Schwerpunktthema Religionskritik

Nehmen Sie Voltaire. Wo ist Voltaire mit seiner ganzen Aufklärung geblieben? Die Kirche ist da. Robespierre! Die Vernunft auf den Altar! Wo ist er geblieben? Die Kirche ist da! Vor zehn Jahren konnten Sie in Berlin noch Marxismus-Leninismus studieren. Heute lacht man darüber.

 Dies sind einige Ergüsse des Hl. Geistes, der dem Erzrektionär Johannes Dyba innewohnt, offenbart in einem Focus-Interview im April 1997. Der Herr enthebt uns der Notwendigkeit einer weiteren Begründung, daß Religionskritik höchst aktuell ist.

 Drei Zitate aus der Berliner Erklärung des DFV sollen unser Anliegen mit diesem Schwerpunkt verdeutlichen. Der Deutsche Freidenker-Verband sieht insbesondere im Denken der europäischen Aufklärung, des Atheismus und philosophischen Materialismus, der klassischen deutschen bürgerlichen Philosophie bis zur marxistischen Religionsphilosophie wichtiges geistiges, philosophisches Erbe. Der Deutsche Freidenker-Verband … tritt gegen alle Verhältnisse auf, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist. In diesem Sinne verstehen wir Religionskritik als Gesellschaftskritik.

 Die Voraussetzung aller Kritik ist die Religionskritik nach Meinung von Karl Marx. Diesen Teil des Satzes aus der Einleitung Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie unterschlagen des öfteren Diskussionspartner aus Kirchenkreisen: Sie zitieren nur den ersten Teil (unvollständig), die Kritik der Religion ist beendet, habe der Herr Marx schließlich verlautbart. Komplett heißt der Satz aber: In Deutschland ist die Kritik der Religion im wesentlichen beendigt, und die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik. Wir haben keinerlei Anlaß, künftig auf die Kritik der Religion zu verzichten. Wir denken, Marx in der Weise richtig zu verstehen, daß die Religion kein Geheimnis mehr hat, daß sie vom wissenschaftlichen Standpunkt endgültig kritisiert ist, nichts mehr Neues kommen kann. Grundlage der kühnen Behauptung ist die von Ludwig Feuerbach formulierte Erkenntnis, daß es der Mensch ist, der die Religion macht. Und weiter mit Marx: Dieser Staat, diese Sozietät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewußtsein, weil sie eine verkehrte Welt sind.

 Über die Notwendigkeit fortgesetzter Religionskritik geben heute weniger die Kirchenaustrittszahlen Auskunft, sondern der Supermarkt mit immer neuen religiösen Sonderangeboten, für die privatistische Sinnsehnsucht in einer entfremdeten Welt und fragmentierten Wirklichkeit. Hier hat sich die Tragfähigkeit freidenkerischer Religionskritik immer wieder neu zu beweisen – indem sie die herzlose Welt und die geistlosen Zustände aufdeckt, die den Bedarf an Opium hervorrufen.

 Wir nehmen den Themenschwerpunkt zum Anlaß, auf vier Persönlichkeiten hinzuweisen, die im vorigen oder in diesem Jahr ‘runde’ Geburtstage oder Todestage haben. Neben Descartes, Spinoza und Feuerbach ist dies aus diesem Jahrhundert Werner Krauss, der verdienstvolle Forscher und Historiker der Aufklärung, der hierzulande wie ein toter Hund behandelt wird.

 Es entspricht dem Selbstverständnis der Freidenker, das Erbe allen progressiven Denkens ungeteilt anzutreten, kein rückwärtsgewandtes ‘Gedenken’ zu veranstalten, sondern sich der eigenen Quellen zu vergewissern, um ihre Bedeutung für das geistige Ringen unserer Tage freizulegen. Dies ist auch der Sinn verschiedener Veranstaltungen, die in den kommenden Monaten in verschiedenen Landesverbänden zu Klassikern der Religionskritik, der Aufklärung und der Kultur freien Denkens stattfinden.

Den „Freidenker“ kann man bestellen über

redaktion@freidenker.de

Kosten Euro 2,50 je Ausgabe.


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