Erich Wernig: Karl Marx

Aus: „FREIDENKER“ Nr. 1-2018, März 2018, S. 23-25, 77. Jahrgang

Dieser Beitrag erschien zuerst im FREIDENKER 2-1983 (42. Jahrgang)
Titelbild des FREIDENKER, Heft 2-1983

Der Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus wurde am 5. Mai 1818 in Trier geboren und starb am 14. März 1883 in London. Der 165. Geburtstag und der 100. Todestag im Jahre 1983 waren Anlaß, und das wird mit dem Jahre 1983 nicht zu Ende sein, das Werk von Karl Marx zu würdigen. Über Karl Marx und den Marxismus zu schreiben, bedeutet, über das Heute und Morgen unter Auswertung und Verallgemeinerung aller Erfahrungen der Arbeiterbewegung zu schreiben.

Als der Ostermarsch 1983 Rheinland den Neumarkt in Köln erreichte, fiel mir ein Transparent einer Gruppe der DGB-Jugend besonders auf:

Proletarier aller Länder – beeilt euch!

Prägnanter konnte die aktuelle Bedeutung des Marxismus kaum zum Ausdruck gebracht werden. In dieser Abwandlung des letzten Satzes aus dem Manifest ist der Zusammenhang zwischen Rüstungswahnsinn, Profit und der Rolle der Arbeiterklasse in der Geschichte im Ringen um den Frieden in einer großartigen Friedensdemonstration deutlich gemacht worden.

Konfrontieren wir dieses Beispiel mit einem anderen. Papst Johannes Paul II. erlebte in Nicaragua zum ersten Male Massenprotest aus den eignen Reihen, als er gegen die Volkspriester polemisierte. Ungerührt von diesen Erfahrungen betete der Papst am 25. März 1983 bei der Eröffnung des „Heiligen Jahres” für die „Erlösung” der heutigen Welt. Ungerührt führt er die Tag für Tag wachsenden Spannungen darauf zurück, daß „…sie der Sünde mehr und mehr Raum gibt.” Sie – das ist hier die heutige Welt. Aus der Sünde werden dann die wachsenden Bedrohungen und Gefahren abgeleitet.

Einer der Kernsätze der Religionskritik von Marx lautet: „Der Kampf gegen die Religion ist also unmittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist.” Weiter heißt es:

„Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glückes des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glückes. Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusion bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist… Die Kritik der Religion enttäuscht den Menschen, damit er denke, handle, die Wirklichkeit gestalte…“

Die Ostermarschierer 1983 dachten und handelten, um die Wirklichkeit zu gestalten.

Das Transparent der DGB-Jugendlichen in Köln stellte mit dem „Beeilt Euch” die für unsere Zukunft entscheidende Aufgabe, Frieden, Abrüstung und Verständigung gegen die Herrschenden und ihre Ideologien durchzusetzen, anstatt weitere neue Massenvernichtungsmittel in der Bundesrepublik zu stationieren. Hier wurde nicht über Erlösung der heutigen Welt von der Sünde als der zentralen Ursache von Spannungen und Gefahren lamentiert – hier wurde gehandelt. In diesen gemeinsamen Aktionen – unter maßgeblicher Beteiligung auch von Gläubigen – werden Zustände geändert, die der Illusion und eines Heiligenscheines bedürfen.

„Die Beziehung zu Marx ist der wirkliche Prüfstein für jeden Intellektuellen, der die Klärung seiner eigenen Weltanschauung, die gesellschaftliche Entwicklung, insbesondere die gegenwärtige Lage, seine eigene Stellung in ihr und seine Stellungnahme zu ihr ernst nimmt. Der Ernst, die Gründlichkeit und die Vertiefung, die er dieser Frage widmet, geben den Maßstab dafür ab, ob und wieweit er einer klaren Stellungnahme zu den welthistorischen Kämpfen der Gegenwart – bewußt oder unbewußt – ausweichen will.“

(Georg Lukács)

Die mit der Monotonie buddhistischer Betmühlen vorgetragenen Klischees der Strategen des Rüstungswahnsinns werden – nicht im Selbstlauf – wie Seifenblasen platzen. Die antikommunistischen, antisozialistischen und antihumanen Thesen von „Bedrohung” werden im gemeinsamen Ringen auf ihren Kern zurückgeführt werden.

Ohne Karl Marx werden die Arbeiter – die sich beeilen müssen – ihre Rolle in der Friedensbewegung nicht überzeugend spielen können. Den Profit als letzte und entscheidende Ursache deutlich zu machen, die Strukturen des multinational strukturierten Monopolkapitals durchsichtig zu machen, die Mechanismen zu erklären, warum das Kapital die Menschheit periodisch immer wieder vor Krisen und Kriege stellt, im Ringen um den Frieden zugleich um die friedliche und humane Gestaltung der Zukunft der Menschheit zu ringen – das ist letztlich ohne Karl Marx nicht möglich. Gegen ihn ist der Marsch in die Irre nur ein Geschenk des Himmels für die Verantwortlichen des Rüstungswahnsinns.

