„West“- und „Ost“-Freidenker – Gemeinsamkeiten, Unterschiede

Vorbemerkung

Auf Bitten der „Zentralstelle für Weltanschauungsfragen“ der Evangelischen Kirche, die sozusagen „Konkurrenz- und Feindbeobachtung“ im kirchlichen Auftrag betreibt, hat der Vorsitzende des Deutschen Freidenker-Verbandes folgenden Beitrag über die jüngere Geschichte der Freidenker in Deutschland verfasst.

Der Titel dieses Beitrags entspricht nicht der freien Wahl des Autors, sondern gehorcht der Vorgabe des Herausgebers. Trotzdem soll er nicht das Folklore-Genre „Dein Ossi – das unbekannte Wesen“ resp. „Der Wessi, das bekannte Unwesen“ anreichern. Obwohl es auch bezüglich „Nord“- und „Süd“-Freidenkern ein weites Forschungsfeld gäbe, interessiert das kaum jemanden. Mit „West“ und „Ost“ scheint landläufig gemeint zu sein, wie sich die aus dem „totalitär geprägten“ Osten Gekommenen inzwischen in der „westlichen Demokratie“ eingelebt haben. Oder entsprechend zugespitzt aus der Perspektive des Gegenübers: Ob die „West-Kolonialherren-Methoden“ auch in der hier verhandelten Organisation wirkungsvoll jede Ost-Identität zunichte gemacht haben.

Antworten hierauf hängen nicht nur von der Bereitwilligkeit oder Bockigkeit der Befragten ab. Das aus Geschichte und Erfahrung gespeiste Organisationsverständnis verunmöglicht gegebenenfalls eine glatte Beantwortung entlang geographischen Trennlinien. Die Freidenker entstanden und verstehen sich als Kulturorganisation der Arbeiterbewegung, als „sozialistische Freidenker“. Für Sozialisten ist z.B. die Frage von „unten“ und „oben“, von Klassenzugehörigkeit und Klasseninteresse, belangvoller als die Fragen nach geographischer Herkunft. Dies sei an dieser Stelle nur vorausgeschickt, damit das Nachfolgende besser verstanden oder zumindest eingeordnet wird, und einem vorschnellen „Thema verfehlt“-Urteil vorzubeugen.

In diesem Beitrag sollen also zunächst die unterschiedlichen Bedingungen für das Freie Denken im geteilten Deutschland aufgezeigt werden, gefolgt von einer kurzen Geschichte der Freidenker-Vereinigung. Abschließend werden einige wesentliche inhaltliche Positionen des vereinigten Verbandes dargestellt.

 

Geschichtliches

Die unterschiedliche Entwicklung der Freidenker in den beiden Teilen Deutschlands ist natürlich der getrennten staatlichen Entwicklung in Deutschland nach 1945 geschuldet. Die Entscheidung der Westmächte zum Bruch der Anti-Hitler-Koalition, in Adenauers Motto „lieber das halbe Deutschland ganz als das ganze Deutschland halb“ versinnbildlicht, der beginnende „Kalte Krieg“ mit Remilitarisierung und Integration der BRD in den Westblock und die NATO, der DDR in den Ostblock und den Warschauer Vertrag, das waren die unentrinnbaren Rahmenbedingungen für das gesellschaftliche Leben in Ost und West, und damit für die jeweilige Organisationsentwicklung.

Wenn im Rückblick nur erinnert wird, dass es in den Westzonen und der BRD wieder einen Freidenker-Verband gab, und im Osten eben nicht, dann übersieht dies die Gründungschwierigkeiten, vor denen der Verband auch in den Westzonen stand. Neugründungen konnten hier zunächst nur lokal stattfinden, da die Westalliierten in den Kirchen und sich religiös nennenden Gemeinschaften offenbar zuverlässigere Partner für den Aufbau der ihnen vorschwebenden Demokratie sahen. Weil sich die Kirchen in ihrer Mehrheit auch als Stützen des Nazi-Regimes bewährt hatten? Ende 1945 gründete sich der DFV in Hamburg wieder, 1949 entstanden Landesverbände in Bayern, Berlin (West), Hessen und Niedersachsen, 1950 in Nordrhein-Westfalen.

