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Randbemerkungen gegen eine Hypnose durch den „Great Reset“

Aus: „FREIDENKER“ Nr. 3-22, September 2022, S. 9-13, 81. Jahrgang

von Klaus Linder

Der heutige Tag ist ein Resultat des gestrigen.
Was dieser gewollt hat, müssen wir erforschen,
wenn wir zu wissen wünschen, was jener will.
(Heinrich Heine, Französische Zustände)

Das Buch „The Great Reset“, deutsch: „Covid-19 – Der große Umbruch“ von Klaus Schwab und Thierry Malleret erschien im Jahr 2020. Es machte Furore und elektrisierte Freund und Feind. Hauptautor Schwab ist Gründer und Geschäftsführer des World Eco­nomic Forum (WEF). Bereits 1971 gründete er dessen Vorgänger-Einrichtung als Stiftung unter dem Namen „European Management Forum“. Genauere Auskünfte über Schwab bis zurück zur Bereicherung des Familien­unterehmens durch Nazi-Kollaboration und Ausbeutung von Zwangsarbeitern bringt der Artikel von Johnny Vedmore „Die Familien­werte des Klaus Schwab“[1] .

Den Grund für die alarmierende Wirkung, die von „The Great Reset“ ausging, beschreibt Vedmore so:

Denn der Great Reset ist eine umfassende Anstrengung, unsere globale Zivilisation zum aus­drücklichen Nutzen der Eliten des Weltwirtschafts­forums und ihrer Verbündeten umzugestalten.[2]

Das entspricht zahllosen gleichlautenden Einschätzungen im Schwall der Folgelite­ratur, die innerhalb von zwei Jahren entstand.

Auffallend ist, wie häufig Kritiker und WEF-Propagandisten darin übereinstimmen, den Schwabschen Vorstoß zum  zentralen „futurologischen“ Manifest der „Transforma­tion“ des zeitgenössischen  Kapitalismus zu erklären. Ob das zutrifft oder nicht – zu unter­suchen wäre dann die Frage: Welche Vorstel­lungen über Imperialismus werden durch diese Agenda eigentlich hervorgerufen? Die Frage ist zu erweitern. Wenn Auseinanderset­zungen mit dem „Great Reset“ zur Schärfung unserer anti-monopolistischen Strategie und Taktik dienen sollen, ist herauszufinden: Welche ideologischen Verschleierungen gehen in Text und Auslegung als Selbstver­ständlichkeiten ein, wo liegen die Fallen, in die wir tappen können, wenn wir Begrifflich­keiten und Vorstellungen als gegeben über­nehmen.

Imperialistische Gemeinwohlideologie

Allerdings ist das Ausräumen von Fallstricken ein mühsames Geschäft – mühsamer, als sie zu legen. Die Bücher des Vielschreibers Schwab bestehen aus modischen Schlagwör­tern im anglisierenden Jargon von CEOs, Unternehmenswerbung, PR und Think-Tank-Prosa. Der bornierten Vorstellungswelt der bürgerlichen Betriebswirtschaftslehre ent­sprungen, haben sie die Funktion der Ver­schleierung und der Apologie (implizite Rechtfertigung und Beschönigung) der mono­polkapitalistischen Verhältnisse. Charakteris­tisch für die faschisierenden Tendenzen der herrschenden Demagogie werden die Wort­hülsen so dargeboten, als ginge es dabei um nichts geringeres als um eine bevorstehende „Revolution“. Die Charakterisierung als apo­logetisch bedeutet: Es geht bei dieser pseudo-revolutionären Rhetorik um die Rettung der kapitalistischen Produktions- und Eigentums­verhältnisse, heute ganz ausdrücklich um den Preis drastischer Opferungen von Produktiv­kräften und Produzenten.

Ein Beispiel für die Aufblähung bürger­licher Worthülsen: In einer neueren Video­botschaft gibt Schwab die ‚Offenbarungen‘ zur Kenntnis, die bei seiner Forums-Grün­dung 1971 Pate gestanden hätten; nämlich die Entdeckung des „Stakeholder-Prinzips“.

Stakeholder sei der Gegenbegriff zu „Shareholder“. Shareholder sind die, die von einer kapitalis­tischen Unternehmung profitieren – Eigentü­mer / Mehrheitseigner, Aktionäre. „Stake­holder“, als Gesamtheit derer, die am Gedeih eines Unternehmens ein Interesse haben könnten und durch sein Verhalten beeinflußt werden, sind alle und keiner: Kunden, Liefe­ranten, Mitbenutzer von Infrastruktur, die Kitabetreiber für das Personal etc. ppp. – sie alle könnten eine irgendwie geartete Geneigt­heit haben, daß das Unternehmen fortbestehe, oder müssen zittern, falls es untergeht. Wesentliche ökonomische Realitäten sind damit nicht ausgedrückt: weder Klassen, noch Eigentumsverhältnisse, noch Ausbeutung, noch die Erzeugung und Verteilung des Mehr­werts.

Unschwer ist zu erkennen, daß wir hier eine ideologische Zurichtung der Privatisierungs­politik durch „Privat-Öffentliche Partner­schaften“ vor uns haben, die in der Periode des „Neoliberalismus“ die Staats- und Volks­eigentum in die Klauen der Finanzbour­geoisie brachte. Damit wäre die gesamte geplünderte Öffentlichkeit „Stakeholder“. Der angemessene Ausdruck wäre „Geisel­nahme“. Die Ausplünderung auch der Repro­duktionssphäre wurde damit längst in Berei­che verschoben, die großenteils keinen Mehr­wert durch Ausbeutung menschlicher Arbeits­kraft mehr erzeugen, etwa die gesamte öffent­liche Daseinsvorsorge.

Gewiß sind das Erscheinungen imperialisti­scher Stagnation und Fäulnis – aber sie sind nichts wirklich Neues mitsamt ihren destruk­tiven Auswirkungen. Der ganze „Stake­hol­der“-Nebel ist ein Beispiel für das Verfahren, das generell hinter der „revolutionären“ be­grifflichen Aufbrezelung von Schwab und Konsorten steckt. Es dient dazu, die ver­schärfte Ausbeutung und Ausplünderung mit der Sauce einer falschen Gemeinwohl-Ideolo­gie zu übergießen – auch das ein wesentliches Element von Faschisierung.

Der Mythos vom Ultra-Imperialismus ersteht wieder auf

Um sich das allgemeine Erschrecken vor den jüngsten Orakelsprüchen des Team Schwab besser zu erklären, muß offenbar noch etwas Neues in Betracht gezogen werden. Der – be­rechtigte – Alarm, den „The Great Reset“ aus­löste, dürfte darauf beruhen, daß das kritische Publikum einen „Turning the Screw“-Moment wahrnahm – eine weitere Drehung der Schraube tief in anthropologische Berei­che (Stichworte: Eugenik, Biotechnologie, „Transhumanismus“, Digitalisierung), die gerade auch lebensphilosophisch-existentia­listisch gestimmte Gemüter, die Martin Heideggers Vorbehalte gegen eine „planetari­sche Herrschaft der Technik“ teilen, als die bisher schützenswerte Sphäre schlechthin an­sehen. Häufig geht das einher mit einer abs­trakten Ablehnung von „Technologie“ als sol­cher, unabhängig von den gesellschaftlichen Verhältnissen, Gesellschaftsformationen und demokratischen Planungsmöglichkeiten.

