Wie groß ist unser „Ökologischer Fußabdruck“?

Aus: “Freidenker” Nr. 1-10 März 2010, S. 16-22, 69. Jahrgang

Ein Beitrag zum Jahr der Biodiversität
Von Jan Bretschneider

Die Erde ist unsere Mutter, sie trägt und nährt uns. Was wir in sie hineinlegen, gibt sie uns zurück.
(Big Thunder)
Die Erde gehört nicht den Menschen, der Mensch gehört zur Erde.
(Häuptling Seattle)

Am 11. Januar 2010 begann das „Jahr der Biodiversität“. Zu Sachthemen ausgerufene Jahre orientieren immer unter anderem programmatisch auf Ziele und Aufgaben. In diesem Sinne geht es 2010 hauptsächlich um verstärktes Erfassen, Erhalten und um den weiteren Schutz der Biodiversität. Was verstehen wir unter Biodiversität? (lat. diversus – verschieden)

Die Biodiversitätskonvention definiert im Artikel 2 Biodiversität als „die Variabilität unter lebenden Organismen jeglicher Herkunft, darunter unter anderem Land-, Meeres- und sonstige aquatische Ökosysteme, und die ökologischen Komplexe, zu denen sie gehören; dies umfasst die Vielfalt innerhalb der Arten und die Vielfalt der Ökosysteme.“ Daher geht Biodiversität wesentlich über das landläufige Verständnis als Artenvielfalt hinaus.
Sie beinhaltet biotische Vielfalt auf unterschiedlichen Organisationsstufen des Lebendigen:

– die Vielfalt der Organismensippen (Arten, Gattungen, Familien),

– die genisch bedingte Veränderlichkeit (Variabilität) innerhalb einer Art,

– die Vielfalt von Ökosystemen.

Im letzten Gesichtspunkt geht Biodiversität sogar über den Bereich des Lebendigen hinaus, denn jedes Ökosystem umfasst neben seiner Biozönose, den darin zusammenlebenden Organismen, auch abiotische Umweltfaktoren. Außerdem geht in die Biodiversität noch die Verbreitung der Organismensippen ein.
Der Begriff stammt aus den USA, heißt in der englischsprachigen Literatur „biological diversity“ und wurde 1986 von W. G. Rosen als „Biodiversität“ eingeführt.
An dem nachfolgenden Beispiel soll gezeigt werden, wie komplex menschliche Existenz in das Funktionieren der lebenden und nichtlebenden Natur eingebunden ist. Durch unser Tun und Lassen beeinflussen wir Menschen auch maßgeblich den Zustand der Biodiversität.
Ende der 1950-er Jahre nahm ich als Student erstmals an einer botanischen Großexkursion teil. Ein Kommilitone befestigte an unserem Exkursionsbus eine Fahne mit der Aufschrift:
„Wir latschen alles nieder, wo wir waren, wächst nichts wieder.“
So schlimm kam es zwar durch unsere Ausflüge in die Natur nicht. Aber überall, wo Menschen leben und tätig sind, wirken sie in der unterschiedlichsten Art und Weise auf ihre Umwelt ein. Das zeigt z. B. der Bericht „International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development“ vom April 2008. Die Autoren weisen darauf hin, dass bei einer Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität die sozialen und ökologischen Folgen zu wenig beachtet wurden. Sie zeigen zwei deutliche Trends im sozialen Bereich: von den neuen Technologien haben Reiche mehr als Arme und Männer mehr als Frauen profitiert.
Die Intensivierung der Landwirtschaft hat auch ökologische Auswirkungen wie „den Ausstoß von Treibhausgasen, den Verbrauch von Ressourcen, die verschiedene Ökosystemfunktionen beeinflussen, die Freisetzung von Pestiziden, die Umwandlung von natürlichen Ökosystemen in
Agrarökosysteme und den damit einhergehenden Verlust der Artenvielfalt.“ (Krawinkel et al. 2008 S. 382)
Aus den Umweltbelastungen, hervorgerufen durch die Nahrungsmittelproduktion im weiten Sinne für eine definierte Bevölkerung, kann ein Index berechnet werden. Dieser trägt die Bezeichnung „Ökologischer Fußabdruck“; sie ist als Metapher zu verstehen.
Der Index umfasst versiegelte Fläche, atomare Energie, Kohlendioxid aus fossilen Brennstoffen, Fischfang- und Forstgebieten, Weideland und landwirtschaftlichen Nutzflächen.

