Arbeit & Soziales

Zur Empörung über das Verbot von Geschlechtsumwandlung in Russland

Die Duma hat es getan! Sie hat das „Verbot von Geschlechtsumwandlungen“ beschlossen. Naturgemäß tobt der Westen, und insbesondere in Deutschland können sich queere, aber auch nicht-queere Sittenwächter kaum einkriegen. Was erlauben sich denn die Russen da schon wieder?!

Von Tom J. Wellbrock

Erstveröffentlichung am 18.07.2023 auf RT DE

Beginnen wir mit einem aktuellen Beispiel aus Deutschland. Da gab es diesen Zeitungsartikel, in dem die Frage gestellt wurde, ob Frauen öffentlich an Eiskugeln lecken dürfen, selbst dann, wenn Männer anderer Kulturen – etwa aus Syrien – damit ein Problem hätten oder „nervös“ darauf reagieren würden.

Die virtuelle Druckerschwärze war noch nicht getrocknet, da begann eine laute und hoch emotionale Debatte im Netz. Es gab natürlich viele Abstufungen, aber der Tenor lautete: „Wenn es dir nicht passt, dass Frauen hier in der Öffentlichkeit Eis essen, kannst du auch verschwinden!“

Da ist was dran.

Die Sache mit den Frauen in Syrien

Manaf Hassan hat das Problem des Zeitungsartikels gut auf den Punkt gebracht, als er auf Twitter schrieb:

„Der Verfasser behauptet, dass er es in Syrien – wie jeder andere Mann oder andere Frau – vermieden hätte, ein Eis in der Öffentlichkeit zu essen, weil es dort als vulgär/obszön gewertet wird. Das ist eine ganz große Lüge. Ich selbst esse in Syrien oft Eis und sehe auch viele Menschen Eis essen. Auch viele Frauen. Syrien ist ein säkulares Land, in dem Religion und Staat getrennt sind. Es gibt in Syrien aber leider hier und da konservativ-muslimische Familien, die in einer Parallelgesellschaft leben. Seit Ausbruch der Syrien-Krise sind diese Familien in Teilen, in denen der IS und andere islamistische Terroristen die Kontrolle hatten, rasant angestiegen, aus Angst vor Repressionen. Dort waren all diese Dinge nicht erlaubt. In diesen Gebieten durften Frauen beispielsweise nicht an der Wand schlafen, weil sich dahinter ein Mann befinden könnte. Sie durften auch keine Gurke, Karotte oder Banane am Stück essen, sondern mussten sie in Stücke schneiden. So wie der Verfasser es eben beschreibt.“

Gut möglich, dass der Eis-Kritiker es gern hätte, wenn alle Frauen überall auf der Welt angehalten wären, sich nicht obszön oder vulgär zu verhalten, jedenfalls nicht in dem Sinne, den er für nicht vertretbar hält. Aber kehren wir es einmal um und unterstellen einem Land – einem fiktiven Land –, dass Frauen öffentlich kein Eis essen dürfen. Es wäre gesellschaftlich nicht anerkannt, würde der in diesem Land dominierenden Religion zuwiderlaufen und zudem im Inland nicht anerkannt werden.

Was tun? Nun, in meinen Augen wäre es naheliegend, das (fiktive) Land und die dort geltenden Regeln zu akzeptieren. Andere Länder, andere Sitten, das sagt man zwar gern, aber wenn diese Sitten von den eigenen abweichen, ist oft Schluss mit lustig. Das (fiktive) Land hat ein Recht darauf, Regeln rund um das Eisessen aufzustellen, auch wenn es den Menschen anderer Länder nicht gefällt.

Die Sache mit den Frauen in Deutschland

Wir erinnern uns: Es ging in dem Zeitungsartikel um Frauen, die in Deutschland Eis essen. Für sie gilt das Gleiche wie für die Frauen in dem eben beschriebenen fiktiven Land, nur umgekehrt: In Deutschland ist es Teil der Kultur (wenngleich das ein großes Wort ist und auch auf die Pommes-Preise in Freibädern angewendet werden könnte), dass jeder Mann und jede Frau (und von mir aus auch alle anderen Geschlechter, die es inzwischen zu geben scheint) Eis essen kann, wo er oder sie oder es will. Man kann wahlweise an den kalten Kugeln lecken, man kann reinbeißen, man kann sie sich auch ins Dekolleté tropfen lassen und dann ablecken (was aufgrund der eingeschränkten Praktikabilität den Genuss aber etwas schmälern dürfte).

