Frieden - Antifaschismus - Solidarität

Wir lassen Freundschaftsbande nicht abreißen

Bericht von einer Reise im April 2021 nach Valjevo

Erstveröffentlichung am 08.05.2021 auf www.freundschaft-mit-valjevo.de

Freundschaften dürfen auch in Krisenzeiten nicht zum Erliegen kommen. Für unseren Verein „Freundschaft mit Valjevo e.V.“ hat Bernd Duschner im April die serbische Stadt Valjevo besucht. Bei seinem gut zweiwöchigen Aufenthalt konnte er zahlreiche Gespräche, so u.a. mit Lehrkräften, Krankenhausärzten, Journalisten und dem neuen 36 jährigen Bürgermeister der Stadt Lazar Gojkovic führen. Der Sportlehrer war im vergangenen Jahr als Parteiloser auf der Liste der regierenden serbischen Fortschrittspartei gewählt worden.

Ein Geschenk für Kinder

Seit dem Krieg der Nato gegen Serbien 1999 hatte unser Verein jedes Jahr für eine Schülergruppe aus Valjevo ein Besuchsprogramm in Pfaffenhofen organisiert. Das war seit dem vergangenen Jahr nicht mehr möglich gewesen. Bei seinem Besuch in Valjevo übergab Duschner der Stadtbücherei von Valjevo Bücher des Nobelpreisträgers Peter Handke, die dessen Verlag zur Verfügung gestellt hatte. Mitgebracht hatte er auch eine Palette mit 260 Paar Schuhen der Firma LOWA. Sie hatten Schuhmachermeister Günther Schwarzmeister und seine Frau Lora in wochenlanger Arbeit in ihrer Freizeit fertiggestellt. Die Schuhe wurden an Waisen, die in Gastfamilien aufwachsen und Sozialarbeitern des „Centar za porodicni smestaj“ betreut werden sowie an besonders bedürftige Kinder der Grundschule Andra Savcic in Valjevo verteilt. Deren Freude und Begeisterung war übergroß.

Ausgabe von Schuhen

Keine Panik wegen Covid

Serbien hat die Pandemie bisher deutlich besser verkraftet als die EU-Staaten. Sein Bruttoinlandsprodukt ging 2020 nur unwesentlich um 1% zurück. Das erklärt sich u.a. aus dem höheren Anteil von Landwirtschaft und konsumnaher Zweige wie der Lebensmittelindustrie an seiner Volkswirtschaft, einem gut durchdachten Stützungsprogramm für die Unternehmen und deutlich weniger restriktiven Maßnahmen. Zwar, berichtet Duschner, wird auf die Einhaltung allgemeiner Hygienevorschriften geachtet und es ist Pflicht, innerhalb geschlossener Räume einen Mund-Nasenschutz zu tragen. Einen „Lockdown“ gab es jedoch nur im Frühjahr 2020. Seitdem waren Einzelhandel, Hotels, Restaurants (zeitweise nur der Außenbereich), Fitnesscenter und kulturelle Einrichtungen wie Museen, Bibliotheken und Theater geöffnet. Nächtliche Ausgangssperren gab es nicht mehr.

Valjevo im April 2021

An den Schulen wird im Wechselunterricht unterrichtet, aber es wird nicht getestet. Einen Mund-Nasenschutz müssen die Schüler im Unterricht nur aufsetzen, wenn sie sich zu Wort melden. Trotzdem fallen die Infektionszahlen und entspannt sich die Situation in den Krankenhäusern, wie die Daten des zuständigen staatlichen Batut – Institut belegen. Serbien hat sich frühzeitig um Impfstoff gekümmert und sich nicht von politischen Vorbehalten leiten lassen. Impfwillige Bürger wie ausländischen Besuchern werden neben Pfitzer und Astra-Zeneca der dort weitaus beliebtere russische Sputnik V und der nichtgenetische chinesische Impfstoff von Sinopharm angeboten. Anfang Mai waren bereits 22% der Bevölkerung vollständig geimpft (Deutschland 8,3%). Offizielle Stellen sind stolz, dass sich ein „Impftourismus“ nach Serbien entwickelt und das Institut für Virologie Torlak in Belgrad mit der eigenen Herstellung von Sputnik V begonnen hat. Im täglichen Leben, den Zeitungen und den Gesprächen in der Bevölkerung spielt die Infektionskrankheit, so Duschner, bei weitem nicht die Bedeutung wie bei uns. Andere Themen stehen im Vordergrund. Geselliges Beisammensein ist der Bevölkerung unverändert wichtig und lässt sie sich nicht nehmen.

Café und Dessertbar Perla in Valjevo, April 2021

Immer wieder trifft man bei Spaziergänge Ortsansässige, die unsere Sprache sprechen, sei es, weil sie Deutsch an der Schule und oder in privaten Instituten gelernt, oder Jahre ihres Berufslebens in Deutschland verbracht haben. Wer nach seiner Pensionierung nach Valjevo zurückgekehrt, dort sein eigenes Haus hat, sein Obst und Gemüse anbaut und Ausflüge in die Natur liebt, kann hier ein entspanntes Leben führen.

