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Warum die Wahrheit auf der Strecke bleiben soll

von Prof. Dr. Anton Latzo

1.

Anlässlich des Jahrestages der Befreiung vom Faschismus mussten wir zur Kenntnis nehmen, dass die von den Regierenden und ihren Auftraggebern und Ideologen, von Medien und den zahlreichen Stiftungen betriebene Geschichtsbetrachtung der politischen Opportunität untergeordnet wird.

Das Zeigen der sowjetischen Fahne, die 1945 als Zeichen des Sieges über den Faschismus von Sowjetsoldaten auf dem Reichstag gehisst wurde, hat man verboten. Gedenkveranstaltungen wurden abgesagt. Die Ursachen, warum die sowjetische Armee 1945 bis Berlin vordringen musste, werden aus den Betrachtungen eliminiert. Gleichzeitig werden die Verbrechen der faschistischen Truppen auf dem Territorium der UdSSR und der anderen europäischen Staaten ausgeblendet.

Der Präsident der USA, Joe Biden, stimmte führend in den Chor derjenigen ein, die die entscheidende Rolle der Sowjetunion bei der Zerschlagung der Faschisten verharmlosen und leugnen. Während seiner diesjährigen Rede auf dem Militärfriedhof von Arlington zu Ehren des Memorial Day erklärte er kurzerhand, dass es amerikanische  Soldaten waren, die während des Zweiten Weltkrieges die Welt retteten und Europa vom Faschismus befreiten. Wörtlich sagte er: „Vertreter der großartigsten Generation, in einer Woche sind es 80 Jahre seit diesem Tag, landeten an den Stränden der Normandie, befreiten den Kontinent und retteten buchstäblich die Welt“. Er meint nicht die Sowjetunion und auch nicht ihre Armee! Er meint die USA. Zur Rolle er Sowjetunion fand er kein Wort!

Die Veranstaltungen zum 80. Jahrestag der Landung der Truppen der westlichen Alliierten in der Normandie waren ein neuer Höhepunkt im Bestreben der massiven Geschichtsfälschung, die schon anlässlich des Jahrestages der Befreiung vom Faschismus praktiziert wurde.

Verzerrungen und Verfälschungen der Vorgänge des zweiten Weltkrieges sind an der Tagesordnung. Die Feder der Akteure wird nicht von der historischen Wahrheit, sondern von politischen Interessen geführt. Aufschlussreich dürfte auch das Verhalten anlässlich des Jahrestages des Überfalls des faschistischen Deutschlands auf die Sowjetunion sein, das am 22. Juni 1941.

2.

All das entspricht den Tagesbedürfnissen ihrer Politik. Andererseits entspricht es dem Denken, das bereits im Mai 1945 zu dem von Winston Churchill in Auftrag gegebenen Plan für die „Operation Unthinkable“ führte. Dieser sah vor, einen Krieg gegen die Sowjetunion zu beginnen, noch bevor der Zweite Weltkrieg gegen die Faschisten richtig beendet war. Man ging davon aus, die geschwächte Sowjetunion in einer Art Blitzkrieg auszuschalten. Die Planer setzten darauf, ähnlich wie im Plan Barbarossa, die sowjetischen Streitkräfte nahe der russischen Grenze zu besiegen, um einen längeren Feldzug tief in das riesige Land zu vermeiden.

Die Ziele bestanden darin, die Sowjetunion aus den befreiten deutschen und österreichischen Gebieten zurückzudrängen, die osteuropäischen Staaten unter amerikanische und britische Kontrolle (siehe Griechenland) zu stellen und die Sowjetunion zu zerschlagen. Damit hätte man sowohl Deutschland als auch die UdSSR als Konkurrenten ausgeschaltet.

Zu einer Zeit als noch nicht mal alle Konzentrationslager befreit waren und kurz vor dem Abwurf der ersten US-amerikanischen Atombombe auf Japan,  plante Churchill schon, aus den Resten der  faschistischen Truppen eine deutsche Armee aufzubauen, die unter amerikanischer und britischer Hoheit gegen die UdSSR kämpfen sollte!

