Deutschlandfunk auf der Höhe der Zeit
von Stefan Siegert
Gibt es wohl ein Thema mit ausreichendem Anrüchigkeitsfaktor, welches die Leitmedien in Nato-Europa nicht mit Vladimir Putin in Zusammenhang bringen? Der Deutschlandfunk (DLF), einst Leuchtturm kritisch ausgewogener Berichterstattung, präsentiert im Februar 2026 folgende Überschrift (1):

Das Thema Epstein garantiert Reichweite. Das muss man ausnutzen. Diesmal bei seinem letzten Anfall von Russophobie der polnische Regierungschef Donald Tusk. Der bezog sich auf eine Vermutung der Daily Mail, die wiederum ihre Informationen wo bitte herbekam? Na klar. Von „den Geheimdiensten“. Man ist beeindruckt. Was hatte Putin mit Epstein zu schaffen?
Nun nennt der Text in der Überschrift zum Abschnitt, der sich mit den Verbindungen des „Epstein-Netzwerks“ mit Moskau befasst, aber nicht mehr Putin als Adressaten, sondern Russland. Bevor im letzten Absatz die Katze aus dem Sack kommt, schickt der DLF für zwei Absätze einen Spiegelreporter vor:
Das Epstein-Netzwerk und die Verbindungen nach Russland
„Man sucht natürlich nach Nadeln in Heuhaufen“, sagt der Investigativreporter Daniel Laufer, der unter anderem für den „Spiegel“ die Epstein-Files durchsucht. „Man überlegt, welche Namen könnten darin vorkommen, welche Schlagwörter, welche Firmen könnten da eine Rolle spielen.“
Eines werde jedoch schon jetzt deutlich: Jeffry Epstein sei ein „begnadeter Netzwerker“ gewesen, sagt Daniel Laufer. „Er hat es vermocht, sehr viele mächtige, sehr schlaue Menschen um sich herum zu versammeln, sie miteinander zu vernetzen, Veranstaltungen auszurichten, wo sie einander kennenlernen konnten.“ Er sei eine Art Dreh- und Angelpunkt gewesen – weshalb viele Prominente nun „sehr nervös sein dürften“. Viele hätten Epstein besucht, obwohl dieser bereits 2008 als Sexualstraftäter verurteilt worden war. (2)
Daniel Laufer macht im DLF-Beitrag zur aktuellen Flut neuer Epstein-Dokumente zunächst klar, wie aufreibend es für einen richtigen Investigativreporter ist, herauszufinden, was seit Jahren ohnehin alle wissen: Jeffrey Epstein war ein „begnadeter Netzwerker“. Aber statt uralter Erkenntnisse wollen die Leserinnen eine Antwort auf die Frage: gehörte nun auch Putin zu den Vernetzten? Ist er ein Pädophiler? Man ist auf den letzten Absatz gespannt. Er müsste den realen Kern der Geschichte aufdecken. Auf welche belastbare Quelle geht diese ganze Epstein-Putin-Geschichte überhaupt zurück? Daniel Laufer weiß es (seine Geheimdienstquellen sprudeln nicht nur, sie glauben auch):
Nun vermutet die „Daily Mail“, Epstein habe auch als Spion für Russland gearbeitet. Geheimdienstquellen glauben demnach, Epstein habe im Auftrag des KGB die „weltweit größte Honeytrap-Operation“ geleitet, heißt es in dem Artikel. E-Mails sollen ein Treffen zwischen Epstein und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin belegen. Die Epstein-Akten enthalten laut „Daily Mail“ 1.056 Dokumente, in denen Putin namentlich erwähnt wird. (3)
Irgend jemandem in der DFL-Textredaktion muss irgendwann aufgefallen sein: der in der Überschrift so unübersehbar mit Epstein in Verbindung gebrachte Putin, kommt in den ersten zwei Absätzen überhaupt nicht vor. Selbst in den wie koksgenerierten Erfindungen der Daily Mail als der einzigen Quelle von so viel Blödsinn ließ sich Putin offenbar erst in den letzten zwei Zeilen schlecht unterbringen. Irgendwelche Emails, die ein Treffen zwischen Epstein und Putin „belegen“ sollen, sind als Beweis deutlich zu dünn; da mussten dann noch „1056 Dokumente“ her, „in denen Putin namentlich erwähnt wird“. Wie viele Themen und Zusammenhänge gibt es wohl, irgendwo in der Welt anlässlich einer privaten oder dienstlichen Äußerung und nicht mit dem Schatten eines Gedankens an Jeffrey Epstein im Kopf den Namen des global bekannten Politikers Putin von sich zu geben?
Der Deutschlandfunk hält sein Publikum offenbar für (von Deutschlandfunk und Co.) hinreichend verblödet, eine gedankenlos zusammengelogene UK-Zeitungsgeschichte, bemurmelt von „den“ Geheimdiensten und beglaubigt von einem Investigativreporter, zu glauben. Epstein und Putin in einer Schlagzeile. Irgendwas davon, so predigte schon Joseph Goebbels, wird schon hängenbleiben.
Stefan Siegert ist Autor mit Schwerpunkt Musik und politisches Feuilleton
Quelle
(1) https://www.deutschlandfunk.de/epstein-clinton-andrew-putin-100.html – Überschrift wurde nachträglich geändert in „Was ihn mit Bill Clinton, Prinz Andrew und einem deutschen Forscher verband„. In der URL lässt sich noch erkennen, dass das Wort „Putin“ ursprünglich enthalten war.
(2) ebenda
(3) ebenda
Bild oben: Collage von Ralf Lux unter Nutzung von:
Epstein: openclipart.org / j4p4n / gemeinfrei
Putin: pixabay.com / Sunriseforever / Inhaltslizenz
