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Frauenrechte und die DDR – Interview mit Prof. Helga Hörz

Das nachstehende Interview wurde in 2 Teilen zuerst auf RT Deutsch veröffentlicht. Wir veröffentlichen beide Teile hier zusammen.

Frauenrechte und die DDR – Interview mit Prof. Helga Hörz (Teil 1)

(zuerst veröffentlicht auf RT Deutsch am 30.03.2019: https://de.rt.com/1usi)

Die Frauenrechts-Expertin Prof. Helga Hörz sprach mit RT Deutsch über den Kampf um Gleichstellung in der DDR. Sie wies auf die Möglichkeiten hin, die die DDR-Politik den Frauen bot. Die Übernahme durch die BRD habe sich negativ auf die Lage ausgewirkt.

Prof. Helga Hörz war Ethik-Professorin an der Berliner Humboldt-Universität. Sie arbeitete viele Jahre als Vertreterin der Deutschen Demokratischen Republik auf internationaler Ebene zu Frauen-Fragen, sowohl in der Internationalen Demokratischen Frauenföderation als auch bei verschiedenen UN-Gremien. Das Interview führte Hasan Posdnjakow.

Was hat Sie dazu motiviert, sich mit der Thematik der Frauenrechte zu beschäftigen?

Mein Gerechtigkeitssinn wehrte sich dagegen, die Arbeit von Frauen geringer einzuschätzen als die der Männer. Ursachen für diese Haltung fand ich in unwissenschaftlichen Wesensbestimmungen des Menschen, die oft ihre Sanktionierung in patriarchalischen Traditionen, Normen, Werten und Idealen fanden. Die Entwicklung von Frauen zur Persönlichkeit, die selbstbestimmt ihr Leben gestalten, wurde das Thema meiner Doktorarbeit. Sie erschien mit dem Titel: „Die Frau als Persönlichkeit“ im Deutschen Verlag der Wissenschaften zu Berlin 1968. In Japan erschien eine Übersetzung. Inzwischen ist sie digitalisiert im Internet mit einem aktuellen Vorwort eingestellt. Später habe ich mich wissenschaftlich intensiver mit dem langen Weg zur Gleichberechtigung befasst. Das Buch erschien 2010 im trafo Verlag Berlin.

Wie war die Situation der Frauen zu Beginn der DDR? Wie war sie im Jahr 1989?

Das Erbe nach dem Zweiten Weltkrieg waren zerstörte Städte und Dörfer, politische Orientierungslosigkeit, Hunger, herumstreunende Heimatlose und verwaiste Kinder. Da Frauen 60 Prozent der Bevölkerung bildeten, übernahmen Frauengruppen in ganz Deutschland Verantwortung gegen den sozialen und politischen Notstand.

Nach der Gründung der BRD entstand 1949 die DDR. Sie hatte Reparationsleistungen für die Sowjetunion zu erbringen, war durch Embargo der BRD und anderer Staaten für notwendige Industrieerzeugnisse oft schwer betroffen. Sabotageakte gegen Einrichtungen wie Industrieanlagen, auch Bedrohung und Ermordung von Funktionsträgern, erschwerten die Umsetzung der bereits beschlossenen Gesetze, die den Frauen zu ihren Menschenrechten verhelfen sollten, zusätzlich. Es war ein Bildungsdefizit unter Frauen zu überwinden. Dafür gab es staatliche Bildungsprogramme und wichtige Initiativen des Demokratischen Frauenbundes (DFD). Dieser setzte sich ebenfalls für die umfassende Teilnahme von Frauen an Entscheidungsprozessen auf allen Ebenen des neu gegründeten Staates ein.