Was ist der „Ökologische Fußabdruck“?

Krawinkel et al. definieren den Ökologischen Fußabdruck wie folgt: Er „misst den Verbrauch natürlicher Ressourcen beispielsweise innerhalb eines Jahres. Dabei wird die gesamte biologisch produktive Fläche an Land und Meer zugrunde gelegt, die benötigt wird, um alle Lebensmittel, Holz oder Textilien herzustellen, die Energieversorgung zu sichern und Infrastruktur zu errichten. Nur etwa 30 % der Erdoberfläche können zur produktiven Land- und Meeresfläche gezählt werden. Demnach ergibt sich bei einer derzeitigen Gesamtbevölkerung von 6,7 Milliarden Menschen durchschnittliche knapp 2,1 ha produktive Fläche oder auch Biokapazität, die für jeden Menschen zur Verfügung steht.“ (S. 382)
Der emeritierte Professor für Technische Mikrobiologie Wolfgang Fritsche wählt den etwas anderen Ansatz von Wackernagel und Rees für den Ökologischen Fußabdruck. Dieser „geht davon aus, wie viel von der biologisch produktiven Land- und Küstenfläche pro Person in einem Land beziehungsweise auf der Erde zur Verfügung steht, um die Bevölkerung mit Nahrung und Rohstoffen zu versorgen und um die Abprodukte zu entsorgen.“ (S. 393)
Der Ökologische Fußabdruck unterliegt einer zeitlichen Schwankung und einer extremen Streubreite. Er betrug 2003 2,2 ha je Person, 2005 hingegen 2,7 ha. Zwischen den Ökologischen Fußabdrücken einzelner Länder zeigen sich gewaltige Unterschiede. So beträgt derselbe von Bangladesh nur ca. 0,6 ha, der von den USA dagegen 9,5 ha.
Der Ökologische Fußabdruck wird in seinem Wert durch einige anthropogene und nichtanthropogene – also durch Menschen bestimmte – Faktoren beeinflusst.
Erstens wirken sich Nachernteverluste negativ auf den Ökologischen Fußabdruck aus. Sie entstehen dadurch, dass landwirtschaftliche Produkte bei Lagerung, Transport und Verarbeitung durch Schädlinge, Verderb und Verunreinigung vernichtet oder für den Ge- und Verbrauch ungeeignet werden. Die Höhe dieses Verlustes an Getreide und Hülsenfrüchten schätzt man in den Entwicklungsländern auf 10 bis 15 %; in einigen Regionen Afrikas und Lateinamerikas sogar auf bis zu 50 %.
Zweitens gibt es in den natürlichen Nahrungsketten und -netzen naturgesetzlich bedingte Biomasse- und Energieverluste. Da der Mensch in diese Nahrungsketten und –netze eingebunden ist und selbst welche für das eigene Überleben installiert, ist er von diesen Verlusten ebenfalls betroffen.
In der Ökologie stellt man diese Verhältnisse mittels einer Nahrungspyramide (Eltonsche Pyramide) dar. Es handelt sich dabei um die grafische Abbildung der Aufeinanderfolge von Organismen in einem Ökosystem in den verschiedenen Nahrungsbeziehungen (Trophiestufen) von unten nach oben.
Dabei nimmt die Zahl der Individuen, die auf dem jeweiligen Niveau versorgt werden können, von Stufe zu Stufe ab. Also: Gewaltige Mengen Mückenlarven werden von Friedfischen gefressen. Eine erhebliche Menge dieser Friedfische dient als Nahrung für Raubfische. Wenige Raubfische werden die Beute eines Seeadlers. Dieser steht als „Gipfelraubtier“ am Ende einer Nahrungskette und stirbt in der Regel einen natürlichen Tod.
Ein einfaches Beispiel für eine agrarische Nahrungskette wäre Futterpflanze – Rind – Mensch.
Beim Durchlaufen der Trophiestufen treten Biomasseverluste von einer Stufe zur nächsten ein: bei Pflanzenfressern werden lediglich 20 % der aufgenommenen Nahrung in körpereigene Biomasse umgewandelt; bei Fleischfressern sind es nur 10 %. Daher ist es für die Ernährungswirtschaft der Menschen ökonomischer, den Bedarf an tierlichen Nahrungsmitteln über Pflanzenfresser zu decken. Trotzdem werden beispielsweise für das Erzeugen von 1 kg knochenfreien Rindfleischs ca. 6,5 kg Getreide, 36 kg weiteres Tierfutter und 155 l Wasser gebraucht.
Drittens hängt der Ökologische Fußabdruck mit dem Verhältnis von Nachfrage und Preis bei Nahrungsmitteln ab. Die zunehmende Weltbevölkerung lässt einen steigenden Bedarf an Lebensmitteln erwarten. Veränderte Konsumgewohnheiten ziehen einen steigenden Verbrauch von Fleisch und Milch nach sich. Für deren Erzeugung werden wiederum größere Getreidemengen benötigt. All das führt zu einem Ansteigen der Lebensmittelpreise.
Andererseits ist die kapitalistische Produktionsweise durch Phasen der Überproduktion gekennzeichnet. Davon macht auch die landwirtschaftliche Produktion keine Ausnahme. So führte die Überproduktion an Milch 2009 zu einem Preisverfall für Milch und Milchprodukte, der eine erhebliche Anzahl an Milcherzeugern in den Ruin trieb, die Vernichtung von Milch zur Folge hatte und von politischen Protesten begleitet wurde.