Erst nach der Rückkehr des ehemaligen Generalsekretärs Hermann Graul aus dem Exil 1949 war der Versuch zur Wiedergründung auf nationaler Ebene der BRD erfolgreich, der erste Verbandstag fand am 17. 3. 1951 in Braunschweig statt. Bemühungen jedoch um die rechtlich anerkannte Wiederherstellung des 1933 von den Nazis verbotenen Verbandes blieben so erfolglos wie langwierige Prozesse um die Herausgabe des von den Nazis geraubten Vermögens. In den 1970er Jahren stellte schließlich der Bundesgerichtshof fest, dass Nachfolgeorganisation des Deutschen Freidenker-Verbandes die Ideal-Lebensversicherung sei, nicht der Deutsche Freidenker-Verband! „Einleuchtende“ Begründung: Die Mehrheit der Mitglieder des von den Faschisten verbotenen Verbandes blieb 1933 Mitglied der „nationalen Bestattungskasse“ – um der durch ihre Mitgliedsbeiträge erworbenen Versicherungsprämien nicht verlustig zu gehen. Dass diese Mitglieder also damals den Nazis das DFV-Verbot nicht noch mit dem Geschenk ihrer Beiträge honorieren wollten, das wendet der Rechtsstaat BRD gegen den Verband, indem er strafverschärfend geltend macht, die Mitglieder seien damals nicht aus der gleichgeschalteten Versicherung ausgetreten. Könnte sich Hitler einen talentierteren Testamentsvollstrecker als die Justiz dieses „Rechtsstaats“ wünschen, die eine Rechtsnachfolge-Konstruktion zugunsten der SS-Treuhand-Organisation vornimmt?

Bemühungen in der sowjetischen Zone zur Gründung einer Freidenkerorganisation blieben erfolglos. Verschiedene frühere Mitglieder und Funktionäre wandten sich zwar an die Parteiführungen von SPD und KPD, dann der SED, die Antwort war aber immer ablehnend. Tenor der Begründung war, im künftigen Staat bzw. in der Verfassung der DDR sei sowohl Religionsfreiheit wie die Trennung von Staat und Kirche gesichert, und damit sei das historische Anliegen der Freidenker ja verwirklicht. Darüber hinaus wolle man keine Neuauflage des aus der Weimarer Republik bekannten Kirchenkampfes, sondern im Gegenteil das Bündnis mit gläubigen Menschen bei der Errichtung der antifaschistisch-demokratischen Ordnung bzw. des Sozialismus.

 

Ein weiterer, weniger geläufiger Aspekt ist der, dass auch im Osten die Besatzungsmacht ihren Einfluss in dieser Frage geltend machte. Es war unvorstellbar, dass in der DDR ein Freidenker-Verband entstehen konnte, wo er doch in der Sowjetunion wenige Jahre zuvor aufgelöst worden war: Nach dem Überfall der Hitler-Faschisten auf die Sowjetunion hatte die Russisch-Orthodoxe Kirche die Auflösung des Verbandes der Kämpfenden Gottlosen gefordert – und dafür ihre Unterstützung für den Großen Vaterländischen Krieg versprochen. Angesichts dessen, was auf dem Spiel stand, erschien es der sowjetischen Führung als geringeres Übel, der Erpressung nachzugeben.

