Christlicher Zionismus

aus FREIDENKER Nr. 2-06 Mai 2006, 65. Jahrgang, S. 27-35

von Klaus von Raussendorff

Christliche Zionisten gibt es viele Millionen in den USA. Aber auch in Deutschland und anderen Ländern trifft man sie. Und natürlich als Unterstützer im Einsatz in Israel. Mit Zitaten aus dem Alten Testament wollen sie beweisen, dass allein Juden über das Land zwischen Mittelmeer und Jordan herrschen sollen. Gottes Willen zuwider ist ihnen die Idee der Binationalität, jeder binationale Ansatz zur Lösung der Probleme des israelisch-arabischen Konflikts. Demokratische Gleichberechtigung zwischen Juden und Arabern ist mit ihrem fundamentalistischen Christentum nicht vereinbar. Sie fördern die Auswanderung von Juden nach Israel. Sie unterstützen den jüdischen Nationalismus in seinen extremsten Formen. Bedingungslose Unterstützung Israels ist für sie die Voraussetzung dafür, dass Juden aus aller Welt nach Israel expediert werden können. Dadurch werde die Wiederkunft des Gekreuzigten vorbereitet und beschleunigt. Damit wäre dann die Endzeit eingeläutet. Und dann – was sie nicht laut verkünden – würden sich einige Juden zum Christentum bekehren, der Rest aber in der Schlacht von Armageddon vernichtet werden.
Mögen sich Theologen mit dem „Gehalt“ dieses Mythos beschäftigen. Mögen sie als theologische Dogmatiker nachweisen, dass christlicher Zionismus dem authentischen Christentum völlig fremd ist. Wohl kaum auch dürften die Autoren der Bibel für diesen Unsinn verantwortlich zu machen sein. Offenkundig ist allerdings, dass gefährliche Formen religiösen Wahns nicht nur im Islam gedeihen, wie sich gegenwärtig so wohlfeil daherräsonieren lässt. Man sollte daher nicht dem Irrtum erliegen zu glauben, im christlichen Zionismus nur Hokuspokus einer marginalen Sekte vor sich zu haben.

So wenig bekannt es sein mag: Der christliche Zionismus ist der ideologische Ursprung des jüdischen Zionismus. Er hat ihn ins Leben gerufen und aufgrund imperialistischer Interessen Großbritanniens und der USA zu einem weltpolitischen Faktor gemacht. So unglaublich es klingt: Heute ist der christliche Zionismus ein wichtiges ideologisches Bindemittel der Allianz zwischen dem Imperialismus der Vereinigten Staaten und den imperialistischen Kräften des Staates Israel. Er trägt ganz allgemein im Umfeld der christlichen Kirchen des Westens – mehr als es sich diese eingestehen wollen – dazu bei, ein religiös getöntes Klima der verhängnisvollen Israel-Hörigkeit zu schaffen. Das stärkt die extremsten Kräfte in Israel. Den israelischen Linken, Juden wie Arabern, werden gravierende Hindernisse in den Weg gelegt bei ihrem Bemühen, die rassistischen und diskriminierenden Elemente des Staates Israel zu überwinden und die Politik der Unterdrückung der Palästinenser zu beenden.

 

Hetze zum Angriffskrieg

Vor allem sollte man nicht die Gefährlichkeit des Endzeitfundamentalismus verkennen, der gegenwärtig zum Angriffskrieg gegen den Iran hetzt. Am 25. Januar 06 war in „Die Welt“ zu lesen: „Dieses Regime ist ein Gemisch aus populistischer Gossen-Demagogie und religiösem Fanatismus, Bilderstürmerei und dem Lechzen nach moderner Technologie – ein tödliches Elixier des Teufels. Teherans Fixierung auf die Vernichtung Israels, die Dämonisierung des Weltzionismus und die Holocaust-Leugnung sind wohl ernst gemeint, aber nur eine erste Haltestelle auf dem Weg zu einem islamistischen Weltreich.“ Und dann lesen wir weiter: „Gibt es eine Lösung ohne den Willen, bis zum äußersten zu gehen, bevor Kernwaffen von der iranischen Führung bestenfalls als Erpressungsmittel, aber sehr wahrscheinlich auch für einen militärischen Einsatz genutzt werden? Das Risiko einer militärischen Intervention könnte zwar Opfer in Größenordnungen des Ersten und Zweiten Weltkriegs mit sich bringen, doch der Triumph des islamistischen Terrors würde an Gräßlichkeit alles überbieten, was uns die Weltgeschichte vermittelte. (…) Präsident Chiracs unerwarteter Alarmruf, daß Frankreich, wäre seine Existenz oder die seiner Verbündeten gefährdet, auch Atomwaffen einsetzen würde, ist eine bedeutende Kurskorrektur. Falls ernst gemeint, sollte sie dem Gegner keinen Zweifel lassen, was ihn erwartet. Dann würden die Wiegenlieder verstummen.“

