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Skandal im Friedenslager

Aus: „FREIDENKER“ Nr. 1-23, März 2023, S. 21-23, 82. Jahrgang

von Dietrich Kittner

Seit einigen Jahrzehnten trage ich einen Mitgliedsausweis mit mir herum. Nämlich den der Deutschen Friedensgesellschaft – Ver­einigte KriegsdienstgegnerInnen e.V. (DFG-VK). Daran liegt es, daß ich lange gezögert habe, diese Zeilen zu veröffentlichen. Im Stillen hatte ich gehofft, meine Empörung über den nachfolgend geschilderten Skandal werde sich mit der Zeit legen. Der Zorn ist jedoch keinesfalls verraucht, und ich glaube, Ossietzky ist die richtige Adresse, ihn zu äußern.

Der Sachverhalt: Mitte Februar fand in München die NATO-gestützte sogenannte »Konferenz für Sicherheitspolitik« statt, be­kanntermaßen ein hochrangig besetztes Tref­fen von Firmen und Politikern, die am Rüs­tungsgeschäft und infolgedessen an möglichst weiter Verbreitung und schnellem Verbrauch von Massenmord-Artikeln interessiert sind.

Parallel zu dieser traditionell unter massi­vem Polizeischutz im noblen Ambiente der Superreichen-Absteige »Bayerischer Hof« durchgeführten gemeingefährlichen Zusam­menrottung hatten als Gegengewicht 60 Friedensgruppen nun schon im dritten Jahr eine »Internationale öffentliche Friedenskon­ferenz« angesetzt. Planung und Organisation wurden unter allgemeiner Zustimmung – was läge näher – dem Landesverband Bayern der DFG-VK anvertraut.

So weit so gut. Auf den ersten Blick sogar noch besser: Die rotgrün regierte Stadt München zeigte sich bereit, dem Friedens­kongreß ihren traditionsbeladenen Festsaal des Alten Rathauses zu überlassen, und stellte überdies »einen kleinen finanziellen Zuschuß« in Aussicht.

Geschehen noch Zeichen und Wunder? Nein, natürlich nicht, und wer das meint, hat noch nie etwas von Haken und Pferdefüßen gehört. SPD-Oberbürgermeister Christian Ude nämlich stellte schon bald seine Bedin­gungen. Saal und Zuschuß könnten nur dann bewilligt werden, wenn die Deutsche Kom­munistische Partei (DKP) von der Un­terstützerliste der Konferenz gestrichen wer­de. Auch müsse der Text des Aufrufs geändert werden. Hatte es in der Originalfassung noch geheißen: »Nach den Kriegen gegen Jugoslawien, Afghanistan und den Irak…«, so sollte nach den Vorstellungen des spezialdemokratischen Stadtoberhauptes die Passage nun lauten: »Nach den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien, in Afghanistan und im Irak…« (Hervorhebungen von mir; D.K. ).

Daß es sich bei diesem Ansinnen keinesfalls um den stilistischen Verbesserungsvorschlag eines fürsorglichen Rathausgermanisten han­delte, sondern um den unverfrorenen Versuch erpresserischer Einflußnahme seitens eines Regierenden auf den Inhalt politischer Mei­nungsäußerungen anderer, muß angesichts der Durchsichtigkeit des Verlangens kaum groß erklärt werden: Völkerrechtswidriger Angriffskrieg, was ist das?

Statt nun aber auf Artikel 5 des Grundgesetzes zu verweisen (»Eine Zensur findet nicht statt«) oder die gebotene Strafanzeige wegen Nötigung gegen den Oberbürger­meister zu erstatten, fügt sich der in Sachen Friedenskongreß federführende Landesver­band Bayern der DFG-VK in Gestalt seines Vorsitzenden Tommy Rödl der Zumutung widerspruchslos!!!

Ohne alle unterstützenden und mitarbei­tenden Gruppen und Organisationen zu be­fragen oder auch nur zu informieren, verfügt er die »Streichung« der DKP und läßt die in­kriminierte Textstelle eilfertig und wunsch­gemäß verfälschen.

Ist der Herr Rödl so geil auf den Renom­mier-Saal im Rathaus, daß er dafür alle demokratischen Grundregeln über Bord wirft und entgegen den Tatsachen flugs selber befindet, was die Bündnispartner unterschrie­ben haben sollen? Die Vokabel Manipulation wäre hier untertrieben. Gibt es in München sonst keine Säle? Es muß ja nicht gleich das Hofbräuhaus sein. Für wie viele und welche Textänderungen hätte man vielleicht sogar den »Bayerischen Hof« als Tagungsort be­kommen, zusammen mit den Kollegen von der NATO?

Vielleicht sollte man das Grundgesetz ändern? Artikel 5: »Eine Zensur findet jeder­zeit durch den Herrn Oberbürgermeister Ude zu München statt. Und zwar persönlich.« Der Herr hat ja nicht einmal seinen Stadtrat be­fragt.

