AktuellesWeltanschauung & Philosophie

Ein neuer deutscher Faschismus – kommt er wieder „völkisch“?

Intro zu marxistischen Regierungsbetrachtungen

Aus: „FREIDENKER“ Nr. 2-24, Juni 2024, S. 29-36, 83. Jahrgang

von Diether Dehm

Mit dem „18. Brumaire des Louis Bonaparte“ begann Marx eine völlig neue Sicht auf Geschichte, nicht nur für Marxisten. Ein politisches Regime, sein Zustandekommen und seine Politiken wurden seither stets auf materielle Interessen durchleuchtbar. Konstellationen von Klassenkämpfen bilden dabei die ökonomische Basis, die sich in (und von!) Regierungen spiegeln und bewegen. Und zwar sehr konkret, was die Betrachtung auch empirisch aufwändig macht.

Der ungetreue Hegelianer Marx sah zudem das Wesen eines Regimes dialektisch auf dessen Anhängerschaft angewiesen. Das spielte er am zweiten Bonaparte und dessen Staatsstreich vom 2. Dezember 1851 durch, leitete daraus eine historische Ausnahmesituation ab: ein Klassenpatt. In welchem die Arbeiterbewegung einzeln noch zu schwach war, den Napoleon-Neffen aufzuhalten. Aber gleichzeitig auch die Bourgeoisie, gespalten in republikanisch und royalistisch, nicht der „Aufgabe gewachsen schien, mit dem Feuer zu spielen“ (S. 42)

Und dennoch hing „die Staatsmacht nicht in der Luft“ (S.59), denn der Reaktionär Bonaparte exekutierte Politiken der Parzellenbauern, die sich, eigenbrötlerisch in den engen Grenzen ihrer Äcker, jedem Fortschritt von Verkehrslogistik, Kommunikation und Wissenschaft verweigerten – zusätzlich atomisiert durch schwere Krisenbelastungen in „Getreidepreisen, Steuerlast und Hypothekenschuld“ (S.28) Mit seinem köstlichen Sarkasmus zeichnet Marx die sozialen „Plattheiten einer unreifen, demoralisierten Masse“ (S. 59-64) bis ins Detail: die „fixen Ideen“ des Napoleon-Neffen trafen „auf die fixen Ideen der zahlreichsten Klasse der französischen Gesellschaft“ (S. 60).

Marx‘ Methode im „Brumaire“, „alle bisherige Geschichte in Klassenkämpfen“ tief unterhalb von Politshowstars zu erfassen, ist bis heute brauchbar. Vorausgesetzt, sie wird empirisch konkret und verkümmert nicht in rotem Nebel. Seit dem Hollywood-Film „All the President`s Men“ heißt es: „Follow the money“.

Da beim Staatsstreich des Glücksritters Louis Bonapartes Banditen und Schlägerbanden in seiner „Dezembergesellschaft“ zusammengewürfelt waren, ähnelte das Ganze fatal an den Aufstieg der SA, sodass August Thalheimer später das „Klassenpatt“ von 1851 für seine „Bonapartismus-Theorie“ (ähnlich wie Trotzki u.v.a) auf den Hitlerfaschismus transponierte, wo „alle Klassen gleich machtlos waren“ (S.58). Thalheimer übersah dabei den zentralen Umstand, dass es kein „Patt“ mehr geben konnte. Die deutsche Arbeiterklasse war zwar (wie vor 1851 die französische Bourgeoisie) ideologisch gespalten, aber gleichwohl – 70 Jahre nach Bonaparte – mittlerweile die zahlenstärkste Klasse in Deutschland geworden. Und das Kapital besaß bereits ungebrochene polizei- und militärbewehrte Macht über nationale Finanzmärkte und Staatsressourcen. Keine Chance mehr also für Parzellenbauern und andere Zwischenschichten, eine eigenständige Klassenherrschaft zu errichten! Darum nannte der Historiker Reinhard Kühnel (von der „Marburger Schule“) den Faschismus eine „bürgerliche Herrschaftsform“ und Max Horkheimer (von der „Frankfurter Schule“) verbat sich ein Reden über Faschismus, solange dessen innerer Kapitalismus verschwiegen würde. Das blieb alles aber recht allgemein und erleichterte nicht eben die ungemäßigter und faschistischer Kapitalregime.