Dieser ausfällige Armageddon-Prophet ist kein verrückter Sektenprediger. Es ist der ehrenwerte Lord George Weidenfeld, eine Schlüsselfigur des internationalen Establishments. Der einflussreiche Verleger ist unter anderem Fellow des Münchener „Centrum für angewandte Politikforschung CAP – Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft“, das von Prof. Dr. Dr. h.c. Werner Weidenfeld geleitet wird, der wiederum Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung ist und deren Forschungs- und Publikationsprogramm maßgeblich bestimmt. Mithin handelt es sich um jene höchste gesellschaftliche Sphäre, die in NATO-„Demokratien“ gewöhnlich über dem Gesetz steht, das z. B. in Deutschland in § 80 StGB bestimmt, dass wer zum Angriffskrieg aufstachelt, „mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft“ wird.

 

Die zionistischen Idee, eine christliche Erfindung?

Das erste, was man über den christlichen Zionismus wissen sollte ist, dass britische und US-amerikanische fundamentalistische Christen die zionistische Idee vor Theodor Herzl erfunden haben. Und bis heute ist kennzeichnend, dass christliche Zionisten radikaler auftreten als jüdische oder israelische. Göttlichen Willens gewiss, gehen sie über das wirkliche Geschehen in der Region und die Bestrebungen der dort lebenden Menschen zynisch hinweg.

So haderte Malcom Hedding mit dem Allmächtigen, als Sharon die jüdischen Siedlungen in Gaza räumen ließ. „Wie kann Gott dies zulassen?“, klagte der südafrikanische Pastor, Geschäftsführender Direktor der „Internationalen Christlich Botschaft Jerusalem“ (ICEJ), auf der deutschen Webseite dieser Organisation. Diese entstand 1980 als Reaktion auf die weltweite Ablehnung der israelischen Annexion Jerusalems. Sie hat bisher vier Internationale Christliche Zionistenkongresse veranstaltet.

Auf der Webseite ihres deutschen Zweiges wird nachdrücklich betont, dass Theodor Herzl, der Begründer des jüdischen Zionismus ohne die christlichen Zionisten kaum Erfolg gehabt hätte. „Einer der Hauptschlüssel zu Herzls Denken und Erfolg war der Einfluss seiner christlichen Freunde. Als Herzl darüber debattierte, wo ein Zufluchtsort für die Juden zu finden sei, die vor Pogromen in Russland und Osteuropa flohen, sandte ihm Pfarrer William E. Blackstone eine Ausgabe des Alten Testaments, in dem überall die prophetischen Stellen markiert waren, die sich auf die Rückkehr der Juden in das Land Israel beziehen. Und William Hechler, ein britischer Kaplan und Hauslehrer des deutschen Herrscherhauses, war Herzl dabei behilflich, Zugang zu Kaiser Wilhelm II. zu bekommen und so die Sache des Zionismus zu einem Hauptthema der europäischen geopolitischen Diskussion zu machen. (…) Führende britische Kirchenleute und Politiker wie Lord Palmerston und Lord Shaftesbury erklärten, dass besonders England von Gott dafür vorgesehen sei, jüdische Ansiedlung im Mittleren Osten zu unterstützen. 1891, sechs Jahre vor dem ersten Zionistischen Kongress (!), brachte Blackstone eine Petition vor den US-Präsidenten Benjamin Harrison, in der eine Rückführung der Juden nach Israel gefordert wurde; unter den Unterzeichnern waren Kardinal Gibbons, John D. Rockefeller, J.P. Morgan und mehr als 400 andere führende Amerikaner. (…) Die ‚Restorationisten’ beeinflussten die Politik und Entscheidungen Großbritanniens, als die Regierung von David Lloyd George 1917 die Balfour-Deklaration herausgab, in der ‚die Gründung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina’ befürwortet wurde.“

