Naht NATO Nahtod?
von Stefan Siegert
Im Intro eines Interviews des Nachrichtenkanals t-online (13. 12. 2025) mit dem Ex-NATO-Generalsekretär wird das geltende NATO-Narrativ noch einmal in Stein gemeißelt:
Die Nato sorgt seit Jahrzehnten für Sicherheit in Europa, doch das mächtige Militärbündnis ist gegenwärtig mit massiven Krisen konfrontiert. Wladimir Putin hat mit seiner Invasion der Ukraine die europäische Sicherheitsordnung zertrümmert, Donald Trump propagiert unverhohlen seine Politik des „America First“. Wie kann es weitergehen? Kaum jemand kann diese Frage besser beantworten als Jens Stoltenberg, der frühere Generalsekretär der Nato. (1)
Im gewohnt NATO-blauen Wikipedia ist gleichzeitig zu lesen:
Operation Allied Force (OAF; ungefähre Übersetzung: „Unternehmen Bündnisstreitmacht“) war der Deckname einer militärischen Operation der NATO gegen die Bundesrepublik Jugoslawien, die sie im Rahmen des Kosovokrieges vom 24. März bis 10. Juni 1999 durchführte. Die im Wesentlichen von den Vereinigten Staaten geführte Militäroperation war der erste Krieg, den die NATO sowohl außerhalb eines Bündnisfalls, dessen Ausrufung bis dahin als Grundlage eines NATO-weiten Vorgehens galt, als auch ohne ausdrückliches UN-Mandat führte. Die Völkerrechtsmäßigkeit des Einsatzes ist bis heute umstritten. (2)
Dass „die Völkerrechtmäßigkeit des Einsatzes (…) bis heute umstritten“ ist, mag ja sein. Die Völkerrechtswidrigkeit ist unbestritten. Der somit völkerrechtswidrige Angriffskrieg der NATO auf die Bundesrepublik Jugoslawien, anschließend die sogenannten „Jugoslawienkriege“, waren erst der Anfang.
Es folgte 2014 – nach diversen NATO-Kriegen im Nahen Osten, in Libyen, Afghanistan, Sudan, Jemen etc. – der Staatsstreich gegen eine demokratisch gewählte Regierung in der Ukraine sowie ab 2022 der NATO-Russland-Krieg auf ukrainischem Boden; die Osterweiterung der NATO bedroht nicht erst seit 2022 Russlands gesamte Westgrenze von Finnland bis Georgien.
Mit ihren brutalen ungebetenen Eingriffen in die Innenpolitik und das Sicherheitsbedürfnis fremder Staaten haben NATO und Biden-Regierung (und deren Vorgänger) die „europäische Friedensordnung“ zertrümmert. Niemand sonst.
Wenn also das von NATO-nahen Denkfabriken betreute Wikipedia die NATO widerlegt, ist das eine Koordinationspanne in der Verbreitung der sonst rundum stimmigen, nur eben nicht stimmenden NATO-Erzählung. Die Panne ist eines der marginaleren Indizien für den Zustand der Organisation.
Denn deren US-Leitwolf bewegt sich mit dem aktuellen Präsidenten auf anderen Wegen. Aus NATO wird vielleicht EATO (East-Asian-Organisation). Egal welche Buchstaben in welcher Reihenfolge im Namen des von den USA angestrebten Kriegsbündnisses gegen die Volksrepublik China auftauchen – die NATO wird nennenswert nicht mehr dabei sein, sie spielt keine Rolle mehr.
Ihr politischer Arm, die EU, ist deshalb seit längerem fieberhaft darum bemüht, in kürzester Zeit eine, nach Mannschaftsstärke und Waffenpontenzial hinreichend bedrohliche (abschreckende) europäische Kriegsmacht aufzustellen. Mit der Expertise deutscher Politmanager, den Skills unserer Airport- und Autobahn-Maut-Genies und Genieinnen werden wir am Ende aber – Thank you for using Bundesbahn – voraussichtlich nicht um 5 Uhr 45 zurückschießen können. Damit ist es vorbei. Die Sache fällt flach. Wegen zu vieler Baustellen, zu vieler Personen auf dem Gleis etc. Dafür muss nun aber in Zukunft wirklich niemand niemanden mehr um Entschuldigung bitten.
Stefan Siegert ist Autor mit Schwerpunkt Musik und politisches Feuilleton
Quellen:
(1) Ex-Nato-Chef Jens Stoltenberg: „Das war ein Fehler“. https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/krisen/id_100999340/ex-nato-chef-stoltenberg-ueber-russlands-ukraine-krieg-putins-ziel-bleibt-.html – aufgerufen am 17.12.2025
(2) Wikipedia-Eintrag „Operation Allied Force“. https://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Allied_Force – aufgerufen am 17.12.2025
Bild oben: Bundeskanzler Friedrich Merz (r.) im Gespräch mit Nato-Generalsekretär Mark Rutte im Bundeskanzleramt am 15.12.2025
Foto: © Bundesregierung/Steffen Kugler
Quelle: https://www.bundeskanzler.de/bk-de/mediathek/pressefotos/merz-rutte-2399228