Insgesamt herrschte in der DDR eine ungeheure Aufbruch-Stimmung  unter den Frauen. 1949 hatten nur fünf Prozent der Frauen in der DDR eine Berufsausbildung, 1957 waren noch 35 Prozent der weiblichen Bevölkerung Hausfrauen. Es war also unter einer großen Gruppe von Frauen, die das Patriarchat nicht in Frage stellten, Überzeugungsarbeit durch alle politischen Parteien und Organisationen sowie staatlichen Institutionen im Land, in den Ländern und den Kommunen zu leisten. Frauen sollten begreifen, dass sie nicht nur ein notwendiges Anhängsel von Männern sind, sondern eigenständige Persönlichkeiten, die auch außerhalb der Familie einen wichtigen Platz im gesellschaftlichen Leben einzunehmen hatten. Verordnungen und Gesetze waren öffentlichkeitswirksam zu erklären, um Eigeninitiative für ihre Umsetzung auszulösen.

Am Ende der DDR verfügten 84 Prozent aller weiblichen Beschäftigten über eine abgeschlossene Berufsausbildung. 1989 waren 91,1 Prozent der arbeitsfähigen Frauen berufstätig, lernten oder studierten. In Wirtschaft, Bildungswesen, Wissenschaft und Politik nahmen Frauen bereits wichtige Entscheidungspositionen ein. Das wäre weiter auszubauen gewesen. Zu bedenken ist jedoch, dass jahrhundertelanges Unrecht gegen Frauen nicht in wenigen Jahrzehnten zu überwinden ist. Es dauert lange, traditionelle und verfestigte Rollenklischees auch in den Köpfen von Männern und Frauen zu überwinden. Doch der Prozess der Überwindung des Unrechts war in Gang gesetzt.

Welche Maßnahmen wurden eingeleitet, um die rechtliche Stellung der Frauen in der DDR zu verbessern?

Zu wichtigen Verordnungen und Gesetzen, die die Gleichberechtigung rechtlich fixierten gehörten: der schon am 17.08.1946 erlassene SMAD-Befehl 253, der gleichen Lohn für gleiche Arbeit forderte, das Kontrollratsgesetz Nr. 16, das das nationalsozialistische Ehegesetz vom 8. Juli 1938 aufhob sowie Eheschließung und Eheauflösung neu regelte. Anfang der 50er-Jahre wurden dann, unter starker Beteiligung von Frauen einschließlich der im DFD organisierten politischen Frauenbewegung, drei grundlegende Gesetzeswerke erarbeitet: 1. die DDR-Verfassung von 1949; 2. das Gesetz über den Mutter- und Kinderschutz sowie die Rechte der Frau von 1950 und 3. der Entwurf eines Familiengesetzbuches, das 1965 Gesetzeskraft erlangte. Männer hatten danach die gleiche Verantwortung wie Frauen für die Familie, einschließlich der Kindererziehung, zu übernehmen. Das Gesetz verlangte, dass Betriebe Kindertagesstätten, Waschanstalten, Nähstuben u.a. einzurichten hatten.

Das bisherige Alleinbestimmungsrecht des Mannes in allen Angelegenheiten des ehelichen Lebens war aufgehoben und es galt das gemeinsame Entscheidungsrecht beider Elternteile für das Wohl der Kinder. Die Realisierung  der Gesetze wurde durch zusätzliche Maßnahmen und ideenreiche Aktivitäten unterstützt, denn aus vielen Köpfen ließen sich, wie betont, die alten Rollenbilder bei Frauen und Männer nur schwer verdrängen. Leider wurde das international anerkannte und von Kennern der Problematik hochgelobte Familiengesetz  am 31. August 1990 durch den Einigungsvertrag dann aufgehoben.

Wie sah es mit der gesellschaftlichen Akzeptanz dieser Maßnahmen aus? Gab es auch Kampagnen, um männliche Vorurteile gegenüber Frauen, aber auch mangelndes Selbstbewusstsein bei den Frauen selbst, zu überwinden?