Die Symbiose des Zionismus mit den Interessen imperialistischer Mächte im Nahen Osten ist eine bekannte Geschichte. Weniger bekannt ist, dass der Zionismus eine christliche Erfindung ist und christlich-religiöse Vorläufer hat, die vierhundert Jahre älter sind als die Gründung des Staates Israel: Schon Oliver Cromwell, Lordprotektor des neu gegründeten puritanischen Commonwealth, erklärte, dass die Anwesenheit der Juden in Palästina das Vorspiel auf das Zweite Kommen des Christus sein würde. Und der deutsche Gottesweise und Endzeitgrübler Paul Felgenhauer erklärte 1655, dass die Juden bei der Wiederkunft von Jesus Christus diesen als Messias anerkennen würden. Derartigen Aufforderungen Folge zu Leisten, hatten sich die Juden, die seit dem römischen Reich in Europa lebten, Jahrhunderte lang standhaft geweigert.

Der erste jüdisch-zionistische Kongress fand 1897 in Basel statt. In demselben Konzertsaal, in dem ihn Theodor Herzl einberufen hatte, tagte symbolträchtig im Jahre 1985 der erste christlich-zionistische Kongress. Unter den Teilnehmern war auch Grace Halsell, eine Journalistin, die für Bücher bekannt wurde, deren Inhalt sie teilweise unter verschiedenen Verkleidungen (ähnlich Günter Wallraff) recherchiert hatte. In Basel hatte sie sich als Anhängerin des Fundamentalisten Jerry Falwell ausgegeben. Jeder Redner, so berichtet Halsell, habe die zentrale Überzeugung des politischen Zionismus betont, dass alle Nicht-Juden unter einer Krankheit leiden, die sich Antisemitismus, oder genauer Judenhass, nennt.

Der Kongress, der insgesamt 36 Stunden tagte, habe der Botschaft oder Bedeutung von Christus weniger als ein Prozent seiner Zeit gewidmet. Die meiste Zeit war von Politik die Rede. Halsell berichtet von einer bezeichnenden Episode: „Die Christen drängten Israel, den als West Bank bezeichneten Teil Palästinas zu annektieren. Ein Israeli unter den Zuhörern stand auf – bevor über den Antrag abgestimmt wurde -, um vorzuschlagen, dass die Formulierung des Antrags vielleicht etwas modifiziert werden sollte. Er wies darauf hin, dass israelische Meinungsumfragen zeigten, ein Drittel der Israelis wären bereit, 1967 eroberte Gebiete gegen Frieden mit den Palästinensern einzutauschen. ‚Wir kümmern uns nicht darum, wie die Israelis abstimmen,’ erklärte van der Hoeven (der damalige holländische Sprecher der Internationalen Christlichen Botschaft Jerusalem). Wir kümmern uns darum, was Gott sagt! Und Gott hat dieses Land den Juden gegeben.“ (Grace Halsell, Prophecy and Politics (1985), S. 132/3)

Als Benjamin Netanjahu, der heutige Führer der extrem nationalistischen Likud-Partei, israelischer Botschafter in den Vereinigten Staaten war, hielt er am 06. Februar 1985 bei einem „Nationalen Gebetsfrühstück für Israel“ einen Vortrag über den Christlichen Zionismus. „Die Schriften der christlichen Zionisten, britischer wie amerikanischer,“ so führte Netanjahu aus, „beeinflussten unmittelbar das Denken von so entscheidenden Führern wie Lloyd George, Arthur Balfour und Woodrow Wilson anfangs dieses Jahrhunderts. Dies alles waren Männer, die sich in der Bibel auskannten…So war es der Einfluss des christlichen Zionismus auf westliche Staatsmänner, der dem modernen jüdischen Zionismus half, die Wiedergeburt Israels zu vollbringen.“ Die Freundschaft zwischen Israel und seinen christlichen Unterstützern sei alles andere als neu. Journalisten, die sich darüber heute erstaunt und irritiert zeigten, bewiesen nur ihre historische Ignoranz. „Wir kennen die spirituellen (!) Bande, die uns so tief und dauerhaft verbinden“, versicherte Netanjahu und schloss mit den Worten: „Wir kennen die historische Partnerschaft, die so gut funktionierte, um den zionistischen Traum zu erfüllen.“ (Ebenda, S. 138/9 )

 

Christlicher Zionismus – Israels beste Waffe?

