AktuellesGeschichte

Deutschland und der Atomwaffensperrvertrag

Ein historischer Überblick von Wolfgang Schürer

 

Die atomare Aufrüstung der drei Siegermächte des Zweiten Weltkrieges:

Sie zündeten ihre erste Plutonium-Fission-Bombe:

  • Juli 1945, Alamogordo, New Mexico: Vereinigte Staaten
  • August 1949, Semipalatinsk, Kasachstan: Sowjetunion
  • Oktober 1952, Insel Montebello, Australien: Vereinigtes Königreich

Sie warfen ihre jeweils erste Fusionsbombe ab:

  • November 1955, Semipalatinsk: Sowjetunion
  • Mai 1956, Marshall-Insel-Atoll: Vereinigte Staaten
  • Mai 1957, Kiribati-Atoll: Vereinigtes Königreich

Die Vereinigten Staaten stationierten, ab 1953, nuklearfähige M-65-Kanonen, und, ab April 1955, taktische Nuklearsprengköpfe in der BRD.

Am 25. März 1958 beschloss der Bundestag, die Bundeswehr mit Trägermitteln für taktische Kernsprengköpfe auszurüsten.

Die Vereinigten Staaten übergaben der Bundeswehr, z. B.:

  • Honest John, ungelenkte Boden-Boden-Rakete, Reichweiten 24 km oder 48 km;
  • Sergeant, ballistische Boden-Boden-Rakete, Reichweite 140 km;
  • Nike Hercules, gelenkte Boden-Luft-Rakete, Reichweite 6 km bis 140 km;
  • Panzerhaubitze M-109, Kaliber 155 mm, Fahrbereich 349 km;
  • Panzerhaubitze M-110, Kaliber 203 mm, Fahrbereich 523 km;

1960 befanden sich 1.500 taktische US-Kernsprengköpfe in der BRD. Und weitere 1.500 in 7 anderen europäischen NATO-Staaten: Vereinigtes Königreich, Frankreich, Italien, Türkei, Niederlande, Belgien, Griechenland; (Zahlenquelle:  Florian Reichenberger, Die „Teufelsspirale“ zur Apokalypse, Militärgeschichte, Zeitschrift für historische Bildung, Nr. 4, 2018, Seite 7.)

Die Sowjetunion lagerte, ab 1958, taktische Atomsprengköpfe in der DDR.

Die Nationale Volksarmee wurde mit sowjetischen Trägermitteln für taktische Nuklearsprengköpfe ausgerüstet.

Diese waren, bis 1990, in den sowjetischen Sonderwaffenlagern Himmelpfort (nördlich von Oranienburg) und Stolzenhain (nördlich vom Herzberg) gelagert.

Am 29. Juli 1957 wurde die International Atomic Energy Agency (IAEA), Sitz in Wien, zwecks globaler Kontrolle der friedlichen Nutzung der Kernenergie, gegründet.

Die atomare Aufrüstung Frankreichs, Chinas und Israels:

Frankreich zündete, am 13. Februar 1960, in der algerischen Sahara, seine erste Plutonium-Fission-Bombe. Am 24. August 1968, über einem Atoll in Französisch-Polynesien, seine erste Fusionsbombe.

China zündete, am 18. Oktober 1964, in Xinjiang, seine erste Fission-Bombe, aus Uran-235. Am 17. Juni 1967, am gleichen Ort, seine erste Fusionsbombe.

Israel zündete, vermutlich 1966, streng geheim, unterirdisch, in der Negev-Wüste, seine erste Fission-Bombe, aus Uran-235.

Der Nuclear Non-Proliferation Treaty (NNPT), in deutscher Sprache als Atomwaffensperrvertrag bezeichnet:

Die 3 Siegermächte des Zweiten Weltkrieges unterzeichneten, am 01. Juli 1968, in Washington-DC, Moskau und London, den NNPT.

Der NNPT wurde in den 5 damals offiziellen Sprachen der UNO (Englisch, Russisch, Französisch, Chinesisch, Spanisch) verfasst.