Die Akzeptanz der Maßnahmen für die Gleichberechtigung der Frau war sehr hoch, vor allem bei Frauen und Männern, die das jahrhundertealte patriarchalisch geprägte Unrecht an Frauen endlich beseitigen wollten. Doch der Prozess verlief nie gradlinig. Auseinandersetzungen verschiedener Art fanden statt. Presse und Medien setzten sich mit solchen Auffassungen auseinander, die de facto auf eine Verteidigung des Patriarchats hinausliefen, weil der Wert eines selbstbestimmten Lebens von Frauen durch einige Frauen noch nicht begriffen wurde und von manchen Männern in Frage gestellt wurde. Eine breite gesellschaftliche Diskussion fand statt. So ging es in einer Zeitung um die Frage: „Ist der Beruf ein Notbehelf?“ Es gab sowohl Frauen, die den Wert ihrer Arbeit noch nicht als persönlichkeitsfördernd und ihre ökonomische Unabhängigkeit garantierend begriffen, als auch Männer, die sich in ihrer selbstbestimmten höheren Wertschätzung von Talenten und Fähigkeiten nicht bestätigt fühlten.

Hemmnisse in den Köpfen wurden u.a. 1961 im Kommuniqué des Zentralkomitees der SED „Die Frau, der Frieden und der Sozialismus“ einer kritischen Bilanz unterzogen. Männer, die die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau noch nicht als ihre eigene Aufgabe begriffen hatten, sollten für diese Aufgabe weiter aktiviert werden. Der geringe Anteil von Frauen in Leitungsfunktionen wurde gerügt. Das setzte einen Prozess in Gang, in dem fähige Frauen in Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Politik in höhere Positionen berufen wurden. Das führte dazu, dass in den letzten Jahren der DDR ein Drittel aller Leitungsfunktionen von Frauen besetzt war.

Von welcher Seite kamen die Initiativen für die Reformen – eher von der Basis oder von der Führung? In den westdeutschen Darstellungen heißt es oft, die Masse der Frauen sei gar nicht beteiligt gewesen an den Entscheidungen und Debatten, wie die Lage der Frauen verbessert werden könnte.

Es war ein Prozess, der von oben und unten vorangetrieben wurde. Gesetze und Verordnungen sind wichtig, aber sie bedürfen immer der Masseninitiativen, um sie durchzusetzen. Diese gab es, auch wenn sie heute manchmal ignoriert und verschwiegen werden. Meine Erfahrungen an der Basis stammen aus der Jugendarbeit in einem Betrieb, in dem vor allem Frauen beschäftigt waren. Als Vorsitzende der Frauenkommission der Gewerkschaft an der Humboldt-Universität Berlin verhandelte ich zum Beispiel mit dem Rektor über Frauenförderung. Es gab Frauenförderungspläne, an die sich Leiter/innen zu halten hatten.

Internationale Erfahrungen sammelte ich in der IDFF (Internationale Demokratische Frauenföderation). Deshalb  kann ich als Zeitzeugin über Aktivitäten von unten und oben berichten. Da waren vor allem die an der Basis wirkenden Frauenkommissionen der Gewerkschaft und der SED. Sie existierten in allen Betrieben, Einrichtungen und Institutionen. Man darf nicht die schon erwähnten Initiativen des DFD als einer politisch organisierten und anerkannten Frauenbewegung vergessen. An der Basis in Stadt und Land organisierte sie, unter Mitwirkung vieler Frauen, Bildungsarbeit, Solidaritätskampagnen, um Frauen in anderen Ländern zu helfen. Es gab interessante Freizeitangebote, darunter auch Handarbeit, wenn es gewünscht wurde.

Wie nahmen Frauen in der DDR die Situation der BRD-Frauen wahr? Bis in die 1970er konnten Frauen im Westen ja nicht allein entscheiden, eine Arbeit aufzunehmen, in eine eigene Wohnung zu ziehen oder einen Führerschein zu machen. Bis 1977 konnten BRD-Männer sogar den Arbeitsvertrag ihrer Frauen kündigen, wenn sie meinten, dass diese sich nicht genug um sie kümmerten.

Durch meine internationale Arbeit  kam ich in Kontakt mit vielen aktiven Kämpferinnen für die Rechte der Frauen aus der BRD. Es entstanden Freundschaften, die auch heute noch bestehen. Sie interessierten sich stets intensiv für den Kampf um Gleichberechtigung in der DDR, die erreichten Erfolge und selbstverständlich auch die Probleme, um Fehler zu vermeiden. Auch wenn Frauen aus der DDR sich nicht unbedingt mit den Verhältnissen in der BRD befassten, sondern auf die propagierte Scheinwelt des Konsums und der Reisen hereinfielen, nahmen sie die Förderung der Frauen in der DDR als selbstverständlich hin. Doch in meinem Kreis von Kolleginnen, Kollegen, Freunden, politisch und ehrenamtlich Tätigen stellte man entsprechende Vergleiche zur Lage der Frauen in der DDR und der BRD an.

