Was war und was bleibt

Aus: FREIDENKER Nr. 3-19, September 2019, 78. Jahrgang, S. 3-11

Von Egon Krenz

Als Heranwachsender habe ich noch Plakate der Nazis gesehen, auf denen Russen mit einem Messer im Mund als Untermenschen gezeigt wurden.

Selbst in der Bundesrepublik gehörte und gehört es noch zur Staatsdoktrin, dass die „Gefahr aus dem Osten“, also von Russland, droht.

Für den ersten Kanzler der Bundesrepublik, Konrad Adenauer, begann Sibirien gleich hinter der Elbe, also dort, wo die sowjetisch besetzte Zone anfing.

Für ihn und seine Gesinnungsfreunde war die DDR ein „Satellitenstaat“, ein „Agent des Kreml“, ein „verlängerter Arm Moskaus“ und damit für den Westen genauso gefährlich wie die UdSSR selbst.

Wenn 1990 das Verständnis vieler Russen für die deutsche Einheit vorhanden war, dann auch deshalb, weil die DDR das Wort „Deutscher“ befreit hat von Völkerhass und Aggression. Für viele DDR-Bürger war der Begriff „Sowjetmensch“ identisch mit „Freund“.

Es gibt keine Sowjetunion und es gibt keine DDR mehr. Aber die Werte wie Freundschaft, Solidarität, gegenseitige Achtung und menschliche Nähe, die die Bürger beider Staaten verband, sie sind nicht veraltet.

Die Mehrheit unserer Generation ist in der Hoffnung aufgewachsen: Kriege können und müssen aus dem Leben der Menschheit verbannt werden. Kriege sind kein Naturgesetz. Kriege können durch Menschen verhindert werden.

Dass es in Europa von 1945 bis 1991 keinen Krieg gegeben hat, ist in erster Linie auch das Verdienst der Generationen, die den Großen Vaterländischen Krieg gewonnen, den deutschen Faschismus zerschlagen und danach Ihr Land unter größten Anstrengungen und Entbehrungen wiederaufgebaut haben.

Die Vision eines friedliebenden Europa, die nach dem Zweiten Weltkrieg möglich schien, zerschellte, als die NATO Jugoslawien bombardierte. Die NATO-Staaten machten auf diese Weise aus dem Kalten einen heißen Krieg – mitten in Europa.

Ich bin überzeugt – das wäre zur Zeit der Existenz der UdSSR und ihrer Verbündeten undenkbar gewesen. Aus dieser Gewissheit heraus teile ich auch die Analyse Wladimir Putins, dass die Zerschlagung der Sowjetunion eine globalpolitische Katastrophe war. Die Auswirkungen dieses Dramas erleben wir noch heute auf Schritt und Tritt.

Vieles, was seit Anfang der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in der Welt durcheinandergeraten ist – ob in der Ukraine, in Syrien, im Irak, in Libyen oder anderen Teilen der Welt – ist eng verbunden mit den Folgen der Zerschlagung der UdSSR und dem Weltmachtstreben der USA.

NATO auf Konfrontationskurs

Die NATO möchte Russland klein sehen, höchstens als „Regionalmacht“, wie das Obama formulierte.

Mich beunruhigt zutiefst das feindselige Russlandbild, das bestimmte deutsche Politiker und Medien verbreiten.

Ich habe in der Vergangenheit einige Male den 22. Juni, den Jahrestag des Überfalls des faschistischen Deutschland auf die Sowjetunion, bei Moskauer Freunden erlebt.

Ich weiß daher aus eigener Erfahrung, dass dieser Tag auch in Familien mit dem patriotischen Versprechen verbunden war: Nie wieder sollen fremde Truppen den Grenzen des Vaterlandes so nahe sein wie an jenem 22. Juni 1941.

Auch aus diesem Datum heraus – und das sollten besonders Deutsche verstehen – ist das Bedürfnis dieses Landes gewachsen, in sicheren Grenzen zu leben.

Als Deutschland 1990 seine staatliche Einheit erhielt – wesentlich durch die Politik Gorbatschows – hätte ich mir nicht im Traum vorstellen können, dass es angesichts der Schuld, die Deutschland mit dem Überfall auf die Sowjetunion auf sich geladen hat, je wieder eine deutsche Regierung geben könnte, die nach einem «globalen militärischen Engagement» strebt, das letztlich auch gegen russische Interessen gerichtet ist.