Nach dem Verständnis der Freidenker bedeutete Freidenkertum kulturpolitischer Kampf und war Teil des Ringens der Arbeiterklasse und ihrer Organisationen um soziale und politische Befreiung. Für die politisch Verantwortlichen der DDR war ihr Staat die Verwirklichung der historischen Mission der Arbeiterklasse, in dem auch alle progressiven Traditionen der Arbeiterbewegung aufgehoben sein sollten, einschließlich des Freien Denkens. Von daher erschien die organisationspolitische Nichtexistenz eines Freidenker-Verbandes nicht als ein vorrangiges Problem. Die unmittelbaren kulturpolitischen Ziele des Verbandes wurden verwirklicht: Es gab keinen staatlich organisierten Kirchensteuer-Einzug, die Kirchen mussten sich selbst finanzieren, es gab keinen Religionsunterricht an den Schulen, keine Militär- und Anstalts-„Seelsorge“. Die Abtreibung wurde nicht mehr mit Strafe bedroht, ökonomische Voraussetzungen für die Gleichberechtigung der Frau wurden geschaffen, Bildungsschranken und -privilegien wurden abgeschafft.

Bildungs- und Aufklärungsarbeit auf breiter Basis leistete die Urania, die damit die weltanschauliche Arbeit des Freidenker-Verbandes fortführen sollte, zumal der Urania-Verlag sich bereits gegen Ende der Weimarer Republik mit dem Freidenker-Verlag zusammengeschlossen hatte. Die Jugendweihe als Tradition der Freidenker wurde in der DDR 1954 als Feier nach 8-jährigem Schulbesuch zur Aufnahme der Jugendlichen in den Kreis der Erwachsenen eingeführt, verbunden mit einem Gelöbnis zum Sozialismus. Die vorausgehenden Jugendstunden dienten der wissenschaftlichen und weltanschaulichen Bildung und Erziehung der Jugendlichen.

Insofern wäre es ein Kurzschluss, wollte man aus der Nichtexistenz einer Freidenker-Organisation in der DDR auf die Abwesenheit der Freidenker-Ziele, -inhalte und -traditionen schließen. Eine andere Frage ist, ob man diese Nichtexistenz als historisch gerechtfertigt, politisch begründet oder taktisch klug ansieht. Hier sind Zweifel angebracht. Zum einen sicher aus dem Gesichtspunkt der Wiedergutmachung von Nazi-Unrecht. Zum anderen sollten zumindest Marxisten die Ebenen des Politischen (einschließlich der Organisations- und Bündnispolitik) und der Ideologie (mitsamt weltanschaulichen Fragen) in ihrer relativen Eigenständigkeit beachten und jedes instrumentelle Verhältnis meiden.

Ebenso kurzschlüssig wäre es aber auch, aus der Existenz des Freidenker-Verbandes in Westdeutschland auf die dort gegebene Freiheit des Denkens zu schließen. Der bald nach Gründung der BRD voll einsetzende „Kalte Krieg“ führte zu Einschränkungen der Meinungsfreiheit für Gegner der Spaltung Deutschlands, der Wiederbewaffnung und der Atomrüstung. Sichtbare Gipfel waren die Verbote der Freien Deutschen Jugend (FDJ) 1951 und der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) 1956, verboten waren aber auch Jugend- oder Gewerkschaftskontakte von West nach Ost, verboten das Eintreten gegen diese Reise- oder Organisationsverbote. In den 1950er Jahren kam es auch zur Durchsuchung von Freidenker-Büros, viele Freidenker wurden aus politischen Gründen zu Haftstrafen verurteilt, oft von Richtern, die vormals den Nazis gedient hatten. In den 1970er Jahren zählten wiederum Freidenker zu den Opfern des sogenannten „Radikalenerlasses“, mit Berufsverboten für Postbeamte oder Akademiker, die teils bis ins 21. Jahrhundert fortdauerten.


