Demokratie – Medien – Aufklärung

Zur Gleichsetzung von Juden, Zionismus und Israel

Aus: „FREIDENKER“ Nr. 4-23, Dezember 2023, S. 32-36, 82. Jahrgang

von Doris und George Pumphrey

Im Zuge einer sogenannten „Deutschen Staatsraison“-Doktrin ist es üblich geworden, antizionistische Proteste als „Antisemitismus“ zu diffamieren, selbst wenn es Juden sind, die protestieren. Deshalb ist die folgende Klarstellung immer wieder notwendig.

Antisemitismus ist seit geraumer Zeit einer der meist missbrauchten Begriffe der politi­schen Terminologie und gehört in die gleiche Kategorie wie „Menschenrechte“ und „Terroris­mus“ – Begriffe mit „dehnbaren“ Definitionen. Die Gleichsetzung von Israel, Zionismus und Juden und der daraus folgende Missbrauch des Begriffs „Antisemitismus“ spielt eine Schlüssel­rolle in der Einschüchterung der Kritik an israe­lischer und zionistischer Politik.

Die Auseinandersetzung mit dem Zionismus soll tabu sein, denn die Kritik am Zionismus rührt an die Mythologie des israelischen Staates. Wie es die israelische Historikerin Idith Zertal formu­lierte: „Unsere Fähigkeit, uns als ewiges Opfer zu betrachten, während wir Furchtbares tun – nach innen wie außen –, ist nur durch die Bei­behaltung eines unkritischen, irrationalen und mythologisierenden Narrativs möglich.“[1]

Diese Mythologie spielt auch eine erhebliche Rolle in der „Aufarbeitung“ (bundesrepublika­ni­scher Prägung) der faschistischen deutschen Geschichte. Ein Rütteln an dieser Mythologie, das schon fast mit der Leugnung des Juden­mords gleichgesetzt wird, ruft hierzulande Beiß­reflexe bzw. Weiterdenkverbote hervor. Die Folge ist die Verdrängung von Fakten und ein gepflegtes Unwissen.

Das betrifft im Besonderen das Verhältnis Juden/Zionismus. Von vielen wurde die zionisti­sche Propaganda der Gleichsetzung übernom­men: der jüdische Staat als Heimat aller Juden. Das Weiterdenkverbot hindert an der Wahr­nehmung der logischen Konsequenz: „juden­freie“ Länder und ein jüdisches Ghetto namens Israel.

Das völkische Prinzip charakterisiert nicht nur die Ideologie des deutschen Faschismus, son­dern auch des Zionismus. Die zionistische Ideo­logie hatte vor dem Faschismus nur wenige Anhänger unter den Juden. Nur wenige waren dem Ruf gefolgt, einen jüdischen Staat aufzu­bauen. Das änderte sich drastisch durch ihre Verfolgung im Faschismus. Zionisten, die sich gegen die Integrierung der Juden in Deutsch­land wandten und ihre Auswanderung und die Errichtung eines reinen „Judenstaates“ erstreb­ten, und Repräsentanten des „judenfreien“ Staates konnten in den ersten Jahren des Faschismus durchaus kollaborieren.

Für Moshe Zuckermann, den Leiter des Instituts für Deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv, lässt sich nicht abweisen, „dass der Zionismus sich nicht nur (in gewissem Maße) dem Antisemitismus ‚verdankte’, son­dern dass er ab einem bestimmten Zeitpunkt seiner geschichtlich angelaufenen Praxis und der mit dieser einhergehenden Ideologiearbeit seiner regelrecht bedurfte.“

Auch wenn sie antisemitische Ausschreitungen gegen Juden nicht herbeisehnten, käme den Zionisten „die Virulenz des Antisemitismus objektiv nicht ungelegen, bediente er ja ihr politisch-ideologisches Anliegen. Nicht um den brachialen Schaden diasporischer Juden ging es ihnen also, sondern um deren, durch die antise­mitische Praxis geförderte Bewusstseinsbil­dung, dass das jüdische diasporische Dasein keine Zukunft haben könne.“[2]

Das entsprach natürlich auch den Interessen der Rechten in der Nachkriegs-BRD, denen die Gründung eines jüdischen Staates sehr entge­genkam. Den alten Nazis und ihren Förderern, die in der Bundesrepublik wieder an den Schalt­hebeln der Macht saßen, kam der Aufschwung des Zionismus nach dem Genozid an den Juden durchaus gelegen. Das Eintreten für die Existenz Israels war eine bequeme Ablenkung vom kurz zuvor verübten Verbrechen – man war ja nun zum besten Verbündeten des „Judenstaates“ geworden. Der Staat war weit genug weg, auf dem Territorium eines Volkes, das keinerlei Ver­antwortung für den deutschen Faschismus trug. Die eigene Geschichte konnte bequem auf dem Rücken der Palästinenser und anderer Araber entsorgt werden.