Wer auch immer aus welchem Land auch immer (also auch dem genannten fiktiven) sich daran stört, hat ein Problem, nicht aber die, die ihr Eis so essen, wie sie es aus dem Land, in dem sie leben, gewohnt sind.

Eigentlich sagt das gute, alte „Andere Länder, andere Sitten“ alles aus, was zu sagen ist: Es gelten die Sitten des Landes, in dem man sich gerade befindet. Wer sich daran nicht zu halten vermag, möge das nicht dem Gastgeber in die Schuhe schieben, denn er selbst ist ein schlechter Gast. Nancy Faeser dürfte wissen, was gemeint ist.

Die Sache mit den Geschlechtsumwandlungen in Russland

Erbost tönten also die Verfechter der deutschen Eisesskultur, man möge sich aus diesen Errungenschaften der westlichen Zivilisation heraushalten. Wir essen unser Eis, wie wir das wollen. Ende. Aus. Basta. Und es ist ja auch richtig. Auch ich kann durchaus „nervös“ werden – das war ja eines der genannten Probleme des Zeitungsartikels –, wenn eine attraktive Frau auf eine spezielle Art an einer Eiskugel leckt. Welcher heterosexuelle Mann würde das anders sehen?

Wenn besagte Frau nun auch noch einen kurzen Rock und ein knappes Top trägt, bewegt sich meine „Nervosität“ auf einem ganz neuen Niveau. Das führt allerdings nicht dazu, dass ich der Frau das Eis aus der Hand schlage und mich unerlaubt über sie hermache. Meine „Nervosität“ bleibt selbstverständlich irgendwo in der Hirnregion für Sex stecken, woanders hat sie nichts, aber auch gar nichts zu suchen.

Aber es gibt ja auch noch eine andere Form der „Nervosität“. Es ist nicht übermittelt, ob diese beim Mann aus dem Zeitungsartikel religiöse Gründe hat oder einer anderen Motivation folgt, aber sie muss nicht zwingend etwas mit Sex zu tun haben. In der Sache ist das aber egal, denn die Frau in Deutschland isst ihr Eis nach ihrem Geschmack. Punkt. Aus. Ende.

Bei dem russischen Verbot der Geschlechtsumwandlungen geht es tatsächlich nicht, oder nur sehr peripher, um Sexualität. Die Duma, die das neue Gesetz beschlossen hat, nannte vornehmlich zwei Gründe für ihre Entscheidung:

1. Das Zurückdrängen westlicher Einflussversuche.

2. Den Schutz der traditionellen Familie.

Bevor wir uns diesen Begründungen zuwenden, sei auf das bisher Geschriebene eingegangen. Denn auch wenn das Verbot von Geschlechtsumwandlungen und die Art, Eis zu essen, schlecht vergleichbar sind, haben beide Sachverhalte eine Parallele. Denn es geht um die Akzeptanz der Sitten, Gebräuche, Gesetze, Traditionen, Rituale, Religionen und gesellschaftlichen Übereinkünfte einer Bevölkerung, und zwar völlig losgelöst von den genannten beiden Begründungen der Duma.

Man kann in Deutschland erwarten, dass unsere Art, ein Eis zu essen, von Menschen anderer Nationalitäten akzeptiert und respektiert wird. Gleiches gilt für den umgekehrten Fall, und die Debatte ums Eisessen bestätigt im Grunde, dass es hier einen breiten Konsens gibt. Es drängt sich also die Frage auf, warum die russische Entscheidung der Duma nicht auf ähnliche Akzeptanz und ähnlichen Respekt stößt.

Zum einen liegt das an der in den letzten Jahrzehnten massiv aufgebauten Russophobie in Deutschland. Seit Februar 2022 sind alle Dämme gebrochen, und kaum jemand muss sich vor Sanktionen fürchten, wenn er auf alles Russische schimpft in einer Art und Weise, die über Beleidigungen hinausgeht und als eindeutige Menschenverachtung verstanden werden muss.