Dabei hatte Lenin doch mit der neugefassten Kategorie des Imperialismus etwas Differenzierendes angeboten: in entwickelten kapitalistischen Staaten waren sehr konkrete Oligopole und Monopolgruppen gewachsen, die den Ton angaben. Als Dimitroff in seinem Begriff vom Faschismus die „offene terroristische Diktatur der imperialistischsten Monopole“ bezeichnete, differenzierte er dann noch zusätzlich in mehr und weniger imperialistische. (Sonst wären auch die gravierenden Unterschiede zwischen kapitalistischen Regierungen – etwa unter Olof Palme oder Adolf Hitler – gar nicht zu erfassen.)

Dimitroff hatte somit die Wesensmerkmale faschistischer Diktaturen bis heute am schärfsten zusammengefasst. Das Regime imperialistischer Monopole wurde 1976 von Reinhard Opitz mit ungeheurem Intellekt auf 1018 Buchseiten empirisch erarbeitet („Europastrategien des deutschen Kapitals 1900-1945“, Pahl Rugenstein 1994). Dort dokumentierte er (besonders auf den Seiten 689-800) zum Beispiel jene Wortbeiträge, die der Ausschwitz- und Zyklon B-Finanzier Hermann-Josef Abs von der Deutschen Bank vor Reichswirtschaftsführern 1940/41 gehalten hatte, um diese für den kommenden Überfall auf die Sowjetunion einzunorden. Abs hatte dort „cool“ vorkalkuliert, wie mit den Renditen aus dem „Unternehmen Barbarossa“ durch sowjetische Gas-, Öl- und Arbeitssklaven-Renditen die Schulden von gleich zwei Weltkriegen zu begleichen gewesen wären.

Die Massenbasis wurde mit „völkisch“ abgespeist

Eine der schwierigsten Denkanstrengungen für Linke betreffen die historisch konkreten Beziehungen zwischen Basis und Überbau. In Bezug auf den Faschismus gibt es darum viele Theoretiker, die sich entweder nur mit dessen Macht oder nur mit dessen subjektiver Basis befassten. Unbearbeitet blieben dabei die Bindeglieder zwischen „Unten und Oben“. Ein wirkmächtiges Verbundelement war das Wort „völkisch“, das die Naziführer des letzten Jahrhunderts nach unten propagierten. Denn dazu passte „oben“ ein nationalistisch ökonomisches Regime, das auf russische Ressourcen spekulierte und „unten“ die Empfindung „Volk ohne Raum“.

Dimitroff beschrieb exakt die konkrete Politik der damaligen Nazi-Oberen: „Politik des wirtschaftlichen Nationalismus (Autarkie!)“. Damit war der damalige Faschismus an der Macht UND an seiner Basis nationalistisch verfasst. „Völkisch“ wurde sein Marketing-Slogan, während Abs ganz und gar nicht „völkisch“ referierte, als er die gigantischen Monopolprofite aus Russland in Aussicht stellte, die durchaus „heim ins Reich“ fließen sollten: zu Krupp, Thyssen, Rheinmetall, Siemens, IG Farben, Daimler & Co. Und zur Deutschen Bank“ (damals, als diese noch „deutsch“ war – und ihre Führung seit 1933 sogar vollkommen „arisiert“).

Bereits vor dem „Völkischen Beobachter“ zählte „völkisch“ – so undefinierbar wie in andre Sprachen unübersetzbar – zum Agitprop der alten deutschen Rechten. Mit dem Hitler/Ludendorff-Putsch machten die Nazis mit ihrer Sprach-Attrappe „völkisch“ sich mit dem Volk deckungsgleich: „WIR sind das Volk!“. Selbst liberale und linke Geschichtsdeuter ließen sich von diesem Brustgetrommel bis heute einschüchtern: schließlich empfanden linke Intellektuelle sogar einfachste volkstümliche Regungen „von Haus aus“ als rechts. Vor Folklore flüchteten sie oft in ästhetischen Avantgardismus.

