Suchtprävention im Kindes- und Jugendalter

Aus: „Freidenker“ Nr. 3-10 September 2010, S. 24-28, 69. Jahrgang

Von Dr. med.  Annegret Kriegel

Gescheiterte Prophylaxe von Drogenmissbrauch in Ostdeutschland Anfang der 1990er Jahre – Ein persönlicher Rückblick auf Umbruchzeiten

Wenn man der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) folgt, so ist Sucht ein Zustand periodischer oder chronischer Vergiftung, der hervorgerufen wird durch den wiederholten Gebrauch einer natürlichen oder synthetischen Droge. Unter Drogen versteht die WHO jede Substanz, die im lebenden Organismus Funktionen verändert und abhängig machen kann. Diese Begriffsdefinition umfasst nicht nur illegale, sondern auch legale Drogen, wie Arzneimittel, Nahrungs- und Genussmittel. Entscheidend für die Entwicklung einer Suchtkrankheit sind hierbei das krankmachende Potential der konsumierten Drogensubstanz, das Ausmaß und die Zeitdauer der Anwendung, sowie die sensible Altersphase in der Entwicklung des Menschen, in der konsumiert wird. Es ist daher nicht einfach, sich dem vielschichtigen Problem der Suchtvermeidung mit einer allgemeingültigen Lösung zu nähern. Dem Kindes- und Jugendalter kommt in der Suchtvermeidung unstrittig eine besondere Bedeutung zu.

