Die Transformation der Bildung

Aus: „FREIDENKER“ Nr. 2-20, Juni 2020, S. 27-38, 79. Jahrgang

von Annett Torres

Rede auf der Konferenz des Deutschen Freidenker-Verbandes „Der tiefe Staat – oder: Wer regiert den Westen?“ am 16. November 2019 in Stuttgart
1. Die Transformation der Bildung

Bildung ist in aller Munde. Man spricht vom lebenslangen Lernen. Von Zeitfenstern, die sich für spezielle Bildungsinhalte öffnen und wieder schließen sollen. Sprüche wie `Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr`, ‚Wissen ist Macht‘ oder ‚Lernen, lernen und nochmals lernen‘ (Lenin) kennt sicherlich fast jeder. Eltern und Großeltern sind bestrebt, ihrem Zögling das Beste auf den Lebensweg mitzugeben und über die Dummheit anderer Menschen hat sich sicherlich jeder schon einmal aufgeregt.

Wie sieht es allerdings mit dem Bildungsbegriff aus? Was ist eigentlich Bildung?

Franz Stuhlhofer schätzt ein, daß wir es gegenwärtig mit einer sogenannten Wissensexplosion zu tun haben, unser Wissen verdoppelt sich alle 100 Jahre, und legte die Grundlagen einer Wissensmessung. Die Anzahl der Menschen mit wissenschaftlich-technischer Ausbildung betrug Mitte des 17. Jahrhunderts weniger als eine Million, zwischen 1850 und 1950 erhöhte diese sich auf 10 Millionen und zwischen 1950 und 2000 war ein Anstieg auf 100 Millionen zu verzeichnen.[1]

Der Humboldtsche Bildungsbegriff:

„Der wahre Zweck des Menschen, nicht der, welchen die wechselnde Neigung, sondern welche die ewig unveränderliche Vernunft ihm vorschreibt, ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen. Zu dieser Bildung ist Freiheit die erste und unerläßliche Bedingung.“[2]

Der Kunstpädagoge Jochen Krautz kommt diesem Bildungsbegriff recht nahe, indem er sagt: Bildung zielt auf ein reflexives Selbst-, Mit- und Weltverhältnis, sie zielt mit der Entwicklung der Individualität zugleich auf die Weiterentwicklung der Menschheit zu mehr Humanität. Sie hängt also ab von der Möglichkeit von Freiheit und steht unter dem Anspruch humaner Verantwortung.[3]

Wilhelm von Humboldt konnte in der Zeit der preußischen Rekonvaleszenz auf ein erstarkendes Bürgertum setzen und dadurch den Anspruch auf Allgemeinbildung fördern. Heute versteht man unter Humboldtschem Bildungsideal die zentrale Idee der Einheit von Forschung und Lehre an Universitäten im Unterschied zu reinen Lehrprofessuren ohne Forschungsaufgaben.

Die transformatorische und relationale Bildung (80iger Jahre):

Seit den 1980er Jahren steht die bildungstheoretisch orientierte Biographieforschung zwischen der traditionell philosophischen Bildungstheorie und der empirischen Bildungsforschung im Vordergrund und will über die Kategorie der Biographie zwischen beiden Bereichen vermitteln. Ziel ist dabei, den Bildungsbegriff zu präzisieren und so die Bildungstheorie für die Bildungsforschung und damit die Bildungspraxis anschlussfähig zu machen.

Gegenwärtige Ansätze:

Bildung wird von Beate Richter als „Prozess der Transformation der Regel der Bedeutungsbildung einer Person unter Konfrontation mit der Regel der Bedeutungsbildung nächsthöherer Ordnung definiert und als eine Struktur der Übergänge zwischen Kontext-Regeln beschrieben, die ein Beobachter der Person im Interaktionsprozess zuschreibt“[4]

Laut Birgit Papke ist „Bildung … ein Konstrukt in einem kulturellen und wissenschaftlichen Bezugsrahmen, … in dem Vorstellungen über das Verhältnis von Person und Welt und die Entwicklung der Person in diesem Verhältnis formuliert und verdichtet werden. Beides unterliegt historischem und gesellschaftlichen Wandel.“[5]

Am Ende eines solchen technisierten konstruktivistischen Bildungsbegriff mit angeschlossenen Meßapparaten steht der marktkonforme Homunculus. Die gegenwärtig zentrale wissenschaftliche Auseinandersetzung in der Pädgogik läßt sich in der Frage zusammenfassen, ob Bildung meßbar ist oder nicht?

2. Historische Entwicklungstendenzen

Bildung kann nicht hoch genug geschätzt werden in ihrer Bedeutsamkeit für jedes Individuum. Sie erhöht die Lebensqualität in allen Bereichen und ist damit lebensverlängernd.

Die Voraussetzung für den Zugang zu Bildung als Menschenrecht ist die Gewährleistung der grundlegenderen Rechte wie Zugang zu sauberen Trinkwasser, gesicherter Ernährung, sicherem und hygienischem Wohnen und einkommenssichernder Arbeit (etwa acht Stunden am Tag) und damit ausreichender finanzieller Möglichkeiten und Freizeit für die Kinderaufzucht und weiterer individueller Interessen. Von der aktuellen Weltbevölkerung lebten vor der sogenannten Coronakrise noch etwa ein Sechstel in bitterer Armut.

Die industrielle Revolution in mehreren Etappen, die Erfindung des Buchdruckes, die Einführung einer allgemeinen Schulpflicht in mehreren Stufen (vierklassige, achtklassige, zehnklassige, zwölf- bzw. dreizehnklassige Allgemeinbildung), der öffentliche Zugang zu Bibliotheken und die Installation des Internetzes demokratisierten den Zugang zu Bildung.

Die höchste Lebenserwartung haben die Menschen in Monaco mit 89,52 Jahren, die geringste Lebenserwartung im afrikanischen Land Tschad mit 49,81 Jahren (Stand 2015). Vor 1800 erreichten nur elitäre kleine Gruppen wie etwa der englische Hochadel eine Lebenserwartung der Männer von mehr als 40 Jahren. In Asien lag der Wert knapp darunter. In Europa lag die Lebenserwartung um 1820 bei etwa 36 Jahren. Sie war am geringsten in Spanien und am höchsten in Schweden. In Japan lag sie bei 34 Jahren. Die durchschnittliche Lebenserwartung (zum Zeitpunkt der Geburt) betrug um 1800 weltweit höchstens 30 Jahre, nur selten 35 Jahre. Mehr als die Hälfte der Menschen erreichten nicht das Erwachsenenalter.[6]

Seit dem 19. Jahrhundert stieg die Lebenserwartung kontinuierlich an und die Menschen wurden im 19. Jahrhundert schneller älter als materiell reicher.[7]

Die Lebenserwartung ist eine wichtige sozioökonomische Messgröße. Je höher sie für eine bestimmte Gruppe ist, desto höher ist deren Lebensstandard, beispielsweise medizinische Versorgung, Hygiene, Trinkwasserqualität und Ernährungslage und nicht zuletzt die Bildung.