„Der neue Materialismus konnte aber nicht einfach die Lehren der französischen Materialisten des ausgehenden 18. Jahrhunderts wiederholen. Der Materialismus, bereichert durch die Errungenschaften des Idealismus, erlebte eine Auferstehung. Die wichtigste dieser Errungenschaften war die dialektische Methode, die Betrachtung der Erscheinungen in ihrem Entstehen und Vergehen. Der geniale Vertreter dieser neuen Richtung war Karl Marx.“

(G. W. Plechanow)

In dem vor uns liegenden Abschnitt der Entwicklung werden sich die weltanschaulich-ideologischen Auseinandersetzungen steigern und zuspitzen. Ob wir wollen oder nicht, ob wir es bewußt wahrnehmen oder versuchen, es zu verdrängen, an Karl Marx, Friedrich Engels und Lenin wird kein Weg vorbeiführen. Das jämmerliche Niveau, auf dem sich hierzulande bürgerliches „Marx-Gedenken“ darstellte, vermittelt eine Ahnung davon, was auf uns zukommen wird. Natürlich werden mit Zitaten allein keine Fragen beantwortet oder Probleme gelöst. Aber die Ursachen von Arbeitslosigkeit, sozialer Reaktion, Zukunftsangst, Rüstungswahnsinn, Bedrohung der Menschheit müssen wissenschaftlich verdeutlicht werden. Das geht nur mit Hilfe der materialistisch-dialektischen Philosophie, der marxistischen Ökonomie und der Lehre von der welthistorischen Rolle der Arbeiterklasse. Klassenbewußtsein zu vermitteln heißt dabei, unsere Welt, in der wir leben, durchsichtig, begreifbar und damit veränderbar zu machen. Dabei ist der Marxismus, die Lehre von Karl Marx, eine Waffe, die immer besser eingesetzt werden muß.

Im März 1913 schrieb Lenin über Marx: „Die Lehre von Karl Marx ist allmächtig, weil sie richtig ist. Sie ist in sich abgeschlossen und harmonisch, sie gibt den Menschen eine einheitliche Weltanschauung, die sich mit keinerlei Aberglauben, keinerlei Verteidigung bürgerlicher Knechtung vereinbaren läßt. Sie ist die rechtmäßige Erbin des Besten, was die Menschheit im 19. Jahrhundert in Gestalt der deutschen Philosophie, der englischen politischen Ökonomie und des französischen Sozialismus geschaffen hat.“

Dieser Ausspruch Lenins ist dieses Jahr 70 Jahre alt geworden. Wer in Zukunft einen fe­sten wissenschaftlichen Standpunkt zu allen Fragen unserer Zeit einnehmen will, muß Marx, Engels und Lenin studieren und anwenden lernen. Wer nicht nur beten will, wer nicht in allgemeinen, moralisch-abstrakten Kategorien über die Ungerechtigkeit der Welt jammern will, wer Erklärungen statt Heiligenschein sucht, wer die zentralen Fragen unserer Zeit wissenschaftlich lösen will, wer dem ungeheuren Manipulationsapparat der Welt des Monopol- und Rüstungskapitals widerstehen will – der muß Marx, Engels und Lenin studieren!

Studieren und anwenden – nicht auswendig lernen in der bornierten Annahme, daß ein in Holzkästchen handlich aufgeteilter Marxismus zum Zitieren irgendetwas ändern würde.

Die jungen Gewerkschaftler in Köln haben den letzten Satz des Kommunistischen Mani-fests abgewandelt und damit auf unsere Zeit an­gewandt. Dieser Satz ist auf dem Grabstein von Karl Marx in London eingemeißelt. Der zweite Satz, der dort eingemeißelt wurde, ist die 11. These über Ludwig Feuerbach:

„Die Philosophen haben die Welt nur ver­schieden interpretiert. Es kommt darauf an, sie zu verändern.“

Wir sozialistischen Freidenker sind mit aufgerufen, unsere Arbeit auf das notwendige wissenschaftliche Niveau zu heben. So, nur so werden wir Marx’ gedenken können.

Erich Wernig, geboren am 19. Februar 1927, war Buchhalter und Publizist. Er lebte seit den 1950er Jahren im Kreis Offenbach am Main und zog Mitte der 1960er Jahre nach Köln. Erich wurde 1966 zum stellvertretenden Vorsitzenden des Deutschen Freidenker-Verbandes der BRD gewählt, zunächst unter dem Vorsitzenden Anton Bruckmann, Gewerkschaftsekretär aus Duisburg, dem 1969 Hubert Freistühler, Buchhändler aus Schwerte (Ruhr) nachfolgte.

Beim Verbandstag am 28./29. Oktober 1972 wurde Erich Wernig erstmals zum Bundesvorsitzenden gewählt, diese Funktion übte er bis zum Verbandstag am 01./02. Juni 1988 (Bild) aus.

Bei diesem Verbandstag vor 30 Jahren in Lingenfeld (Pfalz) wurde Klaus Hartmann zu seinem Nachfolger gewählt, Erich Wernig verstarb wenige Monate später am 05. September 1988.

Im Juni 1991 folgte beim Verbandstag in Braunschweig die Vereinigung der Freidenkerverbände der BRD und der DDR.

Foto aus FREIDENKER 3-1988. Bildunterschrift: “Erich Wernig und Klaus Hartmann, der alte und der neue Vorsitzende des Verbandes“

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