In den Westmedien wird gerne behauptet, die Frauen wurden in die Arbeitswelt nur deswegen aufgenommen, weil es in der DDR einen Mangel an Arbeitskräften gab. Was ist dran an diesem Mythos?

Frauen als Arbeitskräfte waren willkommen und wichtig. Im Vordergrund standen jedoch die Entwicklung der Persönlichkeit der Frau und ihre mögliche Selbstbestimmung durch ökonomische Unabhängigkeit vom Mann. In vielen der jetzigen Medienkampagnen zum angeblichen Zwang der Frau arbeiten zu müssen, werden meines Erachtens nur alte Rollenklischees neu aufgemotzt propagiert. Vergessen ist das jahrhundertalte Unrecht an Frauen mit Zwangsheiraten, Verbot von beruflicher Entwicklung, geringen Chancen für angemessene Bildung und anderen Ungerechtigkeiten. Damit wird, trotz schöner Reden, am Patriarchat festgehalten. Es zu überwinden ist kein Prozess von wenigen Jahrzehnten. Doch wichtige Schritte wurden in der DDR gegangen.

Frauenrechte und die DDR – Interview mit Prof. Helga Hörz (Teil 2)

Zuerst veröffentlicht auf RT Deutsch am 31.03.2019: href=“https://de.rt.com/1usk

Frauenrechte und die DDR – Interview mit Prof. Helga Hörz (Teil 2)
Quelle: Sputnik
Die sowjetische Kosmonautin Walentina Tereschkowa, DDR-Volksbildungsministerin Margot Honecker und die sozialistische Aktivistin Angela Davis, eine ehemalige politische Gefangene in den USA

Die Frauenrechts-Expertin Prof. Helga Hörz sprach mit RT Deutsch über den Kampf um Gleichstellung in der DDR. Im Zweiten Teil erklärt sie unter anderem die Familien- und Frauenpolitik der DDR – und was die „Wiedervereinigung“ für die DDR-Frauen bedeutete.“

Prof. Helga Hörz war Ethik-Professorin an der Berliner Humboldt-Universität. Sie arbeitete viele Jahre als Vertreterin der Deutschen Demokratischen Republik auf internationaler Ebene zu Frauen-Fragen, sowohl in der Internationalen Demokratischen Frauenföderation als auch für verschiedene UN-Gremien. Das Interview führte Hasan Posdnjakow.

War die Entscheidung von Frauen, in die Arbeitswelt zu gehen, eine freiwillige, oder gab es auch Druck auf Frauen, eine bezahlte Tätigkeit aufzunehmen, auch wenn sie das vielleicht gar nicht wollten? Gab es eine staatliche Politik, um Eltern, vor allem Mütter, dabei zu unterstützen, Beruf und Familie zu verbinden?

Es war sowohl und vor allem freiwillig, doch auch mit Druck verbunden. Neues setzt sich generell nicht ohne Zwang durch. Familien hatten sich zu entscheiden, wobei Vorurteile von Männern zu überwinden waren. Ihre Bequemlichkeit und ihr Wunsch, zu Hause von der Frau bedient zu werden, sind nicht zu unterschätzen. Manche Frau blieb Hausfrau, auf eigenen Wunsch, auf Druck ihres Mannes oder aus der Umgebung. Für Frauen, die beruflich tätig sein wollten und konnten, gab es viele staatliche Maßnahmen und betriebliche Förderprogramme, um Beruf und Familie vereinbaren zu können. Viele Betriebe hatten Kinderbetreuungseinrichtungen und eigene Ferienlager, die für alle bezahlbar waren. Es gab ausreichend Kinderkrippen und Kindergärten mit fundiert ausgebildetem Personal, sowohl staatlich, betrieblich und auch kirchlich. An allen Schulen gab es Hortbetreuung für Schüler/innen der Klassen 1 bis 4. Bis zu 78 Prozent der Kinder erfasste dieses für Mütter und Eltern wichtige Betreuungssystem. Betreuung und Bildung, verbunden mit Erziehung durch ausgebildete Kräfte, waren kostenlos. Lediglich für das Essen zahlten die Eltern einen geringen Betrag. An allen Schulen der DDR gab es für einen – ebenfalls minimalen – Geldbetrag ein warmes Mittagessen und Trinkmilch.