So verhält es sich mit einem sogenannten „Weißbuch zur Sicherheitspolitik und zur Zukunft der Bundeswehr“, das die Bundesregierung am 13. Juni 2016 – ausgerechnet in zeitlicher Nähe zum 75. Jahrestag des Überfalls Deutschlands auf die UdSSR – beschlossen hat.

„Vergessen sind die Jahrzehnte der politischen und militärischen Zurückhaltung. Jetzt geht es in Berlin um die aktive Mitgestaltung der globalen Ordnung“, hieß es dazu vorab in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

In deutschen Medien wird wahrheitswidrig behauptet, „das Machtstreben des russischen Präsidenten (gehöre) zu den größten Gefahren für die Bundesrepublik“.

Russland könne für Deutschland kein Partner mehr sein, heißt es. Russland stelle die „europäische Friedensordnung“ offen in Frage, wird behauptet. Das sind alte Klischees aus der Mottenkiste des Kalten Krieges, in dem der Westen seine Politik mit der „sowjetischen Gefahr“ begründete.

Mit solch absurden Diagnosen werden historische Tatsachen verdreht.  Korrekt ist nämlich, dass die europäische Friedensordnung mit dem Moment in Frage gestellt wurde, als die NATO begann, ihre einstigen Grenzen von der Elbe und Werra im Zen­trum Europas weit nach Osten – in die Nähe Russlands – zu verlegen.

Die USA und ihre Verbündeten stehen nun mit Streitkräften entlang der Grenzen Russlands, schicken nach Gutdünken militärische Einheiten dorthin, umzingeln das Land. Deutschland bildet gar eine Speerspitze der NATO in unmittelbarer Nachbarschaft zur Russischen Föderation.

Mich erinnert all das an die Jahre der Systemkonfrontation. Damals führte die NATO regelmäßig Manöver in Gebieten durch, die nur wenige Kilometer von den Staatsgrenzen der DDR und der ČSSR entfernt waren.

Der Oberkommandierende der Vereinten Streitkräfte der Warschauer Militärkoalition, der sowjetische Armeegeneral P. Lushew, schätzte das damals als eine gefährliche Quelle für eine Aggression ein.

Am 8. Juli 1989 meldete er in einer Geheimsitzung den Partei- und Staatschefs der Warschauer Militärkoalition in Bukarest – ich zitiere:

„Es wird immer schwerer einzuschätzen, ob es sich tatsächlich nur um Übungen oder um konkrete Vorbereitungen auf eine Aggression handelt. Wir müssen auch 1989 von einer militärischen Bedrohung durch die NATO ausgehen.“

An dieser Lageeinschätzung hat sich nur insofern etwas geändert, als dass die Situation noch gefährlicher geworden ist. Die NATO-Manöver wurden nach Osten verschoben – dorthin, wo fremde Truppen nach den Erfahrungen von 1941 nie wieder sein sollten.

Nun wehrt sich Russland. In der Propagandasprache der NATO heißt das aber, „Russland ist eine Bedrohung.  Russland ist aggressiv“.

Jene, die nicht müde werden, das bis 1989 bestehende Grenzregime an der Außengrenze des Warschauer Vertrages von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer zu kriminalisieren, beobachten nun mit Sympathie die Grenzverschiebung der NATO in Richtung Russland.

Die deutsch-russische und die deutsch-sowjetische Geschichte vermittelt aber die Lehre: Deutschland ging es immer am besten, wenn es gute Beziehungen zu Russland hatte. Das wusste schon der Eiserne Kanzler Bismarck, der von 1860 bis 1862 als preußischer Gesandter in St. Petersburg tätig war. Im Blick auf seine Russland-Politik erklärte er u. a.: „Wir wollen nach wie vor den Frieden mit unseren Nachbarn, namentlich aber mit Russland suchen…Ich nenne vorzugsweise Russland…“

Als Deutscher denke ich mit Scham an die deutschen Verbrechen während der Leningrader Blockade. Ich tue dies in dem Wissen, dass kein Land der Erde mehr Opfer für die Freiheit Europas vom Faschismus gebracht hat als die UdSSR.

Freundschaft mit Russland!

Als ein Rotarmist am 30. April 1945 das rote Siegesbanner auf dem Deutschen Reichstag in Berlin gehisst hatte, war ich gerade 8 Jahre alt geworden.

Zu jung, um schon die politischen Zusammenhänge der damaligen Zeit durchschauen zu können. Alt genug aber, um zu verstehen, dass Krieg etwas Furchtbares und Frieden etwas Gutes ist.