Vieles spricht dafür, daß Schwab, dessen Bedeutung eher die eines gut „vernetzten“ PR-Managers ist, nicht die eines „Denkers“, mit penetranter Großsprecherei genau auf diese Stimmungen kalkulierte, um zunächst einmal größtmöglichen Schock und Verwir­rung ins Publikum zu tragen. Dazu trägt ein Ton bei, der ständig zwischen zwei Polen changiert: einerseits wird die „prästabilisiert harmonische“ Endzeit einer sozialtechno­logisch vollkommen durchorganisierten „bes­seren Welt“ suggeriert, zugleich werden sämt­liche apokalyptisch-„dystopischen“ Bilder­welten aus den Brunnen bürgerlichen Krisen­bewußtseins heraufbeschworen, die sich seit hundert Jahren im Fundus verkehrter Weltbil­der ablagerten.

Für einen beabsichtigten Desorientierungs­effekt der Publikation spricht bereits die be­wußte Verknüpfung mit „Covid-19“ im deut­schen Titel. Beim gleichzeitigen Erscheinen des Buches mit der Ausrufung einer „welt­weiten Corona-Pandemie“ dürfte es sich um wohlberechnetes Timing gehandelt haben.

Es konnte nicht ausbleiben, daß, zumindest für die naivere Wahrnehmung – sofern sie sich zum Widerstand gegen die Corona-Ausnahmezustände der imperialistischen Länder, mit ihrer zutiefst staatsmono­polistisch deformierten „Gesundheitspolitik“ bis zur Biontech-Pfizer-Kampagne, bewegt sah – etwa die folgende Deutung fast zum feststehenden Muster bürgerlicher Monopol­kritik wurde:

Eine kleine Elite hat sich in die Lage versetzt, „weltweit“ einem geradlinigen Plan folgend, die Diktatur gegen „den Rest der Menschheit“ aus einem einheitlichen Willlens- und Durchsetzungs­zentrum zu instal­lieren. Früher geteilte Blöcke wachsen dabei zu einer „Weltregierung“ zusam­men. Das Resultat wird sein: eine „totalitäre“, über den Planeten verhängte „Dystopie“. Damit einher gehen Bevölkerungsreduktion und -kontrolle, in ihrem Gefolge Eugenik, biologische, chemische, genetische, elektronische Konditionierung bis in die menschliche Natur, samt „totaler“ Überwachung und „Gedankenkontrolle“ insbesondere bis in die vorgeschriebene Sprache.

Zunächst: Um Tendenzen imperialistischer Herrschaftstechniken zu beschreiben, liegt in einigem davon der Kern Wahrheit, den nicht zu sehen es tatsächlich der „Gehirnwäsche“ bedürfte. Manches davon ist ganz richtig, anderes auch falsch. In jedem Falle gilt aber der entscheidende Einwand Lenins: „Der Verfasser hat vollkommen Recht. Würden die Kräfte des Imperialismus nicht auf Widerstand stoßen, so würden sie eben dahin führen[3].

Meine These ist stattdessen: Schwab – mit­samt seinem jährlichen Davoser Zirkus eher eine untergeordnete Charge der international agierenden Finanzbourgeoisie – ging es nicht darum, tatsächlich einen Arbeitsauftrag an die „internationalen Eliten“ zur Durchsetzung eines „global einheitlichen Programms“ zu erteilen. Er weiß als Kapitalist selber, daß die materiellen Voraussetzungen und der entspre­chende zentralisierte Überbau dafür fehlen.

Das weltweit verschmolzene Supermono­pol, das nötig wäre, um einen solchen nach Art einer „Weltregierung“ hervorzubringen, existiert nicht. Es dürfte sich eher um das „Pfeifen im Walde“ vor dem sich längst abzeichnende drohenden Hegemonieverlust der imperialistischen Zentren angesichts der aufstrebenden „multipolaren Ordnung“ han­deln, somit um den Versuch einer Konter-Offensive gegen die wachsenden antago­nistischen Kräfte des Widerstands, von denen Lenin spricht.

Die Vorbereitung des NATO-Kriegs gegen Rußland und China war zur Zeit der Aus­rufung des „Great Reset“ längst im Gange. Wieweit den Akteuren bewußt war, ob, wann und wie der entscheidende Schritt jenes Widerstandes, der Beginn der russischen militärischen Sonderoperation, bevorstand, wissen wir nicht. Das ändert nichts daran, daß der Imperialismus bereits in jenen „End­kampf“-Modus überging, von dem die Propa­ganda seither durchdrungen ist.

Die Rhetorik Schwabs hätte vor diesem Hintergrund zwei Zwecke zu erfüllen: Er­stens, durch eine – bloß vorgetäuschte – straff organisierte Klassen-Allmacht lähmende Ein­schüchterung zu bewirken; und zugleich Ab­lenkung des antimonopolistischen Wider­standes auf den relativen Nebenschauplatz „Corona“.

Zweitens: Der „Rappel à l’Ordre“, der Appell zu Bündelung und Sammlung an die internationale Bourgeoisie, um der anti-imperialistischen Herausforderung geschlos­sener begegnen zu können.

Hier liegt nun, unter dem Stichwort „Ver­wirrung des Gegners“, eine Hauptgefahr. Ein Blick auf oben genannte Schlagworte – „Tota­litarismus, Eliten, Dystopie, Überbevölke­rung“ – zeigt, daß es fast selbstverständliche Begriffe bürgerlicher Vorstellungswelten sind, die eine lange Vorgeschichte aufweisen.

Mit dem Material „Great Reset“ werde ich mich im Folgenden nicht befassen. Statt­dessen versuche ich Schlüsselwörter nachzu­zeichnen, von denen ich meine, daß sie für eine Gegenstrategie untauglich sind. Die Gefahr ist gegeben, daß wir durch Über­nahme dieser Begriffe der hypnotischen Wir­kung der Schwab‘schen Demagogie eher erlie­gen, anstatt sie zu durchbrechen.

Zur „Totalitarismustheorie“

Die „Totalitarismustheorie“ geht in ihren Ursprüngen zurück bis auf die Ausbildung des italienischen Faschismus und vor allem das gleichzeitige bürgerliche und sozialdemokra­tische Erschrecken vor der Oktoberrevolution und der Diktatur des Proletariats. Der Ver­weis auf den Faschismus dient nur dazu, über diesen Umweg den Sozialismus zu diskredi­tieren. Der Sozialdemokrat Karl Kautsky war einer der ersten, die sich zur schändlichen „Gleichsetzung“ des (italienischen) Faschis­mus und der Sowjetunion Lenins vermoch­ten. Hier genügt es, die Ausprägung darzu­stellen, die nach dem Ende der Anti-Hitler-Koalition und mit dem Beginn des Kalten Krieges zum Grundbestand imperialistischer antikommunistischer Ideologie wurde: dieje­nige Fassung, die Hannah Arendt (1906–1975) in ihrem Buch „Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft“ ab 1951 vorgelegte.[4]

Zur Einordnung Arendts unter den konkur­rierenden, aber in der Abwehr des Marxismus einigen Schulen imperialistischer Philoso­phie: Ihr Denken ging aus Lebensphilosophie und Existentialismus hervor, Prägung Hei­degger und Jaspers. Der eine Faschist, der andere rechts-konservativ.

Es verwundert nicht, wenn ihre Geschichts­auffassung sich der pessimistischen „Ge­schichtszyklen“-Mythologie Oswald Speng­lers („Der Untergang des Abendlands“) oder der „ewigen Wiederkehr“ Nietzsches annähert: „Wenn der letzte Sieger im Kampf um die Erde die ,Sterne nicht annektieren’ kann, so bleibt ihm nur übrig, sich selbst zu zerstören, damit der unendliche Prozess aufs neue beginnen kann.[5]

Angeblich sei Voraussetzung „totalitärer Herrschaft“: der im Gang befindliche Zerfall sowohl des Nationalstaats als auch der Klassen. Arendt verschleppt in ihre Theorie die, einstmals dem Liberalismus zugehörige, Fiktion eines über den Klassen stehenden Staates. Ihre Methode ist gegen den histori­schen Materialismus gerichtet und antidialek­tisch. Eine Dialektik von ökonomischer Basis und Überbau liegt ihr fern.

