Strategien der Wissenschaftszerstörung

Die ideologische Krisenbewältigung der poststrukturalistischen Soziologie führt in den Irrationalismus. An die Stelle des vernünftigen Begreifens und Veränderns der Welt treten hochtrabende Phrasen.

Von Werner Seppmann

Auch wenn konkrete Vorstellungen über gesellschaftliche Alternativen weitgehend verlorengegangen sind, ist eine Ahnung über die Notwendigkeit einer anderen Gesellschaft dennoch weit verbreitet. Obwohl der krisengeschüttelte Kapitalismus noch in der Lage ist, den Eindruck seiner Alternativlosigkeit zu vermitteln, haben die Weltwirtschaftskrise und der drohende Zusammenbruch des Finanzsystems die Skepzis über seine Zukunftsfähigkeit weiter verstärkt. Nach einer Emnid-Umfrage im Sommer 2010 wünschte sich eine deutliche Mehrheit der BRD-Bevölkerung eine »neue Wirtschaftsordnung«: Erstaunliche 88 Prozent der Befragten fanden, daß »das derzeitige System … weder den ›Schutz der Umwelt‹, noch den ›sorgsamen Umgang mit den Ressourcen‹ oder den ›sozialen Ausgleich in der Gesellschaft‹ genügend« berücksichtige (Die Zeit, Nr. 34/2010, S. 21).

Solch manifester Zweifel ist nicht nur als Reaktion auf Verarmungstendenzen vor allem in der unteren Hälfte der Bevölkerungspyramide zu begreifen, sondern ebenfalls Ausdruck einer zunehmenden Verunsicherung, die auch in einer vor kurzem noch gutsituierten gesellschaftlichen »Mitte« um sich greift: Viele, die sich noch vor 10 Jahren in »gesicherten Verhältnissen« wähnten, müssen erfahren, daß ihr Leben einer Vielzahl kaum mehr überschaubarer Risiken ausgesetzt ist. Die von einer »bürgerlichen Mitte« getragenen Proteste gegen das Stuttgarter Bahnhofs­projekt sind auch als Reaktion auf verbreitete Abstiegsängste zu begreifen.

Aber noch bleibt das Widerspruchsbegehren diffus und widersprüchlich: Trotz aller Kapitalismusskepsis sind die Positionen eines profilierten Antikapitalismus die Ausnahme. Zwar gibt es innerhalb einer jüngeren Generation eine Hinwendung zu Fragen nach den ökonomischen Konstitutionsbedingungen einer Gesellschaft der Krisen und sozialen Erosion, aber gleichzeitig verhindert ein Netz desorientierender Weltanschauungsmuster die Radikalisierung der Widerspruchshaltungen. Deren Besonderheit besteht darin, an bedrängende Widerspruchserfahrungen anzuknüpfen, aber nur zu dem Zweck, sie durch eine »Einsicht« in die Unveränderbarkeit bestehender Verhältnisse zu neutralisieren.

Das ist beispielsweise bei den intellektuellen Konkursverwaltern einer vormals Kritischen Theorie der Fall, die auf der Basis systemtheoretischer Überzeugungsformeln postuliert, daß »hochdifferenzierte Gesellschaften aus Effektivitätsgründen darauf angewiesen sind, daß ihre Mitglieder einen strategischen Umgang mit sich selbst und anderen erlernen« müßten (Honneth 2005, S.28) – was ja nichts anderes bedeutet, als daß keine Alternative zu den alltagspraktischen Zwängen einer Selbst- und Fremdinstrumentalisierung existiert, Entfremdung und (Selbst-)Verdinglichung fraglos hinzunehmen wären. Eine repressive Versöhnung mit den herrschenden Widerspruchsverhältnissen ist auch der weltanschauliche Effekt einer Foucaultschen »Machttheorie«, die an allgegenwärtige Bedrängungserfahrungen und daraus resultierenden Widerspruchbedürfnissen anschließt, aber nur, um sie durch die Vorstellung zu narkotisieren, daß Macht und (Selbst-)Unterdrückung zu einer unaufhebbaren Begleiterscheinung menschlicher Existenz gehören: Die »Macht«-Vorstellung verliert sich in einem Nebel unidentifizierbarer Beziehungsgeflechte, weil sie »ihnen immanent« (Foucault 1983, S.115) sei.