Gründung der DDR-Freidenker und Vereinigung

Das instrumentelle Verhältnis der DDR-Führung zur Existenz eines Freidenker-Verbandes offenbarte sich wiederum im Vorfeld seiner Gründung, Ende 1988. Man sah sich zunehmenden ökonomischen Problemen, einer größeren Distanz der KPdSU-Führung unter Gorbatschow und abnehmender Loyalität der Bevölkerung gegenüber. In dieser Situation wuchs der evangelischen Kirche die Rolle als Dach und Beschützerin oppositioneller Kreise zu, was die Beziehungen der Kirche zur politischen Führung nicht harmonischer gestaltete. Auf entsprechende Vorhaltungen Erich Honeckers entgegnete der damalige bischöfliche Sprecher der evangelischen Kirchen in der DDR, warum Honecker nicht gleich den Freidenker-Verband wiedergründe. Diesen göttlichen Hinweis ließ der sich nicht zweimal sagen, allein für die Rettung der DDR kam er zu spät.

Diese eher an einen Treppenwitz gemahnende historische Episode gibt zudem einen Hinweis auf die Unsinnigkeit jener Parolen, die die Verbandsgründung als eine „Stasi-Erfindung“ hinzustellen suchten. Die Rede vom „Stasi-Verband“ nahm ihren Ausgang von einem „Runden Tisch“ 1990 in Rostock, an dem Pfarrer Gauck, der spätere Stasi-Akten-Verwerter, als Kirchenvertreter einen vermeintlichen „Stasi-Befehl“ zur Freidenker-Gründung in der DDR hervorzauberte. Näher besehen war es die ganz normale DDR-Begleiterscheinung der Verbandsgründung, indem das Ministerium für Staatsicherheit seine Dienststellen im Land über die Gründung informierte und aufforderte, die Bemühungen obligat zu unterstützen, „feindliche Kräfte fernzuhalten“ und dergleichen Liebesdienste.

Dabei wurde das Ministerium für Staatsicherheit in diesem Falle nur der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe folgend tätig. Der zuständige Minister Erich Mielke war nämlich der entschiedenste Gegner einer Freidenker-Verbandsgründung, darin einig mit den Politbüro-Mitgliedern Mittag und Schabowski. Doch die konnten sich nicht gegen eine Mehrheit um Honecker und insbesondere Willi Stoph durchsetzen, der voll Stolz auf seine familiäre Freidenker-Tradition zurückblickte.

Von all dem hatten natürlich jene keinen blassen Schimmer, die diese kirchliche „Enthüllung“ als Vorlage für eine Rufmordkampagne gegen den jungen DDR-Freidenker-Verband nutzen wollten: ausgerechnet der vormalige Freidenker-Verband Westberlins, der sich zwischenzeitlich in den Humanistischen Verband umgegründet hat. Ihm ging es allerdings weniger um die Jungfräulichkeit der DDR-Freidenker, sondern vielmehr um die Chance, den Verband und seine Führung zu diskreditieren und sich dann den führungslosen Verband einverleiben zu können. Dieses Vorhaben verfing bei wenigen Gliederungen des Verbandes sowie einigen Funktionären, die dabei auf ihre Übernahme in ein bezahltes Beschäftigungsverhältnis spekulierten.

Es darf jedoch nicht übersehen werden, dass die Verleumdungen der DDR-Freidenker durch den öffentlichen Rummel um einen „Stasi-Befehl“, den im Freidenker-Verband niemand kannte oder für möglich gehalten hatte, leider zu mancherlei Verwirrung in Köpfen von Mitgliedern und Funktionären führte. Dies zeigte sich auch im Rücktritt einiger Verbandsfunktionäre. Die große Mehrheit der DDR-Freidenker zog es jedoch vor, sich nach gründlicher Diskussion und Vorbereitung Mitte 1991 mit dem DFV der alten BRD zu einem gemeinsamen Verband zusammenzuschließen – an historischem Ort, in Braunschweig, wo auch 1951 die Wiedergründung stattgefunden hatte.