Biologisch gesehen nimmt die Anzahl der Individuen einer Population bei verbesserten Umweltbedingungen zu. Die stetige Zunahme der Weltbevölkerung hat sicher jeder vor Augen.

Diese begonnene Entwicklung läßt sich nur mit einem weiteren Voranschreiten des wissenschaftlich-technischen Fortschrittes und damit hohen Investitionen in das jeweilige nationale Bildungswesen fortsetzen.

3. Bildung als Ware

Im Bildungssektor kann heutzutage viel Geld verdient werden, denkt man an die Verlage und Stiftungen, die Testindustrie, die Weiterbildungseinrichtungen, Privatschulen, Nachhilfeinstitutionen, private Hochschulen und Universitäten, Internetzangebote über youtube, google, etc..

Hier einige Beispiele:

  • Bertelsmann Stiftung: Stiftungskapital 619.497.600 Euro (2018)[8]
  • Cornelsen Verlag: 260 Mio. € (2015)[9]
  • PISA-Studien der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) sind internationale Schulleistungsuntersuchungen seit dem Jahr 2000[10]
  • Kolleg St. Blasien (Internationales Jesuiten-Gymnasium mit Internat für Jungen und Mädchen): Der monatliche Pensionspreis für Schülerinnen und Schüler im Internat beträgt 2.140 Euro (Stand: August 2018).[11]

Die Freiheit der Wissenschaft wird auf dem Altar der Drittmittelprojekte zur Farce.

Auf der anderen Seite hängt der Zugang zu guter Bildung immer stärker vom Geldbeutel ab. Ist der nachhilfegebende Professor, um seine Forschungen zu finanzieren nicht mehr denkbar oder zukünftig doch wieder? Die Doktoranten mit ihren halben, Viertel-, Achtel-,  …-stellen und Studenten nichtakademischer Eltern sind häufig gezwungen, Gelegenheitsarbeit zur Weiterfinanzierung ihres Studiums oder ihrer Promotion anzunehmen. In Großbritanien machen viele Schüler ihr Abitur, können sich allerdings ein Studium nicht mehr leisten. Reisen und Freizeitangebote, Instrumentalunterricht sind in Deutschland für viele Menschen teuere bzw. sogar unerschwingliche Angebote.

4. Internationalisierungs- und Vereinheitlichungstendenzen

Als Bologna-Prozess wird eine auf europaweite Vereinheitlichung von Studiengängen und -abschlüssen sowie auf internationale Mobilität der Studierenden zielende transnationale Hochschulreform bezeichnet, die auf die Schaffung eines einheitlichen Europäischen Hochschulraums gerichtet ist (1999 von 29 europäischen  Bildungsministern im italienischen Bologna unterzeichnet).

Im Gefolge von Bolonia erfolgte innerhalb der gesamten Europäischen Union die Auflage, die Abiturienten- und Hochschulabsolventenzahlen zu erhöhen. Gleichzeitig ging das insbesondere in Deutschland mit seiner dualen Ausbildung zu Lasten der Facharbeiterabschlüsse und damit fehlendem Nachwuchs im Handwerksbereich. So ist ein Rückgang der Zahl der Schülerinnen und Schüler in den letzten zehn Jahren um 9 %, der Auszubildenden um 17 % und ein Anstieg der Zahl der Studierenden um 47 % zu verzeichnen.[12]

Auch wenn die Studienreform die Angleichung der Studienabschlüsse, die Probleme hoher Abbrecherquoten, hoher sozialer Selektivität, eines zu geringen Interesses an MINT-Fächern und niedriger Anteile ausländischer Studierender nicht gelöst hat – zu einer Dequalifizierung des wissenschaftlichen Nachwuchses hat sie bislang nicht geführt.

Folgen für die Struktur sind:

  • Fächervielfalt 19.000 Studiengänge (2017)[13]
  • aufwendige Akkreditierungs- und Qualitätsmanagementverfahren
  • verschlechterter Betreuungsschlüssel – mul­tiple Überlastung
  • Unterfinanzierung
  • verkürzte Studienzeiten – hohe Prüfungsanzahl – Bulimielernen
  • Verschulung des Studiums

„Deutlich ablehnend äußert sich die Humbold-Gesellschaft: „Die Zerschlagung des auch international anerkannten deutschen Bildungssystems mit seinen bewährten Graduierungen Magister, Diplom, Staatsexamen, Promotion und Habilitation ist … unverständlich. Die Akkreditierungsagenturen werden … als überflüssig angesehen, da die fachgebundenen Aufgaben in die Verantwortung der Fakultäten gehörten. Es handle sich um ein bürokratisches Monster, das die Hochschulhaushalte mit mehreren hundert Millionen Euro pro Jahr belaste und möglicherweise nicht einmal mit dem Grundgesetz vereinbar sei. Dem Vollzug der Bologna-Vereinbarung wird nach 10 Jahren bescheinigt, praktisch gescheitert zu sein.“[14]

„Die Kultusminister der 16 Länder wollten gemeinsam eine Erklärung abgeben, zur Zukunft der Bologna-Reform Dabei hatte er, Mathias Brodkorb, von Anfang an gesagt, dass er bei einem ,Jubelpapier‘ nicht mitmachen werde. Es lief dann, wie es in letzter Zeit häufiger gelaufen ist: Ein bisschen Gezerre hinter geschlossenen Türen, ein paar neue Formulierungen, und am Ende sagt Brodkorb Nein. Abstimmungsergebnis: 15 zu 1. Die Kultusministerkonferenz (KMK) und Hochschulrektorenkonferenz hätten sich ,klar zur Europäischen Studienreform bekannt‘, stand später in der Pressemitteilung. Brodkorbs Kommentar lautete: ‚Es gibt in der KMK eine große Bereitschaft, Vorschläge abzunicken.'“[15]

Die PISA-Studien der OECD sind ein wichtiges Steuerinstrument bei der Angleichung der nationalen Bildungssysteme an die neoliberalen Vorgaben. Das utilitaristische Bildungsziel von PISA wird insbesondere von frankophonen Autoren kritisiert. Es bewirke zunächst einmal eine Verzerrung der Testergebnisse zugunsten angelsächsischer Staaten und sodann einen Druck, Lehrpläne so anzupassen, dass unmittelbar alltagsrelevante Fertigkeiten ein größeres Gewicht bekämen. Das bedrohe zum Beispiel die Spezifität des französischen Mathematikunterrichts, der großen Wert auf strenge Beweise legt. In diesem Zusammenhang wird auf die ökonomische Zielsetzung der OECD und auf die Intransparenz und mangelnde demokratische Legitimität der Entscheidungsprozesse bei PISA hingewiesen. Ein ähnlicher Einwand lautet, dass PISA mit seinen Schwerpunkten Mathematik, Muttersprache, Naturwissenschaften die Marginalisierung gesellschaftswissenschaftlicher und musischer Fächer forciere.