Kritische Artikulationsbedürfnisse werden durch solche ideologischen Überlagerungen zu einem weltanschaulichen Fatalismus transformiert, mit denen die Herrschenden gut leben können, weil ihnen die Veränderungsresistenz »ihrer« gesellschaftlichen Verhältnisse »bestätigt« wird.

Renaissance kritischen Denkens?

Das muß aber nicht so bleiben! Davon sind nicht nur notorische Kapitalismuskritiker überzeugt, die zugestandenermaßen vielleicht manchmal zu voreilig das Gras widerständiger Haltungen wachsen hören. Auch innerhalb der bürgerlichen Apparate werden gegen eine mögliche Radikalisierung des Denkens Verteidigungsstellungen aufgebaut: So wird seit einigen Jahren von der Verwertungsgesellschaft Wort (die die Rechte von Autoren vertreten soll) den Marxistischen Blättern der wissenschaftliche Charakter abgesprochen. Vergleichbares hat es in der Bundesrepublik seit dem Versuch, im Rahmen des KPD-Verbotsverfahrens die Marxismus-Beschäftigung zu kriminalisieren, in offener Form nicht mehr gegeben. Auch gibt es die üblichen akademischen Versuche, zum wiederholten Male den Marxismus zu widerlegen. Von besonderer »Qualität« intellektueller Anpassungsbereitschaft an die ideologischen Bedürfnisse der herrschenden Klasse ist jedoch eine gegenmarxistische Offensive, deren Wortführer sich hinter der Fahne einer »Poststrukturalistischen Soziologie«, bzw. einer »Dekonstruktivistischen Sozialanalyse« versammeln. Ihre gemeinsame Basis ist ein triefender Antimarxismus, wie es ihn seit der antikommunistischen Hetze zur Zeit des Kalten Krieges nicht mehr gegeben hat.

Dem schon hundertfach totgesagten Marxismus könnte es zur Genugtuung gereichen, einer solch konzentrierten Aufmerksamkeit für würdig erachtet zu werden, wenn als Kollateralschaden dieser Aktivität nicht gleichzeitig theoretische Vernunft und wissenschaftliche Rationalität auf der Strecke blieben, also der Versuch einer »Marxismusentsorgung« nicht gleichzeitig als Wissenschaftszerstörung betrieben würde. Diese Konsequenz stellt sich jedoch zwangsläufig ein, weil zur Verschleierung der Erosionsformen einer spätimperialistischen Welt die theoretische Destruktionsarbeit »fundamental« angelegt sein muß. Denn durch bloßes Schönreden ist ihr wenig schmeichelhaftes Bild nicht aus der Welt zu schaffen: Um von den aggressionsgeprägten und sozial morbiden Gesellschaftszuständen abzulenken, muß die Plausibilität der Bilder und Wahrnehmungsformen prinzipiell in Frage gestellt und behauptet werden, daß jegliches Bemühen, gesellschaftliche Verhältnisse zu erkennen, hinfällig geworden sei.

Dekonstruktion als Destruktion

Wenn es keine verläßliche Weltvergewisserung gibt, ist automatisch nicht nur jeder den Ursachen auf den Grund gehenden Beschäftigung mit den gesellschaftlichen Widerspruchsformen, sondern auch jeder progressiven Veränderungsperspektive (für die eine Einsicht in die gesellschaftlichen Zusammenhänge von fundamentaler Bedeutung ist) der Boden entzogen. Ausdrücklich geht es darum, die Verbindlichkeit (d.h. die Möglichkeit intersubjektiver Vermittelbarkeit) »grundlegender Analysekategorien wie ›Klasse‹, ›Ideologie‹, ›Bewußtsein‹ oder ›Geschichte‹« (Horn 2008, S.366) in Frage zu stellen. Die Denkmittel, die zur Erfassung krisen- und klassengeprägter Sozialverhältnisse unerläßlich sind, sollen diskreditiert und unschädlich gemacht werden.

