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Erinnern an Fritz Bauer: Kampf gegen den überlebenden Ungeist

von Stefan Siegert

Unendlich fern erscheinen die Zeiten, in denen ein Fritz Bauer im öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Bundesrepublik Deutschland zur besten Sendezeit eine Rede halten konnte, in der es um schon damals brennende Fragen ging. (1) „Nie wieder Krieg!“ stand auf der Tagesordnung. Die erneute Wiederaufrüstung eines deutschen Staats gegen einen „Feind im Osten“, den der Rechtsvorgänger dieses deutschen Staats 23 Jahre zuvor mit einem buchstabengetreuen Vernichtungskrieg überzogen hatte. Die Rede des von den Nazis aus Deutschland vertriebenen Vertreters eines im Geist Joseph Wirths demokratischen Weimar – eine solche Rede hinein in die zum dritten Mal in der neueren Geschichte hysterisch aufgeheizte Russenfeindlichkeit einer deutschen Öffentlichkeit? Undenkbar.

Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten, sagte Bert Brecht in den Zeiten des noch ungebremsten Siegeszugs der Nazi-Armeen bis Stalingrad. Wir Nachgeborenen drohen erneut in jener Flut unterzugehen, aus der Brecht uns utopisch schon aufgetaucht sah. Heute ist die gewesene Sowjetunion als einziger Gegner der transatlantischen Übermacht der Vergangenheit schwach im Vergleich: denn im globalen Süden und Osten des Erdballs organisiert sich im Geschwindschritt die Gegenbewegung einer großen Weltmehrheit. Allerdings weiß niemand, ob sie – informationstechnologisch und finanzstrategisch – rechtzeitig so einig und stark sein wird, dass sie dem US-Leviathan in den Arm fallen könnte.

Mit 26 Jahren war Bauer ab 1929 in Braunschweig der jüngste Landgerichtsrat der Weimarer Republik. Im Oktober 1933 verschwand er im Rahmen des terroristischen Warnschusses der Nazis gegen alle kritischen Geister für acht Monate in den KZ Heuberg und Oberer Kuhberg. Er war als Jude doppelt gefährdet und zog sich mit seiner Familie 1936 nach Dänemark zurück. Von dort entkam er den NS-Häschern, als diese im April 1940 Dänemark besetzten, in letzter Minute per Boot über die Ostsee nach Schweden.

Das Nachkriegsdeutschland – in das er mit der Absicht zurückkehrte, dort einen deutschen Staat aufzubauen, der endlich Frieden macht mit der Welt – enttäuschte seine Erwartungen. Die Bundesrepublik erwies sich als Fortsetzung des Vorgängerstaats mit anderen Mitteln. Das Reichssicherheitshauptamt als noch von Reinhard Heydrich erdachte Schaltzentrale der NS-Gewaltherrschaft hatte sich mit US-amerikanischer Hilfe im tiefen Staat Konrad Adenauers, Hans Globkes, Reinhold Gehlens klammheimlich „demokratisiert“. Dem berühmtesten Ausspruch Fritz Bauers zufolge habe er, sobald er sein Dienstzimmer verließ, Feindesland betreten.

Er trotzte dem Staat der alten Nazis den Frankfurter Auschwitz-Prozess ab. Er sorgte dafür, dass der Widerstand, auch der physische, gegen einen Verbrecherstaat grundsätzlich zu den verbrieften Rechten jedes Mitglieds einer demokratischen Gesellschaft gehört. Er wirkte in Zusammenarbeit mit dem israelischen Mossad an der Ergreifung Adolph Eichmanns mit. Mit der ganzen Autorität des hessischen Generalstaatsanwalts, als der er nach dem Krieg bundesweit bekannt war, plädierte und wirkte er als Jurist strukturell dafür, im Fall etwa eines Diebstahls den sozialen Ursachen des Delikts nachzugehen, anstatt es zum Anlass komplizierter logischer Gedankenketten zu machen, die mit den betroffenen Menschen nichts mehr zu tun haben.