Der Mathematikdidaktiker Thomas Jahnke kritisiert den Grundgedanken, Bildung „standardisieren“ zu wollen und deutet PISA auch als Markterschließung der Testindustrie. Der Philosoph Konrad Paul Liessmann kritisiert PISA als ökonomischen Versuch, die (humanistische) Bildung im Grunde abschaffen zu wollen und durch simples Wissen (im Gegensatz zu Bildung) zu ersetzen. Er beklagt die Transformation der Bildungseinrichtung Schule in eine Berufsschule für Kinder und damit das Ende des bewussten und geistigen Menschen und seine Reduktion auf einen Arbeitnehmer und Konsumenten.[16]

Als Wissenschaftsminister Mecklenburg-Vorpommerns ließ Mathias Brodkorb (Mr. Njet) das PISA-Konsortium zwar gewähren, ignorierte allerdings die entsprechenden Auswertungen.

5. Transformationsschritte in den allgemeinbildenden Schulen

5.1 Frühenglisch

Bereits in den Kindergärten oder den Grundschulen wird eine zweite Fremdsprache, in der Regel Englisch, unterrichtet. Es wird dabei versucht, familiäre Beziehungen und Abläufe in den Bildungseinrichtungen zu simulieren. Die Erwartung ist eine gut entwickelte Zweisprachigkeit.

Eine Langzeitstudie (2008 bis 2017) der Anglistin Simone Pfenninger von der Universität Salzburg unter 800 Schweizer Gymnasiasten hat die Erwartung nachgeprüft und kommt zu folgenden Ergebnissen:

Früher Fremdsprachenunterricht bereits in der Volksschule bringt den meisten Kindern kaum Vorteile für ihr späteres Sprachniveau.

Analysiert wurden Faktoren wie Motivation, Lernstrategien, Kenntnisse in der Erstsprache – also Lese- und Schreibefähigkeiten in Deutsch. Aber auch das Umfeld: Welchen Einfluss haben Lehrpersonen, Klassengröße, Motivation der Klassengemeinschaft, Lehrmittel und Intensität des Unterrichts?

„Es zeigt sich, dass die Intensität besonders wichtig ist: Je mehr Kontaktstunden pro Woche, umso bessere Resultate werden erzielt. ,Das Alter beim Lernbeginn hat viel weniger Einfluss‘, sagt Pfenninger.[17]

Sie widerlegt damit den Mythos, der in Europa im Trend liegt und dazu führt, dass Kinder im frühestmöglichen Alter in Englischklassen gesteckt werden. ,Alle verlegen den Englischunterricht in immer niedrigere Schulstufen‘, sagt Pfenninger.[18] So hatten Schüler in Österreich in den 1970er-Jahren ab der Mittelschule Englisch, in den 1980ern ab der dritten Volksschulklasse und seit den 1990ern ab der ersten Volksschule. ,Wissenschaftlich kann man nicht bestätigen, dass ein schulischer Zweitsprachenerwerb im jüngeren Alter von Vorteil ist‘, so Pfenninger.[19]

Sie vermutet wirtschaftliche und bildungspolitische Gründe für den Frühlern-Trend: ,Da es als modern gilt, immer früher Englisch anzubieten, erhoffen sich Schulen wohl einen Wettbewerbsvorteil‘. Jedenfalls gelte für den Sprachunterricht nicht das Motto des Erlernens eines Instruments oder des Radfahrens, nämlich so früh wie möglich immer ein bisschen zu üben. ,Man kommt mit ein, zwei Wochenstunden bei jungen Schülern auch über längere Zeit auf keinen grünen Zweig‘, so Pfenninger.

Vor allem für die Motivation der Jugendlichen sei es besser, später mit dem Unterricht zu starten, dafür mit möglichst vielen Stunden pro Woche. „Und ein Grund, warum Spätlerner so gut aufholten, war, dass ihre Deutschkenntnisse nach der Volksschule besser waren“, sagt Pfenninger. Sowohl für Einheimische als auch für Kinder mit Migrationshintergrund lohnt es sich, die Erstsprache, also die, in der man erstmals schreiben und lesen lernt, gut zu beherrschen, um eine solide Grundlage für die Zweitsprache zu haben.

,Der Spracherwerb im natürlichen Umfeld ist nicht mit dem in der Schule zu vergleichen‘, sagt Pfenninger. Kommt man als Kind in ein neues Land oder wird von den Eltern zweisprachig erzogen, so gilt tatsächlich: je früher, desto besser. ,Beim Spracherwerb in der Zielkultur geht es quasi ums Überleben. In der Schule kann man diese diese idealen Lernumstände nicht imitieren.’“[20]

5.2 Verschlechterung des Deutschunterichtes

Die frühzeitige parallele Unterrichtung einer Fremdsprache beeinflußt die Entwicklung der Muttersprache erheblich. Es fehlt einfach Zeit für das Üben von Rechtschreibung und Grammatik, das Schönschreiben und literarische Betrachtungen. Das bilinguale Aufwachsen von Kindern in zweisprachigen Familien ist in der Schule nicht simulierbar, die Lernumgebung bleibt künstlich, denn die Kinder ordnen die jeweilige Sprache ihrem entsprechenden Elternteil zu und kommunizieren mit ihm in seiner Muttersprache.

So kommt es, daß die Fremdsprachenlehrer in ihren Fächern den Schülern die Regeln für die deutsche Sprache noch einmal oder erstmals erklären müssen, um auch in der Fremdsprache erfolgreich Grammatik unterrichten zu können.

Regelmäßiges Üben ist auch im Deutschunterricht Grundlage für routiniertes und richtiges Schreiben. Es ist somit unverständlich, warum verbindliche Diktate aus den Lehrplänen herausgenommen wurden.