Das führt sie zu statisch-belanglosen Aller­weltsaussagen wie die, „dass es eine von der Politik schlechthin unabhängige, ihren eigenen Gesetzen gehorchende, kapitalistische Entwicklung nicht geben kann und nie gegeben hat.[6]; oder aber zu Fehldiagnosen wie:  „Das Profit­interesse, dessen Bedeutung für die imperialistische Politik auch in der Vergangenheit häufig überschätzt wurde, ist heute gänzlich in den Hintergrund getreten, nur sehr reiche und sehr mächtige Länder können sich die riesigen Verluste leisten, die der Imperialismus mit sich bringt.[7]

Hier ist nicht die Gelegenheit, die Lenin­sche Imperialismustheorie auszuführen. Aber soviel ist festzuhalten: Arendt, wie so viele bürgerliche Philosophie, befindet sich im fort­währenden polemischen Bezug gegen dieselbe, ohne das jedoch explizit zu machen. Soweit dem Verständnis nötig, folgende Bemerkung: Bei Lenin bringt der Übergang zum Imperialismus zwar bedeutende Verän­derungen im Klassengefüge mit sich, indem das Monopol zur Grundlage der kapitalisti­schen Ökonomik wird. Das betrifft sowohl die Herausbildung der Arbeiteraristokratie als auch die der Finanzbourgeoisie.

Der von ihm analysierte „parasitäre, fau­lende Kapitalismus“ setzt aber die von Marx behandelten grundlegenden ökono­mischen Gesetze nicht außer Kraft. Weder das Wertgesetz, noch Akkumulation des Kapi­tals, Mehrwert, Profit und, bei allen Form­veränderungen (Aktienwesen, oder heutige Vermögensverwaltungsgesellschaften z.B.) auch nicht den „Besitzbegriff“. Expansion und Neuaufteilung der Welt, Kapitalexport, erfolgen just aus Akkumulationszwang und Sicherung von Profitraten.

Wir haben also in der folgenden Aussage Arendts einen Kunstgriff der bewußten Verschleierung der (monopol-)kapitalisti­schen Klassenverhältnisse, die die Grundlage bildet, um den „Toatalitarismus“ zu einer von der Gesellschaftsformation unabhängigen Angelegenheit zu erklären. Darauf baut ihre Theorie auf.

Der Imperialismus als Wiedereinglie­derungs- und Parasitismus-Verhinderungs-Programm für die Bourgeoisie entbehrt dabei nicht der Komik: „Wichtiger fast noch als die Sicherung der Profitrate war die Wiederein­gliederung dieser Eigentümer in den nationalen Körper. Der Imperialismus rettete die Bourgeoisie davor, parasitär zu werden, und verhalf ihr dazu, gerade in dem Augenblick eine Rolle zu spielen, als ihr Besitzbegriff sich als überaltert herausgestellt hatte, weil ihr Reichtum in der nationalen Produktion nicht mehr gebraucht werden konnte und sie so mit dem Produktionsideal einer Gesellschaft in Konflikt geraten war, an dem alles andere gemessen wurde.[8]

Es ist nicht allzu schwer, die Grundmotive heutiger sogenannter „Identitätenpolitik“ in folgender, skandalöser Stelle bei Arendt vorgebildet zu finden. Sie setzt die Politik der Rassenvernichtung mit dem Klassenkampf auf eine „erkenntnistheoretische“ Stufe:  „Es ist gleichgültig, ob ,geschichtliche Gesetze’ die Klas­sen oder ihre Vertreter ,absterben’ lassen oder ob ,Naturgesetze’ alle die, welche ohnehin nicht ,lebensfähig’ sind – Demokraten, Juden, östliche Untermenschen, unheilbare Kranke ,ausmerzen’.[9]

Die Schlußfolgerungen dieser hyper­idealis­tischen und ahistorischen Geschichts­auf­fassung sind widersinnig, aber konsequent. Widerstand gegen den zum „Totalitarismus“ umdefinierten Imperialis­mus und Faschismus wäre nicht mehr möglich, organisierte Stra­tegie undenkbar, da unter dem angeblichen Zerfall von Klassen und Nationalstaaten nur die abstrakte Gegen­überstellung des „geis­tigen“, „liberalen“, „aufgeklärt-erwachten“ Individu­ums gegen „Mob“ und Masse“ bleibt. Das führt zur Verkennung und Zurück­weisung aller geschichtsmächtigen Wider­standskräfte in der Epoche, in der Arendt lebte. Das betrifft auch die Weimarer Re­publik, in der die KPD die führende Kraft des Antifaschismus war:

Wesentlicher war, dass der Imperialismus das erste Phänomen war, dem gegenüber die marxis­tische Theorie der Wirtschaft versagte. Denn für den Marxismus war das neue Bündnis zwischen Mob und Kapital so unnatürlich, schlug so sehr der Lehre vom Klassenkampf ins Gesicht, dass die unmit­telbaren Gefahren des imperialistischen Expe­riments, sein Versuch, die Menschheit in Herren- und Sklavenrassen, in farbige und weiße Völker zu teilen und das in Klassen gespaltene Volk auf der Basis der Weltanschauung des Mob zu eini­gen, gar nicht zur Kenntnis genommen wurden.[10]

So kommt sie zu dem grotesken Schluß: „Es ist immerhin merkwürdig, dass es nie eine wirklich populäre Opposition gegen imperialistische Politik gegeben hat.”[11]

Die „theoretische“ Ausschaltung der Kom­munisten als antifaschistische Kraft wird durch Geschichtsfälschung folgender Art „belegt“. Während die KPD in der uns bekannte Wirklichkeit mit der richtigen Losung antrat „Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler, wer Hitler wählt, wählt Krieg“ behaup­tet Arendt, die KPD-Losung sei gewesen: „‚Wer Hitler wählt, wählt Hindenburg.’” So ent­steht der Eindruck, die ‚totalitären‘ Kommu­nisten hätten in heimlicher Komplizenschaft den Faschismus als das kleinere Übel gegen­über dem Präsidenten der Noch-Demokratie erachtet.

Mit derartigen Taschenspielereien wurden die Grundlagen der Gleichsetzung von Nazis und Kommunismus geschaffen. Nach den Siegen der Roten Armee über den Faschismus erforderte das zunächst die Gleichsetzung der Hitlerdiktatur mit dem „Stalinismus“, ergo der Sowjetunion. Als der Popanz „Stalin“ nicht mehr zur Verfügung stand, empfahl Arendt, durchaus vorausschauend für spätere Anwendungen ihrer „Theorie“, eine Umori­enterung auf die Volksrepublik China. Sie forderte, die verschiedenen kommunistischen Einparteiendiktaturen, denen wir in der Realität gegenüberstehen, von einem echten totalitären Sys­tem zu unterscheiden, wie es sich in China, wenn auch in einer neuen Form, herausbilden könnte.[12]

Hiermit ist ein „zeitloser“ Vorzug der „Totalita­rismustheorie“ zur Spaltung des Antiimperialismus angezeigt. Sie ist biegsam genug, um sich je nach Bedarf gegen jeden jeweils aktuellen Hauptfeind als neue Verkörperung des „Totalitarismus“ zu wen­den, auf den das Visier des imperialistischen An­griffsbündnisses sich richtet. Die Hauptfeinde sind immer genau da, wo der Kampf gegen Imperialis­mus und Faschismus siegreich ist. So abgestanden die Aussagen im Einzelnen sind: Die „Totalitaris­mustheorie“ bleibt ein unerläßliches Element ge­rade auch zur propagandistischen Mobilisierung des NATO-Kriegs nach außen und der Manipula­tion des Hinterlandes nach innen. Es sollte offen­sichtlich sein, daß wir gegen das ‚Imperium der Lügen‘ nicht standhalten können, wenn wir uns auch nur mit Anleihen bei der Arendtschen Ideolo­gie und allem, was daraus abgeleitet wird, bedie­nen.