Mein späteres freundschaftliches Verhältnis zu russischen Menschen hat seinen Ursprung in den ersten Nachkriegsjahren.

Ich lernte sowjetische Soldaten kennen, die anders waren als jene „barbarischen Untermenschen“, von denen die Nazipropaganda berichtet hatte.

Einer von ihnen war unweit unserer Wohnung einquartiert. Offizier war er und Dolmetscher der Militärkommandantur.

Jeden Abend, wenn er in sein Quartier zurückkam, brachte er mir etwas Essbares mit. Mal war es ein tiefschwarzes und feuchtes Soldatenbrot, mal etwas Würfelzucker und gelegentlich auch in Zeitungspapier eingewickelter Speck. Mittags schickte er mich zur Gulaschkanone der sowjetischen Einheit, die in meiner Stadt stationiert war. Dort erhielt ich ein Kochgeschirr voller Kascha oder auch Kohlsuppe. Russische Worte für Brot, Zucker, Speck, Kohlsuppe und Grütze habe ich damals gelernt. Ich habe sie nie wieder vergessen.

An manchen Abenden saß der Russe auf den steinigen Stufen vor dem Haus und drehte sich aus Zeitungspapier und Tabak eine Zigarette. Einmal summte er eine Melodie so vor sich hin, die ich noch nie gehört hatte. „Sing mit“, forderte er mich auf. „Das kann ich nicht“, antwortete ich. Er rief, als müsste ich mich dafür schämen: „Das ist doch das ‚Heideröslein’ von Goethe!“

„Heideröslein“ und „Goethe“, liebe Freunde, diese Worte hörte ich wenige Tage nach Kriegsende 1945 das erste Mal.

Nicht von einem Deutschen, von einem Russen in sowjetischer Uniform.

In Erinnerung geblieben aus dieser Zeit ist mir vor allem ein riesiges Plakat, das die sowjetische Besatzungsmacht überall aufhängen ließ. Auf ihm standen die Worte: „Die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk, der deutsche Staat bleibt bestehen.“

Der, der das gesagt hatte, hieß Josef Stalin. Damals begann ich zu begreifen, was ich bis heute verinnerlicht habe: Die Sowjetunion hat nie ein Gleichheitszeichen zwischen dem deutschen Volk und dem deutschen Faschismus gesetzt.

Die Sowjetarmee hat das Hakenkreuz zerschlagen, nicht aber die deutsche Nation.

Das ist eine historische Wahrheit, die nicht hoch genug bewertet werden kann. Schon sie allein würde rechtfertigen, dass deutsche Regierungen den Beziehungen zu Russland eine Sonderstellung einräumen.

Parallel zum Streben der NATO um die Neuordnung der Welt gibt es einen ideologischen Kampf um die Deutungshoheit der Geschichte des 20. Jahrhunderts mit den zwei Weltkriegen, der Oktoberrevolution sowie den beiden Weltsystemen und Militärblöcken.

Gegen den Geschichtsrevisionismus

Nicht wenige Zeithistoriker haben in Bezug auf die Geschichte der UdSSR und der DDR den uralten Grundsatz der Geschichtsschreibung vergessen: „Sine ira et studio“ (ohne Zorn und Eifer).

Sie sind – meist im Auftrage der Politik – damit beschäftigt, die Vergangenheit zu verdammen statt sie zu analysieren. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts wird sehr stark antikommunistisch und antisowjetisch gedeutet.

Als Herr Gauck zum Bundespräsidenten gewählt wurde, sagte er, 1990 sei er „nach 56-jähriger Herrschaft von Diktatoren“ endlich Bürger geworden. Er wirft damit 12 Jahre Hitlerbarbarei, 4 Jahre sowjetisch besetzte Zone und 40 DDR-Jahre in einen Topf.

Das ist schlicht verkehrte Geschichte. Wer in einem Atemzug Faschismus und DDR nennt, verleumdet ja nicht nur die DDR, die sich zu Recht als antifaschistischer deutscher Staat verstand. Ein solches Gleichheitszeichen ist ja zugleich eine Verharmlosung des Faschismus. Ich spreche bewusst von „Faschismus“. Ich nenne ihn nicht „Nationalsozialismus“ – wie das seit 1990 in Deutschland üblich ist.

Der deutsche Faschismus war weder „national“, noch war er „sozialistisch“. Er war einmalig verbrecherisch und mit nichts Vernünftigem auf der Welt vergleichbar oder gleichzusetzen.

