Die Lage der Kinder in Kuba

Aus: “Freidenker” Nr. 3-10 September 2010, S. 36-39, 69. Jahrgang

von Marion Leonhardt

Ziele und Erfolge für Kinder in einer Gesellschaft, die den Sozialismus aufbaut

„Unser Grundsatz ist: Alles für die Kinder!“
(Aleida Guevara, Tochter von Che Guevara und Kinderärztin in einem Krankenhaus in Havanna am 19.9.2008 in Berlin über die kubanische Gesundheitspolitik)

Das Wohl und die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen sind inhärente Ziele beim Aufbau der sozialistischen Gesellschaft in Kuba. Das hat weitreichende Konsequenzen für die Gesetzgebung, die Ressourcensteuerung sowie die politische und gesellschaftliche Praxis, insbesondere in den beiden zentralen Bereichen Gesundheit und Bildung.
Trotz der seit Beginn der Revolution von den USA verhängten Wirtschafts-, Finanz- und Handelsblockade gegen Kuba sowie eines ökonomischen Entwicklungsstandes, der nicht der eines hochentwickelten Industrielandes ist, steht Kuba bei einem Vergleich der Lebensbedingungen der Kinder in Lateinamerika regelmäßig an erster Stelle. Bei vielen Indikatoren braucht Kuba auch den Vergleich mit westlichen Industrieländern nicht zu scheuen. Dreh- und Angelpunkt dieses Erfolges sind das kubanische Gesundheits- und Bildungswesen.
Beide Bereiche werden seit der Revolution ständig flächendeckend ausgebaut und qualitativ verbessert. Die Nutzung ist für die Bürger kostenlos und bietet damit einen barrierefreien Zugang unabhängig von der sozialen, finanziellen, wirtschaftlichen oder familiären Situation. Zudem ist es ein wichtiges Gestaltungsprinzip beider Kernbereiche der Daseinsvorsorge, die Betroffenen soweit wie möglich einzubeziehen, auf individuelle Bedarfslagen einzugehen und wohnortnahe Angebote zu unterbreiten.
Um einzuschätzen, was es bedeutet, wenn Kuba heute zum Beispiel

mit 5,3 je 1000 Lebendgeburten die niedrigste Kindersterblichkeitsrate in Lateinamerika und die zweitniedrigste des ganzen Kontinents hat (die Kindersterblichkeitsrate in der BRD beträgt durchschnittlich 3,95 – ist aber je nach Region und sozialer Lage sehr unterschiedlich: Gelsenkirchen etwa hat eine Kindersterblichkeitsrate von 8,7),

eine Alphabetisierungsrate laut Volkszählung in 2002 von 100 % aufweist (BRD: ca. 4 % Analphabeten),

98,2 % aller Kinder im Alter von 6 bis 16 Jahren einen erfolgreichen Schulbesuch ermöglicht,

ist ein Blick auf die Zeit der Batistadiktatur – also der Zeit vor der Revolution – aufschlussreich.1953 beschreibt Fidel Castro die Situation des damals 6,5 Millionen Volkes in seiner Verteidigungsrede „Die Geschichte wird mich freisprechen“:

„mehr als 1 Million sind Analphabeten (23,6 % der Bevölkerung ab 10 Jahren)

mehr als eine halbe Million Kinder (mit 45 % fast die Hälfte aller Kinder zwischen 6 bis 14 Jahren) sind ohne Schule

nur die Hälfte der Kinder erreicht eine Mittelstufenausbildung

Fach- und Hochschulausbildung gibt es nur für wenige und nur in Großstädten.

Auch die Gesundheitsversorgung ist katastrophal. Unter Batista gibt es gerade mal an zwei Krankenhäusern Kinderstationen und das Krankenhaus „Pedro Borras Astora“ für die pädiatrische Versorgung. Die Säuglingssterblichkeitsrate beträgt 1959 mehr als 60 auf 1000 Lebendgeburten. Besonders die Situation auf dem Lande ist katastrophal. Nur 8 % der Kubaner erhalten eine kostenlose medizinische Versorgung. Die meisten Krankenhäuser sind privat und arbeiten gewinnorientiert“.