Dabei werden gesundheitspolitische Strategien und deren Angebote zur Suchtvermeidung immer systemrelevant sein, wie folgende Erfahrungen zeigen.
Mitte der 70er Jahre forcierten Erziehungs-, Sozial- und Gesundheitswissenschaftler der DDR die Einrichtung staatlich geförderter Präventionsprojekte, die in Vorschul- und Schuleinrichtungen verstärkt gesundheitsrelevantes Wissen gepaart mit alters- und gruppenspezifischen Übungsfeldern vermitteln sollten, um eigenverantwortlich ein gesundes Leben gestalten zu lernen. Die Programmangebote beinhalteten kostenlos nutzbare Handlungskonzepte zu Spiel-, Sport-, Musik-, Tanz-, Theater-, und Diskussionsgruppen in Schul- und Jugendclubs, in Pionierhäusern und Sportclubs, gemeinsam mit Aufklärungsarbeit zu Alkohol und Nikotinmissbrauch.
1989/90 wurde das Ministerium für Gesundheit umstrukturiert – ich erhielt ein Referat für Prävention (Krankheitsvorbeugung) mit dem Schwerpunkt Suchtprävention. Die laufenden Aufklärungsprogramme zu Fehlernährung, Alkohol und Nikotinmissbrauch sollten durch das Wissen um illegale Drogen, die bisher nur eine geringe Rolle spielten, ergänzt werden. Uns war klar, dass eine Öffnung nach Westeuropa auch eine Öffnung des Drogenmarktes nach sich ziehen würde und die vorhandene Unwissenheit eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die Gesundheit darstellte. Deshalb war es notwendig, Eltern, Erzieher und Lehrer, Schüler und Studenten mit dem notwendigen Grundwissen auszustatten, das ein kritisches Verhalten gegenüber illegalen Drogen möglich machte.
Wir nahmen Kontakt auf zum Hygienemuseum Dresden, zu Erfahrungsträgern in Westberlin (SYNANON), in der BRD
(Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen), zu den Clearingstellen gegen Drogenmissbrauch in Skandinavien und in den USA. Gemeinsam mit vielen Medizinern, Psychologen und Pädagogen erarbeiteten wir unter Nutzung von Materialien nationaler und internationaler Erfahrungen Aufklärungsliteratur zu illegalen Drogen für Eltern, Lehrer und Erzieher, für Schüler und Studenten.
Im Schneeballsystem führten wir mit sehr vielen ehrenamtlichen Helfern Aufklärungsveranstaltungen durch, an denen sich auch kirchliche Einrichtungen beteiligten. In den Biologie- und Gesellschaftskundeunterricht wurden entsprechende Inhalte aufgenommen, die über die vier Wirkungsfelder der illegalen Drogen (körperliche, psychische, soziale und gesellschaftliche Existenzebenen) aufklärten.
1990/91 wurden „Spiegelreferate“ mit dem Ziel ähnlicher Strukturen in ost- und westdeutschen Ministerien vorbereitet. In diesem Zeitraum besuchten sich die verantwortlichen Referatsleiter in Bonn und Berlin. Die Mitarbeiter meines Referates und ich waren bei der Vorbereitung davon ausgegangen, dass wir unter Nutzung unserer beiderseitigen Erfahrungen eine neue, bessere Gesundheits- und Sozialpolitik für das wiedervereinte Deutschland machen könnten. Wir stellten ein informatives Besuchsprogramm für Berlin und Umland zusammen für Kindergärten, Schulen, Pionierhäuser, Sport- und Jugendclubs. Nach einigen Besuchsrunden befragten wir die Kollegen nach ihren Eindrücken mit der Bitte um kritische Wertung. Wir erhielten verblüffende Antworten:
„…diese Projekte können wir alle nicht unterstützen, …das ideologische Konzept ist nicht unseres… für so viel Prävention gibt es keine staatlichen Mittel… und was zahlt der Bürger für all diese Maßnahmen?…“
Wir ahnten, dass an diesem Wendepunkt mit einem gemeinsamen neuen Anfang nicht zu rechnen war und viele bewährte Regelungen zerstört werden und zu späterem Zeitpunkt wieder „neu erfunden“ werden müssen…
1990 wurde ich von der Reagan-Administration der USA eingeladen, an einem internationalen Erfahrungsaustausch in Washington D.C. mit anschließendem Besuch der Bundesstaaten zum Studium der Drogenerziehungs- und Präventionsprogramme an ausgewählten Schulen und Universitäten teilzunehmen.