„Völkisches“ erschien ihnen als Monster einer drohenden Mehrheit, während sie moralisch bei den Minderheiten zu stehen hatten.

Eine materialistische Psychologie, die Zusammenhänge von Psychologie und Geschichte durchforstet nach der Dialektik vom „Faschismus an der Macht“ und der „subjektiven Beschaffenheit seiner sozialen Bewegung“, kommt zu einem ganz anderen Ergebnis: der Faschismus war objektiv der schlimmste Feind der Mehrheit und in Wahrheit auf eine immer kleiner werdende Minderheit von Monopolkapitalisten zugeschnitten. Darum mussten sich die Nazis „unten“ und subjektiv immer neue, mehrheitstaugliche Metaphern ergaunern. Mit solchen Vorgaukelungen wie „völkisch“ „national“, „sozialistisch“ und „Arbeiterpartei“ schleimten sich die braunen Kettenhunde deutscher Stahlbarone bei strauchelnden Klassen des werktätigen Volks ein.

Wenn aber heute Tagesschausprecher uns wirklichen Sozialisten „die Nationalsozialisten“ genüsslich unter die Nase reiben, übernehmen sie bruchlos eine Marketing-Lüge der Nazis – so, wie Ludendorffs Lieblingswort „völkisch“ und wie Goebbels´ Kreation „nationale Sozialisten“. In Polemiken fand solcherlei auch schon mal gegen Sahra Wagenknecht als „völkische, nationale Sozialistin“ statt; sogar, wenn aktuell das BSW bis zur Thüringen-Wahl am 1.9.24 als Höcke-Töterin medial und „dienstlich“ etwas geschont werden sollte. Die Friedensbewegung jedenfalls konnte durch solcherlei Vorbehalte, Kontakt-Schuld und -Sperren in Stagnation gebracht werden.

„Völkisch“ dient auch dazu, die AfD im Verfassungsschutzdeutsch des aktuellen Verbotsdiskurses als „gesichert rechtsextrem“ zu kategorisieren. Das Dream-Team Faeser, Haldenwang und die deutsche Bischofskonferenz fabulieren dazu noch von einem „geschlossenen rechten Weltbild“ (obwohl kein Weltbild je „geschlossen“ und statisch sein kann). Und von einer „völkischen Gesinnung“ (was ähnlich sinnentleert ist, wie etwa eine „arische“ oder „nordische“ Gesinnung).

Hingegen dort, wo sich die AfD mit allen Bundestags-Fraktionen gemeinsam und gemein gemacht hatte (Steuerverkürzung für Superreiche, Renten- und Sozialhilfe-Kürzungen, NATO-Aufrüstung, Netanjahus Apartheid-Regime etc.), wird sie von Slomka & Co nicht angegriffen. Dafür aber als „völkisch“.

Bloß: „völkisch“ ist eine rein subjektive, ideologische Halluzination. Wer einem anderen vorwirft, „völkisch gesinnt“ zu sein, muss erst einmal erklären, was er damit meint. Denn „völkisch“ hat nichts von dem, was ein begreifender Begriff braucht. „Völkisch“ verklärt nur willkürlich zusammengetragene Eigenschaften einer willkürlich zum „Volk“ erhobenen Menge. Sogar auf einem Staatsgebiet gegen eine andere Bevölkerungsgruppe.

Für den israelischen Faschistenminister Smotrich wäre da zum Beispiel „der Erfindergeist des jüdischen Volks“ gegen „die Faulheit des palästinensischen“ eine „völkische“ Anrufung. Für Senator Joseph MacCarthy war 1953 die US-Präsidentenwitwe Roosevelt „unamerikanisch“. Und er versuchte sie, neben die uramerikanischen Ami-Stars Humphrey Bogart, Arthur Miller, Orson Wells, Pete Seeger, Robert Oppenheimer vor seinen „Ausschuss“ und in den Fleischwolf zu zerren.