Insbesondere der Deutschunterricht sollte ja Träger und Vermittler deutscher Kulturleistungen sein. Aufgrund der Kompetenzorientierung ist allerdings das Lesen und Erfassen von Sachtexten ein dominanter, sich in mehreren Schuljahren wiederholender Schwerpunkt.

Das Erlernen einer flüssigen und individualisierten Handschrift gehörte bisher zur Aufgabe insbesondere der Schule. Dieser Prozeß beginnt bereits im Kleinkindalter mit dem Erlernen der Dreipunkthaltung eines Stiftes. Achten die Erzieher nicht auf eine entsprechende optimale Haltung, probiert das Kind irgendeine aus und gewöhnt sich an diese, auch wenn sie verkrampft ist und damit längeres Schreiben in der Schule erschwert oder verunmöglicht.

Ist es nun egal wie geschrieben wird? Eindeutig nein. Eine verbundene Schreibschrift erlaubt in einem Schwung, ganze Silben oder Wörter zu schreiben, trennt die einzelnen Wörter deutlich voneinander ab, ist persönlicher und für die menschliche Hand geeigneter. Die fließende Schreibbewegung unterstützt das Gedächtnis besser und ist als kognitiv anspruchsvoller einzuschätzen als die Druckschrift. Z.B. beruht die besondere feinmotorische Präzession der Chinesen auf dem Erlernen ihrer komplizierten Schrift ab dem dritten Lebensjahr. Die Handschrift gar vollständig durch das Tastaturschreiben zu ersetzen, verringert die Erfahrungen des sensomotorischen, kinästhetischen und visuellen Gedächtnisses.

In finnischen Schulen ist die verbundene Schrift seit 2016 abgeschafft worden. In den USA haben bereits 2014 45 der 50 Bundesstaaten die Schreibschrift durch die Druckschrift ersetzt. In der Schweiz hatte sich der Kanton Genf 2000 für die Druckschrift entschieden, 2002 allerdings wieder davon Abstand genommen. In den Bundesländern Thüringen und Sachsen wird zuerst das Erlernen der Druckschrift und danach der Schreibschrift vorgeschrieben. Viele Kinder bleiben allerdings bei der Druckschrift, wenn man in den weiterführenden Schulen die Freiheit läßt. In Sachsen ist für die Prüfungen noch eine verbundene Schrift zu verwenden. Somit beläßt man die Kollegien im rechtfreien Raum und verlagert die kulturellen Auseinandersetzungen in das Lehrerzimmer und überläßt es dem einzelnen Lehrer, sich gegen Schüler und Eltern durchzusetzen.

5.3 Ganztageseinrichtungen

Die Intention der Einführung ist, Familien sind heutzutage nicht mehr oder nur unzureichend in der Lage, die Pflichten gegenüber ihren Kindern wahrzunehmen. Also tritt der Staat oder anderweitige private bzw. kirchliche Einrichtungen an deren Stelle. Mittels Vermischung von Unterrichtszeiten und Freizeitgestaltung sind die Kinder den ganzen Tag an die Schulen gebunden und kommen erst 16 oder 17 Uhr nach Hause.

Die Verbreitung der Ganztagsschulen schritt ab dem IZBB-Förderprogramm (Investitionsprogramm Zukunft Bildung und Betreuung der Regierung Gerhard Schröders, 2003 bis 2007) explosionsartig voran, was auf die Ergebnisse für Deutschland der vorhergehenden PISA-Studien zurückzuführen sein dürfte.

„Damit werden emotionale Bindung zu den Eltern und die familiären Bindungen im Allgemeinen geschwächt, während die Kinder andererseits verstärkt schlechten Einflüssen wie zum Beispiel verhaltensauffälligen Mitschülern ausgesetzt seien. Problematisch für die Entwicklung seien auch der zumeist hohe Lärmpegel und eine fortdauernde Streßbelastung. Angebote außerschulischer Bildungsträger können nur unter erschwerten Bedingungen wahrgenommen werden. Vereine, Kirchen, Musikschulen usw. beklagen, dass Kinder und Jugendliche weniger verfügbare Zeit haben, um sich intensiv außerschulischen Aktivitäten widmen zu können. Daraus resultiere schlußendlich eine Verarmung und Uniformierung der Bildungslandschaft.“[21]

Das Versprechen, soziale Ungleichheiten zu beseitigen, konnten die Ganztagsschulen ebenfalls nicht einlösen.

5.4 Abkehr vom klassenzentrierten Unterricht

„Gleichwie nun ein sich selbst überlassenes Kind verstandlos in die Welt hineinguckt, und durch die Verirrungen einzelner, blindlings aufgefundener Erkenntnisbruchstücke täglich von Irrtum zu Irrtum herabsinkt, so steigt hingegen ein Kind, welches von der Wiege an jenen Weg geführt wurde, täglich von Wahrheit zu Wahrheit.“ [22]

Dass das Lernen gemäß konstruktivistischen Vorstellungen in individualisierten, offenen Formen auch das Versprechen einer höheren Lerneffektivität nicht halten kann, ist empirisch belegt. [23]

Welche Auswirkungen die sogenannte Neue Lernkultur auf die Begriffsumdeutung in der Bildung hat, kann in folgender Übersicht nachvollzogen werden:

Traditionelle Pädagogik: „Neue Lernkultur“
Lehrer/in: Lernbegleiter/in
Schüler: Lernpartner
Klasse: Lerngruppe
Aufgabe: Lernjob
Lehren:   Gestalten von Lernarrangements
Erziehen: Lernmanagement, Coaching
Unterrichten: Classroom-Management,
Informations-Management
Klassenzimmer: Input-Raum, Lernatelier
Lernziele: Lernverträge
Bildung: Kompetenzen [24]

Im Bildungs-Rat der Gesellschaft für Bildung und Wissen e.V. wird formuliert: „Der Kern des darin deutlich werdenden radikalen Wandels der pädagogischen Grundsituation besteht in der Auflösung des interpersonalen Bezugs gemeinsam geteilter Aufmerksamkeit auf relevante Sachverhalte mit Bildungspotenzial. Denn nur in solchen Situationen gemeinsamer Aufmerksamkeit einer Gemeinschaft von Lehrer und Schülern ist verstehendes Lernen möglich; nur dann wird Lernen dem Anspruch der Aufklärung gerecht, über eigenes Verstehen Urteilsvermögen anzuleiten und so Mündigkeit zu bilden. Nur in der dialogischen Verhandlung der Sache kann sich deren Sinn für die Schüler entfalten, ein Sinn, der nie nur funktional oder subjektiv ist, sondern sich aus dem Bezug auf die Verantwortung gegenüber der gemeinsamen Welt ergibt. Zugleich negiert und zersetzt die „Neue Lernkultur“ Sozialität als Grundlage und zugleich Ziel von Erziehung, indem sie die Bildungsgemeinschaft zu Lernindividuen atomisiert.