Ich glaubte an eine Verwechslung, wurde aber nachdrücklich von der Botschaft der USA unter Zusicherung der Kostenübernahme zu einem Sprachtest und Fachgespräch vorgeladen. Als die Reise schließlich begann, schenkten mir meine Mitarbeiter auf dem Flughafen Tempelhof zum Abschied zwei weiße Plüschmäuse zur „kritischen Realitätsprüfung und zur Stärkung meines Selbstbewusstseins…“ So flog ich nach Washington in der Absicht, möglichst viel für die künftige deutsche Gesundheitspolitik zu Gunsten unserer Kinder und Jugendlichen zu lernen.
Dort traf ich eine Gruppe von Ärzten, Pharmakologen, Biochemikern, Psychologen, Sozialarbeitern, Drogenpolizisten, Journalisten, Pädagogen und Politikern aus allen Erdteilen. Wir wurden in „kontinental gemischte“ Gruppen eingeteilt und erhielten us-amerikanische Betreuerinnen und Betreuer.
Der Besuchsplan sah vor, uns in Washington D.C. das nationale Drogenbekämpfungs- und Präventionsprogramm der USA vorzustellen und anschließend in den Bundesstaaten die Realisierung an ausgewählten Schulen und Universitäten zu studieren. Dabei konnten wir Clearingstellen, sowie Behandlungs- und Beratungszentren von Selbsthilfegruppen für süchtige Kinder und Jugendliche und betroffene Eltern aufsuchen. Die uns dort präsentierten Zahlen (ca. 40-60 % drogenkonsumierende Schüler und Studenten) und die relative Hilflosigkeit der Lehrer und Eltern beeindruckten uns sehr. Mir wurde klar, dass eine erfolgreiche präventive Arbeit weder über moralisierende Erklärungen und Verbote der Eltern, Pädagogen und Drogenbeauftragten, noch durch mediale Showversprechen von Schülern und Studenten, noch durch uns vorgeführte medienwirksame Vertragsunterzeichnungen der Rektoren und Professoren mit dem Ziel einer „drogenfreien“ Fachhochschule oder Universität zu erreichen ist.
Der einzige gangbare Weg ist es, alternative Handlungserfahrungen aufzubauen, das heißt Handlungsfelder anzubieten, die spannungsvolle, freudige und erfolgreiche Erlebnisse ohne Drogen möglich machen. Genau dies war Ziel unserer ostdeutschen Präventionspolitik gewesen und wurde in den Fachdiskussionen lebhaft diskutiert.
Eines jedoch hatten wir in unserer Präventionsstrategie vergessen: den Kindern und Jugendlichen aktives Selbstschutzverhalten zu lehren. Hierzu wurden uns in sehr origineller Weise methodische Möglichkeiten von US-amerikanischen Polizistinnen und Polizisten während einer „Anti-Bullen-Kampagne“ an Schulen demonstriert.
Das inzwischen auch in Europa verwendete Motto war „Kinder stark machen“, d. h. ihnen durch aktive Übungen beizubringen „NEIN“ zu sagen zu Alkohol und Drogenangeboten und kritisch zu reagieren auf suggerierte Verhaltensnormen der Drogenmafia, die nicht nur ihre Gesundheit, sondern ihr Leben zerstören. In den ersten beiden Schulklassen wurde mit Handpuppen, Liedern und Dialogspielen die Verweigerung geübt. In den höheren Schulklassen wurden verbales und physisches, sportliches Abwehrtraining durchgeführt. In beiden Altersgruppen wurde immer Verweigerung aus eigener Kraft und unter Hinzuziehung fremder Hilfe (Polizei, Eltern, Lehrer oder Passanten) geübt.
Während unseres aktiven Einsatzes auf der „Drogen-Straße“ haben uns die Streetworker (Sozialarbeiter), die tapferen Selbsthilfegruppen der Betroffenen, die Elterngruppen und die mutigen Seelsorger in den Grenzgebieten von Mexiko besonders beeindruckt.
In Anbetracht der konflikthaften Abhängigkeit der dealenden Indios und Latinos und der bekannten Verbindungen der international agierenden waffenproduzierenden Industriekonzerne mit der Drogenmafia erschien uns der Einsatz dieser Menschen wie ein Kampf zwischen David und Goliath.
Zwar wurde mit der Ratifizierung der UN- Konvention über die Kontrolle psychotroper Substanzen der internationale Kampf gegen den Drogenhandel unter Anwendung von Mitteln des Strafrechts und unter Einsatz von Polizei und Militär ausgerufen, aber dennoch bleiben bei kritischer Wahrnehmung der Realitäten in profitorientierten Gesellschaftssystemen berechtigte Zweifel am Erfolg.
Denn trotz der nationalen und internationalen Anstrengungen im Kampf gegen den Konsum illegaler Drogen werden die weltweiten Umsätze von verkauften illegalen Drogen auf mehr als 500 Milliarden US- Dollar jährlich geschätzt.