Elitenherrschaft, „Dystopie“

Es liegt nahe, daß die „Totalitarismustheorie“ mit ihrer beliebigen Ausrichtung, mal gegen die Sowjetunion, mal gegen China, mal gegen die DDR, ein Tummelplatz von Trotzkisten verschiedener Observanzen ist. Ein solcher war James Burnham (1905-1987), der zu erin­nern ist, weil er bereits 1941 einem Dogma zur Popularität verhalf, das heute fast fraglos zur Verschleierung monopolkapitalistischer Herrschaft eingesetzt wird – mal unter der Maske vehementer Gesellschaftskritik, mal im Gebaren herrschender Politikfunktionäre selber.

Gemeint ist das Dogma von der „Eliten- oder Managerherrschaft“, die sich angeblich über sämtliche sogenannte „Industriegesell­schaften“ erstrecke, mit Tendenz zur Bildung eines „weltweiten Systems“. Wie bei Arendt werden die Merkmale gegensätzlicher ökono­mischer Gesellschaftsformationen verwischt und zum Verschwinden gebracht.

Als Trotzkist war Burnham in den USA 1934 Mitbegründer der „Socialist Workers Party“. In dem Maße, wie der Angriff des faschistischen Deutschlands auf die Sowjet­union näherrückte, entdeckte Burnham die Sowjetunion als Hauptobjekt seines politi­schen Hasses, überaus ähnlich denjenigen, die heute angesichts der offenen Zerstörung der Demokratie im imperialistischen Deutsch­land das „totalitäre China“ als einen Urheber des Wegs in den Ausnahmezustand auszu­machen wähnen.

Der „Antistalinismus“ ließ ihn im Land der Think Tanks, Politik- und Präsidentenberater, geostrategischen Futurologen und Propheten daraufhin Karriere machen. Deren Krönung war die Überreichung der höchsten Auszeich­nung durch einen US-Präsidenten, der Frei­heitsmedaille, die dem Ultrareaktionär Burn­ham 1983 durch Ronald Reagan verliehen wurde.

In den Jahrzehnten zuvor wirkte er als „Theoretiker“ der (neo-)konservativen Bewe­gung, CIA-Mitarbeiter, entschiedener anti­kommunistischer Kalter Krieger, maßgebli­cher Redakteur der konservativen „National Revue“. Für den CIA wirkte er insbesondere auf dem Felde der kulturellen Unterwande­rungsarbeit. Er war Mitbegründer des CIA-gesteuerten „Congress for Cultural Free­dom“, bei dem es darum ging, liberale und linke europäische Intellektuelle, immer unter dem Banner des „Antistalinismus“, für die imperialistische Front zu gewinnen.

Das Buch, das ihm Ruhm in der westlichen Welt brachte, erschien bereits 1941 unter dem Titel „The Managerial Revoution“ (deutsch: „Das Regime der Manager“). Bereits im futu­ristisch-prognostischen Stil geschrieben, wur­den darin „Voraussagen“ der folgenden Art gemacht, deren Widerhall bis in die Auf- und Ergüsse Schwabs nicht zu überhören ist: Die kapitalistische Gesellschaft werde überwun­den, aber nicht durch den Sieg der Arbeiter­klasse und eine sozialistische Gesellschaft sondern „etwas Drittes“. Es komme zu einer irgendwie auf „Kollektiveigentum“ basieren­den Gesellschaft, die durch eine Manager-Elite beherrscht werde, die alle übrigen Gesellschaftsmitglieder irgendwie ausbeuten könne.

Diese Variante der „Totalitarismustheorie“ entstand noch vor dem Buch Hannah Arendts. Die gemeinsame doppelte Stoßrich­tung ist die gleiche: einerseits Verschleierung der ökonomischen Grundlagen des Monopol­kapitalismus, und damit auch des tatsächli­chen Faschismus, andererseits die erbitterte Abwehr des revolutionären Klassenkampfes und des Sozialismus. Auch der Ahistorismus ist der gleiche, mit dem ein fiktiver gesell­schaftlicher Überbau ohne erkennbare ökono­mische Basis absolut gesetzt wird. Die arbeits­teiligen Funktionen, aus denen sich nach Burnham die angebliche internationale Klasse der Eliten oder Manager in ununterscheid­baren „Industriegesellschaften“ zusammen­setzen soll, sind aus verschiedensten Berei­chen der Produktions- und Reproduktions­sphäre bunt zusammengewürfelt (Adminis­tratoren, Experten, leitende Ingenieure, Pro­duktionsleiter, Propagandaspezialisten und Technokraten).

Ihr Tätigkeitsfeld ist das „Planen“, „Über­wachen“ und „Zusammenfügen“ der gesell­schaftlichen Prozesse. Geschichte ist in dieser, einmal mehr mit der Zweifelsfreiheit des Orakels vorgebrachten, „Vision“ das Ent­stehen und Vergehen „der Eliten“. Sozialisti­sche Revolutionen bringen unter diesem begrifflichen Verwirrspiel angeblich ebenfalls „Manager“ an die Macht, die die Massen durch die Vortäuschung von Sozialismus fop­pen. (Abermals sei auf die geschickte Camouf­lage des Klaus Schwab verwiesen, der von vielen seiner Kritiker, wie auch das seinem „Geiste“ entsprungene grüne Faschisierungs­personal in Deutschland, als Exponent eines „linken kapitalistisch-sozialistischen Trans­formationsprojektes“ angesehen wird.) In einem für trotzkistische Parteizusammen­hänge verfaßten Schriftstück von 1940 formu­lierte Burnham die Quintessenz seiner reakti­onären Eliten-Theorie:

Ich erachte, daß auf der Basis der uns nun zugänglichen Beweise eine neue Form der Ausbeu­tungsgesellschaft (die ich Managergesellschaft nenne) nicht nur möglich, nicht nur eine mögliche Alternative zum Kapitalismus, sondern ein wahr­scheinlicherer Ausgang der gegenwärtigen Periode als der Sozialismus ist. Wie ihr wißt, bin ich nicht der Meinung, daß Rußland in irgendeinem einseh­baren Sinn als Arbeiterstaat bezeichnet werde kann. Diese Auffassung ist jedoch mit weit grundsätzli­cheren Schlußfolgerungen verbunden: zum Beispiel muß der Stalinismus als Manifestation derselben historischen Kräfte verstanden werden, deren andere Manifestation der Faschismus ist[13]

Das wahre Ziel des Sozialismus sei nach Burnham die Erhaltung des Kapitalismus.