Für die alten Nazis war „der deutsche Knabe „völkisches Ideal“: flink wie ein Windhund, schlank, rank und blond – nicht eben Nachbauten von Göbbels, Göring und Hitler.

„Völkisch“ ist so sinnentleert wie „fremdvölkisch“. Besonders heute, wo sich die neue Rechte von „völkisch“ löst, aber antideutsche Shit-Stormabteilungen „völkisch“ ohne Anführungszeichen anführen.

Überall und stets aber galt die Arbeiterbewegung den Rechten als „fremdvölkisch“ und fremdgesteuert – und zwar gerade hierzulande, als die Arbeiterbewegung die zahlenmäßig stärkste Klassenkraft in der Bevölkerung war. Bei aller Halluzinierei war „völkisch“ immer geprägt vom Antikommunismus, „der Grundtorheit der Epoche“ (Thomas Mann).

Wer „völkisch“ heutzutage verwendet – auf- oder abwertend – bemisst willkürlich und von oben herab etwa bei Anderen einen Grad an Heimatfixierung. Und meist übernimmt er implizit dabei bruchlos eine Kernkategorie der früheren Nazi-Ideologen: als gäbe es in eines Volkes „Blut“ tatsächlich so etwas wie einen genomischen Transmitter für gemeinsame Ideen, für „arisch-rassische“ Kulturwerte oder ein nordisches „Herrenvolk“.

Die Faschisten riefen damit „ein Volk und ein Reich“ zu den Waffen (wobei Schwule, Frauen und Behinderte noch nicht ins Feld durften) und zum Frondienst unter die jeweilige Wirtschaftselite. Sowas garnierte der frühere „Sozialdemokrat“ Mussolini mit sozialer Demagogie: „Unser Staat ist kein kapitalistischer, sondern ein Korporativstaat“.

Gramsci und Togliatti gingen diesem vermengenden Kälbermarschgeschrei nicht auf den Leim. Sie verschärften eben nicht einfach trotzig den Kampf „Klasse gegen Klasse“, sondern setzten auf eine neue antiimperialistische Bevölkerungs-Allianz, einen „historischen Block“ (Gramsci/ Togliatti) der werktätigen „neun Zehntel“ (Dimitroff). Gegen das „Völkisch“ stritten sie: für Volksfront.

Aber heute in Deutschland kriegt Mussolinis „Korporativstaat“ gerade eine modisch, „trans“-nationale Regenbogentönung verpasst, nebst einem pinken Fußball-Dress von Nike. Das „Volks-Ganze“ bekommt seinen woken Klang, wenn Frauen und sämtliche anderen Geschlechter nebst sexuellen Neigungen in großer Con- und Inclusion zu den Waffen gerufen und gemeinsam in Billigarbeit und Insolvenzen getrieben werden. Während nach aktuellsten Berechnungen die Superreichen immer reicher werden – und kriegerischer. Und dabei haufenweise Nationalstaaten zu Failed States machen.

Im Unterschied zu „völkisch“ sind „nationalistisch“ oder „etatistisch“ noch echte Begriffe. Die sich, zwar ideologisch übersteigert, aber auf real menschgemachte Einheiten beziehen: eben auf Nation oder Staat. Besonders der Begriff „faschistisch“ (den woke Denunzianten ungern benutzen) ist durch und durch wissenschaftlich begründbar. Er umfasst einerseits die objektive Funktion bürgerlicher, offen terroristischer Herrschaftsformen imperialistischster Monopole. Und – damit korrespondierend – andererseits die subjektiven Beschaffenheiten ihrer sozialen Bewegungen, wofür reaktionärste Traditionen und Verklemmungen in unteren Schichten angetriggert wurden. Und zwar gegen die sozialen und intimen Schamlosigkeiten werktätiger Männer. Und besonders gegen Frauen: wo diese sich organisiert gegen ihre Unterdrücker erhoben, wurden sie „rote Flintenweiber“.

Laut Georgi Dimitroffs berühmtem Referat vor dem VII. Weltkongress der KomIntern sind in die faschistische Demagogie aber nicht nur jeweils modische Fetzen reaktionärster Menschenbilder eingestickt. Der Faschismus spekuliert dazu „auch mit den besten Empfindungen der Massen, ihrem Gerechtigkeitsgefühl und mitunter sogar ihren revolutionären Traditionen.“ Dazu haben Braune einst rote Metaphern entkernt. (Wie es heute Grüne tun).