Einfluss menschlicher Aktivität

Wolfgang Fritsche stellt die Frage: Wie stark wird die Biosphäre durch menschliche Aktivitäten beansprucht? Er kommt u. a. zu dem Schluss, dass der Ökologische Fußabdruck in der Realität größer ist als der theoretisch berechnete. Er gibt demnach Aufschluss für eine „Übernutzung“ der Erde durch den Menschen.
So beträgt der theoretische Ökologische Fußabdruck für jeden Erdbewohner 2,1 ha (s. o.), der tatsächliche globale Ökologische Fußabdruck dagegen 2,7 ha. Daraus ergibt sich eine ca. 30 %-ige Übernutzung. Das bedeutet, so Fritsche, „dass die natürlichen regenerierbaren Ressourcen, beispielsweise Wälder oder Fischbestände, schneller verbraucht werden als sie nachwachsen beziehungsweise stärker belastet werden als sie umsetzen können … Während die die Biokapazität überschreitenden Fußabdrücke einiger Entwicklungsländer wie Indien auf die Übernutzung der natürlichen Ressourcen zurückgehen, liegt der Grund bei den westlichen Industrieländern in dem Import von Gütern und dem Export von Schadstoffen, zu denen die hohen CO2-Emissionen gehören. Ein Beispiel für den Import sind die Sojabohneneinfuhren aus Südamerika, die in Mitteleuropa für die Fleischproduktion in der Massentierhaltung eingesetzt werden. Dafür werden dort die Regenwälder abgeholzt.“ (S. 394) Der Schluss von Fritsche führt auch zu der Einsicht, dass wir Menschen unseren zu großen Ökologischen Fußabdruck mit dem Verlust an Biodiversität bezahlen.
Ein weiteres Beispiel für den Export eines überdimensionierten Ökologischen Fußabdruckes ist die Produktion von Aluminium. Vor allem in der Autoindustrie setzt man statt auf Stahl mehr auf das silberweiße, lange korrosionsbeständige Leichtmetall. Die Werbung verkündet, das geringere Gewicht reduziere den Kraftstoffverbrauch und schone deshalb u. a. die Umwelt. Jedoch ein Blick auf die Produktionsstrategie offenbart „ökologische Kurzsichtigkeit“. Der Kieler Klimaforscher Mojib Latif kritisiert: „Auf der einen Seite klopfen wir uns auf die Schulter, dass wir unsere Treibhausgasemissionen reduzieren. Auf der anderen Seite verlagern wir nur unsere Emissionen in weit entfernte Länder wie zum Beispiel Brasilien. Denn wenn dort das Aluminium produziert wird, dann gibt es dort die Umweltprobleme. Und wir waschen unsere Hände in Unschuld.“ (s. Beutler 2010)
Die Herstellung metallischen Aluminiums ist ein außerordentlich energie- und abfallintensiver Prozess. Sie erfolgt mittels Schmelzflusselektrolyse aus Aluminium-oxid (Al2O3) bei einer Arbeitstemperatur von knapp 10000C. Dabei entsteht u. a. Kohlendioxid als Reaktionsprodukt:

4 Al3+ + 12 e- 4 Alfl (Katode)
6 O2- – 12 e- + 3 C 3 CO2 (Anode)

Die Gesamtenergiebilanz beträgt bei diesem Prozess 14 kWh je Kilogramm Aluminium. Außerdem entstehen dabei 1,4 kg Abfallprodukte, die z. T. das Grundwasser verseuchen. Bei der Förderung des Aluminiumrohstoffes Bauxit in den riesigen Tagebauen Brasiliens wird die ursprüngliche Umwelt irreversibel geschädigt.
Auch durch den nicht lebensnotwendigen Anbau von Monokulturen verformt der Mensch seinen Ökologischen Fußabdruck zu seinen Ungunsten und trägt zur Verminderung der Biodiversität bei. Ein Beispiel dafür ist der weltweite Anbau von Tabak (Nicotiana tabacum, Nachtschattengewächse). Hierzu stellte Martina Pötschke-Langer vom Deutschen Krebsforschungszentrum am 9.12.2009 in Heidelberg den ersten deutschen Report über das „Umweltrisiko Tabak“ vor. Demzufolge ist der Anbau von Tabak ein globales Umweltrisiko, weil er „eine Spur der Umweltzerstörung und des sozialen Elends“ hinterlässt.
Dabei eingesetzte Pestizide würden Böden und Gewässer kontaminieren, wertvolle Wälder müssten den Anbauflächen weichen und Arbeiter vergifteten sich durch den Kontakt mit den nikotinhaltigen Blättern. Hunger und Armut sind weitere Folgen, wenn lebensnotwendige Nutzpflanzen durch Tabakanbau ersetzt werden. Aber auch die Verarbeitung und der Gebrauch von Tabak belasten den Ökologischen Fußabdruck. Kein anderes Agrarprodukt sei „bei seiner Herstellung, seinem Konsum und seiner Entsorgung derart risikobelastet und gefährlich wie Tabak“, betont der Report. Eine ungeheure Menge an Tabakabfällen müsse bewältigt werden, und Zigarettenkippen stecken so voller giftiger und krebserregender Stoffe, dass sie eigentlich als Sondermüll entsorgt werden müssten. Als weitere Belastung kommen noch die direkten und indirekten Kosten des Rauchens hinzu.

Wie ist es mit dem Ökologischen Fußabdruck der deutschen Bürger bestellt?

