Wenn die Völker wieder zu reden beginnen

Redemanuskript von Liane Kilinc
zur „Alternativen Einheitsfeier“ am 07.10.2022 in Berlin

 

Liebe Anwesende,

wenn man feststellen will, wie es heute um den Frieden in der Welt bestellt ist, muss man erst einmal den Blick geraderücken. Das fällt nicht leicht, denn Tag für Tag werden wir mit Nachrichten bombardiert, die die russische Militäroperation in der Ukraine zum schlimmsten Krieg der Weltgeschichte erklären und Sympathie für das ukrainische Regime aufdrängen wollen, während gleichzeitig der Krieg gegen die besitzlosen Klassen und sogar einen Teil der Besitzenden im Inneren im Auftrag der USA erbarmungslos geführt wird.

Da braucht es Geduld, viel Aufmerksamkeit und gründliches Nachdenken, um nicht den Überblick zu verlieren.

Man könnte sogar den Eindruck haben, die Macht des Westens sei gewachsen. Nicht nur, weil sie jeden Zentimeter, den die ukrainischen Truppen einnehmen, gleich, um welchen Preis, verkaufen, als hätten sie schon fast Moskau erobert.

Auch, weil sie inzwischen nicht nur in der Ukraine nach der offensten, brutalsten Form der Herrschaft gegriffen haben.

Während unter Jubel die Toilette für das hundertzwanzigste Geschlecht eingerichtet wird, soll die Bundeswehr durch die Städte ziehen und es wird jedes demokratische Recht negiert.

Es hat sich tatsächlich nicht die Ukraine europäisiert, Europa wurde ukrainisch.

Die herrschende Klasse zögert nicht, zur schärfsten Unterdrückung zu greifen, und das Mindeste, was man feststellen muss, ist, dass längst schon wieder Faschisten in der Regierung sitzen. Ihr Braun ist grün.

Und dennoch – wenn man eine Weltkarte zeichnen wollte, die zeigt, wo die entscheidenden Ereignisse stattfinden, dann läge ihr Mittelpunkt nicht mehr in Europa.

Auch nicht in den Vereinigten Staaten.

Dann wäre es der ganze, gigantische Rest der Welt, Asien, Lateinamerika und Afrika, die beginnen, sich um zwei Pole zu sammeln, Russland und China.

Man hört hier fast nichts davon. Nichts von dem östlichen Wirtschaftsforum in Wladiwostok, und nichts vom BRICS-Treffen in Samarkand. Aber es geschieht Ungeheuerliches. Das, was nach dem zweiten Weltkrieg begann, mit vielfacher Unterstützung der Sowjetunion, die Befreiung der Länder vom kolonialen Joch, ein Kampf, in dem es immer wieder Rückschläge gab, das ist dabei, sich zu vollenden. In den letzten zwei Jahrzehnten hatte es langsam begonnen, mit dem Aufstieg Chinas, das langsam und kontinuierlich Handelsbeziehungen auch nach Afrika und Lateinamerika aufbaute. Dann kamen, gerade in Afrika, Entwicklungsprojekte. Eisenbahnlinien, Straßen, die den ganzen Kontinent durchqueren sollen.

Die großen Pläne der neuen Seidenstraße, die die Länder Zentralasiens, die einst einige der wohlhabendsten Handelsstädte der Welt aufwiesen, wieder zurück in die Mitte von Verbindungen bringen, die den ganzen asiatischen Kontinent verknüpfen. Straßen, Pipelines, Häfen; gigantische Projekte, die Dutzende Länder verändern und weiter verändern werden.

Und jetzt, in diesen Monaten, Wochen, Tagen, wird sichtbar, dass die Macht des Westens gebrochen ist.

Annalena Baerbock, die sich unsere Regierung als Simulation einer Außenministerin hält, soll einen Zettel mit sich herumtragen, auf dem alle Länder stehen, die in der UN nicht bereit waren, die Resolutionen gegen Russland mitzutragen.

Diese Liste ist eine Liste der Befreiung.

Das sind jene Länder, die sich von den kolonialen Mächten nicht mehr erpressen ließen.

Mag Baerbock sie herumtragen oder jeden Morgen zum Frühstück herunterbeten, sie wird an dieser Tatsache nichts ändern können. Ebenso wenig wie die Vereinigten Staaten.

Frieden und Souveränität, das sind die Voraussetzungen der Entwicklung.

In unserer Heimat war uns beides kostbar.

Wir wussten, welche Rolle die westlichen Mächte, auch das andere Deutschland, für den Rest des Globus spielten.