Dimitroff: „Der Faschismus handelt im Interesse der extremen Imperialisten, aber vor den Massen tritt er unter der Maske des Beschützers der beleidigten Nation auf und appelliert an das gekränkte nationale Gefühl, wie zum Beispiel der deutsche Faschismus, der die Massen mit der Losung ‘Gegen Versailles!‘ mit sich riss.“ Und zwar zur „Liquidierung proletarischer Organisationen und der Überreste bürgerlicher Demokratie“.

Jetzt wollen Ampel-Kriegshetzer Arm in Arm mit der Blackrock-CDU Streikrecht, Sozialhilfe, Meinungsfreiheiten und andre erkämpfte, gesetzliche Rechte aushebeln. (Dahingegen wären übrigens AfDler die ersten Nazis in der deutschen Geschichte, die „Frieden mit Russland“ fordern.)

Sicher ist unser deutsches Regime noch kein faschistisches. (Dimitroff: „Faschismus ist zügellosester Chauvinismus und Raubkrieg.“) Aber die Ampel steht mit Merz in Kiew und Tel Aviv eng an der Seite „zügellosester Chauvinisten und Raubkrieger“. Bei all ihrer woken Rhetorik gegen „das Völkische“.

3. „Linksnationalismus“

Präziser, als das diffuse „völkisch“, gibt „nationalistisch“ etwas Reales wieder. Ja, es entwickelte sich sogar seit den Jakobinern und der französischen Revolution die Bezeichnung „Linksnationalisten“. Angewendet wurde diese später auch auf Revolutionsführer wie Bolivar, den jungen Castro, Lumumba, Sukarno, Nasser, Ortega und Chavez.

Die linksnationalistischen Parolen vom „Großen Vaterländischen Krieg“ der Roten Armee oder Kubas „Vaterland oder Tod“ fanden bei der internationalistischen Linken eine gewisse Toleranz, solange sowas aber bitteschön „nur“ von unterlegenen Staaten genutzt wurde, um im Krieg gegen den Hauptfeind Imperialismus zu überleben. Da „durfte“ übersteigert auf „National-Traditionen“ zurückgriffen werden.

Allerdings wurde von linken Parteivorständen im imperialistischen Kernstaat Deutschland energisch gegen jeden, auch nur leisesten Anflug von Nationalismus in imperialistischen Staaten vorgegangen, weil dieser ja Klassengrenzen überdeckte. Und weil ja bei uns in Deutschland der „wissenschaftliche Sozialismus“ lääängst viiiel weiter entwickelt war. Und natürlich auch das Industrieproletariat.

Diese Überlegenheitsduselei deutscher Linken-Führer/innen entpuppte sich bald selbst als national-überheblich. Und überdeckte dabei Klassengrenzen im eigenen Land! Denn nicht nur in ärmeren Ländern krallen Menschen zuweilen nach neuem Halt in alten nationalen Traditionen. Sondern auch zunehmend krisengeschüttelte Ärmere in reicheren Staaten. Wie vor 1933: ohnmächtig, angesichts von Spaltung der Linken, Versailles-Diktaten und Inflation griffen in Deutschland Weniger-Politisch-Organisierte-und-Gebildete, junge Arbeitslose und pleitegegangene Handwerker nach solcherlei nationalistischen Selbstvergewisserungen.

Dagegen vertieften linke Führungen mit ihrem eurozentrischen Snobismus und kulturellem Avantgardismus zunächst die Spaltung der Arbeiterbewegung, dann gelang ihnen nicht mal eine Volksfront oder zumindest das Aufgreifen irgendeiner bürgerlich-nationalen Tradition gegen den faschistischen Imperialismus.

Aus Internationalismus war oft auch eine dogmatische Tabuzone für Linksintellektuelle geworden, von der bis heute dem „öden Kosmopolitismus der Monopole“ (Brecht) das woke Kapern unserer roten Begriffe aufs Silbertablett gelegt wurde. Als ob Nation und Klassenkampf absolute Gegensätze gewesen seien!