Alle Parteien, Gewerkschaften und fast alle Verbände waren zu diesem Zeitpunkt bereits „gesamtdeutsch“ organisiert, jedoch fast alle nach dem Muster eines Anschlusses, einer Übernahme der Ost- durch die West-Organisation. Dem setzten die Freidenker bewusst ein Kontrastprogramm entgegen, ein Zusammengehen mit aufrechtem Gang, gleichberechtigt, ohne Bevormundung – und damit solche hehren Ziele keine hohlen Phrasen blieben, wurden alle Leitungsfunktionen ost-west-paritätisch besetzt. Aus „humanistischer“ Richtung kam darauf postwendend die Kritik, dass der vereinigte Freidenker-Verband die Heimstatt „alter SED-Kader“ sei.

Die Lebenserfahrung der an der Verbands-Vereinigung Beteiligten war selbstverständlich unterschiedlich, sie wurde maßgeblich durch die unterschiedlichen Gesellschaftssysteme geprägt, in denen man bisher aufwuchs und wirkte. Naturgemäß war daher von den aus der DDR kommenden Freidenkern die größere „Anpassungsleistung“ zu erbringen. Dies aber nicht im Sinne der Verleugnung von Überzeugungen oder Verbiegung von Identitäten; sondern unter dem Gesichtspunkt, dass nunmehr in ganz Deutschland kapitalistische Verhältnisse herrschen und die Lebens-, Arbeits- und Kampfbedingungen bestimmen. Insofern ist eine der wichtigsten neuen Erfahrungen, dass man, in Opposition zum System stehend, wenig „offizielle“ gesellschaftliche Anerkennung erwarten kann.

Begründet in ihrer weltanschaulichen und ethischen Position und ihrem weltlich-humanistischen Menschenbild können und wollen die „ost-west-vereinigten“ Freidenker keinesfalls „Systemnähe“ für sich reklamieren. Der Deutsche Freidenker-Verband sieht sich nicht als Dienstleister für den Staat, der in Arbeitsteilung mit den Kirchen, eben zuständig für die Konfessionsfreien, auch dieses „Klientel“ in den Betrieb des kapitalistischen Staatswesens integriert. Deshalb streben wir auch keine Gleichstellung mit den Kirchen im Privileg der „Körperschaft des öffentlichen Rechts“ an, wie dies z. B. der Humanistische Verband tut, und der deshalb von den Kirchen ernst genommen wird – als Konkurrent um „Staatsknete“.

Positionen des vereinigten Verbandes

Das zentrale Merkmal der Vereinigung der Freidenker aus Ost- und Westdeutschland, nichts „überzustülpen“, sondern ausgehend von unterschiedlicher Herkunft und Erfahrungen Positionen neu und gemeinsam zu bestimmen, prägte auch das weitere Verbandsleben nach dem vollzogenen organisatorischen Zusammenschluss. Ab 1991 fand eine intensive, drei Jahre dauernde Mitgliederdiskussion über ein programmatisches Dokument der Freidenker in Deutschland statt. Mehrere tausend Vorschläge, Änderungswünsche, Anmerkungen und Diskussionsbeiträge gingen dazu ein und wurden bis zur schließlichen Beschlussfassung beim Verbandstag 1994 in Berlin verarbeitet. Ausgehend von den Fragen – wer sind wir – woher kommen wir – was wollen wir – mit wem gehen wir – sind in diesem Dokument, der „Berliner Erklärung“, die Ergebnisse eines intensiven Diskussionsprozesses zusammengefasst.