Erschreckend ist allerdings die unreflektierte Unterstützung linker Kräfte für den zionisti­schen „Judenstaat“, der die Nichtintegration von Juden in ihren Heimatländern propagiert. Und dies trotz des Unrechts, das von seinen höchsten Repräsentanten offen verkündet wurde. So hatte bereits der erste israelische Ministerpräsident, Ben Gurion, stolz erklärt, warum Israel keine Verfassung haben kann: Es würde die Festlegung eigener Grenzen voraus­setzen. Die Grenzen aber „sind immer da, wo die Zahal (die israelische Armee) ankommt.“[3]

Oder anders gesagt: die territorialen Grenzen Israels werden vom Erfolg bestimmt, den die israelische Armee bei der ethnischen Säube­rung und der Aneignung fremder Territorien hat. Selbst die Methoden und das Ziel ver­schwieg er nicht: „Wir müssen Terror, gezielte Tötungen, Einschüchterung, Landbeschlagnah­mung und die Verweigerung jeglicher sozialer Dienste benutzen, um Galiläa von der arabi­schen Bevölkerung zu befreien.“[4]

Die ethnische Dominanz der Juden, nennt Daniel Cil Brecher das „zionistische Sine qua non Israels“ und er fragt: „Wie konnte ich als deutscher Jude ein solches völkisches Prinzip von Nation und Nationalität hinnehmen?“ Besonders ärgerte ihn dabei, „dass dies auch noch als Entschädigung für die Verfolgung von Juden in christlichen Ländern und als einzig denkbare Folgerung aus dem Holocaust darge­stellt wurde“.[5]

Der israelische „narzisstische Diskurs, die abso­lute Gewissheit, im Recht zu sein und einer höheren Zivilisation anzugehören“ (Ella Shohat)[6], der Anspruch, über allem Völkerrecht zu stehen, gekoppelt mit der Anmaßung, im Namen aller Juden zu sprechen und zu handeln, leistet dem judeo-phobischen Antisemitismus Vorschub.

Die zionistische Gleichsetzung von Juden und Israel zielt bewusst darauf ab, aus israelischen Verbrechen jüdische Verbrechen zu machen, um daraus abzuleiten: Kritik an Israel ist Kritik an DEN Juden und das kann wiederum nur Antisemitismus sein.

Wenn israelische Aggressions- und Besat­zungspolitik auch noch durch den Missbrauch der kollektiven Erinnerung an den Genozid der Juden gerechtfertigt wird, dann sollte es gerade für alle nichtjüdischen deutschen Antifaschis­ten selbstverständlich sein, sich an der Seite vieler Juden weltweit dagegen zu wehren, so wie die israelische Menschenrechtsanwältin und Trägerin des Alternativen Nobelpreises, Felicia Langer:

„Israel missbraucht die Geschichte, unsere Tragödie, den Holocaust, um jede Verurteilung israelischen Verhaltens im Keim zu ersticken und als Antisemitismus zu diffamieren. Das alles, um ungestört die Unterdrückung der Palästinenser fortsetzen zu können. Und das funktioniert, bis heute! Ich sage das als Überle­bende des Holocaust, deren Ehemann in fünf Nazi-Konzentrationslagern inhaftiert war und als einziger seiner Familie überlebte. Die Toten können sich nicht wehren, aber wir, die Leben­den, wehren uns. Zusammen mit Tausenden Juden sagen wir: ‚Nicht in unserem Namen!’“[7]

Der Einschüchterung von Kritik an zionistischer Politik dient nicht nur die Instrumentalisierung der Vernichtung von Millionen von Juden und der Missbrauch des Antisemitismusvorwurfs, sondern auch die Be­drohungslüge. Von wem aber soll die einzige atomare Supermacht im Nahen Osten und eine der stärksten Militär­mächte der Welt, die die mächtigsten imperia­listischen Staaten hinter sich weiß, bedroht werden? Weder ein arabischer Staat noch der Iran kann Israel in seiner Existenz bedrohen, ohne seine eigene Vernichtung zu riskieren. Und von einer existentiellen Bedrohung Israels durch die Palästinenser kann wohl kaum die Rede sein.

Wer will denn ernsthaft den täglichen und nächtlichen Terror der israelischen Armee, mit ihren Bulldozern, Panzern, Bomben, Raketen, gezielten Tötungen, Häuserzerstörungen, Quä­lereien und Demütigungen gegen die palästi­nensische Bevölkerung auf eine Stufe stellen mit dem Terror von Qassam-Raketen und jun­gen Palästinensern, die nur ihren Körper als Waffe haben für eine Verzweiflungstat?