Aber bereits Marx und Engels hatten im „Kommunistischen Manifest“ von den Proletariern „aller Länder“ geschrieben, dass im werktätigen Alltagsverstand und „der Form nach der Kampf des Proleriats gegen die Bourgeoisie zunächst ein nationaler“ sei. Die Dialektik, daß dessen zuweilen notwendig-falsche, ideologische Überhöhung, der Nationalismus, gleichzeitig und gemeinsam, aber nur behutsam abzubauen war, erschloss sich SPD- und KPD-Führungen so richtig erst, als sie gemeinsam in den Buchenwald-Baracken saßen.

Jedenfalls differenzierte Georgi Dimitroff 1935: „Der Hitlerfaschismus ist nicht bloß bürgerlicher Nationalismus, er ist ein tierischer Chauvinismus.“ Und Brecht schrieb 1950 mit Mut und Anmut:  „Und weil wir dies Land verbessern / lieben und beschirmen wir`s / und das liebste mag`s uns scheinen / so wie andern Völkern ihr`s“.

In diesem Sinn wird es überfällig, besonders gegen die medial-technologische Atomisierung der Werktätigen vor den Monitoren und gegen deren Un- und Um-Bildung nach 1989 auch Worte im kulturellen Nahkampf zurückzuerobern – für ein Nachdenken in gesellschaftlichen Zusammenhängen und damit für neues Terrain des Anti-Imperialismus. Denn auch hierzulande muss sich jene mehrheitsfähige Pluralität spiegeln, in der sich nunmehr viele vollkommen unterschiedliche nationale und nationalistische Bewegungen der Welt, wie die BRICS-Staaten, gegen Dollar- und Pentagon-Diktate erheben.

Domenico Lossurdo hatte bis kurz vor seinem Tod 2018 („Eine Welt ohne Krieg“) die klassenübergreifende Vielfalt, aber auch die Fragilitäten und inneren Widersprüche der heutigen „BRICS-Allianz“ gegen die unipolare Weltkolonialherrschaft vorgezeichnet. Diesen Antiimperialismus attackieren elitäre Kasten im Wilde-Werte-Westen heute als „rückständig“. Mit Totschlagzeilen wie „religionsfanatisch, antiamerikanisch, israelfeindlich, gender- und homophob, klima- und corona-leugnend“ u.ä. Damit aber zielen Sprachpolizisten nicht nur gegen ärmere BRICS-Staaten, sondern gleichermaßen gegen Ärmere in reicheren Staaten.

Diffus rebellische Empfindungen in unterlegenen Klassen und Schichten sollen erst gar nicht aufsteigen. Also muss Nationales derart delegitimiert werden, dass es nicht mal auf die leiseste Idee kommt, zu einem jeweils national verfassten Internationalismus zu reifen. Dazu verhilft den woken Agitprop-Profis auch das Nazi-Blöd-Wort „völkisch“ gegen die AfD und Trump. Wenngleich es im deutschen Bundestag keine zionistischere Fraktion gibt als die AfD, und in den USA keinen zionistischeren Präsidentschafts-Kandidaten als Trump.

Das Nützliche an „völkisch“ ist, dass ihm die coolen Militarisierungs-Profite nicht anzuhören sind: zwischen 1932 und 39 stiegen die staatlichen Kriegsausgaben in Deutschland von 1,5 auf 18,1% des Staatshaushalts. „Rheinmetall“ machte damals seine märchenhaften Rekord-Profite – und deklarierte sie als „völkisch“ und gegen „die jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung“.

Heute rentiert sich „Rheinmetall“ ganz „antivölkisch“ und, wie „Pentagon, Blackrock, Lockheed und CIA“, mit Regenbogenfahne, aber in unverbrüchlicher Solidarität mit Selenskij und den Fans des Juden- und Kommunisten-Schlächters Bandera. Und mit „Merkava-Panzern“ an die israelischen Minister Smotrich und Ben Gvir, die sich offen zu Faschismus und Genozid bekennen. Während die Ampel gegen die „völkische“ AfD keift – die doch auch „proisraelisch“ sein will.