Der NNPT verbietet allen Staaten, die am 01. Juli 1968 noch keine Atomwaffen hatten, die Herstellung, den Erwerb und den Besitz von Nuklearwaffen.

Der NNPT sollte in Kraft treten, nachdem ihn die drei Siegermächte des Zweiten Weltkrieges ratifiziert und weitere 40 Staaten ihn unterzeichnet und ratifiziert hatten.

Jeder Vertragsstaat musste mindestens eine Kopie des NNPT, mit seiner Unterschrift, mindestens einer der drei Siegermächte des Zweiten Weltkrieges übergeben.

Die IAEA sollte kontrollieren, ob die Unterzeichnerstaaten den AWSV einhalten.

Der NNPT trat, am 05. März 1970, in Kraft. Danach konnte jeder weitere Staat seinen Beitritt erklären. Das Dokument musste mindestens einer der drei Siegermächte des Zweiten Weltkrieges übergeben werden.

Die DDR unterzeichnete den NNPT am 01. Juli 1968, ratifizierte ihn am 31. Oktober 1969, und übergab das Dokument der Sowjetunion.

Die BRD unterzeichnete den NNPT am 28. November 1969, ratifizierte ihn am 02. Mai 1975, und übergab das Dokument den drei Siegermächten des Zweiten Weltkrieges.

Frankreich und China verweigerten, zunächst, die Unterzeichnung.

China erklärte am 09. März 1992 seinen Beitritt in London, am 12. März 1992 seinen Beitritt in Moskau, am 17. März 1992 seinen Beitritt in Washington-DC;

Am 02. August 1992 erklärte Frankreich seinen Beitritt in Moskau. Am 03. August 1992 seinen Beitritt in Washington-DC und London.

Israel trat dem NNPT nicht bei. Es verweigerte die Erklärung, ob es über Kernwaffen verfüge.

Die nukleare Aufrüstung Indiens und Pakistans:

Beide Staaten traten dem NNPT nicht bei.

Indien zündete, am 18. Mai 1974, im Südwesten des Landes, nahe der Grenze zu Pakistan, in der Wüste Thar, seine erste Plutonium-Fission-Bombe.

Pakistan zündete, am 28. Mai 1998, im Südwesten des Landes, nahe der Grenze zu Afghanistan, gleichzeitig, 5 Fission-Bomben aus Uran-235.

Die atomare Aufrüstung von Nordkorea:

Nordkorea trat, 1985, auf Druck der Sowjetunion, dem NNPT bei. Die Vereinigten Staaten zogen ihre Nuklearsprengköpfe aus Südkorea ab. Die südkoreanischen Streitkräfte behielten ihre Trägermittel für taktische Kernsprengköpfe.

Die Vereinigten Staaten erklärten, am 29. Januar 2002, Nordkorea, den Iran und den Irak zur „Achse des Bösen“. (Später landeten auch Syrien, Libyen und Kuba, möglichweise auch Weißrussland, Myanmar und Simbabwe, auf dieser Liste.)

Nordkorea erklärte, am 10. Januar 2003, seinen Austritt aus dem NNPT.

Nordkorea zündete seine erste Fission-Bombe, vermutlich aus Uran-235, im Nordosten des Landes, nahe der Grenze zu China, am 09. Oktober 2006.

Der Atomwaffensperrvertrag im Frühjahr 2026:

188 der 193 UNO-Mitglieder gehören dem NNPT an. Israel, Indien und Pakistan waren dem NNPT niemals beigetreten. Nordkorea ist 2003 ausgetreten. Der Südsudan, der, 2011, unabhängig, und, als letztes Mitglied, in die UNO aufgenommen worden war, hat seinen Beitritt nicht erklärt.

Der Heilige Stuhl trat 1971 bei. Palästina 2015. (Beide Staaten haben in der UNO-Generalversammlung Rederecht, jedoch kein Stimmrecht.)