Die Politik der USA und Großbritanniens gegenüber der Sowjetunion war also einerseits durch die gemeinsamen Interessen im Kampf gegen den Faschismus bestimmt. Sie war aber ebenso durch die Fortsetzung  der antisowjetischen Winkelzüge der Westmächte charakterisiert, die die Kanalisierung der faschistischen Aggression  gegen die Sowjetunion verfolgten. Sie strebte die Lösung der imperialistischen Widersprüche  zwischen den Westmächten und den Staaten des faschistischen Blocks auf Kosten der Sowjetunion an. Das war für ihre „Münchner Politik“ und für die Eröffnung einer zweiten Front bestimmend. Wurde das faschistische Deutschland dadurch besiegt?

Die Strategie des Westmächte beschrieb im Jahre 1942 W. Churchill, führender Politiker dieser Generation, an den britischen Außenminister, dass es sein Hauptziel sei, Deutschland und die Sowjetunion aus dem Lager der bedeutenden Hauptmächte  auszuschalten. Weder die USA noch Großbritannien würden sich bei Kriegsende verausgabt haben. Vielmehr würden sie in „militärischer und politischer Hinsicht der mächtigste Block sein, den die Welt je gesehen hat“. (Was man ja 1949 mit der Gründung der NATO in Angriff nahm und nach der Niederlage des Sozialismus in Europa mit der „Erweiterung“ der NATO und der EU fortsetzte.)

Ihre aktive Beteiligung am aktiven Kampf gegen den Faschismus erfolgte also nicht aus eigenem Antrieb. Sie war Folge der durch den Einsatz und die Erfolge der Sowjetunion geschaffenen Kräfteverhältnisse. Das hat damals selbst der während des zweiten Weltkrieges höchstdekorierte General der USA, Douglas Mac Arthur, anerkannt und gewürdigt, als er über das Ergebnis der Wende bei Stalingrad und über die nachfolgenden Ereignisse schrieb: „Alle Hoffnungen der Zivilisation richten sich auf die ehrwürdigen Banner der tapferen russischen Armee. Noch niemals hat es eine solche effektive Abwehr gegen schwerste Schläge eines unbesiegbar scheinenden Feindes und danach einen derartigen vernichtenden Schlag gegeben, der den Gegner in das eigene Land zurücktrieb. Ihrem Ausmaß und ihrer Größe nach ist dies eine der größten Errungenschaften der Geschichte“.

Auch der USA-Spitzendiplomat und Historiker G.F. Kennan schrieb, dass seit 1941 die Stimmung vorherrschend war, dass „der Ausgang des Krieges vollkommen von der Bereitschaft und Fähigkeit Russlands abhängt, dem deutschen Angriff zu widerstehen“.

Das bedeutete nicht, dass sie die imperialistischen Ziele des Staates, denen sie dienten, aufgegeben hätten. Der Antikommunismus und die „russische Weite“ blieben bestimmend für ihre künftigen Handlungen, die sich weitgehend mit denen deckten, die zum Überfall auf die Sowjetunion führten. Das wurde auch in den Handlungen von General Douglas Mac Arthur im Krieg gegen das koreanische Volk sichtbar.

3.

Die schon kurz nach 1945 praktizierte politische Ablehnung und Bekämpfung der Sowjetunion wird heute zu einem massiven Russlandhass gesteigert und führt zum Geschichtsrevisionismus, um Haltungen und Handlungen vor der eigenen Bevölkerung und der internationalen Öffentlichkeit rechtfertigen zu können.

Das bestimmte sowohl die Regierungspolitik als auch das geistig-kulturelle Leben in den USA, aber ebenso in der BRD.

