Demokratie – Medien – Aufklärung

Keine Angst vor Corona und den Russen

– aber vor Rattenfängern, die es nicht gut mit uns meinen

Meine Freunde und ich, wir haben keine Angst. Nicht vor den Dingen, die vielen Angst machen. Uns treibt etwas anderes um.

Eine Zustandsbeschreibung von Tom J. Wellbrock.

Erstveröffentlichung am 11.07.2023 auf RT DE

Keine Angst vor Corona

Als Corona begann, waren wir verunsichert, meine Freunde und ich. Wir sprachen miteinander, standen uns bei, schworen uns gegenseitige Hilfe, wenn es drauf ankäme. Die Verunsicherung nahmen wir uns. Durch Nähe, Vertrauen, gegenseitige Unterstützung. Es dauerte nicht lange, da legte sich die Unsicherheit.

Wir begannen, neue Fragen aufzuwerfen, wir wurden skeptisch, irgendwie lief all das nicht rund. Wir hatten keine Angst, aber wir hätten sie haben sollen. Das gefiel uns nicht. Je länger die „Maßnahmen“ andauerten, desto ratloser wurden wir. Daraus wurde Wut. Während da draußen sich der Hass ausbreitete. Die Leute hatten Angst, das war offensichtlich. Wir bemerkten, dass Angst fürchterliche Folgen hat, und wir waren froh, selbst keine Angst zu haben. Doch die Angst begann die Gesellschaft zu zersetzen.

Jeden Tag folgten weitere Meldungen, die alle zum Ziel hatten, Angst auf- und auszubauen. Es gab sogar ein entsprechendes Papier, das die Bundesregierung anleitete, die Furcht, die Angst und die Panik fest in den Köpfen der Menschen zu installieren. Wir waren erneut verunsichert, meine Freunde und ich. Angst hatten wir keine, aber Sorgen breiteten sich in uns aus. Wohin sollte die Angst führen?

Sie führte zu einer breiten Spaltung der Gesellschaft. Nein, das stimmt so nicht. Die Politik machte den Menschen Angst, fesselte sie mit der Angst, daraufhin entstand die Spaltung. Die Gefahr war allgegenwärtig, auch wenn immer diffuser wurde, worin sie eigentlich bestand. War es das Virus, das so gefährlich war? War es das menschliche Verhalten, die Unvernunft, war es fehlende Solidarität? War es das schon zuvor geschwächte System, das von der Substanz lebte, weil es regelmäßig mit Verletzungen konfrontiert wurde, die es schwächen? Waren es überforderte Politiker? Politiker, die ganz andere Ziele verfolgten als die Menschen durch das zu führen, was weltweit als „Pandemie“ bezeichnet wurde?

Wir fanden immer wieder neue Antworten, und wir warfen immer neue unbeantwortete Fragen auf. Angst hatten wir nicht, sie schien uns weder vernünftig noch gerechtfertigt. Aber sie hatte uns längst eingekreist. Wir entwickelten die unfassbare Naivität, den Menschen sagen zu wollen, dass sie womöglich sich selbst schaden, wenn sie sich von der Angst anstecken lassen. Das war wirklich sehr naiv, denn wir kamen viel zu spät. Vielleicht hätten wir früher anfangen müssen.

Keine Angst vor dem Klimawandel

Noch heute spüren wir keine Angst vor dem Klimawandel. Was erzählt wird, beunruhigt uns, wir fragen uns, wie man punktgenau das Klima in 30 Jahren vorhersagen kann, während das angekündigte Gewitter am nächsten Tag ausbleibt. Wir sind ein bisschen ehrfürchtig. Denn das Klima ist komplex, es kennt eine Million Details, und kleinste Ereignisse können große Auswirkungen haben.

Hin und wieder sprechen wir über den Schmetterlingseffekt. Angst empfinden wir dabei nicht, eher Faszination, weil die Welt so unglaublich kompliziert ist und doch dafür gesorgt hat, dass wir auf einfache Weise in ihr Leben können. Sie lässt uns atmen, was, wie es aussieht, eine nicht zu unterschätzende Errungenschaft ist. Winzige Abweichungen, irgendwann in ferner Vorzeit, hätten dazu führen können, dass wir heute eben nicht hier sind, atmen, essen, schlafen, Sex haben und Bücher lesen, zuweilen.