In der Suggestion der „Selbststeuerung“ wird zugleich die pädagogische Autorität unsichtbar, da die Lehrperson sich vermeintlich zugunsten der Selbstverantwortung der Schüler zurückzieht. Tatsächlich aber rückt diese Autorität nur in die methodischen Anweisungen von Lernarrangements, Arbeitsblättern und Kompetenzraster und wird damit für die Schüler unsichtbar: Autorität geht nicht mehr von einer Person aus, sondern „kommt anonym als Sachzwang daher und dieser zersetzt Sozialität und Kultur.[25]

Nach Krautz legt der Neoliberalismus mit dem homo oeconomicus hierbei eine eigene Anthropologie zugrunde, zielt sein Anspruch also auf eine Veränderung des Menschenbildes und des Menschen selbst. Da der Umgestaltungsanspruch sich somit umfassend auf Denken, Empfinden und Handeln bezieht, kann der neoliberale Ökonomismus also im eigentlichen Sinn als ein Umerziehungsprogramm charakterisiert werden. Es ist damit in seinem auf alle Lebensbereiche abzielenden Anspruch totalitär und kann gegen die Wirklichkeit auch nur mit entsprechenden manipulativen Mitteln durchgesetzt werden.[26]

Der postmoderne Mensch ist ein rationaler Egoist, höherer Primat, aus seinen zwischenmenschlichen Bezügen gelöst und von seinem moralisch motivierten Empfinden und Handeln entfremdet, akzeptiert eine „Wirklichkeit“, die man für ihn geschaffen hat, und er gehorcht „Interessen“, die ihm als die seinen angedichtet wurden.[27]

Dieser „absolute Fanatismus“, so der englische Schriftsteller, Maler und politische Essayist John Berger, „ist nicht Kapitalismus, denn der existiert seit fünf Jahrhunderten und operierte vollkommen andersartig und nuancenreicher. Dies ist das Ende von etwas.“ Es ist das Ende von Humanität.[28]

In den Vorlesungen und Studienseminaren werden die angehenden Lehrer vor allem auf das Beherrschen einer großen Vielfalt von Methoden orientiert. Der klassenorientierte Unterricht (bekannter als „Frontalunterricht)“ wird dabei nur als eine von vielen und als veraltet dargestellt.

Die Schüler werden damit vor allem physisch bewegt, ohne in Ruhe (unter 50 dB) konzentriert arbeiten und lernen zu können.

Was unterscheidet also die guten von den schlechten Lehrern?

Ein guter Lehrer spricht sehr viel mit den Kindern, zum Beispiel über die Relationen von Zahlen. Er schafft Anlässe, Sätze zu sagen, wie „sieben ist zwei mehr als fünf“, „fünf ist zwei weniger als sieben“, „sieben setzt sich aus sieben Einsen zusammen und fünf nur aus fünf Einsen, das sind zwei weniger“. Und er fragt, wie sie zu ihren Ergebnissen gelangen. In der ersten Klasse müssen die Kinder von ihren zählenden zu nicht-zählenden Strategien kommen. Wenn dies nicht passiert, muss die Schule unbedingt eingreifen, aber oftmals tut sie das nicht. Im Gespräch über die Rechenwege behält der Lehrer im Blick, wie die Schüler Zahlen und Rechenoperationen denken, und die Kinder können sich die Lösungswege ihrer Mitschüler abschauen. Die Tendenz ist aber leider eine andere: Grundschüler wurschteln zunehmend alleine an ihren Arbeitsblättern rum. [29]

Nach Krautz tritt die „Neue Lernkultur“ nun gewissermaßen den stützenden Wagenheber mit voller Absicht weg, so dass die Heranwachsenden unter der Last der auf sie einstürzenden Kulturleistung ächzen, die sie ohne Hilfe stemmen sollen. Mehr noch sollen sie die Kulturleistungen „selbstentdeckend“ jeweils neu erfinden: Schreiben, Lesen, Rechnen, Zeichnen – alles soll selbstgesteuert „konstruiert“ werden.[30]

Die politische Dimension dieses inszenierten Lebensraums „Natur“ als pädagogisches Steuerungsparadigma hat Sigfried Uhl bereits sehr früh anhand der Programmatik der Partei „Die Grünen“ herausgearbeitet, die heute in verschiedenen Bundesländern umgesetzt wird. Analog zur vorangegangenen Analyse beschreibt Uhl das Menschenbild des grünen Bildungsverständnisses als „persönlichkeitstheoretischen Nativismus und Evolutionismus“, demzufolge Schule „ideale Umweltbedingungen zur Förderung der Selbstverwirklichung“ schaffen müsse, wobei dem die Annahme von „Recht und Fähigkeit zur unbegrenzten Selbstbestimmung“ zugrunde liege. „Der ökoautoritäre Zwangs­staat ist eine Gefahr, die man nicht unterschätzen sollte.“ [31]

Für Karl-Heinz Dammer begründen die egoistischen Subjekte den Kult des „Selbst-“, der neben der „Selbststeuerung“ Varianten kennt wie „Selbstorganisation“, „Selbstregulierung“, „Selbstmanagement“, „Selbstkompetenz“, „Selbstführung“, „Selbstkontrolle“, „Selbstreflexion“, „Selbstdiagnose“ oder „Selbstverantwortung“.[32]

Laut Ursula Frost, bedarf es beim Pädagogen dessen, wozu er Kinder und Jugendliche bilden will: „Mut zum Erscheinen als einzigartige Person und Fähigkeit zu Dialog und Streit in der Frage nach dem Wahren und Guten“.[33]

Dieses Realisieren von und Eintreten für Humanität ist in der Tat alternativlos.[34]

5.5 Kompetenz als neue Kategorie

Dieser Begriff wurde wohl von Heinrich Roth in die Erziehungswissenschaften eingeführt.

Der Konstanzer Beschluß der Kultusministerkonferenz von 1997 markiert die sogenannte empirische Wende vom Input zum Output und ist gegen die lange vorherrschende Kritische Erziehungswissenschaft gerichtet, die vielfach das Erbe der geisteswissenschaftlichen Richtung angetreten hatte und darin übereinstimmt, die Leistungsfähigkeit eines Bildungssystems nicht für messbar zu halten.