Die moralische Statur Fritz Bauers ist weder mit der bewährten Antisemitismuskeule, noch mit dem Traumtänzer-Schmäh wegzucanceln. Noch der vor 58 Jahren Verstorbene bleibt verlässlich unterm Radar neoliberaler Wokeness. Vor dem Hintergrund der Neujahrsansprachen des staatsoffiziell moralischen Wachsfigurenkabinetts wirkt er wie ein Donnerschlag. Seine Erscheinungsweise – nur auf dem Podium ohne brennende Zigarette – grollt im Brustton wie aus der Spätromantik herüber.

Als Bauer, gerade zur Schule gekommen, seine Mutter fragte, wer Gott sei, antwortete sie, sie könne es ihm nicht sagen. Aber was sie ihm mitgeben wolle, das sei ihr Leitspruch: Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg‘ auch keinem andern zu. Er hat als Jurist sein Leben bis ins Große danach ausgerichtet. Fritz Bauer war der letzte Kantianer. Er ist 1968 unter äußerst fragwürdigen Umständen verstorben. Man wird über diese Umstände in dem Moment genaueres wissen, in dem die Geheimdienstakten dieser Zeit zugänglich sind.

„Für die konkrete Geheimdienstakte über Fritz Bauer ist öffentlich nur bekannt, dass sie gesperrt ist; eine exakte Sperrfrist oder ein verbindliches Datum der Öffnung wurde nicht allg. mitgeteilt“, stellt Dieter Schenk (…) fest, ehemaliger Mitarbeiter des BKA, Publizist und Professor. „Realistisch ist wegen der langen Fristen für Nachrichtendienstunterlagen eher von einer möglichen Öffnung, viele Jahrzehnte nach seinem Tod (…) auszugehen; ein genauer Termin lässt sich derzeit nicht seriös nennen, zumal individuelle Verlängerungen und Verkürzungen möglich sind.“

Wie lange die Akten gesperrt sind, entscheidet ergo die gleiche Sorte Beamte wie jene, die sie angelegt haben. Akten, welche auf diese Weise für Ewigkeiten in den Archiven der Konrad Adenauer Stiftung vermodern, haben Auschwitz-Ermöglicher wie den Staatssekretär Hans Globke, Adenauers rechte Hand, statt lebenslänglich in Sicherheitsverwahrung, auf den Posten des personalpolitischen Strippenziehers und Machthabers der frühen BRD gebracht. Bauer hatte mächtige Feinde, nicht nur unter den regierungsamtlichen und verbeamteten Altnazis. Es stellt der liberalen Demokratie ein rabenschwarzes Zeugnis aus, wenn sie derart hermetisch dafür sorgt, dass Massenmörder in Staatsdiensten mit Sicherheit zu Lebzeiten unbehelligt bleiben und straffrei Karriere machen können.

Der Kampf gegen den überlebenden Ungeist – den immer noch fruchtbaren Schoß der Vergangenheit – war Fritz Bauers Sache. Er wäre, ginge es um Propheten des Auswegs aus der tiefen Krise, in der Europa steckt, im Januar 2026 der Mann der Stunde für eine Neuausrichtung.

Stefan Siegert ist Autor mit Schwerpunkt Musik, er schreibt aber auch politische Feuilletons, verfasst Künstler-Features für den Rundfunk und zeichnet Buch-Illustrationen sowie Comics.

Anmerkung

(1) Der Autor bezieht sich auf eine Rede von Fritz Bauer auf der DAG-Kundgebung am 1.9.1964 in der Kongresshalle Berlin zum 25. Jahrestag des Kriegsbeginns. Diese wurde vom SFB übertragen, siehe https://www.youtube.com/watch?v=fGa1c_h3VCc


Bild oben: Fritz Bauer (1960er Jahre)
Foto: Fritz Bauer Institut / A. Mergen – https://www.fritz-bauer-institut.de/fileadmin/editorial/publikationen/einsicht/einsicht-05.pdf, Public Domain
Quelle: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=88521845