Dergleichen antikommunistische Wirrsal konnte den Rekrutierungsbemühungen des Vorläufers der CIA, dem OSS, im Jahre 1944, schon in Vorbereitung eines Kalten oder Heißen Krieges gegen die Sowjetunion, nicht entgehen. Burnham wurde Analyst für die Behörde. Der Ausgangspunkt seiner Ein­schätzungen war: 1944 hat der Dritte Welt­krieg, der Endkampf für das angestrebte ame­rikanische Weltreich begonnen. (Der USA-Exzeptionalismus dieser Perspektive war Pro­gramm.). Man könnte das als den imperialis­tischen „Great Reset“-Versuch anno 1945 bezeichnen. Die „Staatstheorie“, die daraus gebildet wurde, basierte auf folgenden Punk­ten:

Die angebliche „Managerrevolution“ be­zeichnet den Übergang zu einer neuen „Gesellschaftsformation“. Alle kapitalisti­schen, auch die faschistischen, und sozialisti­schen Gesellschaften fließen in dieser zusam­men. Die „Manager“ als „Elite“ bringen damit die Rest-Gesellschaft unter ihre Herr­schaft. Wunderwaffe dieser neuen Klassen­macht sei „Technisierung“ und “Verwissen­schaftlichung“. Demokratie als „Volksvertre­tung“ oder „Selbstverwaltung“ ist zurückzu­weisen, da die Herrschaft einer Minderheit über die Mehrheit der menschlichen Natur entspringe. Die Manager-Eliten-Gesellschaft werde nicht mehr aus unabhängigen Natio­nalstaaten bestehen. Die wie oben umdefi­nierte „Souveränität“ wird verlagert in zentra­lisierte „Superstaaten“, die sich um die indus­triellen Zentren Europa, Asien und Amerika gruppieren. Die Gesellschaft wird hierar­chisch sein, von den Eliten herab bis zu Halb­sklaven. Die „Manager“ werden die Kapita­listenklasse eliminieren, die Arbeiterklasse zerschlagen, Privateigentum zerstören aber gleichwohl Macht und ökonomische Privile­gien in ihren Händen halten.

Wenn nun gefragt würde, ob das „tragisch-dystopisch“ oder „euphorisch-harmonisch“ gemeint sei, wäre zu antworten: Das spielt keine Rolle mehr. Das bürgerlich-imperialisti­sche Krisenbewußtsein hat nur noch den fata­listischen Ton des „So wird es sein, weil es anders nicht kommen kann“ zur Verfügung. Seiner historischen Perspektivlosigeit ist, um Zeit zu gewinnen, alles recht – außer der proletarischen Revolution.

Aus zwei Gründen erfolgt hier die Darstel­lung dieser scheinbar vergessenen Ideologien:

  1. Trotz ihrer in sich widersprüchlichen und realitätsfernen Voraussetzungen begegnen uns dergleichen Vorstellungen heute auf Schritt und Tritt, gerade in der Literatur um den „Great Reset“. Die Verschleierung der tatsächlichen Klassenmachtverhältnisse wirkt sich leider häufig auch auf die Kritiker aus, die die Phantastik der Manager- und Elitenherr­schaft für bare Münze nehmen.
  2. hatte Burnhams Arbeit eine unmittelbare Nachahmerschaft in Science Fiction, die heute noch beliebter ist, um eine irreführende Auffassung von Faschismus und Faschisie­rung zum Ausdruck zu bringen. Gemeint ist der 1949 erschienene „dystopische“ Roman von George Orwell: „1984“.

Diese Utopie eines „totalitären Staates“ in Romanform knüpft unmittelbar an Burnham an, der Orwell dazu inspirierte. Auch hier ist die Totalitarismustheorie aus der bürgerlichen Abwehr des Kommunismus motiviert, durch dessen verzerrte „Darstellung“ sich sämtliche Elemente brechen, die sich eventuell als Be­schreibung von Orwells eigener kapitalisti­schen Gesellschaft lesen ließen.

Durch den Trotzkismus geprägt wie sein Vorbild, richtet Orwell die „Utopie“ in erster Linie gegen die von einem erbitterten Antikommunisten imaginierte Sowjetunion (in die er niemals einen Fuß setzte). Es wäre ermüdend, die in der Orwell-Literatur aus­giebig dargelegten, letztlich monotonen und schematischen Analogien, Allegorien, An­spielungen gegen die Sowjetunion aufzu­zählen. Sie ziehen sich durch die kleinsten Einfälle, von den beliebten Wortabkürzungen (Akronymen) bis zur Modellierung des wirklichen oder fiktiven Haupt-Staatsfeindes „des Systems“ anhand der Figur Trotzki. Der Orwellsche Staat wird beherrscht von einer „Sozialistischen Partei Englands“. Angeblich sei es, laut Orwell-Literatur, eine Wiedergabe der Sowjetgesellschaft, daß die „Herrschafts­pyramide“ aus innerer Partei, äußerer Partei und Arbeitern (Proles, Massen) bestehe.

Der Roman konnte sich vor allem lebendig erhalten aufgrund einer Fülle einzelner Einfälle, die allesamt die Oberflächenstruktur der Handlung betreffen, nämlich die zahl­reichen Erfindungen über Herrschaftstech­niken, besonders zur Kontrolle des Bewußtseins, nebst ihren Bezeichnungen, die zum Teil sprichwörtlich wurden („Wahrheits­ministerium“, „Großer Bruder“).

Von Burnham übernommen wurde die Auf­fassung, daß der „Totalitarismus“ zu, einer „Weltregierung“ zustrebenden, „Superstaa­ten“ führe, die in drei geographische Blöcke aufgeteilt sind. Wie bei Burnham und Arendt dient die Oberflächenbeschreibung des „Tota­litarismus“ zur Verschleierung des Zusam­menhangs von Kapitalismus, Imperialismus und Faschismus. Da es sich um kleinbürger­lich-individualistische Gedankengebäude han­ delt, nimmt es nicht Wunder, daß der Be­wußtseins- und Gedankenkontrolle und -überwachung ein überproportionaler Raum in der Darstellung dessen zukommt, was man als „Elemente des Faschismus“ übersetzen könnte.

Echte Klassenkämpfe kommen hier so wenig vor wie die materiellen Grundlagen dieser undefinierten Elitenherrschaft. Es gibt eben zum statischen „System“ erhobene „Herrschaft“. Entsprechend ist, wie bei Arendt, Widerstand nur als kleinbürgerlich vereinzelte Auflehnung „Aufgewachter“ gegen die „Gemeinschaft“, die „Masse“, das „System“ denkbar und spielt vornehmlich im Bereich des Selbstbewußtseins. Das macht die eigentliche Romanhandlung ermüdend sche­matisch, da sie über den abstrakten Gegensatz „Individuum“ und „beherrschte Masse“ nicht hinauskommt. Die Starre dieser in eine vordergründige Handlung gegossenen politi­schen Thesen ist nicht nur eine literarische Schwäche. Sie überträgt sich auch auf die fatale politische Botschaft, die sich wie bei Arendt ergibt:

  1. werden Gesellschaftsformationen so unerkennbar gemacht, daß die Grundlage his­torischer Widerstandsbewegungen ebenfalls nicht zu erkennen ist.
  2. wird der Begriff organisierten Widerstan­des absorbiert durch den Kult des „freieren“ Individuums, das allenfalls eine „höhere Bewußtseinsstufe“ gegenüber den „schlafen­den Massen“ halten kann.
  3. wird, bei aller absichtsvollen Verwischt­heit des Charakters der Gesellschaftsform, die Sache so gewendet, daß am Ende immer „der Kommunismus“ als Vorbild für das „Ende der Geschichte“ in Form des „totalitären Überwachungsstaats einer Elitenherrschaft“ herhalten muß.

Vorstellungen von „Totalitarismustheorie“, „Elitenherrschaft“ und „Dystopie“ konditio­nieren auch heute das Bewußtsein bürgerli­cher Schichten durch die herrschende Ideolo­gie. Erstaunlich wäre nur, wenn es nicht so wäre. Es ist davon auszugehen, daß sich das in Entscheidungsmomenten lähmend aus­wirkt, wo diese Schichten bereits in Wider­spruch gerieten mit dem, was sie als faschisti­sche Tendenz des Monopolkapitalismus re­gistrieren. Häufig ist die Spontaneität da sogar weiter als das, was als „politische Theorie“ übergestülpt wird.