Warum wird bei der gebetsmühlenartigen Forderung nach der Anerkennung eines „Exis­tenzrechts Israels“ hierzulande meist das wich­tigste Attribut unterschlagen: Die Forderung Israels bezieht sich nämlich auf seine Existenz „als jüdischer Staat“? Warum wird auch nicht danach gefragt auf welchem Territorium dieses Israel das Recht auf Existenz haben soll? Auf die, von der UNO für einen jüdischen Staat 1947 empfohlenen 55 Prozent des historischen Palästinas, oder die 78 Prozent des historischen Palästinas, die 1948 von Israel besetzt wurden? Oder etwa die 100 Prozent des historischen Palästinas, die von Israel seit 1967 besetzt werden?

Von den Palästinensern zu verlangen, das „Existenzrecht Israels als ‚jüdischen Staat‘ an­zuerkennen, hieße zu verlangen, „dass ein Volk, das seit fast 60 Jahren und heute immer noch als Untermenschen behandelt wird, öffentlich sein Untermensch-Sein verkündet und damit – zumindest indirekt – einräumt, dass man ver­dient, was einem angetan wurde und immer noch angetan wird,“ meint der Völkerrechtler John V. Whitbeck.[8]

Niemand wäre auf die Idee gekommen, etwa von den nordamerikanischen Ureinwohnern die Anerkennung des Existenzrechts der USA zu fordern, nachdem ihr Land durch ethnische Säuberung und Genozid erobert wurde. „Warum wird diese seltsame Forderung von den Palästinensern verlangt“, fragt Uri Avnery. „Warum sollen sie das Existenzrecht Israels als jüdischen Staat anerkennen?“.[9]

Der Zionismus setzt den Antisemitismus voraus. Ohne Antisemitismus verliert der Zionismus als Ideologie seine Existenzberechtigung und Israel als jüdischer Staat seine Rechtfertigung. Israel müsste dann zu einem wahrhaft demokrati­schen Staat werden. Ob er dann noch Israel oder Palästina heißt oder einen dritten Namen bekommt, wird die Geschichte zeigen. Aber nur so wird er zu einem Staat all seiner Einwohner werden. Zu einem Staat, in dem alle ungeachtet ihrer Religionszugehörigkeit oder Abstammung gleichberechtigt leben und auch miteinander streiten können.

Dass so viele Deutsche sich davor scheuen, die völkische Politik Israels, den Zionismus und seine chauvinistische Bigotterie zu kritisieren, ist auch eine Folge der Reduzierung des Faschis­mus auf den Genozid an Juden, wie es von Anfang an in der alten Bundesrepublik (im Gegensatz zur DDR) üblich war. Wir meinen, dass es eine besondere Pflicht der deutschen Linken ist, den Nazi-Faschismus mit seinen Wur­zeln, in seiner Entwicklung und in seiner gesam­ten Wirkung zu begreifen.

Gerade die gefährliche Reduzierung – eine Selektierung der Opfer – dient der Rechtferti­gung neuer Aggressionskriege und der Unter­stützung der völkerrechtswidrigen Politik Isra­els. Auschwitz, Buchenwald, Dachau, Ravens­brück, Sachsenhausen, die verbrannte Erde in der Sowjetunion, die Opfer des deutschen faschistischen Krieges und der Besatzung so vieler Länder verpflichten zum Widerspruch und Widerstand gegen jede Politik, die sich anmaßt im Namen der damals Gequälten und Ermordeten heute Verbrechen gegen andere Völker zu rechtfertigen.

Doris und George Pumphrey,
Berlin, August 2007

Doris und George Pumphrey sind Aktivisten in der Friedenskoordination (Friko), Berlin

Quellen

[1] Interview mit Idith Zertal, „Hannah Arendt wird in Israel gehasst“ taz 14.10.2006 (https://taz.de/!365212/)

[2] Zuckermann, Moshe, Antisemitismus und „Antisemitismus“-Ideologie – Anmerkungen zur israelischen politischen Kultur (Inamo, Informationsprojekt Naher und Mittlerer Osten e.V.), Nr. 38, Juni 2004, http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/themen/Rassismus/zuckermann.html

[3] Giladi, Naeim, „The Jews of Iraq,” The Link – Volume 31, Issue 2, April – May 1998, www.inminds.co.uk/jews-of-iraq.html

[4] Ben-Zohar, Michael, “Ben Gurion – A Biography”, Delacorte, New York 1978

[5] Brecher, Daniel Cil, “Fremd in Zion“, DVA 2005

[6] Shoat, Ella, „Le Sionisme du point de vue de ses victimes juives“, La Fabrique édition, Paris, 2006

[7] Am 9.6.2007 in Berlin, Kundgebung zum 40. Jahrestag der Besatzung der Westbank, des Gazastreifens Ostjerusalems und der Golanhöhen.

[8] http://www.arendt-art.de/deutsch/palestina/Stimmen_international/whitbeck_john_existenzrecht_israel.htm

[9] http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/regionen/Nahost/avnery18.html


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Bild oben: Theodor Herzl während des ersten Zionistenkongresses in Basel im Jahr 1897
Foto: National Photo Collection of Israel, Gemeinfrei,
Quelle: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=59197414