Wenn das gelingen soll, müssen die theoretischen Grundlagen eines realistischen Gesellschaftsverständnisses »entsorgt« werden. Nicht nur zwischen den Zeilen wird gesagt, daß es dabei vorrangig um die Delegitimierung des Marxismus geht: Es wird die Hoffnung zum Ausdruck gebracht, daß es mit der Eliminierung seines theoretischen Fundaments gelingen wird, »die mit dem Klassenbegriff verbundenen substantiellen Annahmen über Gesellschaftsordnungen hinter sich zu lassen.« (Saar 2008, S.199)

An der Umsetzung dieses Vorhabens beteiligt sich eine ganze Phalanx von Theorien und Philosophien, die unterschiedliche Namen führen (neben dem erwähnten Poststrukturalismus und Dekonstruktivismus auch Postmodernismus, Konstruktivismus, Genealogie und Diskursanalyse), die jedoch über eine große Schnittmenge gemeinsamer Überzeugungen verfügen. Ihr einigendes Band ist die beschriebene Auffassung eines irreversiblen Verlustes eines objektivierbaren Realitätsbezuges.

Subjektivistische Selbstgefälligkeit

Es wird bei der »Konstruktion« der Argumentationsmuster arbeitsteilig vorgegangen. Auf einer »grundsätzlichen« Ebene wird behauptet, daß es keinerlei Verbindung zwischen Sprache und einer wie auch immer gearteten Realität gäbe. Es würde kein Jenseits des »Textes« existieren, denn alle möglichen Artikulationsformen stellten nur einen inneren Verweisungszusammenhang dar, der nicht »durchbrochen« werden kann: »Sinn und Bedeutung als Merkmale von Zeichen [ergeben sich nur] durch die differentiellen Beziehungen zu anderen Zeichen.« (Moebius/Reckwitz 2008, S.11) Der prominenteste Stichwortgeber für diese Position ist der französische Philosoph Jacques Derrida: Den »Signifikanten« (der Textaussage oder dem Begriff), so dekreditiert er in der Tradition eines philosophischen Strukturalismus, ist kein »Signifikat« (kein objektiver Bezugspunkt) zugeordnet: Text und Sprache sind nach dem Prinzip reiner Selbstbezüglichkeit organisiert.

Ergänzt wird solch radikaler Erkenntnisnihilismus in den poststrukturalistischen Diskursen – gewissermaßen nach dem Motto »sicher ist sicher« – durch die Behauptung, »daß die Einheit der Gesellschaft undarstellbar und unerreichbar bleibt« (Bonacker 2008, S.37). Als »Alternative« sollen »nachmechanistische Denkweisen« (Moebius/Reckwitz 2008, S.20) gelten, die sicherstellen sollen, daß die klassengesellschaftlichen Sachverhalte sich »in der Sprache und den Diskursen« (Horn 2008, S.366) nicht mehr ausdrücken lassen. Letztlich geht es darum, bei der Thematisierung sich aufdrängender sozialer Widersprüche, die Frage nach den ökonomischen Vermittlungen und dem Einfluß der Klassenstrukturierung vermeiden zu können.

Um dieses Programm der Realitätsverleugnung zu realisieren, werden sowohl die Existenz sozialer Strukturierungsprinzipien als auch die Wirkungsweise von Abhängigkeits- und Bedingungsverhältnissen in Frage gestellt. Gemessen an den intellektuellen Absichten durchaus folgerichtig, wird »die Ökonomie als das zu überwindende Andere poststrukturalistischer Sozialtheorie« (Stäheli 2008, S.298) behandelt und so »bearbeitet« und transformiert, daß das »Ökonomische seines objektiven, immer schon gegebenen Charakters entledigt« wird (ebd., S.298). Damit soll vermieden werden, daß »die Ökonomie [weiterhin] als Wesenskern und Motor gesellschaftlicher Strukturierung und Dynamiken« (ebd., S.298) begriffen werden kann. Faktisch soll also verhindert werden, den Verwertungsdrang des Kapitals als Ursache sozialer und ökologischer Katastrophenentwicklung identifizieren zu können.