Die Revolution macht aus Kasernen Schulen

Eine der größten und einschneidendsten Veränderungen nach der Revolution ist die Alphabetisierung des Landes, die den Grundstein für eine breite Teilhabe der Bevölkerung an den gesellschaftlichen Prozessen legt. Aktive und Träger dieser Mission sind nicht zuletzt Kinder und Jugendliche. Der Aufbau des Bildungswesens beginnt.
Die Columbia-Kaserne etwa wird in einen Komplex mit 18 Lehreinrichtungen, davon drei Sonderschulen, für 14030 Schüler umgewandelt – wie weitere 69 Kasernen der Batista diktatur. Der Bau von Bildungseinrichtungen in Havanna und in den Provinzen sowie die Verkleinerung der Klassen werden vorangetrieben. Ziel ist eine Klassenstärke von 15 Schülern, was enorme Anstrengungen beim Bau von Klassenräumen und der Bereitstellung von Lehrern erfordert. Viele von ihnen sind in der Sonderperiode in lukrativere Berufe abgewandert. Um die geringen Klassenstärken trotzdem zu erreichen, bildet man seit 2000 Jugendliche nach der 9. Klasse zu sogenannten „emergentes“ (Lehrer im Schnelldurchgang) aus. Ein Jahr werden sie an einem pädagogischen Ausbildungszentrum auf ihre Lehraufgabe vorbereitet und erhalten eine erweiterte Allgemeinbildung. Dann gehen sie als „profes“ an die Schule und studieren gleichzeitig an der Universität. Hier hat man sozusagen aus der Not eine Tugend gemacht. Aber das Vertrauen in die jungen Menschen zahlt sich wie bei der Alphabetisierung erneut aus. Bei allen Überprüfungen des Bildungswesens durch die UNESCO nimmt Kuba den ersten Platz in Lateinamerika und der Karibik ein – überholt im Bereich Mathematik sogar Frankreich.
Die kulturellen, sportlichen, wissenschaftlichen und rekreativen Bedürfnisse der Kinder werden nicht nur beim Schulbesuch berücksichtigt, sondern finden auch in 306 Pioniereinrichtungen in den einzelnen Provinzen und Kreisen des Landes ihren Niederschlag. Die Pioniereinrichtungen unterteilen sich in 123 Pionierpaläste, 17 Pionierlager, 74 Zentren Junger Forscher, 7 Kinderparks, 74 Pionierbiwaks, 2 Tagesferienlager, 8 Ludotheken und einen Theaterpalast.
Kinder in Kuba haben aber auch ihre eigene Organisation zur gesellschaftlichen Beteiligung. 99,5 % aller Schüler vom 1. bis zum 9. Schuljahr sind Mitglied in der Pionierorganisation „Jose Marti“ (OPJM). Hier lernen sie eigene Verantwortung (individuell oder kollektiv) bei der Lösung ihrer Probleme.

Bild: https://pixabay.com/de/users/dassel / Aline Dassel
Bild: https://pixabay.com/de/users/dassel / Aline Dassel