Das soll nun alles gefährdet sein. Wir glauben das nicht. Wir glauben an das Klima, sind Gläubige im besten Sinne. All das Wissen über klimatische Veränderungen der letzten Jahre, Jahrhunderte, Jahrtausende, es beeindruckt uns. Angst macht es uns nicht. Aber wir fragen uns, wie es sein kann, dass so etwas Komplexes wie das Klima plötzlich perfekt sein muss. Alles muss irgendwie perfekt sein, so sieht es aus. Die Temperaturen dürfen nicht zu hoch und nicht zu niedrig sein. Regen darf nicht zu viel und nicht zu wenig fallen. Der Wind muss wehen, aber nicht zu stark, und auch nicht zu schwach. Wir fragen uns immer wieder, ob es das perfekte Wetter, das perfekte Klima gibt.

„Die“ Wissenschaft spricht inzwischen in Zeiträumen von drei Tagen vom Wetter, ab dem vierten Tag wird es Klima. Selbst Gott hat sich mehr Zeit gelassen, um sein Werk zu vollenden, aber wenn es im Sommer heiß ist, tauchen die klimatischen Schweißtropfen auf der Stirn ängstlicher Wissenschaftler auf. Ist es zu kalt oder zu nass oder zu windig, werden sie gleichfalls sichtbar, die Schweißtropfen der Klimakenner. Sie scheinen leugnen zu wollen, dass weder Wetter noch Klima verlässliche Größen sind.

Wir haben etwas Mitgefühl mit diesen Menschen, die das Perfekte erwarten und denken, man könne es beeinflussen. Was für eine Anmaßung! Kein Mitgefühl haben wir, wenn wir sehen, dass das Streben nach Perfektionismus zu Angst bei vielen Menschen führt. Menschen, die weder perfekt sind noch jemals perfekt sein wollten, haben inzwischen so große Angst, dass sie alles richtig machen wollen, das perfekte Verhalten an den Tag legen müssen, um perfekte Voraussetzungen für alles zu schaffen.

Die Angst vor den Launen des Klimas führt zu Furcht vor dem Tod, bei einigen. Diese Furcht ist so stark, dass die Freude am Leben darunter leidet. Wir fragen uns, wofür es gut sein sollte, sich selbst in eine so tiefe existenzielle und lebensbedrohliche Angst zu begeben, dass das Schöne aus dem Blickwinkel verschwindet.

Ich habe einmal eine Zeichnung gesehen. Auf ihr waren ein Mann und sein Hund zu sehen. Der Mann saß auf einer Bank, der Hund neben ihm. Sie blickten auf einen See, der von Bäumen eingekreist war. Der Zeichner befand sich hinter den beiden. Er hatte zwei Gedankenblasen neben ihre Köpfe gezeichnet. In der Blase des Mannes konnte man Geld sehen, ein Handy, ein Auto, eine Geldkarte und noch einige andere Dinge. In der Gedankenblase des Hundes befanden sich ein See und Bäume drum herum. Es waren der See und die Bäume, die beide gerade ansahen.

Keine Angst vor den Russen

Es ist schrecklich, wie viele Kriege es auf der Welt gibt. Sie sind es, die uns wirklich Angst machen, meinen Freunden und mir. Sie haben ein enormes Potenzial, das uns tief und lang anhaltend in die Dunkelheit führen kann. Wir sprechen oft darüber, wie man diese Kriege beenden könnte. Wir kommen zu Lösungen, aber sie sind theoretischer Natur, denn offenbar stehen sie der praktischen Natur des Menschen im Wege. Der Konflikt scheint überall auf der Welt fest installiert zu sein.

Und jetzt „mitten in Europa“, wie es heißt. Für uns Europäer und uns Deutsche ist dieser Krieg anders als andere, die in weiter Ferne stattfinden. Doch es ist nicht die geografische Nähe, die uns diesen Krieg so nahebringt. Es ist die immer und immer wieder ausgesprochene Behauptung, es sei „unser Krieg“. Es ist die Prophezeiung, dieser Krieg könne unsere Demokratie zerstören, unsere Werte in Schutt und Asche legen, weil er uns ganz direkt bedroht. Er, der Krieg, er, der Russe, Wladimir Putin, der Präsident.

Wir haben keine Angst vor Putin, vor den Russen schon gar nicht. Aber wir fragen uns, was das ist, diese Demokratie, wie genau man die oft zitierten „Werte“ in konkrete Worte fassen kann, die länger Bestand haben als eine Legislaturperiode oder auch nur die Dauer einer Talkshow. Wir sehen, dass einer unserer Werte die Meinungsfreiheit ist, und bemerken, dass sie nicht mehr ist als eine hohle Phrase, die schnell ihre Gültigkeit verliert. Die Gedanken mögen frei sein, aber nicht, wenn sie zum Ausgesprochenen werden.