Das Angebot nutzten viele Eltern, wie ich aus eigener Erfahrung mit meinen Kindern weiß. Übrigens bin ich seit 65 Jahren mit dem gleichen Mann verheiratet, und wir haben uns stets bemüht, das für die Familie zu leisten, was jeder am besten kann und die Pflichten zu verteilen, damit Mann und Frau ihre beruflichen Pflichten erfüllen konnten. Während meiner Dienstreisen im In- und Ausland sorgte mein Mann für unsere drei Kinder. Unser Prinzip war: Haben unsere Kinder Probleme, sind wir für sie da. Wegen der Sorge für einen Enkel sagte ich beispielsweise eine mir dringend angetragene Auslandsreise ab.

Wie war die Situation von alleinerziehenden Müttern in der DDR?

Es gab keinerlei Diskriminierung alleinstehender Mütter. Abhängig von der Anzahl der Kinder zahlte man ihnen für vier bis dreizehn Wochen im Jahr eine Unterstützung von 65 bis 90 Prozent des Nettolohns, wenn sie zur Pflege ihrer erkrankten Kinder zu Hause bleiben mussten. Den gleichen Anspruch hatten auch alleinstehende Väter. Mütter und verheiratete Frauen erhielten monatlich einen bezahlten Hausarbeitstag. Ab 1977 kam diese Vergünstigung auch allen anderen vollbeschäftigten Frauen, die das 40.Lebensjahr erreicht hatten, zugute.

Wie wurde mit dem Thema der Sexualität von Frauen in der DDR umgegangen?

Eine wichtige Forderung, jahrzehntelang immer wieder erhoben, war das Recht der Frau, über ihren Körper selbst zu entscheiden. Als selbständige Persönlichkeit sollte die Frau darüber befinden können, welchen Partner sie wählt und ob sie ein Kind haben wollte oder nicht. 1972 beschloss die Volkskammer der DDR das Gesetz „Über die Unterbrechung der Schwangerschaft.“ Endlich war damit ein wichtiges Ergebnis im Kampf um die Rechte der Frauen gesetzlich fixiert. Nun konnte jede Frau frei bestimmen, ob sie innerhalb von 12 Wochen nach Beginn ihrer Schwangerschaft diese unterbrechen lassen wollte. Es gab keine Pflicht zur Begründung. Die Kosten übernahm die Sozialversicherung.

Zugleich sollte ein umfassendes Beratungssystem mithelfen, Frauen nicht in diese Gewissensentscheidung zu bringen, indem sie rechtzeitig über alle möglichen Verhütungsmaßnahmen Bescheid wussten und sie nutzen konnten. Mediziner hatten gegenüber Frauen, die zur Konsultation kamen, nur das Recht eines Beraters, der sie zwar über die bei einem Abbruch der Schwangerschaft möglicherweise auftretenden gesundheitlichen Probleme aufklären sollte, doch ihr dabei keine Entscheidung aufdrängen durfte. Eine nicht gewünschte Schwangerschaft konnten die Frauen kostenlos in einer Klinik unterbrechen lassen, und sie konnten eine nicht gewünschte Schwangerschaft durch kostenlose schwangerschaftsverhütende Mittel verhindern.

Keine Frau war gezwungen, durch Prostitution ihren Unterhalt zu finanzieren. Es gab Bücher über Sexualität. Ich war beteiligt an den Ausarbeitungen für ein „Lexikon der Humansexuologie“, das 1990 erschien.

Welches Menschen- und Frauenbild stand hinter den Reformen für die Gleichberechtigung der Frauen in der DDR?