Deutschland beteiligte sich 1995 erstmals an der TIMS-Studie (Trends in International Mathematics and Science Studie). Mit TIMSS wurden Daten zu den Leistungen von mehr als einer halben Million Schüler aus rund 15.000 Schulen in 46 Ländern ermittelt und Hintergrundinformationen über den Unterricht, die Lehrer, die Schulen sowie Aspekte der außerschulischen Lebensumwelt der Schüler gewonnen. Dabei sollte erstmals (noch vor dem so bezeichneten „PISA-Schock“) eine empirische Evidenz für die Rückständigkeit in Teilbereichen des deutschen Bildungswesens gezeigt werden. [35]

Vier Tätigkeitsfelder als Steuerungsinstrumente eröffneten sich in Folge:

Internationale Schulleistungsuntersuchungen wie PISA, Zentrale Überprüfung des Erreichens der Bildungsstandarts im Ländervergleich, Vergleichsarbeiten zur landesweiten Überprüfung der Leistungsfähigkeit einzelner Schulen, gemeinsame Bildungsberichterstattung von Bund und Ländern sollen für die Umsetzung, den entsprechenden Druck und die Kontrolle an den Schulen und Hochschulen sorgen.

Mit dem Buch „Vom Streifenhörnchen zum Nadelstreifen“ hat Hans Peter Klein eine fundierte Analyse des Bedeutungszusammenhanges Transformation des Bildungswesens und Kompetenzen vorgelegt.[36] Der Kompetenztaumel, wie er sich ausdrückt, hat nicht nur die allgemeinbildenden Schulen, sondern auch die Hochschulen erfaßt und zielt auf eine umfängliche Entfachlichung und Chaotisierung der Lehrmaterialien und -inhalte. Der Schüler lernt lesen, was, ist dabei egal. Das Lernen ist nicht mehr interessengeleitet, sondern nur noch methodengesteuert.

Direkte Folgen sind eine Absenkung des Niveaus, gleichzeitig eine stetige Zunahme von Schulabschlüssen mit dem Prädikat „sehr gut“ und „ausgezeichnet“. Chaotisch wirkende Lehrmaterialien, so als wenn Dateien durcheinander gemischt, neu angeordnet wurden, mißachten jegliche didaktischen Grundregeln wie vom Einfachen zum Schweren, vom Anschaulichen zum Unanschaulichen, der ausreichenden Bereitstellung geordneter Übungsaufgaben mit steigendem Schwierigkeitsgrad.

Die Erfindung tausender anzustrebender Kompetenzen in den Lehrplänen bis hin zu sprachlichen Spitzenleistungen wie der „Kompetenz der Kompetenz“ tragen zur Vervollständigung der Absurditäten bei.

5.6 Inklusion

Zur Grundbildung jedes Menschen gehört entscheidend das Lesen und Schreiben in der Muttersprache. Doch diese ist bei weitem nicht für alle eine Selbstverständlichkeit, betrachtet man allein die Zahl bzw. Quote der Analphabeten. Die höchsten Analphabetenrate hat Niger mit fast 80 %. Indien liegt bei etwa 38 %. Die meisten Analpabeten hat Afrika. Im Jahr 2012 wurden weltweit 781,2 Millionen Menschen registriert, die weder lesen noch schreiben können. Davon waren fast zwei Drittel (63,5 Prozent) weiblich. All diese Menschen erfahren keine Inklusion.

Die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-Behindertenrechtskonvention) trat im April 2009 in Kraft. In Deutschland wurde allerdings das Wort inclusion mit Integration übersetzt. Das Wort Integration soziologisch verstanden, bedeutet die soziale Einbeziehung bisher ausgeschlossener Individuen oder Gruppen.

Der Schüleranteil mit sonderpädagogischem Förderbedarf liegt bundesweit etwa bei 6 bis 7 % und ist ansteigend. Diesen Trend konnte auch das reihenweise Schließen von Förderschulen nicht umkehren. Die Förderschwerpunkte liegen auf den Förderbereichen Lernen, ganzheitliche Entwicklung, motorische und sprachliche Entwicklung sowie sozial-emotionale Entwicklung. [37]

Allgemeine Ursachen für Behinderungen liegen in unzureichenden Lebensbedingungen, verursacht z.B. durch Kriege. Folgen sind z.B. Fehl- und Unterernährung, nicht behandelte Erkrankungen, mangelnde Hygiene. Bisher ging man von etwa 650 Mio. Menschen mit Behinderungen aus, neuere WHO-Zahlen sprechen von über 1 Mrd.. Somit sollte der Schwerpunkt auf Prävention liegen.

Inklusion wird in Deutschland nun so umgesetzt, daß Kinder mit Förderbedarf in die Großgruppen in den Grundschulen, Real- und Hauptschulen unterrichtet oder häufig auch nur beschäftigt werden sollen. Ein Lehrer, nicht ausgebildet für Förderschüler, steht allein mit über 20 Schülern und ein bis mehreren verhaltensauffälligen oder gehandicapten Kindern da. Nur ein paar Stunden pro Woche hilft ihm ein Inklusionshelfer oder „Rucksacklehrer“.

Damit ist es keinem Schüler recht getan und der traditionelle klassenorientierte Unterricht wird gesprengt.

5.7 Ideologische Konsequenzen reformpädagogischer Erziehungskonzepte für die Schule

Jedes Kind konstruiert sich seine eigene Lernumgebung. Man darf das Kind nur unterstützen. Der freie Wille des Kindes soll nicht gebrochen werden. Der Ruf „Kinder an die Macht!“ mit Einrichtungen wie Kinderparlamenten sogar im Kindergarten, die Verringerung des Wahlalters, auf der anderen Seite die langjährige Einordnung von Straftätern in das Jugendstrafrecht (bis vor vollendeten 22. Lebensjahr) sind Ausdruck dieses Kinder- bzw. Jugendkultes.