Und was den »kleinen Zuschuß« betrifft – eine genaue Höhe war bei Nachfragen nicht zu erfahren –, ab welcher Summe ist unsere Meinung käuflich? Abgesehen von der Schofeligkeit des Verfahrens im Falle DKP (wurde die überhaupt selbst von der obrig­keitlich gewünschten Eliminierung unter­richtet?): Soll die Deutsche Friedensgesell­schaft allfällige Unterschriftensammlungen oder Spendenaufrufe etwa zukünftig mit der Formel abschließen: »Wir bitten Sie um Ihre Unterstützung – vorbehaltlich der Zustim­mung staatlicher Stellen«? Denkbar wäre auch die Formulierung: »Wir bitten um Unter­schrift unter den obenstehenden Text, der sich nach Intervention eines Bürgermeisters oder aufgrund von Geldzahlungen interessierter Kreise später allerdings inhaltlich noch erheb­lich ändern kann.«

Wäre es nicht erwägenswert, durch noch mehr Unterwürfigkeit noch mehr staatliche Sponsoren zu gewinnen? Wenn man etwa dem Bundeskriegsministerium das Recht auf kritische Durchsicht und verbindliche Än­derungswünsche für alle Texte der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegs­dienstgegnerInnen gewährte, wäre aller Wahrscheinlichkeit durchaus mit Zuschüssen aus dem Hause Struck zu rechnen.

Möglicherweise dürfte der nächste Frie­denskongreß dann sogar auf einer NATO-Luftbasis stattfinden? Als sinnvoll erweisen könnte sich bei Neuaufnahme von Mit­gliedern wohl auch eine Regelanfrage beim Verfassungsschutz, dem Militärischen Ab­schirmdienst oder gleich beim Hausmeister des Münchner Rathauses. Dringend notwen­dig wäre aber auf jeden Fall eine Umbe­nennung des Verbandsblättchens Zivil­courage (!!!) in »Der Opportunist«.

*

Bis hierher der erste Teil des Skandals. Wer nun allerdings glaubt, die Affäre ließe sich durch scherzhafte Übersendung einiger blauer Pillen zur Stärkung des Rückgrats gewisser Münchner Friedensfunktionäre abschließen, der irrt nachhaltig. Entgegen allen Regeln dramatischer Kunst folgt der Tragödie dies­mal nämlich nicht das Satyrspiel, sondern ein zusätzlicher Akt, in dem sich die Perfidie des Schurkenstücks noch steigert.

Empört über die geschilderten Machen­schaften verließ ein großer Teil der Gruppen, darunter beispielsweise das »Münchner Frie­densbündnis«, Attac oder der Münchner Kreisjugendring, den Unterstützerkreis. Die Friedensbewegung war damit gespalten, ganz so wie der Herr im Rathaus sich das wohl ge­dacht hatte. Nachfragen bei Mitgliedern des DFG-VK-Sprecherrats – dem nebenher auch Christian Rödl angehört – ergaben bestenfalls butterweiche Statements. Alles war offen­sichtlich auf Aussitzen geschaltet.

Unter den Mitgliedern muß es dann aber doch erhebliche Unruhe gegeben haben, denn in München ging ein beschwichtigender Rundbrief »An die UnterstützerInnen der Münchner Friedenskonferenz 2005« heraus, der ausdrücklich davor warnt, »die Diskus­sion über die Schwierigkeiten im Vorfeld der Konferenz im Rahmen des internationalen Forums zu führen…«. Logisch: Demokratisch legitimierte Kongresse zeichnen sich bekann­termaßen stets dadurch aus, daß die Erör­terung unbequemer Themen verboten ist.

Zum Ausgleich gab es dann unter dem Stichwort Bündnispolitik im Verbandsma­gazin ein Interview mit Sprecherrat Rödl. Der legt fix noch ein Schäufelchen nach und äußert sich emphatisch über die Notwendig­keit der »Abgrenzung von linken Parteien, die sich von den herrschenden Parteien u.a. dadurch unterscheiden, daß sie noch keine Gelegenheit hatten, einen ›gerechten Krieg‹ zu führen.«

Das ist natürlich Rabulistik; oder wären die Kriegsabstimmungen im Deutschen Bundes­tag etwa einstimmig verlaufen? Da hätten Abgeordnete linker Parteien doch durchaus Gelegenheit gehabt, einen Krieg mitzuführen. Sie wollten aber leider nicht. Und: Wie wäre es denn mit der Abgrenzung von den Berliner Blockparteien, die bisher mehrfach die Ge­legenheit wahrgenommen haben, tatsächlich ihrer Auffassung nach »gerechte Kriege« zu führen? Na?! – Im Gegenteil: der Herr Ude als Repräsentant einer wirklich Kriege befürwor­tenden Partei darf die Friedensbewegung auf seine aufdringliche Art mitgestalten. Denn, so Rödl: »Die Friedenskonferenz in München …wäre ohne die politische Unterstützung durch die rotgrüne kommunale Mehrheit nicht möglich gewesen.« Mehr noch, meine ich: Sie wäre ohne rotgrüne Berliner Kriegs­politik gar nicht so dringend notwendig gewesen.

Fazit aus Rödls Interview: Diffamierung linker Friedensfreunde ist jetzt nicht mehr allein Sache der CDU/CSU, der Bundes­regierung, des Bundesverbandes der Rüs­tungsindustrie, der NPD, des Reservisten­verbandes oder gar der »Münchner Konferenz für Sicherheitspolitik« der NATO. Auch Frie­densfunktionäre mischen da schon kräftig mit. Meinen Mitgliedsausweis werde ich – vorläufig – behalten, solange mein Verein noch gegen Kriege ist. Und solange es noch Chancen gibt, Skandale wie den oben geschilderten verhindern zu helfen. Oder bis der Landesverband Bayern beim Herrn Ude nachfragen läßt, ob ich nach dessen maß­geblicher Meinung als Mitglied noch tragbar bin.

Erschienen in Ossietzky 9/2005

Dietrich Kittner (1935 – 2013) war ein Satiriker, Kabarettist und Liedermacher


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