Die christlichen Zionisten seien „zunehmend zum Fundament der Unterstützung Israels in den Vereinigten Staaten“ geworden, „geschlossener und energischer zionistisch als viele Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft.“ So der neokonservative Publizist Daniel Pipes („Christlicher Zionismus – Israels beste Waffe?“ in „New York Post“ v. 15. Juli 03). „Anders als die Israel Defense Forces könnten die amerikanischen christlichen Zionisten der wirksamste strategische Aktivposten des jüdischen Staates sein.“ Und Pipes nennt Beispiele: Anfang 1994 seien die Menschen im Nahen Osten erstaunt gewesen, „als einige führende amerikanische Politiker, darunter Senator Jesse Helms (Republikaner aus North Carolina) und der Abgeordnete Newt Gingrich (Republikaner aus Georgia) durchsetzungsfähigere, härtere Positionen gegenüber den Palästinensern vorantrieben als die Regierung Israels. Sie waren z.B. weit zögerlicher als Jerusalem, US-Gelder an die PLO zu geben und zeigten größere Bereitschaft, die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen.“ Daran erinnert Pipes neun Jahre später unter Bush im Jahre 2003 und stellt fest, dass das „gleiche Muster“ wieder erkennbar sei, „wenn christliche Führungspersönlichkeiten wie Gary Bauer, Jerry Falwell und Richard Land lautstärker gegen die ‚Road Map’ für die palästinensisch-israelische Diplomatie opponieren als fast alle ihre israelischen Gegenüber.

Auch einer kürzlich erschienenen Israel-kritischen Studie der Professoren Stephen Walt und John Mearsheimer sind die Namen prominenter christlicher Mitglieder der Israel-Lobby zu

entnehmen: evangelikale Christen wie Gary Bauer, Jerry Falwell, Ralph Reed and Pat Robertson sowie die ehemaligen Fraktionsvorsitzenden im Repräsentantenhaus Dick Armey and Tom DeLay. Sie „alle glauben, dass die Wiedergeburt Israels die Erfüllung der biblischen Prophezeiung ist und unterstützen seine expansionistische Agenda; denn ein anderes Handeln würde, so glauben sie, Gottes Willen widersprechen.“ Auch andere Nicht-Juden wie der UNO-Botschafter der USA John Bolton, der frühere Wall-Street-Journal-Herausgeber Robert Bartley, der frühere Erziehungsminister William Bennet, die frühere UNO-Botschafterin Jeane Kirkpatrick und der einflussreiche Kolumnist George Will seien glühende christliche Unterstützer.

Über das Faktum des Einflusses der pro-zionistischen Lobby ist man sich einig. Die Polemik entzündet sich an der Frage, ob und wie man darüber reden darf. „Die Erkenntnisse der beiden Professoren sind bis ins letzte Detail richtig“, kommentiert der israelische Friedensaktivist Uri Avnery (22. April 06) die durch die beiden Professoren gegenwärtig ausgelöste Debatte. Doch, so fährt er fort: „Jeder Senator und Kongressmann weiß, dass Kritik an der israelischen Regierung für ihn politischer Selbstmord bedeutet. Zwei von ihnen, ein Senator und ein Kongressmann, versuchten dies – und wurden politisch hingerichtet. Die jüdische Lobby wurde komplett gegen sie mobilisiert und jagte sie aus ihrem Amt. Dies geschah vor Aller Augen, um ein öffentliches Beispiel zu statuieren. (…) Fast alle amerikanischen Medien wollen nichts von palästinensischen und israelischen Friedensaktivisten wissen. Was die Professoren betrifft, so wissen fast alle, wessen Brot sie essen. Wenn trotz allem einer von ihnen den Mund zu öffnen wagt und etwas gegen die israelische Politik sagt – was alle paar Jahre einmal vorkommt – wird er unter einem Hagel von Verwünschungen begraben: ein Antisemit, ein Holocaustleugner, ein Neo-Nazi.“ So seien amerikanische Gäste, die wüssten, dass es zu Hause verboten sei, über den Einfluss der jüdischen Lobby zu reden, in Israel sprachlos, wenn sie hörten, dass dort die Lobby ihre Macht in Washington nicht verheimliche, sondern offen damit angebe. Mearsheimer und Walt haben es wieder einmal gewagt, das Tabu der Bindung der USA an Israel zur Diskussion zu stellen. Sie wollen eine „offenere Debatte über die Interessen Amerikas“. Dass ihnen dies gelingt, ist nach der vermutlich zutreffenden Einschätzung von Christoph Bertram (in „Die Zeit“ v. 12. April 06) „zurzeit wenig wahrscheinlich“.