Darin bezeichnet sich der Deutsche Freidenker-Verband als Weltanschauungsgemeinschaft, Kulturorganisation und Interessenvertretung konfessionsfreier Menschen, in der Tradition der über 100-jährigen Geschichte der organisierten Freidenkerbewegung. Diese Tradition findet inhaltlich Ausdruck in der Erklärung des Kongresses der Weltunion der Freidenker von 1904: „Sie verwirft im Namen der menschlichen Würde das dreifache Joch: die missbräuchliche Gewalt der Autorität auf religiösem Gebiet, des Privilegs auf politischem Gebiet und des Kapitals auf wirtschaftlichem Gebiet.“

Eine zentrale Rolle bei der „Selbstfindung“ des vereinigten Verbandes spielte die Diskussion darüber, was Freidenker unter freiem Denken verstehen. Ein zentraler Begriff ist hier die weltanschauliche Selbstbestimmung des Menschen, für die der DFV eintreten will. Hier wird die Frage nach der Sinngebung des Lebens im Zusammenhang mit dem Erkenntnisoptimismus des dialektischen Materialismus formuliert, denn dem Eintreten für die weltanschauliche Selbstbestimmung liegt „die Überzeugung zugrunde dass der Mensch die Fähigkeit besitzt, sich ein Bild von der Welt, wie sie wirklich ist, und seinem Platz in ihr zu machen, seinen Selbstwert aus diesem Zusammenhang zu begreifen und seinem Leben so begründet einen Sinn zu geben.“

Ohne die Selbstgewissheit, alle Antworten schon zu kennen, wollen sich Freidenkerinnen und Freidenker dem Dokument zufolge „um Antworten bemühen“ – bezüglich der Ursachen „der alle Lebensbereiche umfassenden allgemeinen weltweiten Krise“ ebenso wie auf Fragen „nach einem tragfähigen Lebenssinn, einer demokratischen politischen Kultur und einem auf Humanität und Toleranz gegründeten Zusammenleben“. Hierbei will der DFV „seinen Beitrag leisten zu einem tragfähigen geistigen Fundament für gemeinsames Handeln“. Das Streben nach Dialog, auch mit weltanschaulich Andersdenkenden, ist ein weiteres wiederkehrendes Motiv der Berliner Erklärung. Es findet sich im Abschnitt „für die Trennung von Staat und Kirche, Kirche und Schule und für den Dialog mit religiösen Menschen“ – wo unser Selbstverständnis als Interessenvertretung konfessionsfreier Menschen dargelegt wird – ebenso wie im Abschnitt über Wissenschaft, Technik, Fortschritt: „Wir bieten allen den Dialog und ein Diskussionsforum an, die wie wir daran interessiert sind, der Erkenntnisgehalt und die humanistischen Potenzen der Wissenschaften zur Geltung zu bringen.“

In der Auseinandersetzung mit dem „untergegangenen Sozialismus“ und Deutungen über ein angebliches „Ende der Geschichte“ stellt der vereinigte Verband fest: „Wir betrachten den Zusammenbruch des 1917 begonnenen Versuches, als Alternative zum Kapitalismus eine sozialistische Gesellschaft zu errichten, als keineswegs gleichbedeutend mit dem ‚Ende‘ sozialistischer, emanzipatorischer und humanistischer Ideen und Ideale. Jeder Zukunftsentwurf und jeder Fortschritt muss sich daran messen lassen, dass er die Menschenrechte garantiert und weiterentwickelt, Minderheiten schützt, Gerechtigkeit und Solidarität fördert und insbesondere den Herausforderungen der krisenhaften Weltsituation angemessen ist.“ Formuliert wird das „Ziel einer Gesellschaft freier und gleichberechtigter Menschen“, „eine neue Regulations-, Denk- und Lebensweise, eine andere Weise, zu produzieren und zu wirtschaften“. In diesem Kontext „betrachten wir Antifaschismus als Schlüssel für das Öffnen und Offenhalten einer menschlichen Zukunft“.