Zudem wird mit solchen Vergleichen verdeckt, dass die Geschichte zwischen 1945 und 1990 in Deutschland eine Auseinandersetzung war zwischen zwei Währungen, zwei Systemen, zwei Blöcken, zwei Staaten, zwei grundverschiedenen Idealen und zwei verschiedenen Entwürfen für die Zukunft.

Wäre es nach dem Willen der UdSSR sowie der Kommunisten und Sozialdemokraten der sowjetischen besetzten Zone gegangen,wäre aus Deutschland „ein einheitliche(s) antifaschistische(s), demokratische(s) Regime, eine parlamentarisch-demokratische Republik mit allen demokratischen Rechten und Freiheiten für das Volk“ geworden.

So steht es im Aufruf der Kommunistischen Partei Deutschlands vom 11. Juni 1945, der zuvor in Moskau beraten worden war.

Im Osten Deutschlands begann damit unter dem Schutz der Sowjetmacht eine antifaschistisch-demokratische Revolution. Ihre Kernpunkte waren die Bestrafung der Nazi- und Kriegsverbrecher sowie ein umfangreiches Programm demokratischer Reformen.

Die Betriebe der Nazi- und Kriegsverbrecher wurden enteignet und in Volkseigentum überführt. Durch eine Bodenreform erhielten Landarbeiter, Klein- und Mittelbauern eigenes Land. Eine Schulreform zerschlug das Bildungsprivileg der Reichen. Nazis durften keine Lehrer werden. Nazirichter durften kein Recht sprechen.

In den drei von den Westmächten besetzten Zonen setzte dagegen frühzeitig eine Restauration der alten kapitalistischen Verhältnisse ein.

Erst nachdem die Bundesrepublik im Mai 1949 gegründet worden war, entstand im Oktober 1949 die DDR. Sie wurde nicht gegründet, um Deutschland zu spalten. Deutschland war bereits gespalten, als die DDR gegründet wurde.

Wenige Tage nach der Gründung der DDR erhielten Präsident Wilhelm Pieck und Ministerpräsident Otto Grotewohl ein bemerkenswertes Telegramm aus Moskau. Es enthielt die konzentrierte sowjetische Strategie in der Deutschlandfrage.

Absender war der Vorsitzende der sowjetischen Regierung. Er schrieb: „Die Bildung der Deutschen Demokratischen friedliebenden Republik ist ein Wendepunkt in der Geschichte Europas“.

Er nannte auch den Grund dafür. „Es unterliegt keinem Zweifel“, schrieb er, „dass die Existenz eines friedliebenden demokratischen Deutschlands neben dem Bestehen der friedliebenden Sowjetunion die Möglichkeit neuer Kriege in Europa ausschließt.“

Um jedes Missverständnis auszuschließen, die Gründung der DDR könne doch als Spaltung Deutschlands verstanden werden, endet das Telegramm mit dem Satz: „Es lebe und gedeihe das einheitliche, unabhängige, demokratische friedliebende Deutschland.“

Die Idee der deutschen Einheit verfolgte die Sowjetunion auch 1952. In einer Note an die Westmächte schlug sie die Herstellung der deutschen Einheit durch gesamtdeutsche Wahlen vor. Die Westmächte lehnten ab.

Bundeskanzler Adenauer prahlte gegenüber dem Französischen Außenminister: „Vergessen Sie nie, dass ich der einzige Regierungschef bin, der die Einheit Europas der Einheit seines Vaterlandes vorzieht.“

Geschichtlich bleibt unbestreitbar: Solange die Sowjetunion und mit ihr auch die DDR existierten, gab es in Europa keinen Krieg.

Im Umkehrschluss bedeutet das allerdings auch: Das Verschwinden der DDR von der politischen Landkarte ist ebenfalls ein europäischer Wendepunkt.Zum ersten Mal nach 1945 wurde Krieg in Europa – sogar mit deutscher Beteiligung – wieder möglich.

Das Unglück der Deutschen war nicht die DDR. Das Unglücksdatum der Deutschen ist der 30. Januar 1933.

Ohne den Machtantritt Hitlers kein zweiter Weltkrieg. Ohne Krieg keine deutsche Niederlage, ohne Niederlage weder Jalta noch Potsdam, weder DDR noch Bundesrepublik, weder Grenze an Elbe und Werra noch die „Berliner Mauer“.