Taiwan, das 1949-1971 China in der UNO vertrat, hatte den NNPT bereits am 01. Juli 1968 unterzeichnet, ratifiziert, und, am 27. Januar 1970, das Dokument den Vereinigten Staaten übergeben.

Der Stand der atomaren Rüstung im Frühjahr 2025:

(Quelle: Federation von American Scientists (FAS), Status of World Nuclear Forces, 26.03.2025)

Die 9 Atommächte hatten in ihren Arsenalen 9.614 Kernsprengköpfe. (Hierbei wurden 1.477 US-amerikanische und 1.150 russische, die außer Dienst gestellt worden und zur Verschrottung bestimmt waren, nicht mitgezählt.)

Russland besaß 4.309 Nuklearsprengköpfe. Die Vereinigten Staaten 3.700. Beide Staaten zusammen 84,3 % der in den Arsenalen verfügbaren.

Beide Staaten unterscheiden zwischen strategischen und nicht-strategischen.

Ein strategischer Atomsprengkopf ist einem Trägermittel zugeordnet, mit dem sich beide gegenseitig beschießen können. Hierzu gehöre Interkontinentalraketen, Raketen auf ballistischen Atomunterseebooten, und Langstreckenbomber.

Die Vereinigten Staaten hatten 3.500 strategische Kernsprengköpfe. Russland 2.832.

Russland besaß 1.477 nichtstrategische. Die Vereinigten Staaten 200.

Die 7 anderen Atommächte verfügten über 1.605 Nuklearsprengköpfe.

China hatte 600, davon können 310 gegen das Gebiet der Vereinigten Staaten zwischen Kanada und Mexiko eingesetzt werden.

Frankreich besaß 290, davon können 240 gegen das Gebiet von Russland und/oder das Gebiet von China eingesetzt werden.

Das Vereinigte Königreich verfügte über 225, alle können gegen russisches und/oder chinesisches Gebiet eingesetzt werden.

Indien hatte 180, Pakistan 170, Israel 90, Nordkorea 50.

Keiner dieser 4 Staaten verfügt über Trägermittel, die das Gebiet der Vereinigten Staaten zwischen Kanada und Mexiko erreichen können.

Die Nukleare Teilhabe der NATO:

(Quelle: United States Nuclear Weapons, Bulletin of the Atomic Scientists, 02.01.2025)

Die Vereinigten Staaten hatten 85 bis 120 B-21-Atombomben, an 7 Stützpunkten, in 6 europäischen NATO-Staaten, gelagert:

  • 25 bis 30 in Lakenheath, SO des Vereinigten Königreiches, US-Luftwaffe;
  • 20 bis 30 in Aviano, NO von Italien, US-Luftwaffe;
  • 10 bis 15 in Ghedi, NW von Italien, italienische Luftwaffe;
  • 10 bis 15 in Büchel, in der Eifel, Deutschland, deutsche Luftwaffe;
  • 10 bis 15 in Kleine-Brogel, Belgien, belgische Luftwaffe;
  • 10 bis 15 in Volkel, Niederlande, niederländische Luftwaffe;

Italien, Deutschland, Belgien und die Niederlande verfügen über Kampfflugzeuge und Besatzungen, die, mit Attrappen, den Abwurf von B-61-Bomben trainiert haben. Die B-61-Bomben befinden sich im US-Gewahrsam.

Hinzu kam ein leeres Lager in Griechenland, bei Araxos, im NW des Peloponnes, für die griechische Luftwaffe.

In Incirlik, im SO der türkischen Mittelmeerküste, gibt es ein Lager mit 25 bis 30 B-61 Bomben in US-Gewahrsam, die keiner Luftwaffe zugeordnet sind.

Wolfgang Schürer ist Vorsitzender des Kreisverbandes Offenbach a. M. der Freidenker


Bild oben: Explosion der Atombombe „Baker“ aus dem Crossroad-Test im Bikini-Atoll; die Bombe wurde 27 m unter der Wasseroberfläche gezündet (1946)
Foto: United States Department of Defense, Gemeinfrei
Quelle: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6931019