Und wir trugen das unsere dazu bei, dagegen zu halten.

Aber damals war ein völliger Erfolg noch nicht möglich.

Es ist nicht so, dass alle Länder, die jetzt den Organisationen beitreten wollen, in denen sich diese neue Ordnung formiert. BRICS, SCO, die Projekte der Seidenstraße – da finden sich plötzlich Pakistan und Indien an einem Tisch, oder in naher Zukunft womöglich der Iran und Saudi-Arabien; Länder, deren Beziehungen zueinander in der Vergangenheit alles andere als friedlich waren. Aber sie wissen, der Schlüssel zum Erfolg ist Kooperation. Und man sollte nie vergessen – zwischen Völkern und Religionen Zwietracht zu sähen, war immer ein wichtiges Werkzeug kolonialer Kontrolle.

Wie schrieb Brecht im Solidaritätslied?

Reden erst die Völker selber, werden sie schnell einig sein…

Sie fangen gerade an zu reden.

Das Baerbock und ihre Kollegen darauf zornig reagieren, ändert nichts an diesen Tatsachen.

Sie haben selbst die Entwicklung beschleunigt.

Mag sein, sie haben sich verschätzt und gemeint, ihre Kontrolle sei noch stark genug, und sie haben tatsächlich erwartet, dass die ganze Welt auf sie hört, wenn sie Sanktionen verhängen. Aber diesmal ist die Reaktion eine völlig andere.

Vor die Wahl gestellt, ob sie mit Russland und China oder mit dem Westen verbunden bleiben wollen, wählten die meisten Länder nicht den Westen.

Es ist das erste Mal, dass sich ein Handelskrieg gegen die Verursacher wendet.

Wir sehen und hören es hier nicht, aber ganze Handelsströme sortieren sich um, bei Rohstoffen wie bei fertigen Produkten, und es gibt eine Region, die schrittweise abgekoppelt wird – der Westen, die ehemaligen Kolonialmächte.

Russland liefert nach wie vor Öl und Gas, aber nach Indien und China. Der Westen versuchte, unter der Überschrift „Klimaschutz“ Ländern die Entwicklung ihrer Rohstoffvorkommen zu versagen und ihnen stattdessen auf Kredit überteuerte und unzuverlässige Energiequellen zu verkaufen; kein Problem, dann entwickelt eben China das Gasfeld. Wären die Sanktionen gegen Russland nicht verhängt worden, das Ergebnis wäre vermutlich das Gleiche gewesen, aber es hätte sich einige Jahre länger hingezogen.

So geschah es mit einem Schlag.

Auch wenn sich in den letzten Jahren die Veränderung bereits ankündigte.

Erinnern wir uns an den gescheiterten Putschversuch in Venezuela; an den Putsch in Bolivien, der zwar Erfolg hatte, aber nur sehr kurzzeitig; oder daran, dass die Vereinigten Staaten in Brasilien einen Bolsonaro ins Spiel brachten, um an die brasilianische Ölfirma Petrobras zu kommen, das aber am brasilianischen Militär scheiterte.

Mehr noch – eine seiner ersten Aussagen nach seinem Amtsantritt vor vier Jahren war, er hätte gerne eine US-Militärbasis im Land.

Schon am Tag danach war in einer der renommiertesten Zeitungen des Landes zu lesen, ein hochrangiger Militär hätte erklärt, so etwas bräuchte Brasilien nicht…

Es sind nicht nur linke Regierungen, die sich auf den Weg machen.

Leider geschieht sogar das Gegenteil; diejenigen, die der heute im Westen üblichen Definition von „links” entsprechen, die die Identitätspolitik pflegen und „das Klima schützen” wollen, haben sich zum Einfallstor für koloniale Mächte entwickelt, während andere Regierungen, die man als reaktionär bezeichnen würde, sofort die Möglichkeit nutzen, Souveränität zu erlangen.

Das, was heute im Westen das Etikett „links” trägt, ist das Produkt jahrzehntelanger gründlicher Wühlarbeit, die freie Bahn hatte, nachdem die Sowjetunion und unsere Heimat von der Landkarte verschwanden.

Das Ergebnis kann man heute im Bundestag unter der Überschrift „Die Linke“ betrachten. Eine Truppe, die nicht einmal mehr weiß, wie das Wort „Souveränität“ buchstabiert wird.

Frieden und Souveränität sind die Voraussetzung der Entwicklung. Eigentlich säßen wir nicht mitten im zusammenbrechenden Westen, müssten wir feiern.

Die Menschheit macht gerade gigantische Schritte nach vorn.