In der DDR galt das Ideal einer Familie, in der beide Partner gleichberechtigt alle ihre Aufgaben wahrnehmen, beide berufstätig sind, möglichst mehrere Kinder haben und die Frauen wegen der jahrhundertelangen Benachteiligung besonders gefördert werden. Gleichzeitig waren die alleinstehenden Frauen und Mütter zu schützen. Dabei traten Widersprüche zwischen Ideal und Wirklichkeit auf, wie sie in einer Gesellschaft, die sich der Überwindung der Männergesellschaft verschrieben hat, unbedingt zu erwarten sind. Alte Rollenklischees wirkten in manchen Köpfen weiter. Die Medien der DDR unterstützten in breitem Umfang die Auseinandersetzung mit ideologischen und gesellschaftlichen Hemmnissen beim Entwicklungsprozess zu selbstbestimmten Persönlichkeiten von Frauen und Männern, die sich auch durch Gefühlsreichtum auszeichnen. Die Themenbreite war beachtlich.

Als Ethikerin war ich umfangreich in entsprechende Diskussionen in den Medien einbezogen. Wohltuend war, dass die Frau nicht als Sexobjekt in Zeitungen und Zeitschriften dargestellt wurde. Es gab den, wie man lästerte, „genehmigten Republik-Nackedei“ in der Zeitschrift „Magazin“. Berichte über FKK-Strände und Ausstellungen zeigten die Ästhetik des menschlichen Körpers. Die Medien stellten Frauen als Persönlichkeiten vor, die als Facharbeiterinnen, Bäuerinnen, Wissenschaftlerinnen die neue Stellung der Frau in der DDR verkörperten. Schriftstellerinnen führten in ihren Romanen ebenfalls eine philosophisch-kulturelle Auseinandersetzung um Frauenbilder in der DDR.

Nehmen wir an, ein bekannter Politiker oder Fabrikdirektor hätte in den 1960er Jahren frauenfeindliche Sprüche abgelassen und Frauen daran gehindert, eine gleichberechtigte Position in der Gesellschaft wahrzunehmen. Wie hätten sich die gesellschaftlichen und politischen Reaktionen darauf jeweils in der DDR und BRD unterschieden? Was waren die wichtigsten verbleibenden Probleme in der DDR auf dem Feld der Gleichberechtigung von Frauen?

Jede Frau hatte die Möglichkeit, sich bei den unterschiedlichen staatlichen und betrieblichen Einrichtungen, bei der Gewerkschaft, bei den politischen Parteien und Organisationen zu beschweren. Reaktionen dazu gab es dann in verschiedener Weise, von Kritik, Verwarnungen bis zu disziplinarischen Maßnahmen. Unter den Tisch gekehrt wurden solche Beschwerden keinesfalls. Filme und Medien prangerten an, wenn Verhalten vorlag, welches Frauen in ihrer Integrität angriff. Das, was sich reiche Männer in kapitalistischen Ländern erlauben können – denken wir an die Me-Too Bewegung – war nicht möglich.

Was hat die DDR auf internationaler Ebene unternommen, um die Stellung der Frauen zu verbessern? Gab es ähnliche Bemühungen seitens der BRD? Wurden Ihre Bemühungen in den UN-Gremien für Frauenfragen nach der Wende von der BRD gewürdigt?

Ich konnte meine wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Entwicklung von Frauenpersönlichkeiten, als gewählte Staatenvertreterin aus der DDR, in der UNO-Kommission „Zum Status der Frau“ auf ihren Gestaltungswert überprüfen. So war ich an der Ausarbeitung der Konvention „Über die Beseitigung aller Formen der Diskriminierung der Frau“ beteiligt. Die  Arbeit in dieser Kommission war eine Bereicherung für mich, weil ich Wissen über die reale Lage der Frauen in vielen Ländern der Welt sammeln konnte. Ich brachte unsere Erfahrungen in der DDR bei der Durchsetzung der Gleichberechtigung mit ein. Sie wurden mit großer Aufmerksamkeit aufgenommen. Vertreterinnen aus verschiedenen Ländern suchten das Gespräch mit mir, weil sie einige Erfahrungen der DDR modifiziert für ihre gesellschaftlichen Verhältnisse ausprobieren wollten.