Es wird die Hoffnung geäußert, nach geleisteter Dekonstruktionsarbeit wäre es dann auch möglich, der »häufig voreilige[n] Rede von einer Ökonomisierung des Sozialen eine entscheidende Wendung zu geben«, die darin bestehen soll, zu erkennen, daß nicht »die ganze Gesellschaft aufgrund eines ökonomischen Kalküls regiert wird« (ebd., S.304).

Diese Feststellung ist ebenso richtig wie banal, jedoch poststrukturalistisch instrumentalisiert dazu geeignet, von den tatsächlichen Einflußrelationen abzulenken. Unter der Hand wird die richtige Beobachtung, daß es dem ökonomischen Verwertungskalkül nicht gelingt, in alle sozialen Nischen einzudringen, so gehandhabt, daß damit eine prägende Bedeutung des Ökonomischen grundsätzlich in Frage gestellt ist. Fern jeder Sachlogik wird assoziiert, daß, wenn die Gesellschaft nicht ausnahmslos ökonomisch geprägt ist, von keinerlei fundierender Bedeutung ökonomischer Strukturen mehr ausgegangen werden kann. Der Zweck solcher Geistesakrobatik ist nur allzu offensichtlich: Abgelenkt werden soll von der Realität der Kapitaldominanz und der die bürgerlichen Verhältnisse konstituierende Existenz von Ausbeutungsverhältnissen als des verborgenen Kerns bürgerlicher Ökonomie.

Solche Versuche zur sozialtheoretischen Selbstdemontage sind keineswegs neu, aber selten wurden sie mit dieser Deutlichkeit artikuliert.

Rausch und Exzeß

Plausibilität wird den eigenen theoretischen Grundsätzen durch die verzerrende Darstellung der (marxistischen) Gegenposition zu verschaffen versucht. Ebenso, wie ihr eine deterministische und ökonomistische Grundtendenz zugeschrieben wird, wird ihr ein Verständnis der Gesellschaft als »eine stabile, geschlossene Einheit« (Moebius/Reckwitz 2008, S.31) unterstellt. Dieser Vorwurf grenzt jedoch an eine Absurditätsinszenierung, denn der diskriminierte marxistische Totalitätsbegriff geht zwar von einer inneren Selbstbezüglichkeit des Gesellschaftlichen (der diversen »Subtotalitäten« und sozialen Beziehungskomplexe) aus, nicht aber von deren »Geschlossenheit« und noch weniger von einer konstitutiven »Stabilität« der gesellschaftlichen Verhältnisse. Das Gegenteil ist der Fall: Nehmen wir die Explikation der Gesellschaft als Totalität in den Ökonomie-Studien von Marx zum Maßstab, erscheint sie als instabiles, sich aus disparaten Elementen konstituierendes Beziehungsgeflecht, dessen »Geheimnis« gerade in ihrer Fähigkeit besteht, sich trotz einer anarchischen Grundtendenz und einer Vielzahl auseinander strebender Elemente immer wieder zu restabilisieren.

Wenn die dekonstruktivistische Offensive gegen ein realistisches Sozialverständnis jedoch gelingen soll, darf es keine Hemmschwellen geben, denn die normative Verabsolutierung der Prinzipien »der Unordnung oder des irreduziblen Durcheinanders« (Derrida 1997, S43) (im Gegensatz zur Vorstellung der Gesellschaft als eines widersprüchlich strukturierten Ganzen) erfordert es, sich großzügig in der Rumpelkammer des philosophischen Irrationalismus zu bedienen: Um von den »harten Fakten« klassengesellschaftlicher Strukturierung abzulenken, wird eine Konzentration auf »zusammenbrechende Sinnstrukturen und Un-Heimlichkeiten« (Stäheli 2000, S.7) empfohlen und spiegelbildlich zu der Irrationalisierung der kapitalistischen Vergesellschaftungsprozesse (um sie ideologisch zu entlasten) jegliche Unterscheidung zwischen Normalem und Pathologischem in Frage gestellt. Im Windschatten dieser Zerstörung theoretischer Vernunft werden dann auch noch das Vor- und Gegenrationale als erstrebenswerte Bezugsgrößen deklariert. Gesprochen wird von der Notwendigkeit einer »Hinwendung zum Paradoxen, Paralogischen« (Hasan 1994, S.49), zum »absoluten Exzeß, [zu] Rausch und Ekstase« (Stäheli 2000, S.32).