Wenn man einen Blick auf die chinesischen Programme zur Armutsbekämpfung wirft, kann man erkennen, dass das Schritte sind, die nicht auf eine einheitliche Kultur abzielen, wie es immer das Modell des Westens war – einheitliche Bedürfnisse zu schaffen, damit die gleichen Waren überall verkauft werden können.

Nein, diese Programme setzen oft bei örtlichem Handwerk an, bei besonderen Früchten, die in der Region kultiviert werden, Stoffen, Keramik; sie fördern das, was die Bewohner einer Gegend auszeichnet. Sie tun es mit Erfolg, und ganz nebenbei wird so auch der Respekt voreinander entwickelt.

Die Vorgehensweise des Westens ist anders.

Das, was besonders ist, wird herausgepickt und landet als Luxusgegenstand im Westen – all die geplünderten Schätze aus dem Irak dürften sich heute in den Privattresoren der Milliardäre finden – aber die Länder werden mit westlichen Produkten geflutet, bis die einheimische Wirtschaft am Boden liegt. Jeder kennt die Geschichte mit den von der EU subventionierten Exporten von Hühnerfleisch nach Westafrika. Oder die vom Altkleiderverkauf.

Wir müssten feiern, dass all das bald ein Ende hat.

Für Milliarden ist das ein Schritt in ein friedlicheres Leben.

Ohne Hunger, und ohne den Terror, der immer wieder vom Westen gespendet wurde.

Ohne die Diktate eines Internationalen Währungsfonds, die Millionen in die Armut trieben.

Ohne Angst vor von außen gelenkten Umstürzen, oder gar US-amerikanischen Bombenfliegern.

Wir müssten es wirklich feiern.

Es wird den USA nichts nützen, Westeuropa zu ruinieren.

Auch wenn allein die Spekulation auf die Gaspreise enorme Summen in die Kassen der Spekulanten gespült haben dürfte – diese Summen sind in Dollar oder in Euro; das ist Geld, das seinen Wert sehr bald verlieren wird.

Denn sowohl die USA als auch dieses Europa, dieses Deutschland, hängen an den Reichtümern, die sie anderen nehmen. Das deutlichste Beispiel dafür ist wohl Frankreich: Bis heute kontrolliert es die Devisenreserven seiner ehemaligen Kolonien, treibt Abgaben ein und verlangt für sich das Zugriffsrecht auf alle Rohstoffe.

Dieser Kolonialvertrag ist wenig bekannt; aber er spült Milliarden in den französischen Staatshaushalt.

Das wird demnächst vorüber sein; Mali ist ein erstes Beispiel, und andere werden folgen.

Das treibt die Herrschenden des Westens zur Weißglut.

Die Bemühungen, einen Krieg in der Ukraine zu beginnen, richteten sich nicht nur gegen die Volksrepubliken Donezk und Lugansk. Sie waren ein Versuch, die globale Entwicklung aufzuhalten, in der Erwartung, einen Keil zwischen Russland und China treiben zu können. Zu diesem Zweck bauten sie die ukrainischen Faschisten auf, zu keinem anderen.

Diese Bemühungen waren vergeblich.

Weshalb jetzt, in gewohntem Hochmut, Sanktionen auch gegen China erarbeitet werden.

Aber die 15 Prozent der Welt, die den Westen ausmachen, werden sich gegen die übrigen 85 Prozent nicht mehr durchsetzen. Und es sind ja nicht einmal 15 Prozent; es ist höchstens das oberste Promille dieser 15 Prozent, das von der alten Ordnung profitiert. Von diesem von Willkür beherrschten Etwas, das sie zynischer Weise „regelbasierte Weltordnung“ nennen. Das alte Rezept für immerwährende Kriege und globales Elend.

Wir sollten feiern.

Aber leider werden wir erst dann feiern können, wenn die Wiedergänger des Faschismus erneut besiegt sind, nicht nur in der Ukraine, sondern auch hier; wenn wir wieder die beiden Voraussetzungen geschaffen haben, damit auch unser Land sich zu einem Teil dieser neuen Welt entwickeln kann: Frieden und Souveränität.

Das ist erst möglich, wenn auch unser Volk wieder selbst redet.

Liane Kilinc ist Vorsitzende des Vereins „Friedensbrücke-Kriegsopferhilfe e.V.“ und Mitglied des Deutschen Freidenker-Verbandes


Bild oben: DDR-Urlauberschiff „Völkerfreundschaft“, 1972 
Foto: Bundesarchiv, Bild 183-L1102-0040 / Sindermann, Jürgen / CC-BY-SA 3.0
Quelle: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5434976