Die durch die Revolution geschaffenen Rechte der Kinder sind natürlich in der kubanischen Verfassung, zahlreichen Gesetzen nebst Verordnungen und Programmen verankert. Begleitet wird der legislative Prozess von der ständigen „Kommission zur Betreuung von Kindern und Jugendlichen und für die Achtung der Gleichberechtigung der Frauen“, die der Nationalversammlung beigeordnet ist. Beispielhaft seien folgende Rechtsgrundlagen zugunsten der Kinder erwähnt:
Artikel 51 der Kubanischen Verfassung garantiert kostenlose Bildung und Lehrmittel für alle und für alle Bildungseinrichtungen. Förderung der Kinder nach ihren Fähigkeiten, unabhängig der ökonomischen Situation ihrer Familien. Bildung als Recht und Pflicht der gesamten Gesellschaft und jeder Person, ohne Ansehen von Alter, Hautfarbe, Geschlecht, Ethnie oder Religion.
1989 unterschreibt Kuba die Internationale Konvention über Rechte der Kinder, die es am 21. August 1991 ratifiziert.
Kuba erfüllt die Resolutionen des Weltgipfels für Kinder mit einem nationalen Aktionsprogramm zur Unterstützung der laufenden Programme (Evaluierung und Monitoring der Verpflichtungen und Ziel, Verteidigung der Rechte der Kinder auf internationalen Treffen).
Kuba gehört zu den wenigen Ländern, die auf dem Weg sind, die Millenniumsziele der Vereinten Nationen, die bei einem Gipfeltreffen im September 2000 in New York festgelegt wurden, auch tatsächlich zu erreichen. Das UN-Vorhaben, bis 2015 allen Kindern zumindest eine Grundschulausbildung zu ermöglichen, ist schon umgesetzt. 2008 besuchten nicht weniger als 99,7 % der Kinder in dem entsprechenden Alter tatsächlich die Grundschule – 96,5 % von ihnen schlossen diese erfolgreich ab.
Um wirkliche Fortschritte bei der Bildung zu erreichen, müssen aber auch die Voraussetzungen für eine gute gesundheitliche Entwicklung der Kinder geschaffen werden. Und Lernerfolg hängt mit der richtigen Ernährung zusammen. Die Qualität des Mittagessens in den Schulen wurde verbessert und seit 2001 werden Größe und Gewicht der Kinder bis zum 15. Lebensjahr kontrolliert, um auf Fehlernährung reagieren zu können.
Das kubanische Gesundheitswesen und die Programme zum Schutz von Kindern und Jugendlichen sind Garanten für das Recht auf Gesundheit. Die kubanische Verfassung schreibt dieses Recht auf gesundheitliche Betreuung und gesundheitlichen Schutz für alle fest: „Der Staat garantiert dieses Recht auf kostenlose medizinische ambulante und stationäre Betreuung durch ein Netz von Einrichtungen der medizinischen Dienste auf dem Lande, die Polikliniken, Krankenhäuser, prophylaktischen Zentren und Facharztzentren, mit der zahnärztlichen Betreuung, mit der Entwicklung von Programmen zur Aufklärung in Hygiene und Gesundheitserziehung, mit regelmäßigen medizinischen Untersuchungen, allgemeinen Impfprogrammen und anderen vorbeugenden Maßnahmen. An diesen Programmen und Aktivitäten beteiligt sich die ganze Bevölkerung über ihre gesellschaftlichen Organisationen.“
Eine besondere Bedeutung bei der Gesundheitsversorgung kommt dem 1984 errichteten Familienarztsystem zu. In jedem „barrio“ (Wohnviertel), jedem Betrieb, jeder Schule und in jeder Siedlung auf dem Lande betreut der Familienarzt mit einer Krankenschwester in einer Arztpraxis insgesamt 99,1 % aller Kubaner. Seine Hauptaufgabe ist die vorbeugende Arbeit wie Impfungen, aber auch Diagnostik, Therapie und Notdienste.
Die Fürsorge beginnt schon früh mit der Familienplanung, die ermöglichen soll, dass jedes Kind ein Wunschkind ist. Kuba hat die niedrigste Geburtenrate mit 1,6 in ganz Südamerika und nach Kanada der ganzen westlichen Hemisphäre. Alle Mütter bekommen die Kenntnisse und Fürsorge, die sie für die Erziehung ihrer Kinder brauchen.
Die Haupttodesursachen bei unter Einjährigen (angeborene Anomalien, Sepsis, Influenza, Lungenentzündung und Unfälle) werden kontinuierlich reduziert. Während der ersten Monate werden die Kinder ge-gen 12 vermeidbare Krankheiten wie Polio, Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Tuberkulose, Typhus, Masern, Röteln, Mumps, Meningitis B und C und sowie Hepatitis B geimpft. Auch bei der Bekämpfung der Todesursachen der Kinder von 1 bis 6 Jahren hat Kuba große Fortschritte gemacht.
Was die großen Anstrengungen im kubanischen Staatshaushalt im Bereich Gesundheit verbunden mit den gesellschaftlichen Aktivitäten für die Verbesserung der Situation der Kinder bewirken – trotz aller enormen negativen Auswirkungen der US-Blockade im Bereich Medizin und Ernährung – macht folgende Tatsache deutlich:
Im April 2002 verleiht das International Health Education Consortium (IHMEC – 1991 gegründet, umfasst 65 US-amerikanische und kanadische medizinische Schulen und über 500 Mitglieder) den Internationalen Preis für Hervorragende Medizinische Dienste an den kubanischen Arzt Dr. Miguel Angel Galindo Sardina. Er steht seit vielen Jahren an der Spitze des nationalen Programms für Immunisierung. Aus der Begründung für die Preisverleihung:
„… er hat beigetragen, in vier Jahrzehnten etwa 185000 Leben zu retten; zu verhüten, dass 1800 Kinder an schwerer Kardiopathie litten, 2000 erblindeten, ebenso viele taub und weitere 10000 Kinder Schäden durch Kinderlähmung davon tragen würden.“
Die Erfolgsgeschichte Kubas bei der Senkung von Sterblichkeit und Krankheit von Kindern spiegelt sich auch in den folgenden Zahlen: Seit 1969 wurden 300 Millionen Impfungen an 99 % der Kinder unter 2 Jahren verabreicht. Kinderlähmung, Tetanus bei Neugeborenen, Diphtherie und angeborenes Rötelsyndrom, Masern, Röteln und Mumps sind ausgerottet, Gehirnhautentzündungen als Folge von Mumps sind seit 1998 nicht mehr aufgetreten. Die WHO zählt Kuba seit 1997 (also auch in der Sonderperiode) zu den 28 Gesundheitssystemen in der Welt, die am vollständigsten funktionieren.

