Kultur & KunstWeltliche Trauerkultur

Trauerrede für André Müller sen.

Köln, Friedhof Rodenkirchen, 05. Februar 2021

Liebe Brigitte, liebe Freunde und Genossen, geehrte Trauergäste.

Wir trauern um unseren Genossen André Müller sen.. Wir verlieren einen Vater, einen liebenswerten und wertvollen Menschen, einen zuverlässigen, standhaften Genossen; der Deutsche Freidenker-Verband verliert sein ältestes Beiratsmitglied.

André wurde am 8. März 1925 geboren, in Köln, in einer Arbeiterfamilie, unter dem Namen Willi Fetz.

Den André Müller legte er sich als Künstlernamen zu, urdeutsch der Nachname, aber als bewussten Bruch dazu den französischen Vornamen, wie er verschmitzt erklärte. Der sen. kam später dazu, als Gag. Damit ein jüngerer Journalist namens André Müller keine Verwechslung fürchten musste, machte es unserem André Vergnügen, jetzt für dessen Vater gehalten zu werden.

Ein weiteres Vergnügen war für André, dass er am Internationalen Frauentag Geburtstag hatte. „Was könnte besser zu mir passen?“, fragte er.

Am 21. Januar 2021 ist André gestorben, 6 Wochen vor seinem 96. Geburtstag. Natürlich haben in den letzten Jahren die gesundheitlichen Einschränkungen zugenommen, zeitweise litt er auch unter starken Schmerzen. Aber im Grunde genommen fühlte er sich gesund – abgesehen von dem einen oder anderen „kleinen Zipperlein“, wie er es nannte. „Denkt doch mal, ich bin jetzt 94, dafür geht es mir doch bestens! 94? – nein, 95 bin ich ja schon, dafür geht es mir doch gut, besser als vielen anderen“, meinte er letztes Jahr.

Und André war auch in diesem hohen Alter geistig hellwach, kleine Vergesslichkeiten vergessen wir gerne. Aber bei einem guten Essen, es musste nicht immer Kaviar sein, auch Austern, auch Wildenten wurden gerne genommen, bei gutem Wein, nicht nur einem, und beim Anblick schöner Frauen, da konnte André schwärmen wie ein Junger, zumindest deutlich Jüngerer.

Und hellwach war er auch politisch, immer analysierend, dieses kriminelle System, Imperialismus ist sein Name. Ein „politischer Mensch“ war er praktisch von Kindesbeinen an:

Politisch gesehen kommt er aus dem – man kann es „Arbeiteradel“ nennen: der Großvater Sozialdemokrat, der Vater Kommunist, und die Mutter jüdischer Abstammung. Die ideale Mischung, um von den deutschen Faschisten verfolgt und eingesperrt zu werden.

Als in Deutschland die Regierungsmacht an die Nazipartei übertragen wurde, war Willi 7 Jahre alt. Als Jugendlicher, während des Krieges, wurde er verhaftet. Aus dem Zwangsarbeitslager der „Organisation Todt“ bei Bedburg im Erftkreis gelang ihm die Flucht, und bis Kriegsende lebte er im Untergrund, zwischen den Ruinen des ausgebombten Köln.

Immer wieder musste André erklären, dass er über seine KZ-Erlebnisse nicht reden wollte. „Ich habe festgestellt, dass mein ganzes Leben nur dann gut ist, wenn ich in der Lage bin, das alles zu verdrängen.“

Das darf man nicht verwechseln mit dem Verdrängen des verbrecherischen Faschismus und seinem Hauptverbrechen, dem Krieg. Sein ganzes Leben und Wirken hat André dem Ziel gewidmet, das im Schwur von Buchenwald formuliert wird: „Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“

Selbst im Kleinen, wie in einer eher unauffälligen „Geschichte des Herrn B.“ wurde diese Maxime erkennbar. Unter dem Titel „Freundschaft“ heißt es da:

In der Stadt M. wurde nach dem Krieg für ein Freikorps geworben. Ein Schulfreund von Herrn B. war eingetreten, und Herr B. schrieb ihm empört, er werde im Fall seines Heldentodes nicht am Begräbnis teilnehmen. Eine Woche später bereute Herr B. diesen Brief. Er schrieb einen neuen: „Ich habe es mir überlegt. Dummheit ist kein Scheidungsgrund. Ich sehe Deinem Heldentod nunmehr fassungslos entgegen und werde zum Begräbnis kommen.
Der Schulfreund trat aus dem Freikorps wieder aus.