Das ist die Logik deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert. Wer die DDR einen «Unrechtsstaat» schimpft, lässt solche grundlegenden Zusammenhänge völlig außer Acht.

Das Unnatürliche nach 1945 war nicht die DDR, sondern die Spaltung Europas und Deutschlands. Es war der Kalte Krieg, der Europa und Deutschland spaltete.

Ein Ausgangspunkt war die Verkündigung der sogenannten «Truman-Doktrin» vom 12. März 1947. Der amerikanische Präsident ordnete damals an: „Keinerlei Kompromisse mit Moskau. Von nun an können Vereinbarungen mit der UdSSR nur gerechtfertigt sein, wenn darin sowjetische Zugeständnisse festgelegt werden, ohne dass dabei die Haupthandlungsfreiheit der Vereinigten Staaten selbst eingeschränkt wird“.

Wer wollte bestreiten, dass dies die gleiche Politik war, die die USA auch gegenwärtig gegenüber Russland betreiben?

Es ist schon verblüffend, wie die Abwertung und Entstellung der Geschichte der UdSSR und der DDR einerseits und die aktuelle NATO-Politik andererseits Hand in Hand laufen.

Diejenigen, die die DDR in Bausch und Bogen verdammen, machen es zwar demagogisch; aus ihrer Sicht aber nicht einmal ungeschickt.

Sie nutzen die Tatsache aus, dass der Westen von Anfang an wahrheitswidrig die Spaltung des Kontinents allein der UdSSR und mit ihr der DDR angelastet hat. Erst nachdem die Bundesrepublik Deutschland 1955 der NATO beigetreten war, entstand der Warschauer Vertrag.

1971 hatte die sowjetische Führung anlässlich des 100. Jahrestages der deutschen Reichsgründung unter Bismarck gegen den Willen Walter Ulbrichts und entgegen der DDR-Verfassung empfohlen, dass die DDR nicht mehr von einer deutschen Nation ausgeht, sondern von zwei Nationen – einer sozialistischen in der DDR und einer kapitalistischen in der Bundesrepublik. Das bedeutete die perfekte Abgrenzung der beiden deutschen Staaten, was aus heutiger Sicht ein Fehler war.

Eine Wende rückwärts

Damit sollte die deutsche Frage für abgeschlossen gelten und die deutsche Zweistaatlichkeit für alle Zeiten besiegelt sein. Nun, im Jahre1988, vermuteten wir wohl nicht ganz zu Unrecht, dass Gorbatschow die deutsche Frage wieder für offen erklären wollte, ohne darüber aber mit uns ernsthaft gesprochen zu haben.

Hatte sich Chruschtschow in seinen Erinnerungen noch dazu bekannt, selbst den Befehl zum Mauerbau gegeben zu haben – was weitgehend den Tatsachen entsprach –  wollte der sowjetische Außenminister Schewardnadse die Verantwortung allein der DDR zuschieben, was geschichtlich falsch war und aktuell die DDR in eine schwierige Situation brachte (Fernsehinterview im Januar 1989 am Rande des Abschlusstreffens der Europäischen Sicherheitskonferenz in Wien).

Anfang Mai 1989 besuchte US-Präsident Bush Polen und Ungarn, um dort für Reformen im Sinne des Westens zu werben. Er forderte offen, „die Sowjetunion in die Wertegemeinschaft des Westens“ zu holen. Nachdem während seiner Visite in Budapest die ungarische Grenze zum Westen faktisch geöffnet wurde, nahm die Ausreisewelle aus der DDR über die Tschechoslowakei und Ungarn zu.

Die innenpolitische Situation der DDR verschärfte sich erheblich. Am 9. Oktober 1989 kam es in Leipzig zu einer großen „Montagsdemonstration“, an der 70 000 Bürger aus der ganzen DDR teilnahmen. In einem Aufruf von sechs Leipziger Prominenten wird zur Besonnenheit der Demonstranten aufgerufen.

Dort steht wörtlich: „Wir alle brauchen einen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Land. …“ Das war kein Ruf zur Abschaffung der DDR. Der 9. Oktober war eine Aufforderung an die DDR-Führung, endlich einen Dialog mit den Bürgern über die weitere Entwicklung der DDR zu führen.

Am 18. Oktober 1989 wurde Erich Honecker von seinen Funktionen abgesetzt und ich zum SED-Generalsekretär gewählt.