Wenn die Diversionstechniken, die im Hegemoniebereich der USA seit 1945 gang und gäbe sind, auf sie angesetzt werden, kann das im NATO-Sinne gegen einen ganz vagen Begriff von „Weltimperium“ gewendet wer­den, oder gegen Rußland und China, die dann sogar, in Verkennung der überdeutlichen wirklichen Frontstellung, als „Komplizen des Great Reset“ eingeordnet werden. Da diese Diversionstechniken über genügend konzep­tive Ideologen und Auf­tragstäter verfügen, um antifaschistisch-demokratische Protest­regungen auf den falschen Gegner zu lenken, ist dem beharrlich entgegenzuarbeiten.

Club of Rome

Fast gleichzeitig, und das nicht zufällig, mit der Gründung des ersten „Manager-Eliten-Forums“ durch Klaus Schwab 1971 erschien 1972 die wesentlich von der Rockefeller Stif­tung finanzierte und beauftragte „Studie“ „The Limits to Growth“ („Die Grenzen des Wachstums“). Vor dem Hintergrund nicht nur der allgemeinen Krise des Kapitalismus, sondern auch der überwunden geglaubten, nun erneut hereinbrechenden zyklischen Krise mit Rezession, Stagflation und „Dollar­schock“, nebst „Ölkrise“, wurde hier, als Stra­tegie der finanzmonopolistischen Krisenbe­wältigung, die Weichenstellung zur Ideologie der „kontrollierten“ Produktivkraftzerstörung (und / oder -auslagerung) vollzogen.

Die staatsmonopolistischen makrokönomi­schen Steuerungs-Theorien gingen, mit dem Scheitern des Keynesianismus und dem Ein­zug der „neoliberalen“ Glaubenssätze, von der „harmonischen“ in die „apokalyptische“ Phase über, in der sie sich bis heute befinden.

Der vermeintliche Sieg der Kon­terrevolution 1990 hat daran nichts geändert.

Die Antiproduktivkraft-Ideologie erschien zunächst unter zahlreichen „grünen“ Bemän­telungen, jahrzehntelang, bis sie heute als chauvinistischste Variante transatlantischer Kriegspolitik kenntlich wurde. Sie beinhaltet immer einen massiven Angriff gegen die Arbeiterklasse (und Bauern) der imperialisti­schen Länder und zugleich gegen die Pro­duktivkraftentwicklung und souveräne Staat­lichkeit abhängig gehaltener Länder.

Damit taugte sie auch vorzüglich zur Destabilisierung und Unterwanderung der sozialistischen Länder. Die vermeintlich über den Klassen, über den Nationen stehende, „universale“ Gemeinwohlideologie, die hier propagiert wurde, wechselte in einem halben Jahrhundert mehrmals ihr Gesicht. 1972 behauptete sie die angebliche absolute End­lichkeit der Ressourcen. Nebenbei errichtete die bourgeoise Apokalyptik in der BRD noch eine irrationale Kampagne gegen „Atom­kraft“ als solche, mit der die westdeutsche Friedensbewegung „nachhaltig“ (hier stimmt das Wort) desorientiert wurde.

Als die Schlagkraft des Club of Rome – auch aufgrund sich bald als falsch heraus­stellender Berechnungen – sich erschöpfte, sattelte man um auf die aufwändige Propa­gierung des neuen Dogmas, daß nämlich ganz unabhängig von der Endlichkeit dieser Ressourcen (fossile Energieträger) die angeb­liche Rettung des „Weltklimas“ ihre Nutzung sowieso „verbiete“.

Schuld seien nun geringe Mengen des Gases CO2 in der Atmosphäre, genauer: die noch viel geringere Menge seines „menschen­gemachten“ Anteils, noch genauer: „die Industrialisierung“. Wer Kräfte komman­dieren kann, die über den dogmengläubigen Fanatismus verfügen, solche Ideologien mit allen Konsequenzen zumindest vorläufig durchzusetzen, verfügt über ein mächtiges Instrument, um gesellschaftlichen, ökono­mischen, sozialen Fortschritt offensiv zu sabotieren und zu unterbinden.

Es war nicht nur eine faschisierungstaug­liche „Gemeinwohlideologie über den ka­pitalistischen Widersprüchen“ gefunden wor­den. Diese vollzog zugleich eine deutliche an­tihumanistische Wende, indem „der Mensch“ durch seine ökonomisch-industrielle Tätig­keit, ja bereits durch die Meisterung der Naturkräfte, zur „Erbsünde“ der Natur, des Planeten, des Kosmos wurde.

Bei allem Positivismus der Methodik: die existentialistische Lebensphilosophie feierte Feste. Aus marxistischer Sicht charakteri­sierte András Gedö diese Ideologie im Jahre 1978 folgendermaßen:

„Dieser mit technizistischen Mitteln konstruierte antitechnizistische Krisenmythos mündet in die ‚sozialtechnologischen‘ Illusionen des Zum-Stillstand-Bringens des Wachstums, des Erreichens des ‚globalen Gleichgewichts‘. Die Vorstellungen der ‚Grenzen des Wachstums‘ reflektieren zum einen die wirklichen ökologischen Krisen­erscheinungen des gegenwärtigen Kapita­lismus, wobei ihre Deutung dieser Er­scheinungen das Gesellschaftlich-Ökono­mische aus der ökologischen Krise aus­schaltet; sie bringen zum anderen den Über­gang zur neuen Phase der allgemeinen Krise des Kapitalismus im Spiegel der Apologie zum Ausdruck, insofern sie der Gesellschafts­kritik, die das kapitalistische System in Frage stellt, die antitechnizistische Verurteilung der Produktivkräfte, letztlich die Idee der techni­schen ‚Erbsünde‘ des Menschen, die Ableh­nung der auf Wachstum und Konsumtion drängenden philosophischen und morali­schen Einstellung entgegensetzt.“[14]

Die dritte Umwandlung dieser Ideologie der Produktivkraft-Verhinderung und des radikalen über die arbeitenden Klassen ver­hängten Konsum-Verzichts wurde heute erreicht – und damit der Maskenfall, der ihren nackten imperialistischen Kern enthüllt. Ihre katastrophische Durchsetzung, wird nun weder durch „Endlichkeit der Ressourcen“, noch durch „planetarische Klimarettung“ begründet, sondern als offener Übergang („Zeitenwende“ genannt) zur Kriegswirt­schaft gegen Rußland (und China), mit den für das nationale Wirtschaftsgefüge vollends zerstörerischen „Sanktionen gegen Putin“.

Nicht anders als heute bei der sozialreaktio­nären „Fridays for Future“-Bewegung, hing sich die bourgeoise Verzichts-Ideologie auch damals ein „antikapitalistisches“ Mäntelchen um und präsentierte sich als „anthropologi­sche Revolution“. So äußerte Sicco Mansholt, der damalige Präsident der Europäischen Kommission, 1973:

„Diese Gegenkräfte können wir nur entwi­ckeln, wenn es uns gelingt, Mentalität und Denkweisen der Menschen in unserer Gesell­schaft grundlegend zu ändern. Wir müssen eine Gesellschaft anstreben, die bereit ist, einen Stillstand, ja auch ein materielles Absin­ken des Konsums ohne Murren hinzuneh­men. Für den Konsumenten heißt das: weni­ger Autos, weniger Farbfernseher, weniger Wochenendhäuser. Es heißt: Bescheidung. Es bedeutet: einfacher zu leben.“[15]

Es will scheinen, daß das Gebet des dama­ligen EU-Kommissionspräsidenten im Jahre 1 der Ära „Frieren und Hungern für den ukra­inischen Faschismus“ in Deuropa erhört wurde, zum Wohlgefallen der herrschenden Kreise der USA. Fraglich ist nun (Stand Herbst 2022), ob es „uns“ gelang, eine Gesell­schaft zu formieren, die das tatsächlich „ohne Murren hinzunehmen“ bereit sein wird.