Zum anderen hat sich hierzulande so etwas wie ein Regenbogenkult durchgesetzt, der jede Verhältnismäßigkeit verloren hat. Man muss es so deutlich sagen: Jeder Schwachsinn ist hoffähig geworden, sobald er mit den Regenbogenfarben garniert wird. Deutschland ist innerhalb kürzester Zeit zu einer Art gendergetränkten Regenbogeninsel geworden, von der aus der Feldzug der 72 Geschlechter in die Welt hinaus gestartet wurde. Gefangene werden nicht gemacht, wer sich nicht beugt, ist ein Monster!

Auf nach Moskau!

In Deutschland wird gern und mit theatralischer Geste vom russischen Einfluss auf unser Land geredet. Glaubt man den Panikattacklern, lungern an jeder Ecke russische Agenten rum, um die Gelegenheit abzuwarten, uns alle zu mordenden Russen zu machen. Der Russe verübt Cyberattacken, er verführt unsere Frauen, entführt unsere Kinder und will ohnehin nur eines: unser Land, mit Haut und Haar. Schrecklich, all das.

Weniger thematisiert wird der Einfluss, den der Westen auf Russland zu nehmen versucht. Da diese Einflussversuche von Politik und Medien öffentlichkeitswirksam dementiert werden, muss sich jeder, der etwas anderes behauptet, als Spinner oder bezahlten Putin-Troll brandmarken lassen. Das ist dann wohl jetzt beim Autor dieses Textes der Fall, doch der bleibt tapfer und schreibt unbeirrt weiter.

Selbstverständlich gibt es diese Einflussversuche des Westens, und zwar nicht zu knapp. Im Gegensatz zu anderen Ländern ist Russland ein Land mit einem grundsätzlich ähnlichen System wie dem, das wir kennen. Das heißt, dass es nicht schwer ist, Versuche des Einflusses zu realisieren. Zudem: Wenn sämtliche russischen Einflussagenten an jeder deutschen Ecke stehen, um uns zu verhexen, dürfte es schwerfallen, in Russland jeden westlichen Agenten schnell aufzuspüren. Das ist alles eine Frage des Managements und der Dicke der Personaldecke.

Die Sache mit der Einflussnahme ist kein Kindergeburtstag, vermutlich reicht sie bis an den Kreml heran oder sogar in ihn hinein. Das ist im Übrigen eigentlich kaum erwähnenswert, denn der Westen – vornehmlich in Gestalt der USA – nimmt auf der ganzen Welt Einfluss, in aller Herren Länder, und es wäre nicht verwunderlich, wenn sogar Nordkorea nicht verschont bliebe.

Damit sind wir an einem neuralgischen Punkt. Denn es geht den Russen nicht nur um die offenkundige und nicht zu leugnende Tatsache der Einflussnahme durch den Westen. Diese muss wohl oder übel bis zu einem gewissen Punkt hingenommen werden, doch dieser gewisse Punkt droht überschritten zu werden.

Womit wir zum letzten Punkt kommen.

Die traditionelle Familie in Russland

Die Situation könnte konträrer kaum sein. Während in Deutschland die traditionelle Familie mehr und mehr an Bedeutung verliert und unzählige Formen der Beziehung und der Geschlechterzuweisung immer mehr Raum einnehmen, ist in Russland ein Familienbild dominant, das der traditionellen Familie einen hohen Stellenwert einräumt. Das ist nicht neu, neu ist vielmehr das westliche Denken, das sich von ebendiesem Bild der Familie trennt.

Das neue Gesetz über das Verbot der Geschlechtsumwandlung wirkt radikaler, als es notwendig wäre, und es mag auch nicht so recht passen zu einer Gesellschaft, die sich – auch wenn dies vom Westen jeden Tag 24 Stunden lang geleugnet wird – insgesamt eher offen und tolerant zeigt. Einmal mehr nimmt der Autor den Vorwurf in Kauf, ein (un)bezahlter Putin-Troll zu sein, der die Verschwörungstheorie verbreitet, Russland sei freier als es Norbert Röttgen, Anton Hofreiter und Annalena Baerbock behaupten.