Zu den zugespitzten sozialen Problemen bekräftigen die Freidenker ihre Ablehnung von Sozialabbau und ihr Eintreten für die Verteidigung der erkämpften sozialen Errungenschaften: „Wir wenden uns gegen ein Gesellschaftssystem, das Menschen ausgegrenzt und in Armut stößt, das ihnen massenhaft ihr demokratisches und soziales Recht auf Selbstverwirklichung durch Arbeit und die Möglichkeit verweigert, durch Arbeit ihren eigenen Lebensunterhalt zu sichern.“ Mit Blick auf das Selbstverständnis als Kulturorganisation tritt der Verband „für eine neue Qualität der Kultur, des individuellen und gesellschaftlichen Verhaltens im Umgang der Menschen miteinander ein.“

Als besonders dramatisch werden die Bestrebungen zur Neuaufteilung der Welt und der Märkte und die verstärkte Wiedereinsetzung kriegerischer Gewalt als Mittel der Politik bezeichnet. Dementsprechend steht im Katalog der Ziele des vereinigten Verbandes die Forderung nach einer Welt ohne Krieg obenan: „Die dringlichste Aufgabe ist die Bannung jeglicher Kriegsgefahr. Krieg und Gewaltanwendung dürfen nicht als Mittel der Politik rehabilitiert werden, sie müssen international geächtet werden.“

Für alle im DFV organisierten Freidenker bleibt das Leben und Wirken des 1944 von den Faschisten ermordeten DFV-Vorsitzenden Max Sievers Vermächtnis und Verpflichtung, entsprechend verpflichtend – und unteilbar – auch der Schwur „Nie wieder Faschismus – nie wieder Krieg!“ Dies schlägt sich nicht nur in programmatischen Dokumenten nieder, sondern im praktischen, alltäglichen Engagement der Mitglieder des Verbandes. Sie protestieren nicht nur gegen die völkerrechtswidrigen Kriege der „Neuen Weltordner“, wenn sie von der deutschen Bundesregierung nicht unterstützt werden, sondern auch, wenn diese eigenhändig mitbombt, wie 1999 bei der NATO-Aggression zwecks Zerstörung Jugoslawiens.

An dieser Stelle ist Gelegenheit, ein, ja das grundsätzliche Anliegen der Freidenkerorganisation näher zu betrachten: Die Förderung des eigenständigen, selbständigen Denkens, des Denkens „mit dem eigenen Kopf“, wie es so schön heißt. Am Beispiel der Zerschlagung Jugoslawiens und der „krönenden“ NATO-Aggression lässt sich dies exemplarisch zeigen, denn gegen sie regte sich erschreckend wenig Widerstand. Weil eine generalstabsmäßige Medienkampagne über Jahre die Köpfe für die Aufnahme der Lüge bereit gemacht hatte, hier würde aus „humanitären“ Gründen „gehandelt“. Tatsächlich agitierten die meisten Massenmedien volksverhetzend, als vierte Waffengattung, wie gleichgeschaltet.

Als Freidenker-Organisationen Ende des 19. Jahrhunderts gegründet wurden, war ihr Hauptzweck, der Beherrschung „der Köpfe“ durch die Kirchen, ihrer Monopolstellung in geistigen und weltanschaulichen Fragen entgegenzutreten. Die heutige veränderte Situation lässt sich trefflich mit den Worten von Peter Hacks charakterisieren: „Die christliche Kirche hatte während des gesamten Mittelalters nicht so unangefochtene Herrschaft über die Seelen, wie heute die Medien haben. Verglichen mit den Medien verfuhr die Kirche plump: Sie log noch. Es ist gewiss schlau, die Leute mit großem Aufwand zu beschwindeln. Aber die hohe Schule der Schlauheit ist, wenn man ihnen den Einfall aus dem Kopf schlägt, sich nach der Wahrheit zu erkundigen. Ein Land, das Medien hat, braucht keine Zensur mehr.“

Gegen solchen Totalitarismus aufzustehen, ist die erste und vornehmste Aufgabe von Freidenkern, im Sinne von Noam Chomsky: die intellektuelle Selbstverteidigung anzuregen und organisieren zu helfen.


Klaus Hartmann
Bundesvorsitzender des Deutschen Freidenker-Verbandes


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