Ausländische Investoren – die Rettung ?

Nach wie vor ist die hohe Arbeitslosigkeit und die dadurch verursachte starke Abwanderung der jüngeren und gut ausgebildeten Arbeitskräfte das zentrale Problem Serbiens. Für der wirtschaftlichen Entwicklung und die Schaffung neuer Arbeitsplätze setzt die serbische Regierung einseitig auf die Gewinnung ausländischer Investoren. In ihren Werbebroschüren wirbt sie mit niedrigen Löhnen und Steuersätzen für Unternehmen, und bietet üppige Subventionen an. Gleichzeitig lässt sie die Verkehrsinfrastruktur mit chinesischer Hilfe forciert ausbauen. Mit einer Schnellstraße zur Autobahn nach Belgrad soll jetzt die Verkehrsanbindung von Valjevo verbessert werden. Bei der Stadtverwaltung freut man sich zudem über die Entscheidung des deutschen Waagenherstellers Bizerba, ein größeres Werk in der Stadt zu errichten. Aktuelle Meldungen, dass das kanadische Unternehmen „Euro Lithium“ bei seinen Untersuchungen in der Region fündig geworden ist, stoßen dagegen bei der Bevölkerung auf ein geteiltes Echo. Sollte es zum Abbau von Lithium kommen, werden erhebliche Schäden für die Umwelt befürchtet. Deshalb gibt es bereits jetzt Proteste.

Eine Stadt mit antifaschistischer Tradition

Valjevo verfügt im Stadtzentrum über ein außergewöhnlich gut gestaltetes  Museum der Stadtgeschichte, in dem eine Fülle interessanter Dokumente zu finden sind. Besonders sehenswert sind, so Duschner, die Abteilungen, die dem Kampf um die Befreiung des Landes von der Türkenherrschaft im 19. Jahrhundert und den Leiden und dem Widerstand der serbischen Bevölkerung gegen die Aggressionen und Besatzung im 1. und 2. Weltkrieg gewidmet sind. Gerade in diesem Jahr, 80 Jahr nach dem deutschen Überfall auf Jugoslawien 1941, ist der Besuch dieses Museums für Touristen ein Muss.

Antifaschist, Žikica Jovanović, Španac

Auch heute noch ehrt die Stadt ihre Bürger, die sich in besonderer Weise für die Freiheit ihres Landes eingesetzt haben. Bei einem Stadtrundgang trifft man ihre Statuen auf öffentlichen Plätzen und öffentlichen Parks. Dazu gehören General Zivojin Misic. Er hatte im 1. Weltkrieg, in der Kolubaraschlacht im November/Dezember 1914 den Mittelmächten ihre erste empfindliche Niederlage beigebracht. Dazu gehören zahlreiche Statuen von Freiheitskämpfern wie u.a. von .Zikica Jovanovic „Spanac“ und Dragojlo Dudic. „Spanac“ verteidigte als Mitglied der Internationalen Brigaden in Spanien die Republik und verlor 1942 als Partisan im Kampf gegen die deutschen Besatzer sein Leben. Dragojlo Dudic hatte Partisaneneinheiten in Valjevo geleitet und war Präsident der „Republik von Uzice“. Für 2 Monate war sie im Herbst 1941 das erste von den Faschisten befreite Gebiet in Europa. Sein Tagebuch aus dieser Zeit ist erhalten. Ein Denkmal hat die Stadt auch Milenko Pavlovic errichtet. Der Offizier verlor am 4. Mai 1999 sein Leben, als er sich mit seiner MIG 21 mit verzweifeltem Heldenmut den Geschwadern der Nato entgegenstellte, die Valjevo bombardierten.

Die Geschichte der Stadt gibt Hoffnung, dass die Bürger von Valjevo auch in Zukunft ihre Rechte und Interessen zu wahren wissen.

Bernd Duschner ist Sprecher der Hilfsorganisation Freundschaft mit Valjevo e.V.
und Mitglied des Deutschen Freidenker-Verbandes


Alle Fotos: Bernd Duschner

Bild oben: Taxi in Valjevo im April 2021, darauf abgebildete Personen (v.l.n.r.):
Dichterin Desanka Maksimović (u.a. berühmt für ihr Gedicht „Krvava bajka“ zu der Erschießung von 2.800 Geiseln in Kragujevac am 21. Oktober 1941, darunter 144 Gymnasiasten);
General Živojin Misić, bei der Schlacht an der Kolubara 1914 Chef der siegreichen 1. Armee, bei Kriegsende Oberbefehlshaber der serbischen Armee
Fliegeroffizier Milenko Pavlović, der beim Kampf gegen Nato-Angreifer über Valjevo am 4. Mai 1999 abgeschossen wurde.