Für mich bestätigte sich, dass man Erfolge in der Entwicklung von Frauenpersönlichkeiten nur erzielen kann, wenn man die Geschichte ihrer Unterdrückung kennt und immer eine internationale Gesamtsicht behält, an der man sich reiben kann. Meine Arbeit in der Kommission fand ihre Anerkennung durch mehrmalige Wahl als Präsidentin oder Vizepräsidentin von Tagungen. Auf der 2. UNO-Weltfrauenkonferenz in Kopenhagen war ich 1. Vizepräsidentin „in charge of coordination“ (Für die Koordination verantwortlich). Das ist die wichtigste Funktion auf solchen Konferenzen. Nach 1990 waren meine Erfahrungen und Leistungen in der UNO-Arbeit im wiedervereinigten Deutschland nicht mehr gefragt. Ich berichte ausführlich über meine Arbeit in der 2009 publizierten Autobiografie Zwischen Uni und UNO. Erfahrungen einer Ethikerin.

Nun hat die erwähnte Konvention, die am 3.9.1981 durch die UNO-Vollversammlung ratifiziert wurde, von den sieben Menschrechtsverträgen die zweithöchste Ratifikationsrate. 189 Staaten müssen alle vier Jahre vor dem Ausschuss CEDAW (Convention on the Elimination of all forms of Discrimination against Women) Rechenschaft über den erreichten Entwicklungsstand ablegen. Die DDR ratifizierte die Konvention 1980, als zweites Land der Welt, durch den Staatsrat und veröffentlichte sie im Gesetzblatt. Die BRD ratifizierte sie erst 1985, kurz vor der 3. UNO-Weltfrauenkonferenz in Nairobi. Die USA haben sie bisher gar nicht ratifiziert.

Welche Einflüsse hatte der Untergang der DDR auf die Stellung der Frauen im Ostteil der vergrößerten Bundesrepublik?

Im Zeitraum von fünf Jahren wurden mehr als vier Millionen Dauerarbeitsplätze im Osten vernichtet. Frauen traf es besonders hart. 64 Prozent Arbeitslosigkeit war das traurige Resultat unter Frauen. Sie hatten nicht nur oft sinnlose Umschulungen mitzumachen, sondern fanden auch weniger Zugangsmöglichkeiten zu ABM-Maßnahmen. Wenn sie noch in einem Arbeitsverhältnis waren, wurden sie schneller gekündigt. Die Bezahlung blieb unter den im Westen geltenden Tarifen. Das betraf und betrifft auch heute noch Frauen und Männer, die in einer bezahlten Tätigkeit, wenn auch meistens unter ihrem Ausbildungsniveau, übernommen wurden. Manche Frauen aus der DDR, vor allem, wenn sie sich in etablierten Parteien organisiert hatten, schafften den Karrieresprung in der Politik oder als Selbständige in der Wirtschaft.

Gibt es noch spürbare Unterschiede zwischen West-und Ost-Frauen?

Frauen aus dem Osten bringen ihr Wissen ein, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen ihnen die erworbenen Kompetenzen in unterschiedlichen Tätigkeiten ihr Selbstvertrauen stärken, aber auch ihre ökonomische Unabhängigkeit garantieren hilft.  Sie haben kennengelernt und nicht vergessen, welche Leistungen ein Staat erbrachte, um Berufstätigkeit und Mutterschaft vereinbaren zu können. Wenn sie dieses Wissen an die nachfolgenden Generationen weitergeben, dann können zukünftige Generationen für ihre Persönlichkeitsentwicklung Forderungen stellen und besser durchsetzen, die auf dem historischen Wissen basieren, was machbar ist.

Prof. Helga Hörz ist Mitglied des Beirats des Deutschen Freidenker-Verbandes


Bild oben: Aufnahme während den Vorbereitungen für die 10. Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Berlin, DDR, am 1. Mai 1973.
Bildquelle: Sputnik