Mit meinen Freunden habe ich über die Angst vor Corona gesprochen, über die Angst vor dem Klimawandel, aber wenn wir über die Angst der Menschen vor den Russen, vor Putin sprechen, erkennen wir eine Abweichung. Vielleicht – wir können es nicht beweisen, wagen aber das Gedankenexperiment – ist das gesellschaftliche Gefühl der Abneigung, des Hasses gegenüber einem Feind, der militärisch in ein Geschehen eingreift, die nächste Stufe nach der Angst.

Denn wir spüren wenig Angst bei den Menschen. Das ist verwirrend, denn während ein recht schnell als nur mäßig gefährlich erkanntes Virus und ein abstrakter Klimatod starke Ängste erzeugen, scheint die vorrangige Emotion gegenüber Putin der Hass zu sein. Ein weiteres Gedankenexperiment meiner Freunde und mir kommt zum Schluss, dass es das Personifizierte ist, das die Angst durch den Hass ablöst. Man kann ein Virus schlecht hassen, man kann keinen Hass gegenüber dem Klima oder dem Wetter entwickeln (nicht zu verwechseln mit dem Ärger, wenn ein Picknick ins Wasser fällt).

Einen Menschen zu hassen, fällt leichter. Insbesondere wenn der Hass auf ihn geschürt wird. Wir haben keine Angst, und wir glauben, dass die meisten Menschen ebenfalls keine haben. Aber ihr Hass ist fast schlimmer. Wenn ganze Gesellschaften Sportler einer Nationalität ausschließen, Kunst ihre Gültigkeit und Wertigkeit verliert, wenn ein ganzes Volk verurteilt wird und als nicht-menschlich bezeichnet wird, dann sollte uns allen das Angst machen.

Eine Kombination aus Angst und Hass führt zu nichts Gutem, kann zu nichts Gutem führen. Wir fragen uns, warum den Menschen das keine Angst macht, warum sie keine Angst vor denen haben, die Angst und Hass schüren, ohne Unterlass und ohne Gnade oder Kompromissbereitschaft. Das Prinzip des menschlichen Zusammenlebens – regional und global – sollte der Kompromiss sein, sollte Toleranz sein, aber gelebte, nicht propagierte.

Menschen führen Kriege, Menschen tragen Konflikte aus, steigern sich in ihre Abneigung, ihren Hass auf andere hinein. Das gehört zur menschlichen Natur wie das Führen von Kriegen, wie es scheint. Aber die Zivilisation sollte sich hier abheben, sollte Führungspersönlichkeiten haben, die in der Lage sind, die Menschen zusammenzubringen, sie zu einen oder zumindest in friedliche Koexistenz zu führen.

Warum haben die Menschen keine Angst vor denen, die sie in die Angst führen und ihren Hass aufbauen? Warum haben die Menschen Angst davor, plötzlich in Berlin oder anderswo russischen Soldaten gegenüberzustehen, obwohl diese Angst so abstrakt, ja fast surreal erscheint? Warum fragen so viele Menschen sich nicht ängstlich, wie es sein kann, dass die Zivilisation jeden Tag ein Stückchen mehr auseinanderbricht? Und warum reagieren sie wie die Ratten, die der Flöte des Hasses hinterherlaufen?

Auch wir haben Angst

Das ist unsere Angst, die meiner Freunde und mir. Die Angst vor den Rattenfängern, die es jedoch von Anfang an nicht gut mit uns meinten. Sie predigen Befreiung und Freiheit, aber sie geben uns Fesseln und Gefangenschaft.

Wir haben uns nicht anstecken lassen von der Angst vor einem Virus, dem Russen und dem Klimawandel. Und wir sind überzeugt, dass diese Entscheidung richtig war. Weil sie uns das Heute verhageln, die Hoffnung rauben und die Zuversicht entreißen würde. Zuweilen sitzen wir zusammen und sind ein wenig stolz darauf. Dann stoßen wir an und feiern das Jetzt. Es sind ungeheuer wertvolle Momente, in denen wir glauben, etwas Großes, etwas Besseres erschaffen zu können, etwas, das andere ansteckt, ohne dass sie von dieser wundervollen Art der Infektion geheilt werden wollen, im Gegenteil!

Doch wenn die Wirkung des Weins verflogen und das Adrenalin auf unaufgeregte Werte abgesunken ist, kommt der Moment, den wir so gern vermeiden wollten. Es ist dieser Moment der Angst.

Tom J. Wellbrock ist Texter und Sprecher und betrieb gemeinsam mit Jens Berger den Blog Spiegelfechter. Aktuell betreibt er gemeinsam mit Roberto J. De Lapuente den Blog Neulandrebellen.de sowie den Telegram-Kanal „Randnotizen aus der Mitte„.


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