Die „Grenzen des Wachstums“-Ideologie, zumal mit ihrem immer mitgemeinten Angriff gegen die sozialistische industrialisierte Land­wirtschaft, war nicht nur gegen die Entwick­lungsmöglichkeiten des sogenannten „globa­len Südens“ gerichtet, sondern ein Ramm­bock zur Unterwanderung und Zersetzung der Sowjetunion und der sozialistischen Staa­ten. Das „Nord-Süd-Gefälle“ wurde bemüht, um den Klassenkampf nach innen zu stoppen – gegen Forderungen von Gewerkschaften, denen „mangelnde Solidarität“ vorgeworfen wurde. China hingegen war damals noch aus­ersehen als billige Werkbank für die kapitalis­tischen Zentren. Mansholt brachte es zum Ausdruck: „Vielleicht bieten andere politische Systeme bessere Alternativen. Nicht unbe­dingt sozialistische Systeme; denn auch der Staatssozialismus sowjetischer Prägung basiert auf Wachstum, hat primär Wachstum zum Ziel. Vielleicht sollte man die Entwick­lungen in China künftig studieren.“[16]

Heute wissen wir, daß „der Westen“ im Hinblick auf die weitere Entwicklung Chinas einer kolossalen Fehleinschätzung unterlag. Die überwundene Spaltung Rußlands und Chinas wird nun zur praktischen Widerle­gung der „Grenzen des Wachstums“-Ideolo­gie und zur Grenze, an der der „Great Reset“ verpufft.

Die in der Literatur seit fünfzig Jahren nachgewiesene innere Fehlerhaftigkeit und abwegige Methodik beim Erstellen des „Welt­modells“ des Club of Rome soll hier nicht nachgezeichnet werden. Es genüge der Hin­weis, daß auch die Aussagen über die End­lichkeit der Rohstoffe und Ressourcen sich zwar als Fehlberechnungen erwiesen, die dadurch erzeugte Stimmungsmache jedoch ausreichte, um eine vorübergehende gesell­schaftliche Akzeptanz für die sogenannte Energiewende einzusammeln.

Hier soll nur auf einen inhaltlichen Aspekt des „Weltmodells“ eingegangen werden, nämlich den unter den erneut aufbrechenden kapitalistischen Krisenerscheinungen mit Macht aus der Vulgärökonomie des XIX. Jahrhunderts sich zurückmeldenden Malthu­sianismus. Dennis Meadows, ein federfüh­render Autor der „Grenzen des Wachstums“ gab das unumwunden als Kern der ganzen Veranstaltung an: „Wir wählten deshalb für unsere Untersuchungen die Malthussche Sicht einer begrenzten Welt, weil unsere Eindrücke und empirische Daten nahelegen, daß die Welt in einigen Aspekten endlich ist.“[17].

Was war mit „Malthussche Sicht“ gemeint? Nichts anderes als die Wiedereinführung eines fiktiven Naturgesetzes, wonach die Bevölkerung in exponentiellem Wachstum sich vergrößere, während die Produktion von Produktions- und Nahrungsmitteln „unwei­gerlich“ dahinter zurückbleibe. Damit erweise sich ein wachsender Teil der werktätigen Population als „naturgemäß überflüssig“ und sei somit zu reduzieren. Der Club of Rome, und mit ihm Weltbank und Weltwährungs­fond, konnten der Apokalyptik der „endlichen Ressourcen“ nun noch die der „explodieren­den Bevölkerung“ hinzufügen.

Malthusianismus

Was bedeutet also „Malthusianismus“? Ihren Namen hat die Sache von dem englischen Pfaffen und Ökonomen Thomas Robert Malthus, Verfasser einer reaktionären Theorie der Überbevölkerung, die das Elend der Werktätigen rechtfertigen soll. Damit war der Pauperismus, die Verarmung und Ver­elen­dung der werktätigen Massen, zum „univer­salen Naturgesetz“ erhoben – unabhängig von der historischen Produktionsweise.

Wie das in England angewandt wurde, um die Arbeiter zu entrechten und in „Working Houses“ zu pressen, beschrieb Marx 1844 so:

Was den Pauperismus im allgemeinen betreffe, so sei er ein ewiges Naturgesetz, nach der Theorie von Malthus:

‚Da die Bevölkerung unaufhörlich die Subsis­tenzmittel zu überschreiten strebt, so ist die Wohltä­tigkeit eine Narrheit, eine öffentliche Aufmunte­rung für das Elend. Der Staat kann daher nichts tun, als das Elend seinem Schicksal überlassen, und höchstens den Tod der Elenden erleichtern.‘

Mit dieser menschenfreundlichen Theorie verbin­det das englische Parlament die Ansicht, daß der Pauperismus das selbstverschuldete Elend der Arbeiter sei, dem man daher nicht als einem Un­glück zuvorzukommen, das man vielmehr als ein Verbrechen zu unterdrücken, zu bestrafen habe.[18].

Schon 1843 formulierte Friedrich Engels den weitblickenden Hinweis auf den inneren Zusammenhang zwischen Malthusianismus und „Monopolsystem“:

Die Handelsfreiheit Adam Smiths ist in die wahnsinnige Konsequenz der Malthusschen Bevöl­kerungstheorie hineingetrieben worden und hat nichts produziert als eine neue zivilisiertere Gestalt des alten Monopolsystems …[19].

In seinen frühen „Umrissen zu einer Kritik der Nationalökonomie“ schrieb er:

So nahm die Ökonomie einen menschenfreund­lichen Charakter an; sie entzog ihre Gunst den Produzenten und wandte sich den Konsumenten zu … und erklärte den Handel für ein Band der Freundschaft und Einigung zwischen Nationen wie zwischen Individuen … aber die Voraussetzungen machten sich bald genug wieder geltend und erzeug­ten im Gegensatz zu dieser gleißenden Philantropie die Malthussche Bevölkerungstheorie, das rauhste barbarischste System, das je existierte, ein System der Verzweiflung, das alle jene schönen Redensar­ten von Menschenliebe und Weltbürgertum zu Boden schlug“.[20]

Das heute bei der Mystifizierung gesell­schaftspolitischer Vorgänge zu „Naturvor­gängen“ so beliebte „exponentielle Wachs­tum“ war bei Malthus geometrische Progres­sion:

Das Kapital steigert sich täglich; die Arbeits­kraft wächst mit der Bevölkerung, und die Wissen­schaft unterwirft den Menschen die Naturkraft täg­lich mehr und mehr. Diese unermeßliche Produkti­onsfähigkeit, mit Bewußtsein und im Interesse aller gehandhabt, würde die der Menschheit zufallende Arbeit bald auf ein Minimum verringern; der Kon­kurrenz überlassen, tut sie dasselbe, aber innerhalb des Gegensatzes. Ein Teil des Landes wird aufs beste kultiviert, während ein andrer wüst daliegt. Ein Teil des Kapitals zirkuliert mit ungeheurer Schnelligkeit, ein andrer liegt tot im Kasten. Ein Teil der Arbeiter arbeitet vierzehn, sechzehn Stun­den des Tages, während ein andrer faul und untätig dasteht und verhungert. …

Diese Entwicklung der Sache darf der Ökonom nicht für die richtige erkennen; er müßte sonst, wie gesagt, sein ganzes Konkurrenzsystem aufgeben; er müßte die Hohlheit seines Gegensatzes von Produktion und Konsumtion, von überflüssiger Bevölkerung und überflüssigem Reichtum einsehen. Um aber, da das Faktum einmal nicht zu leugnen war, dies Faktum mit der Theorie ins gleiche zu bringen, wurde die Bevölkerungstheorie erfunden.