Ich sprach damals von einer „Wende“, die war nicht in Richtung deutsche Einheit gedacht. Ich verstand darunter eine Erneuerung der DDR nach dem Beispiel der „Perestroika“ in der Sowjetunion. Mir war zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar, dass Gorbatschow mit dieser Politik schon im eigenen Land gescheitert war.

Der „Demokratische Aufbruch“, deren Pressesprecherin die heutige Bundeskanzlerin Angela Merkel war, betonte: „Die kritische Haltung … zum real-existierenden Sozialismus bedeutet keine Absage an die Vision einer sozialistischen Gesellschaftsordnung: Wir beteiligen uns am Streit um die Konzeption des Sozialismus“.

Die politische Klasse der BRD erkannte ihre Chance. Sie verstärkte ihre propagandistische und politische Einflussnahme in der DDR. Immer öfter wurde jetzt bei den Kundgebungen aus der Losung „Wir sind das Volk“ der Slogan „Wir sind ein Volk“.

Ein wichtiges Datum auf dem Wege zum 9. November 1989 war mein Gespräch mit Gorbatschow am 1. November in Moskau.

Ich fragte ihn: „Michael Sergejewitsch, welchen Platz räumt die Sowjetunion beiden deutschen Staaten im gesamteuropäischen Haus ein? Im Westen gibt es Spekulationen, dass im Europäischen Haus für die DDR kein Platz mehr ist. “

Gorbatschow macht auf mich den Eindruck, als habe er meine Frage nicht verstanden. Ich ergänze daher:

„Die DDR entstand nach dem Zweiten Weltkrieg und im Ergebnis des Kalten Krieges. Sie ist also auch ein Kind der Sowjetunion. Es ist für mich wichtig zu wissen, ob die Sowjetunion zu ihrer Vaterschaft steht?“

„Die Einheit Deutschlands“, so Gorbatschow, „steht nicht auf der Tagesordnung. Darüber hat sich die Sowjetunion mit ihren früheren Partnern aus der Zeit der Anti-Hitler-Koalition geeinigt. Genosse Krenz, übermittle dies bitte den Genossen des SED-Politbüros“, fasste Gorbatschow seinen Standpunkt zusammen.

Das war noch am 1. November 1989! Nur wenige Wochen später gab es schon hinter dem Rücken der DDR Gespräche mit der Bundesregierung über die Herstellung der deutschen Einheit.

Vor einigen Jahren haben Vertraute von Gorbatschow Protokolle des Politbüros des ZK der KPdSU veröffentlicht. Es sind wohl 1400 Seiten, aufgeschrieben von drei Beratern des Generalsekretärs. Was und wie dort von der DDR gesprochen wurde, hat mich zutiefst erregt. Da war von der Brüderlichkeit, die mir noch am 1. November 1989 demonstriert wurde, nichts zu spüren. Wenn diese Berichte stimmen, war der Umgang der Gorbatschow-Führung mit der DDR ziemlich unehrlich.

Woran ist die DDR zugrunde gegangen?

Das Thema ist viel zu komplex, um alle Aspekte erschöpfend zu behandeln.

Lenin sagte: „Die Arbeitsproduktivität ist in letzter Instanz das Allerwichtigste, das Ausschlaggebende für den Sieg der neuen Gesellschaftsordnung.“

Wahrscheinlich haben wir damals in allen europäischen sozialistischen Staaten nicht begriffen, dass dieser Satz im Umkehrschluss auch eine Drohung enthält, nämlich die: Dass die neue Gesellschaftsordnung wieder untergehen wird, wenn sie keine höhere Arbeitsproduktivität erreicht als der Kapitalismus.

Der Marxismus ist nicht obsolet. Auch der Zusammenbruch des europäischen Sozialismus lässt sich nur auf der Grundlage der Erkenntnisse des historischen Materialismus und der materialistischen Dialektik erklären.

Aus meiner Sicht sind die wichtigsten Gründe für das Ende der DDR:

  • Die Spaltung Deutschlands war unnatürlich. In puncto industrieller Entwicklung gab es schon in der Vorkriegszeit ein Ost-West-Gefälle, das die DDR geerbt hat. Die DDR war in den ersten Jahrzehnten ihrer Existenz auf die deutsche Spaltung nicht eingerichtet. Bis Ende der 50er Jahre trat sie für ein einheitliches Deutschland ein.
  • Von Anfang an war die DDR, „deren Heimholung mit allen Mitteln zu betreiben wäre“, den Anfeindungen aus dem Westen ausgesetzt – und der ökonomische Schädigung (Sabotage, Abwerbung).
  • Ganz Deutschland hatte den Zweiten Weltkrieg verloren, aber nur Ostdeutschland und später die DDR mussten dafür zahlen. Die DDR-Reparationsleistungen waren 25-mal höher als die der alten Bundesrepublik – und die BRD bekam den Marschallplan.
  • Die DDR litt an einem ständigen Mangel an Rohstoffen, der sich negativ auf ihre Wirtschaft auswirkte. Die Unsicherheiten im deutsch-deutschen Handel zwangen die DDR, eine eigene Schwerindustrie aufzubauen, was ungeheure Kosten verursachte. Die Konsumgüterindustrie, einschließlich des Automobilbaus, kamen dadurch zu kurz.
  • Die separate Währungsreform durch die westlichen Alliierten am 20. Juni 1948 war das eigentliche Datum der deutschen Spaltung. Die Separat-Währung ermöglichte der Bundesrepublik einen wirtschaftlichen Aufschwung, der unter dem Namen „Wirtschaftswunder“ in die Geschichte einging, während Ostdeutschland eine nichtkonvertierbare Währung behielt und dadurch faktisch vom westlichen Markt ausgeschlossen wurde. Während die Bundesrepublik mit den USA und anderen westlichen Staaten starke Wirtschaftspartner hatte, war die DDR mit den östlichen wirtschaftsschwachen Staaten verbunden, die zudem alle unter den Zerstörungen des Krieges zu leiden hatten.
  • Die Grenze quer durch Deutschland war Teil jener Trennlinie, die von der Ostsee im Norden bis an das Schwarze Meer im Süden die Militärblöcke NATO und Warschauer Vertrag voneinander fernhielt, an der mitentschieden wurde, dass aus dem Kalten Krieg kein heißer wurde. Sie war System- und Wirtschaftsgrenze, und die daraus entstehenden ökonomischen Belastungen der DDR verhinderten die Lösung wichtiger Probleme ihrer Wirtschaft.
  • 1950 betrug der Rückstand der DDR gegenüber der jungen Bundesrepublik in der Arbeitsproduktivität ca. 60 bis 70 Prozent. Zwar konnte die DDR aufholen, aber 1989 betrug dieser Rückstand noch immer 45%. Darin liegt auch eine Ursache dafür, dass zu wenig Mittel zur Verfügung standen, um wichtige Wünsche der DDR-Bürger zu befriedigen.
  • Die sozialistischen Länder Europas hatten seit den siebziger Jahren versäumt, die wissenschaftlich-technischen Revolution zu nutzen. Sie blieben im ökonomischen Wettbewerb mit dem Westen zurück. Ihr Planungssystem entsprach nicht mehr den Notwendigkeiten. Die Zusammenarbeit im RGW funktionierte nicht mehr. Die Wirklichkeit entfernte sich immer stärker vom Ideal des Sozialismus. Es kam zu einem Vertrauensverlust großer Teile der Bevölkerung zur Staatsführung.
Schicksalsgemeinschaft

Das Schicksal der DDR war im Guten wie im Schlechten mit dem der Sowjetunion verbunden.

1982 schickte Leonid Breschnew den ZK-Sekretär Russakow zu Erich Honecker, um mitzuteilen, dass die UdSSR nicht mehr in der Lage war, die vereinbarten Mengen an Erdöl zu liefern. Das traf den Lebensnerv der DDR. Sowjetisches Erdöl war eine Lebensader unserer Volkswirtschaft.

Es hieß, die Sowjetunion sei in einer dramatischen Phase wie seinerzeit Sowjetrussland zu Zeiten des Brester Friedens. Wir rätselten, was das wohl bedeuten sollte? Beim Brester Frieden ging es bekanntlich um Sein oder Nichtsein Sowjetrusslands.

Sollte es 1982 wirklich so schlimm um die Sowjetunion stehen? Wir wollten es nicht glauben. Statt eine eigene Bestandsaufnahme zu machen und mit der Bevölkerung darüber offen zu sprechen, beschworen wir in der DDR die Kontinuität, die sich angesichts der neuen Bedingungen nicht aufrechterhalten ließ.

Die Bevölkerung der DDR war nicht nur gut gebildet, sie war auch politisch sehr interessiert. Sie hätte ein offenes Wort – und wäre es noch so hart gewesen – gut verstanden.