Gegen alte Rechtsextreme – oder  neue?

Die subjektiven „völkischen“ Anrufungen der Unteren von Seiten der alten Faschisten korrespondierten also durchaus mit autarken Profit-Berechnungen der objektiv Oberen, also jener deutschnationalistischen Bourgeoisie damals an der Macht. Um beides, das objektive Wesen des Faschismus bis 1945 und seine subjektiven Botschaften an das Volk, in einem gewissen Gleichklang zu verfassen, also im Nationalismus ihrer Zeit, baute „völkisch“ damals eine ideologische Klammer.

Als nun, nach der „Potsdam-Gate“-Inszenierung von „Correctiv“, auf den Demowellen „gegen rechts“ surfende Hauptredner eine bevorstehende „Machtergreifung 2.0“ prophezeiten, wurde medial der Eindruck verbreitet, ein neuer, deutscher Faschismus könne tatsächlich noch einmal im alten „völkischen“ Gewand auferstehen. So, als ob seine ökonomische Basis heute tatsächlich noch einmal eine „Autarkie“ (Dimitroff) sein könne. Ein – zugegeben – genialer Taschenspielertrick, um Regimes der transnational agierenden Konzerne wie „Blackrock, Rheinmetall, Microsoft, Apple, Amazon, Soros & Co“ für die Unteren in mildem Licht zu spiegeln. Während „die Unteren“ von oben mit woken, anti-„völkischen“ Sprech-Eliten auf entgrenzte Kriegstüchtigkeit umgedrillt werden sollen.

Noch gelingt ihnen diese kulturelle Ermächtigung auch per antifaschistischem Fingerzeig auf Pinochet, Milei, Bolsonaro, Breijvik und andere rechte Massenmörder. Aber die „völkische“ Hetze im „Breijvik-Manifest“ war längst (wie das Programm vom Kettensägen-Milei) zu einer Grußadresse geworden: an werte-westlichen „Herrenmenschen“, Dollar-Herrschaft und Pentagon.

Der ökonomische Stern des Nationalismus ist mit den transnational agierenden Konzernen nämlich untergegangen. Aber er scheint noch gefährlich in Herzen und Köpfe, die jedoch dahinsiechen.

Darum versucht sich gerade aus der Mitte ein neuer Typus transnational verfassten Staatsterrorismus’ in ganz neuen „antivölkischen“ Appellen „gegen rechts“. Aber auch solches hatte Dimitroff bereits erahnt:

„Durch seinen Zynismus und seine Verlogenheit alle anderen Spielarten der bürgerlichen Reaktion in den Schatten stellend, passt der Faschismus seine Demagogie den nationalen Besonderheiten jedes Landes an, sogar den Besonderheiten der verschiedenen sozialen Schichten in ein und dem selben Lande… Der Faschismus bleibt die wütendste Offensive des Kapitals gegen die werktätigen Massen.“

Der alte Faschismus war in Wahrheit antinational und „mehrheitsphob“, wie die deutschen Trümmerfelder 1945 bewiesen. Über sein ökonomisches Wesen – und nicht nur über anachronistische Erscheinungen früherer Rechtsextremer mit ihrem „völkischen“ Marketing– muss mutiger aufgeklärt werden. Und Mehrheiten dagegen auf die Straße gebracht. Und, soweit auf dem Boden des Grundgesetzes, ohne Gewissenskontrollen und allzuviele „Kontaktsperren“!

Dr. Diether Dehm ist Mitglied des Deutschen Freidenker-Verbandes und seines Beirats.


Download

Der Artikel kann auch als PDF-Dokument angesehen und heruntergeladen werden:

Diether Dehm: Ein neuer deutscher Faschismus – kommt er wieder „völkisch“?  (Auszug aus FREIDENKER 2-24, ca. 505 KB)


Bild oben: Neonazis bei einer Demonstration in München 2005
Foto: Rufus46, CC BY-SA 3.0
Quelle: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=829398