmann Dr. Peter Schwarzbauer anlässlich einer Sitzung des „UNO-Expertenmechanismus für die Rechte indigener Völker (EMRIP)“ in Genf die beiden langjährigen Wegbegleiter Willie Little Child und Kenneth Deer, die ihrerseits zu den prominentesten Stimmen des indigenen Nordamerika zählen.
Willie Little Child war in unzähligen hohen Funktionen diverser indigener Institutionen in Kanada und der UNO tätig. Er ist der internationale Chief der „Confederation of Treaty 6 First Nations“ in Kanada und nimmt seit 46 Jahren an den Sitzungen der Vereinten Nationen teil. Er war Mitglied des United Nations Permanent Forum on Indigenous Issues – dem höchsten UN-Gremium für Indigene Völker. Kenneth Deer (Mohawk/Kanyen’kéha) fungiert als langjähriger Aktivist indigener Interessen auf internationaler Ebene, insbesondere seit Jahrzehnten bei UN-Gremien in Genf und New York. Er ist Mitglied des Haudenosaunee-Komitees (Konföderation der Sechs Nationen / Irokesen Bund) für internationale Beziehungen.
Beide nahmen bereitwillig Stellung zum Begriff Indianer und zum Ausschluss AKINs aufgrund unserer Verwendung desselbigen Terminus:
Willie Little Child lobte vorerst unser Jahrzehnte andauerndes Engagement und zeigte sich dankbar für die gemeinschaftliche Kooperation. Als internationaler Häuptling verwies er auf ihren Vertrag „Indian Treaty Nummer 6“, abgeschlossen 1876/1877. Seit 150 Jahren wird dieser Begriff verwendet und die Cree sind stolz auf ihn, denn er steht für ihre Identität und international rechtlich bindenden Verträge mit der Krone. Laut Willie Little Child sollten Andere, die mit dem Begriff nicht einverstanden sind, die Zustimmung der betroffenen Indigenen einholen, bevor sie diesen Begriff kritisieren, so wie es im völkerrechtlichen Terminus „Free, Prior, Informed, Consent“ für Indigene Völker verankert ist.
Kenneth Deer nahm direkt zu unserem Namen Stellung. Der Begriff „Indianer“ war zum Zeitpunkt der Gründung des Arbeitskreises gebräuchlich und wird noch heute häufig verwendet, beispielsweise im sogenannten „Indian Act“ in Kanada, der sämtliche „indianische“ Angelegenheiten regelt. Deer widersprach der Notwendigkeit einer Namensänderung, da AKINs Engagement eindeutig gegen den Kolonialismus und seine Konsequenzen gerichtet ist und sich zu diesem Zwecke begrifflich auf gegebenen, historischen Kontext bezieht. Darüber hinaus negierte Deer die Reduzierung des Begriffs als rein rassistisch, da „Indianer“ selbst sich als solche bezeichnen und namhafte indigene Organisationen wie etwa der „Congress of American Indians“ und das „Internatonal Indian Treaty Council“ sich damit insbesondere im historischen Kontext identifizieren.
Sorgen sich die Kritiker um die Probleme der Betroffenen oder eher um ihre eigenen?
Aus meiner Sicht greift die in Europa geführte Debatte zumeist viel zu kurz. Diskurse, die in Nordamerika berechtigterweise entstanden sind, werden 1:1 auf dem europäischen Kontinent, insbesondere im deutschsprachigen Raum, unreflektiert wiedergegeben. Sie wurzeln oftmals in einer „moralisch überlegen gefühlten Ideologie“ und bieten bequeme Antworten auf komplexe Sachverhalte, man sieht sich ja auf der „moralisch richtigen Seite der Zeitgeschichte“. Diese arrogante und nicht zuletzt ignorante Haltung neigt zur Homogenisierung unterschiedlicher Problematiken und letztlich zur Zensur, ohne sich ausreichend mit der gegebenen Materie auseinandergesetzt zu haben. Dies ist gefährlich, da Wissen und Dialog sowohl negiert als auch Meinungen polarisiert werden und Fronten entstehen, die sich gesellschaftlich verhärten anstatt zur Aufklärung und zur wahrhaftigen kolonialen Destruktion jenseits von Begrifflichkeiten beizutragen.
Unser Ehrenmitglied Milo Yellowhair wurde ebenso von Peter über diese Problematik befragt. Milo ist Oglala Lakota vom Pine Ridge Reservat in Süddakota, vertritt seit den 1980er Jahren die Anliegen der traditionellen Lakota, insbesondere im Black Hills Landrechtsfall, der ihn mehrfach zur UNO führte und in viele europäische Länder brachte. Daher ist er auch mit europäischen Mentalitäten gut vertraut.
Milo bezeichnet unsere Exklusion als unanständig und beschämend. Er verortet die Problematik innerhalb der unreflektierten Kritiker/Stimmen. Ihm zufolge ist es arrogant, jene zu kritisieren, die sich nachweislich seit geraumer Zeit für Indigene Völker und ihre Rechte engagieren, ohne sich je selbst mit den wahren Problemen Indigener Völker auseinandergesetzt zu haben. Er sieht darin einen moralischen Eifer, eine Erhöhung zum Selbstzweck. Im Gegenzug erinnert Milo daran, weshalb indigene AktivistInnen in Europa Unterstützung gesucht haben und weiterhin wünschen: Sie fordern Bewusstsein und Solidarität im Kampf gegen Umweltzerstörung und Enteignung indigener Territorien, gegen kulturelle Auslöschung. In diesem Kontext sei es absurd, sich über einen Begriff aufzuregen, während gleichzeitig Landschaften durch Bauprojekte zerstört werden. Für ihn zählt die Haltung, nicht das Wort. Dennoch nimmt er zum spezifisch deutschsprachigen Wort „Indianer“ Stellung. Seiner Ansicht nach sind zwar die Bilder, die unter Einfluß Karl Mays etabliert wurden, ambivalent zu interpretieren, sie hätten aber eine positive Grundlage geschaffen, ein Bild, auf das er persönlich stolz ist. Diese Basis würde „die Indianer“ im europäischen Bewusstsein erhalten und zur weiteren, reflektierten Auseinandersetzung anregen, um schlußendlich wahrhaftiges Engagement realisieren zu können. Zuguterletzt emutigte er uns sogar, unseren Namen weiterhin unverändert zu tragen. Selbiger würde an die tatsächliche Bedeutung indigenen Widerstands erinnern:
„Ich glaube, viele Menschen wissen gar nicht, was es gebraucht hat, um hierher zu kommen. Unser Weg ist gepflastert mit toten Körpern. Mit unerfüllten Träumen. Und ihr seid Menschen, die diesen Weg mit uns gegangen seid. Hört nicht auf damit. Macht weiter.“
Herr Maringer, ich bedanke mich für dieses Gespräch.
Über die Aktivitäten des Arbeitskreises kann man sich auf seiner Internetseite informieren: https://www.akin-group.org/
Bild oben: Leonard Peltier wird nach seiner Haftentlassung vom NDN Collective empfangen. (NDN steht für Indian. Dies ist eine von Indigenen geführte Organisation, die sich dem Aufbau indigener Macht widmet).
Im Bild: Nick Tilsen (NDN) und Leonard Peltier (v.l.n.r.)
Foto: Angel White, NDN
Quelle: https://www.akin-group.org/besuch-bei-leonard-peltier-im-reservat-turtle-mountain/