Damit bin ich bei einem unserer Kardinalfehler: Als die inneren und äußeren Schwierigkeiten zunahmen, als sich die Realität des Alltags mehr und mehr von unseren Idealen entfernte, verlernte das Politbüro, das Erich Honecker leitete und dem ich angehörte, auf die Stimmung der Bevölkerung zu hören.

Die DDR-Wirklichkeit hatte sich mehr vom Ideal entfernt als die Bevölkerung hinnehmen wollte. Das belastete das Vertrauensverhältnis zwischen Führung und Bevölkerung. Wenn ich über den Anteil der DDR an ihrer Zerstörung spreche, erinnere ich an einen weiteren Gedanken Lenins, der das Problem auf den Punkt bringt:

„Alle revolutionären Parteien“, sagte er, „die bisher zugrunde gegangen sind, gingen daran zugrunde, dass sie überheblich wurden und nicht zu sehen vermochten, worin ihre Kraft lag, dass sie sich scheuten, von ihren Schwächen zu sprechen“.

Gorbatschow sprach bald vom „Neuen Denken“. Die Sache hatte nur einen Haken: Der Westen dachte überhaupt nicht daran, neu zu denken. Die NATO rüstete auf, während die UdSSR das militärische Gleichgewicht aufgab. Brent Scowcroft, Sicherheitsberater mehrerer amerikanischer Präsidenten: „Wir hatten einen Plan, Gorbatschow nicht.“

Vorläufiges Fazit

Ich spreche nicht vom Scheitern des Sozialismus, sondern von seiner Niederlage. Für mich ist das keine formale Frage der Wortwahl. Scheitern hat etwas Endgültiges an sich, Niederlage ist eher etwas Zeitweiliges.

Wenn der Sozialismus gescheitert wäre, könnte das ja auch bedeuten, dass er auch in Zukunft keine Chance mehr hätte und der Kapitalismus doch das Ende der Geschichte wäre.

Der erste Anlauf für eine ausbeutungsfreie Gesellschaft, die Pariser Kommune, überdauerte 72 Tage, der zweite, die Oktoberrevolution, hielt schon 72 Jahre. Der dritte Anlauf wird kommen. Wann? Das wissen wir nicht. Die positiven wie negativen Erfahrungen der UdSSR wie der DDR sind aber dafür unerlässlich.

Der Sozialismus – wie immer man ihn in verschiedenen politischen Lagern nennen mag – ob Früh- oder Staatssozialismus, ob sowjetisch geprägter, realexistierender oder sogenannter – er war weltgeschichtlich bisher die einzige reale Gegenmacht zum Imperialismus. Es gibt viel Kritisches über ihn zu sagen.

Doch: Was wäre wohl aus Europa und der Welt geworden, wenn die Sowjetunion dem deutschen Faschismus nicht den entscheidenden Schlag versetzt hätte? Wie hätten sich die Kolonialmächte gegenüber ihren Kolonien verhalten? Der Zerfall des Kolonialsystems ohne die Wirkungen der Oktoberrevolution ist nicht vorstellbar. Ohne den Sozialismus hätte es möglicherweise nicht nur einen kalten, sondern einen dritten Weltkrieg gegeben.

Die Idee des Sozialismus ist nach meiner Überzeugung nicht tot. Verloren hat ein bestimmtes Modell des Sozialismus.

Die Geschichte ist kein gradliniger Weg zum gesellschaftlichen Fortschritt. Es gibt auch Epochen des Rückschritts und der Stagnation. Die Entwicklung der Produktivkräfte mit allen ihren Auswirkungen geht trotzdem voran. Damit werden früher oder später neue und sicher aussichtsreichere Versuche zustande kommen, die Gesellschaft grundlegend zu ändern.

Deshalb sollte man die vielen positiven wie negativen Erfahrungen der vergangenen Epoche nicht geringschätzen. Sie können für die Zukunft von bleibendem Wert sein, weil sie lehren, was sich bei der Neugestaltung der Gesellschaft bereits bewährt hat und was nicht.

 

Der Text basiert auf einer (bisher in Deutschland nicht veröffentlichten) Gastvorlesung an der Staatlichen Universität in St. Petersburg, 10.08.16.

Egon Krenz, Dierhagen, war u.a. Erster Sekretär des Zentralrats der FDJ,
Mitglied des Politbüros und Sekretär des ZK der SED,
stellvertretender und zuletzt Vorsitzender des Staatsrates der DDR


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Egon Krenz: Was war und was bleibt (Auszug aus FREIDENKER 3-19, ca. 388 KB)


Bild: © Sputnik / Tilo Gräser 2019