Bereits 1972 hat der amerikanische Historiker Professor Alfred W. McCoy in seinem Buch „The Politics of Heroin – CIA Complicity in the Global Drug Trade“ (die deutsche Ausgabe erschien 2003 unter dem Titel: „Die CIA und das Heroin“) darauf hingewiesen, dass Drogengelder im Waffenhandel und in der Ausrüstung von paramilitärischen Hilfstruppen im Indochina Krieg, im Vietnamkrieg, in Nikaragua und in Afghanistan Verwendung fanden und finden.
Die Arbeit in der internationalen Projektgruppe war sehr interessant und lehrreich, denn die verschiedenen Berufsgruppen und die unterschiedlichen nationalen sozialen Probleme und Erfahrungen schafften eine solidarische Kraft und sogar die verführerische euphorische Vorstellung „gemeinsam könnten wir erfolgreich sein“. In allen besuchten Bundesstaaten der USA trafen wir ehrlich engagierte freundliche, hilfsbereite Menschen und erhielten Präventionsliteratur und Erfahrungsberichte, die wir per Post in großen Mengen in unsere Heimatländer schickten. Diese gemachten Erfahrungen umzusetzen war mein fester Vorsatz, als ich in Tegel landete und meine treuen Mitstreiter auf dem Flughafengelände traf. Sie teilten mir traurig mit, dass unser Referat in meiner Abwesenheit aufgelöst worden war und wir alle arbeitslos waren…
Es sind inzwischen 20 Jahre vergangen und die Nachlese unserer Bemühungen in den Wende- oder Anschlusszeiten ist bescheiden, aber dennoch erwähnenswert. Immerhin haben wir mit unserer „zentralistischen Schneeballaktion“ und den Erziehungsnormen der Jahre davor unseren ostdeutschen Kindern und Jugendlichen 3 bis 4 Jahre relativen Schutz gegeben und sie vor den offenbar verführerischen Drogen- und Alkoholexzessen der Kinder und Jugendlichen von heute bewahrt.
Auch in der vereinigten Bundesrepublik Deutschland ist der Handel mit illegalen Drogen weiterhin strafbar und wird mit 5 – 15 Jahren Freiheitsentzug und/oder Bußgeld bestraft. Leider ist unverändert der Alkohol die legale Volksdroge Nummer 1 und wird in zunehmendem Maße bei der Jugend zum „Volkssport“ erhoben. Auf die sozialpolitischen Ursachen für diese Entwicklung kann nicht oft genug hingewiesen werden. Erwähnenswert bleibt auch die Tatsache, dass lange andauerndes soziales „Negativverhalten“ im Kindes- und Erwachsenenalter „sozial vererbbar“ sein kann, wie aus Langzeituntersuchungen an Alkoholsuchtkranken durch die Familienforschung bekannt ist.
Ab 1992/93 ging die Zuständigkeit für Suchtprävention an Schulen als Aufgabe an die Kultusministerien der einzelnen Bundesländer über. Es wurden unter Nutzung der vorliegenden nationalen und internationalen Präventionsmaterialien Orientierungsrahmen für schulische Suchtprävention entwickelt, die von den Schulen die Erstellung regional spezifischer Konzepte und Projekte erfordern. Dennoch sind im Jahre 2009 in Deutschland 1,5 – 2 Millionen Behandlungsbedürftige, Suchtkranke und 1331 Drogentote offiziell gemeldet worden.
Auf Eigennutz und Konsum basierende, profitorientierte Gesellschaftsformationen, die die Kraft solidarischen Zusammenlebens unterschätzen, haben noch in keiner historischen Epoche dauerhaften Bestand gehabt. Zu starke sozialökonomische und ideologische Polarisierung sprengt die menschlichen Gruppenregeln des Zusammenlebens und zeitigt soziale Verwerfungen. Dabei wird der Begriff der Freiheit in unglaublicher Weise missbraucht. Die normbildende Kraft menschlicher Gemeinschaften muss kein Gegensatz zur Freiheit des Einzelnen und zur gesunden Entwicklung von Kindern und Jugendlichen sein. Gelebte Freiheit ist immer noch die Kür der individuellen Einsichten in Notwendigkeiten. Die richtigen Notwendigkeiten zu erkennen, ist abhängig von vermitteltem Wissen und erlebter Erfahrung. Die Regeln und Normen des Zusammenlebens den Menschen in ihren sensibelsten Phasen – in Kindheit und Jugend – erlebbar zu machen, ist Aufgabe jeder Generation.
Wem diese Aufgabe zu teuer ist, wird es bitter bezahlen – wie aktuell zu erleben ist.

Dr. med. Annegret Kriegel war zuletzt im Bundesministerium für Gesundheit der BRD tätig


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