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Wie Europa sich eine russische Exilregierung gebastelt hat

Wenn du denkst, verrückter geht’s nicht mehr

Die Parlamentarische Versammlung des Europarats hat wieder russische Mitglieder, allerdings sind das alles Exilrussen und keine Vertreter der russische Regierung. Und diese russische „Exilregierung“ steht komplett unter der Kontrolle der Europäer.

Ich habe schon im Oktober über die Gründung der sogenannten „Plattform der russischen demokratischen Kräfte“ berichtet, die in der Parlamentarischen Versammlung des Europarats (PACE) künftig Russland vertreten soll, nachdem Russland die Organisation wegen ihrer offen anti-russischen Politik verlassen hat. Diese Plattform wurde mit dem Geld europäischer Staaten extra als eine Art russische Exilregierung gegründet, die Russland in der PACE vertreten soll.

Die dafür ausgewählten Exilrussen einen im Kern die Forderungen nach einem Sieg der Ukraine über Russland, nach einem Putsch in Russland und nach einer Zerschlagung Russlands als Staat (der sogenannten „Dekolonisierung Russlands“), wobei die Nachfolgestaaten Russlands der Ukraine nach den Vorstellungen dieser „Plattform der russischen demokratischen Kräfte“ dann Reparationen zahlen sollen.

Allerdings scheint die PACE der von ihr selbst handverlesenen „Exilregierung“ nicht zu trauen, denn ihnen wurden nicht-russische „Aufpasser“ zur Seite gestellt und ihre Rechte in der PACE sind begrenzt, um es diplomatisch auszudrücken.

Mehr will ich dazu nicht vorwegnehmen, denn diese neue „russische Vertretung“ in der PACE war Thema eines Beitrages, den das russische Fernsehen am Sonntagabend in seinem wöchentlichen Nachrichtenrückblick gesendet hat, und der wirklich interessant war. Ich habe ihn übersetzt und empfehle auch meine hinzugefügten Anmerkungen und Links zu beachten, denn die Geschichte ist so verrückt, dass man sie sich kaum ausdenken könnte. Aber so ist die Realität im heutigen Europa.

Beginn der Übersetzung:

Die Parlamentarische Versammlung des Europarats rekrutiert eine Truppe alternativer Russen

Nochmal nach Europa. man hat schon lange nichts mehr von der anti-russlischen Schlangengrube der PACE, der Parlamentarischen Versammlung des Europarats, gehört.

Wegen der Sinnlosigkeit ihrer Funktionen und Prozesse hat Russland seine Mitgliedschaft in der PACE im Frühjahr 2022 gekündigt. Seitdem vermisst man Russland dort offensichtlich, und so hat man eine Lösung gefunden: Man lädt „andere“ Russen ein, alternative. Die sollen alles sagen, was man von ihnen erwartet – Russland mit Dreck bewerfen, mit Einmal-Zutrittskarten erscheinen, um nichts bitten und nichts erwarten. Kurz gesagt, man brauchte einen Wanderzirkus, und man hat einen gefunden.

Der Name der Truppe lautet „Plattform der Russischen Demokratischen Kräfte“ und hat 15 Artisten. Allesamt russische Emigranten, die in ihrer Heimat als ausländische Agenten oder Terroristen eingestuft sind. Das Casting wurde am Montag dieser Woche abgeschlossen und die Besetzung der Plattform steht fest.

Theodoros Roussopoulos, bis vor Kurzem Präsident der PACE, hat alle Kandidaten persönlich ausgefiltert. Seine Kriterien hat er den russischen Prankstern Vovan und Lexus mitgeteilt. Er suchte die bekanntesten und, wenn möglich, die wohlhabendsten aus, damit sie weniger wahrscheinlich um Geld betteln würden und definitiv gegen Putin wären. Das war die Bedingung. (Anm. d. Übers.: Wenn Sie nicht wissen, wer die russischen Prankster sind, finden Sie hier einen Artikel mit vielen Links zu mehr Informationen über sie, und hier ein Interview, das ich mit ihnen geführt habe).

Theodoros Roussopoulos sagte im Gespräch mit ihnen: „Tatsächlich haben wir da drei Namen, die bekanntesten auf der gesamten Plattform, sozusagen das gesamte Team der Exilanten: Kasparow, Kara-Mursa und Nawalnaja. Das sind die drei bekanntesten Vertreter, die anderen kennt niemand. Und es gibt noch ein paar weitere. Wir haben sie überprüft. Wir wissen, dass sie sich seit Langem außerhalb Russlands aufhalten und gegen Putin sind. Und das haben sie natürlich längst durch ihr Handeln bewiesen. Wir müssen sehr vorsichtig sein.“ (Anm. d. Übers.: Das gesamte Telefonat, bei dem Roussopoulos glaubte, mit einem Mitarbeiter von Selensky zu telefonieren, können Sie hier auf Englisch anschauen)

Trotz der Vorsicht derer, die sie ausgewählt hatten, begannen die Ausgewählten umgehend, sich zu beklagen, und zwar bei der PACE. Und zu fordern…

Ljubow Sobol, eine frühere Mitarbeiterin von Nawalny, die nun in London lebt, beklagte: „Leider werden wir kein gemeinsames Büro haben, keinen Raum, in dem wir uns alle treffen könnten. Wir dürfen kein Verwaltungspersonal haben. Keine Assistenten, keine Sekretärinnen und so weiter. Wir werden nicht einmal dauerhaften Zugang zum Gebäude haben. Wir werden für jede einzelne Veranstaltung eine separate Genehmigung beantragen und es wird ein separater Ausweis ausgestellt.“

Auch die Presse nervt die Teilnehmer der pseudo-russischen Plattform. Ein Journalist von „Sota“ fragte Kara-Mursa, wie es sein könne, dass seine Frau etwa tausendmal mehr aus seinem Fonds für politische Gefangene erhalte als die Familien der politischen Gefangenen selbst. Im Jahr 2024 betrug ihr Einkommen 196.000 US-Dollar, während die 88 Familien derer, die Kara-Mursa als politische Gefangene bezeichnet, zusammen nur 19.000 US-Dollar aus dem Fonds erhielten. Aber Kara-Mursa verweigerte die Antwort und brach das Gespräch ab.