Folgen sind zunehmende Erziehungsprobleme, auch in gut situierten Elternhäusern. Jochen Krautz äußert sich dazu „Im Hamsterrad“[38]: „Dieses Kerngeschäft von Bildung und Erziehung wird nach Aussage der meisten Lehrerinnen und Lehrer an sich bereits immer anspruchsvoller. Früher selbstverständliche Einstellungen und Haltungen der Schülerinnen und Schüler und der Eltern zu den Aufgaben der Schule brechen immer mehr weg. Immer stärker sind die erzieherischen Voraussetzungen erst zu legen, damit Unterricht überhaupt stattfinden kann.“

Unsere Kinder verfügen über keine Frustrationstoleranz und meiden jede Anstrengung. Jeder zweite Azubi hat eine Psyche wie ein Kleinkind, in den Grundschulen hinken gar 70 bis 80 Prozent der Kinder ihrer Entwicklung weit hinterher. [39]

Michael Winterhoff, ein Kinder- und Jugendpsychiater sowie Psychotherapeut diagnostiziert, Deutschlands Eltern haben es verlernt zu erziehen. Statt ihrem Nachwuchs Grenzen zu setzen, behandeln sie ihn als Freund und Partner. Im Extremfall verbindet Erwachsene und Kinder eine Art „symbiotischer Beziehung“, d.h. die Sprösslinge haben keine Chance, sich zu entwickeln, ihre Psyche verkümmert auf dem Stand eines Säuglings.[40]

5.8 Lehrermangel und Investitionsstau

In den ostdeutschen Bundesländern wurden nach 1989 etwa 20 Jahre lang kaum neue Lehrer eingestellt. Aufgrund neuer Stundentafeln wurden die vorhandenen hochqualifizierten Diplomlehrer umverteilt. Es traf insbesondere die Lehrer in den MINT-Fächern, die dann Ethik, Kunst u.a. Fächer unterrichteten.

Damit konnten die hoch qualifizierten Fachkräfte der DDR ihre Erfahrungen nicht im normalen generationsbezogenen Wechsel weitergeben. Damit nimmt die Überalterung der Kollegien stark zu und die Zahl der Dauerkranken steigt. Hinzu kommen Streß und Arbeitsüberlastung durch die zunehmende Unterbesetzung, und die Zahl ausgefallender bzw. nicht fachbezogener Vertretungen steigt. Die Reaktionen von den Schulämtern sind Klassenzusammenlegungen, auch von bereits bestehenden und Abordnungen von Lehrern an andere Schulen.

Hinweise auf den Investitionsstau an den Schulen, die sich in kommunaler Trägerschaft befinden, sollen folgende Pressemitteilungen geben:

  • Nikolaus Doll: Darum verfallen unsere Schulen und Straßen (Welt 12.12.2016)[41]
  • Investitionsstau an Schulen: 48 Milliarden Euro wären nötig (Freie Presse 15.08.2018)[42]
  • Kommunen fehlen Milliarden für Schulen und Kitas. (Zeit online,15.08.2018)[43] Der Investitionsstau im Bildungsbereich liegt laut einer Studie der KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau) bei 55 Milliarden Euro. Das liegt auch an fehlenden Kapazitäten in der Verwaltung.

Auf Bundesebene werden allerdings andere finanzielle Schwerpunkte gesetzt, indem der sogenannte Digitalpakt mit 5 Milliarden € Finanzhilfen ins Leben gerufen wurde. Doch wo bleiben die dringend benötigten Lehrer?

5.9 Rücknahme der klassischen Fächer – Fächerzusammenlegung

Immer stärker wurde es üblich, in den Stundentafeln nicht nur einen, sondern zwei oder gar mehr Jahrgänge zusammenzufassen. Die Fächer Physik, Biologie und Chemie verschmelzen zu einem Fach, dann Naturwissenschaften oder Mensch-Natur-Technik benannt oder man führte sogenannte Lernbereiche ein.

Dem gegenüber steht eine Vielzahl gesellschaftswissenschaftlicher Fächer wie Geographie, Geschichte, Sozialkunde, Wirtschaft- und Recht und nicht zu vergessen Religionskunde/Ethik/LER, die allerdings ebenso gebündelt ausgewiesen werden. Die Gründe liegen wohl im Erreichen einer höheren Flexibilität des Lehrereinsatzes und um den Lehrermangel bzw. die erfolgende Schwerpunktverschiebung gesetzlich fundiert kaschieren zu können.

Das Fach Mathematik wird noch extra ausgewiesen, erlebt aber immer stärkere stündliche Einkürzungen. Das Fach Medienkunde oder Informatik beginnt bereits ab der Grundschule an Bedeutung zu gewinnen, wobei einerseits die Handhabung vorzugsweise von Officeprogrammen im Vordergrund stehen oder versucht wird, informationstechnische Zusammenhänge zu erläutern, was allerdings in der Regel als zu schwierig für die entsprechende Altersgruppe einzuschätzen ist oder nur für Freaks interessant ist.

Musik und Kunst werden z.B. im Lernbereich Ästhetik zusammengefaßt.

5.10 Digitalisierung

Nach Empfehlungen der Kinderärzte und Psychiater, allen voran Manfred Spitzer, geht man davon aus, daß der Zugang zu digitalen Medien erst im Alter von etwa 11 Jahren erfolgen sollte.

Der Ruf nach möglichst vollständiger Digitalisierung des Schullebens ist somit völlig kontraproduktiv und geht zu Lasten der gesunden physischen und psychischen Entwicklung der Kinder.

Digitale Medien sind ein Medien unter vielen wie die Kreidetafel, das Buch, der Hefter, Wandkarten, räumliche Anschauungsmittel (z.B. das Tellurium) etc. und didaktisch-methodisch wohlüberlegt und sinnvoll einzusetzen.

6. Zusammenfassung

Das deutsche Bildungswesen unterliegt insbesondere seit etwa der Jahrtausendwende einem massiven Umbau, der gemeinschaftlich von internationalen Organisationen wie der UNESCO, der OECD und privaten Stiftungen, allen voran die Bertelsmann-Stiftung, vorangetrieben wird und der im Verbund mit speziell geförderten Wissenschaftlern empirisch und konstruktivistisch begründet wird. Wissenschaftler, Pädagogen und Lehrer setzen diesen Umbau, unter ideologischen, finanziellen und persönlichen Druck gesetzt, vor Ort um.

Die Folgen sind für jeden Menschen in diesem Land spürbar, der es mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu tun hat.

 

Nachtrag:

Die sogenannte Corona-Krise hat das Bildungswesen nun komplett zerlegt. Solange die Maskenpflicht und die Abstandsregel nicht aufgehoben werden, ist an normalen Unterricht nicht mehr zu denken.