Daß solche Positionierungen auch innerhalb marxistischer Diskussionen als erwägenswerte Beiträge intellektueller Selbstverständigung angesehen werden und die Lobredner des theoretischen Irrationalismus als mögliche »Bündnispartner« gelten sollen, ist ein bedenkliches Beispiel dafür, wie weit die weltanschauliche Wehrlosigkeit mittlerweile gediehen ist.

Verleugnete Objektivität

Um den Marxismus als Inbegriff einer realitätsbezogenen und konkret-machtkritischen Betrachtungsweise der sozialen Verhältnisse »bewältigen« zu können, dominiert die Bereitschaft, das gesellschaftswissenschaftliche Fundament gänzlich zu zerstören: Es sollen alle intellektuellen Denkzeuge »dekonstruiert« werden, die notwendig sind, um die Ursachen sozialer und zivilisatorischer Selbstauflösung benennen zu können. Eine Schlüsselrolle kommt dabei dem Kontingenz-Begriff zu. Er fungiert quasi als Zauberwort, mit dem die soziale Realität (konkret ihre klassengesellschaftlichen Determinanten) theoretisch zum Verschwinden gebracht werden sollen, um sicherzustellen, daß »der Rekurs auf fundamentale soziale Ungleichheiten entlang der Linie von Besitz und gesellschaftlicher Position theoretisch allenfalls [nur noch] eine nachrangige Bedeutung« (Saar 2008, S.194) haben kann. »Kontingenz« meint hier, daß keine objektiven Strukturierungsprinzipien (und natürlich keine antagonistischen Klassen!) identifizierbar wären, sondern soziale Sachverhalte als ungestaltet und ambivalent begriffen werden müssen. Primär als von Zufälligkeiten und abrupten Wendungen geprägt, sei Gesellschaft »in ihrer Ereignishaftigkeit ohne Dauer … sie verschwindet, indem sie entsteht« (Opitz 2008, S.179).

Der argumentationsstrategische Trick, um »Kontingenz« und eine entgrenzte »Dynamik« verabsolutieren und dann auf dieser Grundlage auch soziale Objektivität negieren zu können, ist das Herausreißen einzelner Momente der realen Prozesse, so daß die Zusammenhänge gar nicht mehr in den Blick gelangen. So wird die »Dynamik« (und auch die »Vergänglichkeit«) des Sozialen den angeblich »eindeutigen Strukturen« gegenübergestellt. Doch im Kontrast zu einer solchen Karikatur werden im historisch-materialistischen Denken Statik und Dynamik nicht als Gegensätze begriffen, sondern in ihrem unaufhebbaren Wechselverhältnis zueinander thematisiert. Gesellschaft existiert gerade durch des Zusammenspiel des scheinbar Disparaten: »Gesellschaft ist widerspruchsvoll und doch bestimmbar, rational und irrational in eins, System und brüchig, blinde Natur und durch Bewußtsein vermittelt.« (Adorno 1972, S.548)

Eleganter Unsinn

Der (Schein-)Begründung der poststrukturalistischen Weltsicht liegt ein bedenkenloser Umgang mit Theoremen zugrunde, die gänzlich anderen »Bereichlogiken« entstammen. Die dekonstruktivistischen Weltanschauungen abstrahieren von ihren realen Konstruktionsprinzipien, bzw. verlassen sich auf die assoziative Kraft von Bildern von Bewegung und Disparität, Zusammenhanglosigkeit und »Eigensinn«, die sie umstandslos zur Vorstellung einer Auflösung und »konstitutive[n] Instabilität der gesellschaftlichen Strukturen« (Gertenbach 2008, S.220) in Beziehung setzen. Entnommen werden diese Bilder mit großer intellektueller Unbedarftheit aus so unterschiedlichen Wissenschaften wie Mathematik, Physik, der Biologie oder der Chaostheorie. Ihr Abstraktionsgrad und ihre theoretische Bedeutung innerhalb des ursprünglichen Bezugs- und Begründungsfeldes werden systematisch ignoriert. Das ist jedoch die Voraussetzung dafür, sie so handhaben (also instrumentalisieren) zu können, als ob sie eine unmittelbare Evidenz für Gesellschaft und Geschichte besäßen.