Kommen wir indes, um der Bevöl­kerungsfurcht alle Basis zu nehmen, noch einmal auf das Verhältnis der Produktionskraft zur Be­völkerung zurück. Malthus stellt eine Berechnung auf, worauf er sein ganzes System basiert. Die Bevölkerung vermehre sich in geometrischer Progression:

1+2+4+8+16+32 usw., die Produktivkraft des Bodens in arithmetischer: 1+2+3+4+5+6. Die Differenz ist augenscheinlich, ist schreckerregend; aber ist sie richtig? Wo steht erwiesen, daß die Ertragsfähigkeit des Bodens sich in arithmetischer Progression vermehre? Die Ausdehnung des Bodens ist beschränkt, gut. Die auf diese Fläche zu verwen­dende Arbeitskraft steigt mit der Bevölkerung; neh­men wir selbst an, daß die Vermehrung des Ertrags durch Vermehrung der Arbeit nicht immer im Verhält­nis der Arbeit steigt; so bleibt noch ein drit­tes Element, das dem Ökonomen freilich nie etwas gilt, die Wissenschaft, und deren Fortschritt ist so unendlich und mindestens ebenso rasch als der der Bevölkerung.[21]

Dem Kulminationspunkt entgegen

András Gedö bemerkte 1978, daß die Illusio­nen des Malthusianismus – der, nach Marx „offenen Kriegserklärung an das Proletariat“[22] – mit der neoliberalen Ideologie einen neuen Aufschwung nehme und stellte fest: „Die Lebendigkeit des Malthusianismus deutet auch auf die Kontinuität der bei Marx untersuchten Formen der Apologie und ihrer gegenwärtigen Varianten hin; diese Lebendigkeit ist besonders dann wahrzu­nehmen, wenn die Illusionen einer Harmonie schei­tern – um später, nach Linderung der akuten Krise, wieder aufzuerstehen; so erscheinen Malthussche Gebilde wieder hinter den Weltuntergangspro­phezeiungen der ‚Weltmodelle‘, den an Computern ausgerechneten und vermeintlich authentisierten Wahrsagungen und Programmen der ‚Grenzen des Wachstums‘.“[23]

Auf diesen Zusammenhang kann man sozusagen die Uhr stellen. Mit jedem Krisen­schub drängt sich mit den Wahrsagereien auch der Malthusianismus der heutigen Mo­nopolbourgeoisie wieder in den Vordergrund, und je heftiger die Vertiefung der Krise, mit desto brutalerer Macht und desto irratio­nalerem Endzeit-Pathos. Dazu brauchte es nicht erst des hohlen Geschwafels des Schwabschen Machwerks. Denn dieses hat die hier angesprochenen Tendenzen nur zusammenfassend gebündelt.

Wie sehr die herrschenden imperialisti­schen Kreise auf das Dogma „Wohlstand durch Vernichtung von Bevölkerung und Produktivkräften“ – etwa durch Seuchen oder Kriege – vereidigt ist, konnte man nach dem Kriseneinbruch 2008 der ganz normalen bürgerlichen Wirtschafts­presse entnehmen. So schrieb das Handelsblatt am 4.8.2009 unter der Überschrift „Das traurige Geheimnis un­seres Wohlstands“ – es sei stellvertretend für viele zitiert:

300 Jahre später jedoch hatte Europa China wirtschaftlich überholt. Um 1700 – noch vor Beginn der industriellen Revolution – war das Pro-Kopf-Einkommen in England real mehr als doppelt so hoch wie in Indien oder China. … Ohne die Pest und die vielen Kriege … hätte es den Aufstieg Europas zwischen 1400 und 1700 nicht gegeben. .. Aus diesem Teufelskreis, den der Brite Thomas Malthus im frühen 19. Jahrhundert beschrieb, habe die Menschheit in Europa erst durch die Pest aus­brechen können … Ein einmaliger Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens ist eine Voraussetzung dafür, dass es zu dauerhaftem Wirtschaftswachstum kom­men kann.

Eine „schlagende“ ökonomische Naturge­setzlichkeit: Man vernichte ein Maximum der „Köpfe“ der arbeitenden Bevölkerung und schon steigt das „Pro-Kopf-Einkommen“ in den kommenden Jahrhunderten „für alle“.

Diese dem heutigen Kapitalismus unter der Herrschaft des Finanzkapitals innewohnen­den Tendenzen zur Barbarei, zur Bestialität, haben im gegenwärtigen Zustand übergreifen­der Faschisierung unter dem Aggressions­schirm der NATO, in der Kombination von Klima- und Corona-Ausnahmezuständen mit der offenen Kriegspolitik der produktivkraft-zerstörenden, in Hunger und Elend treiben­den „Sanktionen gegen Rußland“, nun einen Kulminationspunkt erreicht.

Die Ankündigungen des „Great Reset“ sind ernst zu nehmen. Nicht ernst zu nehmen ist die Großsprecherei, als stünde die Agenda von Davos vor der Bildung einer „totalen Weltregierung“ eines „Superstaates“ nach den fiktiven Vorgaben der Burnham, Huxley, Orwell.

Noch einmal Lenin: „Der Verfasser hat voll­kommen Recht. Würden die Kräfte des Imperialis­mus nicht auf Widerstand stoßen, so würden sie eben dahin führen“.

Ob und in welcher Form es zu diesem Widerstand auf nationaler Ebene kommen wird, in Deutschland und den Ländern der EU, wird die nähere Zukunft erweisen. Unge­achtet dessen entscheidet sich diese Frage gleichwohl bereits auf den Schlachtfeldern des Donbass und vor Taiwan – und es wird keine Entscheidung im Sinne der historisch perspek­tivlosen, ihren eigenen Untergang als Apoka­lypse verkündenden Klasse sein, für die Klaus Schwab das jährliche Theaterstück seines World Economic Forum inszeniert.

 

Klaus Linder ist Mitglied des Geschäftsführenden Verbandsvorstandes und Vorsitzender des Freidenker-Landesverbands Berlin

Quellen

[1] in deutscher Übersetzung hier: https://www.nomonoma.de/die-familienwerte-des-klaus-schwab/

[2] ebenda

[3] Lenin, Werke, Bd. 22, S. 285

[4] Hannah Arendt: „Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft“, 4. Auflage, München 1995.

[5] ebenda, S. 252

[6] ebenda, S. 254

[7] ebenda, S. 213

[8] ebenda, S. 257

[9] ebenda, S. 557

[10] ebenda, S. 259

[11] ebenda, S. 260

[12] ebenda, S. 478 f.

[13] Stefan Holz, James Burnham Trotzkist und Theoretiker des Ultra­imperialismus, 2014; Übersetzung des Zitats K.L.

[14] András Gedö, Philosophie der Krise, Berlin 1978, S. 164

[15] Meadows & al., Wachstum bis zur Katastrophe?, München 1974, S. 168

[16] ebenda, S. 169

[17] ebenda, S. 16

[18] MEW Bd. 1, S. 398

[19] MEW Bd. 1, S. 369

[20] MEW Bd.1, S. 500

[21] ebenda, S. 517ff.

[22] MEW2, 439

[23] Gedö 1978, S. 59


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Klaus Linder: Randbemerkungen gegen eine Hypnose durch den „Great Reset“ (Auszug aus FREIDENKER 3-22, ca. 491 KB)


Bild oben: Sitz des WEF (World Economic Forum) in Cologny bei Genf
Foto: Alexey M., CC BY-SA 4.0
Quelle: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=50065028
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