Schlussfolgerungen

Was können wir aus der Betrachtung der Situation der Kinder in Kuba für Schlussfolgerungen ziehen? Die – nicht nur im Vergleich mit anderen Ländern Lateinamerikas – beispielhafte Lage der Kinder und die enormen Fortschritte seit der Revolution, sind auf bewusste politische Zielsetzung der Regierung mit entsprechender Ressourcensteuerung sowie die Einbeziehung der gesellschaftlichen Organisationen zurückzuführen. Zentral für die Verbesserung der Situation der Kinder und ihrer Entwicklung sind die Anstrengungen der Regierung in den Bereichen Gesundheit und Bildung. In Kuba gibt es – entgegen der in der BRD und anderen Ländern herrschenden Marktideologie und fortschreitender Privatisierung der Daseinsvorsorge – keine privaten Institutionen und Einrichtungen in diesem Bereich, die hier Profit abschöpfen wollen und für sachfremde Ziele arbeiten. Und Kuba zeigt: Auch wenn es deutlich weniger ökonomische Möglichkeiten hat als ein hochentwickeltes Industrieland, so sichert es trotzdem ein kostenloses Gesundheits- und Bildungswesen für alle auf sehr hohem Niveau. Wenn wir das nächste mal wieder eine Debatte haben, dass wir als reiche Bundesrepublik uns eine ausreichende Kinderbetreuung und Gesundheitsversorgung für alle, vernünftig ausgestattete Schulen mit genügend Lehrern und kleinen Klassen nicht leisten können, sollten wir also ruhig den Blick auf das sozialistische Kuba lenken. Eine andere Welt ist möglich – gerade auch im Interesse und zum Wohl der Kinder.

Marion Leonhardt, Mitglied im Bundesvorstand der Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba e.V., Sprecherin der Regionalgruppe Berlin-Brandenburg


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