Der KSZE-Prozess hat aber gezeigt, dass Vereinbarungen und sogar Zusammenarbeit auf der Grundlage der Gleichberechtigung und zum gegenseitigen Vorteil möglich sind. Er war ein Beweis dafür, dass Frieden, Sicherheit und Zusammenarbeit durch kooperatives Verhältnis zur und mit der Sowjetunion/Russland möglich und notwendig sind.

Erst die nach der Niederlage des Sozialismus in Europa und der Zerschlagung der UdSSR erfolgte Ausweitung der EU und der NATO bis unmittelbar an die russische Grenze hat die Unsicherheit nach Europa zurück gebracht. Die Strategie und Politik der „Zeitenwende“ wird zunehmend von dieser ideologischen Richtung geprägt.

Innenpolitisch werden zunehmend repressive Gesetze des Staates verabschiedet, um die Durchsetzung dieser Richtung zu gewährleisten.

Außenpolitisch findet das seinen Niederschlag in konzeptionellen Überlegungen, die sich von der Idee der kollektiven Sicherheit verabschiedet haben und den Standpunkt vertreten, dass der mit „Zeitenwende“ charakterisierte „Übergang von der kooperativ-integrativen Ordnung zur neuen konfrontativen Ordnung gegen und in Abgrenzung von Russland … eine dauerhafte  Veränderung (bedeutet)“, so Christian Mölling, (Stiftung für Wissenschaft und Politik, German Marshall Fund Berlin, stellv. Direktor des Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik)   in seinem kürzlich erschienen Buch „Fragile Sicherheit“.

Für die außenpolitische Strategie der BRD bestehe das zentrale Element der neuen Ordnung in Europa darin, „dass Krieg und Frieden nicht mehr die wesentlichen Kennzeichen sind, sondern der Konflikt“. Eine Konfliktordnung in Europa bedeute daher, „dass die Abgrenzung von Russland nicht friedlich sein wird, aber nicht unbedingt in Form eines traditionellen Krieges“.

Das ist eine eindeutige Absage für eine Friedensordnung zugunsten einer „konfrontativen Ordnung“ in Europa. In dieser müssen sich die Europäer darauf einstellen, so Christian Mölling. „dass sie sich in einer dauerhaften Auseinandersetzung befinden werden, sei es mit Russland oder China. Dieser Konflikt wird sich mal intensivieren und mal abschwächen“.

Um die Zeitenwende „langfristig zu verankern“, sei ein Mentalitätswandel notwendig. Deutschland müsse anerkennen, „dass militärische Machtpolitik zurück ist in Europa“.

4.

Insgesamt sind wir offensichtlich am Beginn radikaler Veränderungen in der Außen- und Sicherheitspolitik. Dazu bedarf es wiederum eines weitreichenden politischen Umdenkens – in Strategie und Politik, aber auch in der Bevölkerung.

Eine auf „militärischer Machtpolitik“ beruhende Außen- und Sicherheitspolitik ist etwas qualitativ Anderes als „kollektive Sicherheit“. Sie ist das Gegenteil! Und deshalb braucht man die Zustimmung zumindest eines Teils der Bevölkerung. Dazu müssen aber Wahrnehmungen, Vorstellungen und sogar die Gefühle der Menschen verändert werden.

„Militärische Machtpolitik“ ist gegen einen Feind gerichtet. Man braucht einen Feind. Auf der Grundlage wahrhaftiger Betrachtung der deutschen und europäischen Geschichte und der Lehren, die von progressiven Kräften daraus gezogen wurden, ist das aber nicht zu erreichen! Deshalb muss die Revision der Geschichtsbetrachtung her, wie sie uns anlässlich des Jahrestages der Befreiung vorgeführt wurde.

Prof. Dr. Anton Latzo ist Historiker und Mitglied des Beirats des Deutschen Freidenker-Verbandes


Bild oben: Halle des Ruhms in der Gedenkstätte auf dem Mamajew-Hügel in Wolgograd.jpg
Foto: Wladimir Besperstow, CC BY-SA 4.0
Quelle: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=122831844