Roland Wirth und Frank Glaw (2009) stellen dazu folgende Überlegung vor: „Die Bundesrepublik Deutschland hat 231 Einwohner pro Quadratkilometer, China ‚nur’ etwa 137. Entscheidender als dieser Vergleich ist jedoch, dass diverse Umweltverbände wie der WWF zu dem Schluss kommen, dass jeder Deutsche zum Erhalt seines Lebensstandards durchschnittlich 4,8 Hektar Land benötigt. Die Bürger Deutschlands benötigen derzeit also die Ressourcen von dem Achtfachen ihrer Landesfläche. Wollten wir bei gleich bleibendem Konsumverhalten nachhaltig nur die Ressourcen der uns zur Verfügung stehenden Landfläche nutzen, dürfte Deutschland gerade einmal 9,5 Millionen Einwohner haben. Von dieser Zahl sind wir jedoch selbst bei dem prognostizierten Bevölkerungsschwund von ca. 300.000 Personen pro Jahr weit entfernt. Sollte dieser Bevölkerungsrückgang in diesem Jahrhundert konstant anhalten, wäre die deutsche Nation im Jahr 2100 immer noch rund 54 Millionen stark – gemessen am derzeitigen Konsumverhalten immer noch sechsmal über der Nachhaltigkeitsgrenze.“ (S. 47)
Wenn wir diese Angaben etwas ergänzen und aktualisieren (Stand Ende 2009), so ergibt sich folgendes Bild vom deutschen Ökologischen Fußabdruck:
Diese 0,44 ha gehen jedoch nicht vollständig in den Ökologischen Fußabdruck ein, da ein Teil davon (z. B. Gebirgsfelsen, versiegelte und bebaute Flächen) für die Reproduktion des menschlichen Lebensbedarfes keine oder nur eine unbedeutende Rolle spielt.
Nehmen wir weiterhin den von Wirth und Glaw genannten deutschen Ökologischen Fußabdruck von 4,8 ha zum Ausgangspunkt weiterer Überlegungen.
4,8 ha pro 81.000.000 Einwohner = 388.800.000 ha oder 3.888.888 km2 Gesamtflächenbedarf für die deutsche Bevölkerung. Dividiert durch die tatsächliche BRD-Fläche ergibt sich:
3.888.000 km2 : 365.945 km2 = 10,6; d. h. die Bevölkerung der BRD benötigt zur Befriedigung ihres Konsums mehr als das 10fache der ihr tatsächlich zur Verfügung stehenden Fläche.
Legen wir den genannten Ökologischen Fußabdruck von 4,8 ha zugrunde, so kann man ableiten:
36.594.500 ha : 4,8 ha = 7.623.854
D. h.: Bei einem Ökologischen Fußabdruck von 4,8 ha dürfte die BRD nur 7.623.854 Einwohner haben, wenn ihr nur diese Fläche für die Befriedigung der Lebensbedürfnisse ihrer Bürger zur Verfügung stünde.
D. h. weiterhin, dass wir auf Kosten von Menschen anderer Länder und Regionen auf „großem Fuße“ leben und dass dieser Lebensweise auf die Dauer Grenzen gesetzt sind, die immer enger werden.
Es gibt daher Überlegungen von Regierenden und Politikern, die mit dem Ökologischen Fußabdruck der BRD-Bürger und damit auch mit Biodiversität in engem Zusammenhang stehen. In der 9. Sitzung des 17. Bundestages am 3. Dezember 2009 setzte sich der Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, Norbert Röttgen, mit zwei extremen Auffassungen auseinander: „Die einen sagen: Augen zu! Wir können es uns nicht leisten, diesen Langfristhorizont zugrunde zu legen … Die anderen sagen: Wenn das die Entwicklung ist, dann müssen wir uns zurückentwickeln, dann müssen wir Verzicht üben, dann müssen wir sozusagen vorindustriell leben …“ (S. 1)
Röttgen setzt dagegen: „Energietechnologie ist das, was wir brauchen. Der Schlüssel zur richtigen Antwort lautet: Ökonomische Modernisierung und technologische Innovation sind der Weg, wie wir Wohlstand erreichen, wie wir Wachstum erreichen und gleichzeitig ressourcenschonend wirtschaften und leben … Wir wollen Wachstum. Beim Klimaschutz geht es um die Sicherung des Wohlstands. Wir wollen Industrieland bleiben, wir wollen nicht deindustrialisieren. Das sind unsere Ziele. Weil das unsere Ziele sind, müssen wir die Wege beschreiten, wie wir unsere Vorstellung von Wachstum unter den Bedingungen des Klimaschutzes erreichen wollen und können … Die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Energie- und Ressourcenverbrauch ist die Bedingung dafür, dass wir in einer Zeit von 9 Milliarden Menschen, die auf uns zukommt, unser eigenes Wachstum überhaupt erleben, ja sogar überleben. Also Entkopplung von Wachstum und Ressourcenverbrauch!“ (S. 1 – 2)
Diese allgemeinen Absichtserklärungen bedürfen selbstverständlich der Präzisierung und Konkretisierung. Daher bemerkte auch Renate Künast (Bündnis 90/Die Grünen) in dieser Bundestagsdebatte, an Norbert Röttgen gerichtet: „Sie wollen zwar kein Wachstum wie früher, aber Sie erklären nicht, dass Sie dafür sorgen wollen, dass wir in Zukunft anders leben, anders wohnen, anders produzieren und anders transportieren.“ (S. 5)

Alternativen zum Wachstum?