Nach der Befreiung vom Faschismus erlernte er das Tischlerhandwerk und wurde Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands. Er kämpfte gegen das Adenauer-Regime, den unterbliebenen Bruch mit der faschistischen Ideologie, den Aufstieg der Nazi-Kader in höchste Staatsämter, den weiterhin als Staatsdoktrin geltenden Antikommunismus und insbesondere gegen die Wiederbewaffnung Westdeutschlands.

Seine Begabung zum Schreiben und das Interesse für Kulturelles entdeckte die KPD, für deren Zeitung er Artikel ablieferte. Er wurde Kulturredakteur, Theaterkritiker und entwickelte sich als Autodidakt zum Dichter, zum Autor von Erzählungen, Romanen, Kinderbüchern, Anekdoten, Essays, Satiren und Bühnenstücken. Einige Jahrzehnte über lehrte er als Dramaturgie-Dozent an der Otto-Falckenberg-Schule in München.

Die hier heute um André trauern, kennen die Stationen und auch viele Details seines Lebens. Dafür steht am Anfang der Name von Bertolt Brecht, in dessen Bewunderung er sich mit Peter Hacks traf, mit ihm dann aber eine über Brecht hinausweisende Ästhetik entwickelte, in deren Mittelpunkt die Klassik stand. Das ist die lebenslange enge Freundschaft mit Hacks, über die uns die in Jahrzehnten geführten Gespräche protokolliert sind und die Briefe – endlich – in diesem Jahr vorgelegt werden sollen.

Bei den Stichworten im persönlichen, privaten Bereich müssen wir seine Frau, die Journalistin Anja Weintz hervorheben, deren Tod André sehr traf und bis zuletzt schmerzte, – und natürlich Brigitte, die „neue Tochter“, die beide adoptiert haben, der Sonnenschein der letzten Jahre.

Wenn wir auf sein Schaffen, auf Andrés Werk blicken, bräuchten wir schon ein Kolloquium, ein Seminar, um die Vielfalt seines Wirkens zu erfassen und ansatzweise zu würdigen.

Mit einem Hinweis mache ich eine Ausnahme – immer und zu Recht wird hervorgehoben: mit der historisch-materialistische Interpretation von Shakespeares Dramen hat er Bahnbrechendes geleistet, uns einen Schlüssel zum gesellschaftspolitischen Verständnis dieser Epoche geliefert und auch die Bühnen maßgeblich beeinflusst.

Ich erwähne das aus einem speziellen Grund: Wer ein gebildeter Marxist, ein philosophischer Materialist, ein Freidenker ist wie André, der ist überzeugt: Es gibt kein Leben nach dem Tod. Das Leben findet vor dem Tod statt. Und deshalb müssen wir für dieses Leben kämpfen, für ein besseres Leben, hier und heute.

Seine illusionslose, seine realistische Haltung fasste er in die Antwort auf die Frage, „wie es mit dem Tode sei. Wissen Sie, sagte Herr B., mit dem Leben ist das so: Die Herzklappen öffnen sich und schließen sich und öffnen sich und schließen sich, und eines Tages öffnen sie sich dann einfach nicht mehr“.

Und das soll uns jetzt ein Trost sein?

Der Tod ist kein Unglück für den, der stirbt,
sondern für den, der überlebt

Karl Marx

Ein Mensch lebt in seinen Taten weiter, in seinem Wirken. Das von André war überreich, er hat uns belehrt, berührt, ist uns nahegekommen. Deshalb haben wir ihn zumindest geschätzt, manche sagen: verehrt, geliebt.

So wollen wir ihn in Erinnerung behalten. Und wir bemühen uns, seinen Idealen zu folgen, für sie zu kämpfen:

Frieden – Gerechtigkeit – Kommunismus!

Doch da gibt es noch einen Wermutstropfen, den ich nicht verschweigen mag: Dass wir an diesem Tag nicht gut essen und trinken und fröhlich feiern können – wie sich das André gewünscht hat. „Kein Trübsal, keine Trauerminen will ich bei meiner Beerdigung sehen“, hat er einmal gesagt.

Ich denke, wir sind es ihm schuldig, auch diesen Wunsch zu erfüllen – indem wir die Feier nachholen, zu seinen Ehren, wenn es die sogenannten Umstände wieder zulassen.

Klaus Hartmann, Bundesvorsitzender des Deutschen Freidenker-Verbandes

 

Nachruf auf André Müller sen. siehe: https://www.freidenker.org/?p=9497


Bild: André Müller sen. © Eulenspiegel Verlag