Aber durch die Betonung nur eines Aspektes – beispielsweise die Diskontinuität oder den Widerspruch, das Ungeformte oder das Zufällige – wird der Zusammenhang als das die Gesellschaft konstituierende Prinzip verfehlt. Doch genau das ist beabsichtigt, denn es sollen jene gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten verborgen bleiben, die bestehender Macht zugrunde liegen. Den herrschaftskonformen Effekt solcher intellektueller Verschleierungsarbeit hat schon Marx im Juli 1868 in einem Brief an seinen Freund Kugelmann in Hannover beschrieben: »Mit der Einsicht in den Zusammenhang stürzt, vor dem praktischen Zusammensturz, aller theoretische Glauben in die permanente Notwendigkeit der bestehenden Zustände. Es ist also absolutes Interesse der herrschenden Klassen, die gedankenlose Konfusion zu verewigen. Und wozu anders werden die sykophantischen [verleumderischen] Schwätzer bezahlt, die keinen anderen wissenschaftlichen Trumpf auszuspielen wissen, als daß man in der politischen Ökonomie überhaupt nicht denken darf?«


Literatur

– Adorno, Theodor W.: Gesammelte Schriften, Bd. 8, Suhrkamp, Frankfurt/Main 1972

– Bonacker, Thorsten: Gesellschaft: Warum die Einheit der Gesellschaft aufgehoben wird, in: Moebius/Reckwitz 2008

– Derrida, Jacques: Einige Statements und Binsenwahrheiten über Neologismen, New-Ismen, Post-Ismen, Parasitismen und andere kleine Seismen, Merve Verlag, Berlin 1997

– Foucault, Michel: Sexualität und Wahrheit. Erster Band: Der Wille zum Wissen, Suhrkamp, Frankfurt/Main 1983

– Gertenbach, Lars: Geschichte, Zeit und sozialer Wandel, in: Moebius/Reckwit 2008

– Hasan, Ihab: Postmoderne heute, in: Welsch 1994

– Honneth, Axel: Verdinglichung: Eine anerkennungstheoretische Studie, Suhrkamp, Frankfurt/Main 2005

– Horn, Eva: Literatur: Gibt es Gesellschaft im Text?, in: Moebius / Reckwitz 2008

– Moebius, Stephan / Reckwitz, Andreas: Einleitung, in: ­Moebius/Reckwitz 2008

– Moebius, Stephan / Reckwitz, Andreas (Hrsg.): Poststrukturalistische Soziologien, Suhrkamp, Frankfurt/Main 2008

– Opitz, Sven: Exklusion: Grenzgänge des Sozialen, in: ­Moebius/Reckwitz 2008

– Saar, Martin: Klasse/Ungleichheit: Von den Schichten der Einheit zu den Achsen der Differenz, in: Moebius/Reckwitz 2008

– Stäheli, Urs: Poststrukturalistische Soziologien, transcript Verlag, Bielefeld 2000

– Stäheli, Urs: Ökonomie. Die Grenzen des Ökonomischen, in: Moebius/Reckwitz 2008

– Welsch, Wolfgang: Wege aus der Moderne – Schlüsseltexte der Postmoderne-Diskussion, Akademieverlag, Berlin 1994


Dieser Artikel erschien in der Tageszeitung ‚junge Welt‘ am 04.11.2010.

Dr. Werner Seppmann ist Philosoph, Vorstandsmitglied der Marx-Engels-Stiftung und Mitglied des Beirats des Deutschen Freidenker-Verbandes.
Von ihm erscheint im Dezember 2010 im Berliner Kulturmaschinen-Verlag das Buch “Die verleugnete Klasse. Arbeiterinnen- und Arbeiterklasse heute”


Bild: https://pixabay.com/de/users/Comfreak-51581/ Jonny Lindner