Trotzdem sei fürs Protokoll kurz angemerkt, dass die deutschen Medien oft sogenannte Russland-Kritiker zitieren und feiern, die sich öffentlich und sogar im Fernsehen gegen diesen oder jenen Punkt von Putins Politik äußern. Wie kann denn das bloß sein, wenn doch Russland eine Diktatur ist, in der jeder eingesperrt oder ermordet wird, der etwas Regierungskritisches sagt? Bei meinem Besuch in einer russischen Universität mit anschließender Diskussion zwischen Studenten und Dozenten ging es jedenfalls hoch und kontrovers her, und ich schwöre bei Marx, dass von fehlender Meinungsfreiheit keine Rede sein konnte.

Aber zurück zum Thema.

Es geht um Wertschätzung. Um Akzeptanz und um Respekt. Am eingangs erwähnten Beispiel mit den Eis essenden Frauen und der daraus resultierenden Nervosität ausländischer Männer (von der eigenen des Autors ganz zu schweigen) wird deutlich, dass es durchaus ein Verständnis in der Bevölkerung gibt für kulturelle Unterschiede. Und gewisse Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen. Es wirkt fast ein wenig heldenhaft, wenn Männer, Frauen und womöglich Teile der weiteren 72 Geschlechter sich zusammentun, um klarzumachen, dass wir uns das Eisessen nicht verbieten lassen. Das ist weniger trivial als man denken mag, denn hier zeigt sich ein kollektiver Wille, die Art zu leben gegen Angriffe abzuwehren. In Anbetracht der Tatsache, dass die deutsche Gesellschaft in weiten Teilen gespalten ist und so etwas wie Traditionen mehr und mehr ins Nebulöse abgleiten, mit denen kaum noch jemand etwas zu tun haben will oder zu tun haben kann, ist die gemeinschaftliche Abwehrhaltung nicht unbedingt als ein Defizit einzuordnen.

Allerdings bleibt diese Fortschrittlichkeit (man könnte auch sagen: traditionelle Herangehensweise) irgendwo zwischen der Wand und der Tapete hängen. Denn so vehement die Deutschen die heimischen Frauen und ihre Art, am Eis zu lecken, gegen internationale Einmischung verteidigen, so arrogant und herablassend sind sie in ihrer Missachtung und Missbilligung anderer kultureller Beschaffenheiten.

Diese Distanz zwischen Wand und Tapete ist durchaus problematisch, denn sie führt dazu, dass zwar die eigenen Werte, Rituale und Wesenszüge irgendwie anerkannt und gegebenenfalls auch gegen Angriffe verteidigt werden. Anderen Ländern billigt man dieses Recht aber nicht zu. Und so ist es kaum verwunderlich, dass das neue Gesetz in Russland, das die Geschlechtsumwandlung verbietet, hier nur als Rückschritt und Zeichen autoritärer Politik identifiziert werden kann.

Fazit

Der Autor dieses Textes ist sich hinsichtlich der Bewertung des Duma-Gesetzes unschlüssig. Einerseits scheint es in seiner Radikalität, die nur wenige Ausnahmen zulässt, unnötig kompromisslos zu sein und nicht im Sinne der – wenn auch wenigen – Betroffenen, die alles andere als Einflussagenten sind und letztlich nur ihren Gefühlen und Überzeugungen nachgehen wollen.

Andererseits wird hier im Westen jeden Tag deutlicher, dass die – nennen wir sie – Regenbogen-Kampagnen weit mehr bedeuten als die Fahne der Toleranz hochzuhalten. Mit den Farben des Regenbogens wird eine Politik gemacht, die zutiefst autoritär ist und den Menschen Sichtweisen aufzwingen will, gegen die sie sich – je länger diese Kampagnen laufen – kaum mehr werden wehren können. Insbesondere die Auswirkungen auf Kinder sind mittel- und langfristig nicht abzuschätzen und können weitreichende Folgen auf die Psyche der heute heranwachsenden Menschen haben.

In jungen Jahren mochte ich die Geschichten, die sich um das Ende des Regenbogens rankten – sie waren spannend und hatten etwas Romantisches.

Heute bin ich nicht mehr sicher, ob ich wissen möchte, was am Ende des Regenbogens auf uns wartet.

Tom J. Wellbrock ist Texter und Sprecher und betrieb gemeinsam mit Jens Berger den Blog Spiegelfechter. Aktuell betreibt er gemeinsam mit Roberto J. De Lapuente den Blog Neulandrebellen.de sowie den Telegram-Kanal „Randnotizen aus der Mitte„.


Bild oben: pixabay.com / geralt (Ausschnitt)