Zum Schluss gab es ein Fotoshooting. Allerdings erschienen nicht alle zum Gruppenfoto. Von den 15 ausgewählten Kämpfern gegen das russische Regime erschienen vier nicht. In der Gruppe hat sich nichts geändert, Streitereien und Eifersucht herrschen weiterhin. Und sie streiten sich, wer die Führung übernehmen soll. Dabei hat der Präsident PACE im Vorfeld gewarnt, dass die PACE ihr Chef ist.

Im Gespräch mit den Prankstern sagte Theodoros Roussopoulos: „Die streiten darüber, wer auf der Plattform den größten Einfluss haben wird. Ich will das nicht dumm nennen, aber es ist sicherlich naiv, denn die Plattform wird nicht von jemandem aus Russland geleitet. Niemand wird dort eine führende Rolle einnehmen. Den Vorsitz führt der Vorsitzende der PACE, und die Plattform besteht nicht nur aus Russen. Es sind zwölf Russen und zehn weitere Parlamentarier der PACE, darunter der Vorsitzende. Niemand kann also glauben, er oder sie werde die Führung übernehmen oder sich selbst nominieren.“

Damit es schön aussieht, wurden der russischen Plattform auch fünf Vertreter von Völkern Russlands hinzugefügt. Sie sollen sich natürlich für die Dekolonisierung einsetzen, etwas, wovon sie in Europa so sehr träumen. Die Landkarten zur Aufteilung unseres Landes haben sie dort schon lange gemalt. Also haben sie einen Tschetschenen, einen Burjaten, einen Udege, einen Komi-Aktivisten und sogar einen Wod-Künstler eingeladen.

Vor der Kamera versuchten die Aktivisten natürlich, ihr Gesicht zu wahren, verrieten aber dennoch ihre Scheinrollen. Es war ein komplettes Chaos. Ljubow Sobol sagte beispielsweise: „Sie entscheiden selbst über alles, was auf der Plattform passiert. Sie brauchen von uns nur eine Kontaktperson, die Ihre Anfragen weiterleitet und umgekehrt.“

Und Garri Kasparow sagte: „Wir sind 15 Leute. Wie sollen wir abstimmen, und stimmen wir überhaupt ab? Es gibt ja noch gar keine Regeln, es ist ein reines Pingpongspiel. Sie sagen: ‚Ihr entscheidet.‘ Nun ja, im Grunde haben Sie die Regeln selbst geschrieben.“

Doch trotz aller Bemühungen der alten Garde war der Star des Treffens Nadeschda Tolokonnikowa, Mitglied der für ihre Obszönitäten bekannten Punkband Pussy Riot. In Russland erlangte sie durch ihre dämonischen Tänze in der Christ-Erlöser-Kathedrale und durch öffentlichen Sex im Biologischen Museum Berühmtheit, als sie im neunten Monat schwanger war. Da sie in ihrer Heimat nicht auf Verständnis stieß, beschloss Tolokonnikowa, international aktiv zu werden und erstellte einen OnlyFans-Account. Das ist eine Online-Plattform, die sich zu einer Pornoseite entwickelt hat, auf der Frauen bereit sind, sich für Geld vor der Kamera zu entblößen. Hier hat Tolokonnikowa sich gefunden, wie sie in der PACE sagte: „Ich habe noch nicht den Status eines Pornostars, aber ich arbeite daran. Ich meine, Sex funktioniert. Es ist ein Job wie jeder andere. Und ich bin stolz auf mich und meine unabhängige Einkommensquelle. Ich finde das toll. Es gibt mir die Möglichkeit, wirklich unabhängig von jeglicher politischen Kraft zu sein.“

Die Pornoaktivistin und Feministin hat auch viele Ideen für die PACE, wie sie ebenfalls erklärte: „Ich habe schon ein paar genannt: erstens Hilfe für die Ukraine, die Zerstörung des russischen Imperialismus, Feminismus, Regenbögen und Einhörner.“

Kurz gesagt, die PACE hat auf so etwas aus Russland schon lange gewartet. Sie finden das erfrischend. Können wir gratulieren?

In Russland haben sich in der Geschichte, in Kriegen und schwierigen Zeiten, immer Menschen gefunden, die ihrer Heimat schaden und ihr in den Rücken fallen wollten. Unterscheidet sich die heutige Generation, die in der PACE herangezogen wird, von denen? Ich denke, ja. Sie wirken noch mehr wie Karikaturen, als ihre Vorgänger.

Ende der Übersetzung

Thomas Röper, geboren 1971, lebt seit über 15 Jahren in Russland. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.


Bild oben: Blick aus einer Dolmetscherkabine beim Europarat in Straßburg
Foto: FrDr, CC BY-SA 4.0
Quelle: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=182122049