Annett Torres, Gera, ist Lehrerin und Bundes­kassiererin des Deutschen Freidenker-Verbandes

 

Quellen und Anmerkungen

[1] Nach Stuhlhofer, Franz: Unser Wissen verdoppelt sich alle 100 Jahre – Grundlegung einer „Wissensmessung”︁, Berichte zur Wissenschaftsgeschichte, 1983)

[2] Humboldt, W. v.: Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen, 1792. Originaltext

[3] Krautz, Jochen: Bildung als Anpassung, 2009

[4] Richter, Beate: Bildung relational denken – eine strukturtheoretische Präzisierung des transformatorischen Bildungsbegriffs anhand von Robert Kegans Entwicklungstheorie, 2014

[5] Papke, Birgit: Das bildungstheoretische Potenzial inklusiver Pädagogik. Meilensteine der Konstruktion von Bildung und Behinderung am Beispiel von Kindern mit Lernschwierigkeiten, Bad Heilbrunn, Verlag Julius Klinkhardt 2016, S. 20

[6] Osterhammel, Jürgen: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. C. H. Beck. 2 Aufl. der Sonderausgabe 2016. S. 257

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Lebenserwartung, abgerufen 11.11.19

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Bertelsmann_Stiftung, abgerufen 11.11.19

[9] Beck, Klaus: Das Mediensystem Deutschlands: Strukturen, Märkte, Regulierung, Springer-Verlag, 2. Aufl. 2015, S. 102

[10] http://www.statsilk.com/maps/statplanet-world-bank-open-data, abgerufen 11.11.19

[11] https://www.kolleg-st-blasien.de/kosten

[12] Statistisches Jahrbuch 2019, Abschnitt Bildung, S. 87

[13] https://www.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/campus/wildwuchs-der-studiengaenge-muessen-19-000-sein-15265123.html, abgerufen 11.11.19

[14] https://de.wikipedia.org/wiki/Bologna-Prozess, 11.11.19

[15] https://www.zeit.de/2016/35/mathias-brodkorb-wissenschaftsminister-spd-mecklenburg-vorpommern-landtagswahl, abgerufen 11.11.19

[16] https://de.wikipedia.org/wiki/PISA-Studien#Zielsetzung_von_PISA, abgerufen 11.11.19

[17] Pfenninger, Simone: https://austria-forum.org/af/Wissenssammlungen/Neues_aus_der_Wissenschaft/Fr%C3%BCher_Fremdsprachenunterricht_ist_kein_Garant_f%C3%BCr_Lernerfolg_%28Uni_Salzburg%29

Titel der Studie: Pfenninger, Simone E. / Singleton, David: Beyond Age Effects in Instructional L2 Learning: Revisiting the Age Factor. Bristol: Multilingual Matters, 2017

[18] Pfenninger, a.a.O.

[19] Pfenninger, a.a.O.

[20] https://www.diepresse.com/5094542/fruhes-englischlernen-ist-uberschatzt, abgerufen 11.11.19

[21] https://de.wikipedia.org/wiki/Ganztagsschule#Kontroverse, abgerufen 11.11.19

[22] Johann Heinrich Pestalozzi, Wie Gertrud ihre Kinder lehrt, Ausgehen vom Wesentlichen

[23] vgl. Hattie, John: Lernen sichtbar gemacht (Überarbeitete deutschsprachige Ausgabe von Visible Learning besorgt von Wolfgang Beywl und Klaus Zierer), Schneider Verlag Hohengehren GmbH, 2. korrigierte Auflage, Anhang A)

[24] Krautz, Jochen: Neoliberaler Ökologismus.  „Markt“ und „Natur“ als Steuerungsparadigmen der „Neuen Lernkultur“

[25] Gruschka, Andreas: Der Bildungs-Rat der Gesellschaft für Bildung und Wissen Vorgelegt nach längerer Konsultation vom Präsidenten der Gesellschaft für Bildung und Wissen, Verlag Barbara Budrich Opladen, Berlin, Toronto, 2015

https://bildung-wissen.eu/wp-content/uploads/ 2015/06/gruschka_bildundgs_rat.pdf

[26] nach Krautz, Jochen: Ware Bildung: Schule und Universität unter dem Diktat der Ökonomie, Diederichs-Verlag, 2012

[27] nach Krautz, Jochen, a.a.O.

[28] nach Krautz, Jochen, a.a.O.

[29] Mathedidaktiker Wolfram Meyerhöfer:

https://www.sueddeutsche.de/bildung/rechenschwaeche-kinder-mit-dyskalkulie-werden-behandelt-als-sei-ihnen-nichts-beizubringen-1.3619047-2, abgerufen 09.11.19

[30] Krautz, Jochen: Ware Bildung. Schule und Universität unter dem Diktat der Ökonomie. Kreuzlingen, München 2007

[31] Uhl, Siegfried: Die Pädagogik der Grünen, Verlag Ernst Reinhardt, München 1990

[32] Dammer, Karl-Heinz: Mythos Neue Lernkultur

In: Pädagogische Korrespondenz (2013) 48

https://www.pedocs.de/volltexte/2015/11462/pdf/PaedKorr_2013_48_Dammer_Mythos_neue_Lernkultur.pdf, S. 10

[33] Frost, Ursula (Hrsg.): »Beraubung des Humanen« – Über allgemeine und politische Bildung. In: Frost, Ursula/Rieger-Ladich, Markus (Hrsg.): Demokratie setzt aus: Gegen die sanfte Liquidation einer politischen Lebensform. Sonderheft der Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Pädagogik. Paderborn 2013

[34] Krautz, Jochen: Ware Bildung …, 2012

[35] nach https://de.wikipedia.org/wiki/Konstanzer_Beschluss, abgerufen 12.11.19

[36] Klein, Hans-Peter: Vom Streifenhörnchen zum Nadelstreifen – Das deutsche Bildungswesen im Kompetenztaumer, zu Klampen Verlag, 2006

[37] Statistisches Jahrbuch 2019, S.98 unten: Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf nach Förderschwerpunkten 2017/18

[38] Dossier, Konferenz Time for change, 4. Mai 2019

[39] Nach https://www.zeit.de/gesellschaft/schule/2019-05/deutschland-verdummt-michael-winterhoff-bildungssystem-paedagogik-kinder, abgerufen 14.11.19

[40] Michael Winterhoff: Warum unsere Kinder zu Tyrannen werden, Gütersloher Verlagshaus, 2008

[41] https://www.welt.de/wirtschaft/article160237275/Darum-verfallen-unsere-Schulen-und-Strassen.html

[42] https://www.freiepresse.de/nachrichten/deutschland/investitionsstau-an-schulen-48-milliarden-euro-waeren-noetig-artikel10286094

[43] https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-08/kfw-studie-schulen-deutschland-zustand-investitionen

 

 


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Annett Torres:  Die Transformation der Bildung (Auszug aus FREIDENKER 2-20, ca. 362 KB)


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  Der Vortrag ist hier als Video verfügbar: https://www.freidenker.org/?p=7354#ref4


Beitragsbild oben: Annett Torres auf der Konferenz am 16.11.19 in Stuttgart, © arbeiterfotografie.com /
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