Es gibt Lebenspraktiken, die einer Vergrößerung des Ökologischen Fußabdruckes und damit einer Verarmung der Biodiversität entgegenwirken. Eine davon ist das Ökodorf.
Im Zusammenhang mit der UN-Klimakonferenz 2009 in Kopenhagen wurde u. a. deutlich, dass Ökodörfer in Dänemark eine lange Tradition haben. Sie sind mit einer Mischung aus klimafreundlicher Hochtechnik und umweltbewusstem Lebensstil führend beim Reduzieren von CO2-Emissionen.
Das Beispiel der Ökosiedlung Munksøgård am Stadtrand von Roskilde macht in dieser Beziehung folgendes deutlich:
Der Transportbedarf der 250 Einwohner ist gering, da die meisten in der Nähe arbeiten und Gemeinschaftseinrichtungen wie Schule und Kindergarten auch nahe liegen. Für individuellen Transport stehen 10 Gemeinschaftsautos zur Verfügung. Sonnenkollektoren liefern Energie zur Warmwasserbereitung. Regenwasser wird aufgefangen; Wäsche nur an der Luft getrocknet. Die gemeinschaftliche Heizungsanlage wird mit Holzpellets betrieben, einem Abfallprodukt der Möbelindustrie. Fast alle Bewohner verfügen über einen Garten, mit dem sie sich zu einem Großteil selbst mit Obst und Gemüse versorgen. Nutztiere werden ebenfalls gemeinsam gehalten und bewirtschaftet.
Zur Lebensweise im Ökodorf gehört praktizierte Demokratie. Alle Beschlüsse, die das Zusammenleben betreffen wie z. B. Gemeinschaftsdienste, werden in Versammlungen gefasst.
Das erste nationale Netzwerk der Ökodörfer weltweit wurde 1993 in Dänemark gegründet; das Ökodorf Svanholm entstand bereits 1978. 2009 zählt der „Landsforening for Økosamfund“ 49 Mitglieder. Svanholms Sprecherin Christina Adler erläutert die Lebensphilosophie der Ökodorf-Bewohner:
„Wir sind weder ein Mönchsorden, noch haben wir eine gemeinsame Ideologie. Aber wir sehen das Leben als Einheit und Ökologie und Demokratie als ihren natürlichen Bestandteil … Jeder einzelne von uns kann seinen CO2-Verbrauch reduzieren, ohne asketisch leben zu müssen … Ein Teil des Klimaproblems kann mit Lebensstiländerungen gelöst werden.“ (s. Knudsen 2009)
Es gibt Stimmen und Argumente, die das dargelegte Problem negieren oder verkleinern. Auch ohne menschliches Zutun sterben Organismensippen aus und entstehen neu. Richtig. Die Menschheit kann auch mit einer artenärmeren Natur leben. Ebenfalls richtig. Jedoch kein Mensch kann zuverlässig voraussagen, welche Auswirkungen es hat, wenn die Tendenz zur Verminderung der Biodiversität anhält oder sich gar verstärkt. Alle Menschen, insbesondere aber Politiker, sind also gefordert. 1992 erhielt Biodiversität durch die Umweltkonferenz von Rio de Janeiro eine hohe gesellschaftspolitische Bedeutung. Dort wurde die „Agenda 21“ verabschiedet. Dabei handelt es sich um ein umfangreiches Arbeitsprogramm für das 21. Jahrhundert, welches sämtliche Bereiche einer nachhaltigen Entwicklung abdeckt. Hierzu gehört auch eine Biodiversitätskonvention (Convention on Biological Diversity), die inzwischen von knapp 200 Staaten ratifiziert wurde.
Papier ist geduldig, so sagt man. Sorgen wir also alle dafür, dass die Konvention nicht nur beschriebenes Papier bleibt, dass wir eine möglichst große biotische Vielfalt auf unserem Planeten erhalten können.

Literatur:
Beutler, Benjamin: Leichtmetall bedrängt Urwald. – In: Neues Deutschland 4.1.2010. – S. 10.
Debatte zur Klimakonferenz in Kopenhagen / 9. Sitzung des 17. Deutschen Bundestages am 3. Dezember 2009. – In: Das Parlament 59(2009)50. Debattendokumentation.
Fritsche, Wolfgang: Überlastetes Ökosystem Erde. – In: Biologie in unserer Zeit. – Weinheim 38(2008)6. – S. 390 – 399.
Knudsen, Andreas: Mit Gemeinschaftssinn zur CO2-Reduktion. – In: Neues Deutschland 2.12.2009 S. 3
Krawinkel, Michael B.; Keding, Gudrun B.; Chavez-Zander, Ursula; Jordan, Irmgard; Habte, Tzige-Yohannes: Welternährung im 21. Jahrhundert. – In: Biologie in unserer Zeit. – Weinheim 38(2008)6. – S. 382 – 389.
Riede, Klaus ; Mutke, Jens: Biodiversität. – In: Lexikon der Biologie in fünfzehn Bänden. Bd. 2. – Heidelberg : Spektrum Akademischer Verlag, 1999.
Ruinöser Tabakanbau. – In: Neues Deutschland 10.12.2009 S. 10.
Wackernagel, M. ; Rees, W.: Unser ökologischer Fußabdruck. – Basel : Birkhäuser, 1997.
Wirth, Roland ; Glaw, Frank: Gedanken zum Schutz der biologischen Vielfalt. – In: Biologie in unserer Zeit. – Weinheim 39(2009)1. S. 42 – 48.


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