 

Im Dienste welcher Interessen?

So stellt sich denn schließlich die Frage, aufgrund welcher realen gesellschaftlichen Grundlagen eine Ideologie politisch wirksam werden kann, die so peinlich absurd ist, dass auch die meisten „aufgeklärten“ Verteidiger des Zionismus über „Inhalt“ und Geschichte dieser christlichen Ideologie am liebsten Stillschweigen bewahren. Wie ist das Rätsel zu lösen, dass ein so menschenfeindlicher Mythos derart weitreichende Wirkungen entfaltet? Konkret gefragt: Ist es wirklich so, dass der Israel-Lobby gelingt, wie Walt und Mearsheimer behaupten, die US-Außenpolitik entgegen eigenen US-Interessen den Interessen des Staates Israel zu unterwerfen? Oder ist es, wie die u.a. von Noam Chomsky vertretene Gegenthese lautet, vielmehr so, dass Israel (nur) der Außenposten der Politik des US-Imperialismus ist, daher Kritik an der Israel-Lobby in den USA nicht an der aus Sicht der antimilitaristischen Bewegung richtigen Stelle ansetzt?

Beide Thesen enthalten Richtiges, sind aber einseitig. Dass die USA der Dackel sind, und Israel der Schwanz, ist klar. Aber wer mit wem wedelt, ist umstritten. Uri Avnery meint in dem zitierten Artikel: „Der Hund wedelt mit dem Schwanz und der Schwanz wedelt mit dem Hund. Sie wedeln sich gegenseitig.“ Um einen gemeinsamen Nenner zu finden, schlägt er zur Erklärung der „amerikanisch-israelischen Symbiose“ eine sozialpsychologische These vor. „An der Basis des Phänomens liegt,“ so Avnery, „die unheimliche Ähnlichkeit zwischen den beiden national-religiösen Geschichten: der amerikanische Mythos und der israelische. In beiden haben Pioniere, die wegen ihrer Religion verfolgt wurden, die Küsten ihres ‚Verheißenen Landes’ erreicht. Sie wurden gezwungen, sich gegen die ‚wilden’ Einheimischen zu wehren, die sie ausrotten wollten. Sie ‚erlösten’ das Land, brachten die Wüste zum Blühen, schufen mit Gottes Hilfe eine blühende, demokratische und moralisch hoch stehende Gesellschaft. Beide leben in einem Zustand der Leugnung und der unbewussten Schuldgefühle – drüben wegen des Genozids an den einheimischen Amerikanern und der entsetzlichen Sklaverei der Schwarzen – hier wegen der Entwurzelung des halben palästinensischen Volkes und der Unterdrückung der andern Hälfte. Hier wie dort glauben die Menschen an einen ewigen Krieg zwischen den Söhnen des Lichts und den Söhnen der Finsternis.“

Wie ist dann aber zu erklären, dass auch die europäischen Großmächte die aggressive Politik Israels zumindest stillschweigend akzeptieren? Nahezu einhellig unterstützen sie gegenwärtig die Weigerung der israelischen Regierung, die demokratisch gewählte Hamas-Regierung der Palästinenser anzuerkennen. Eine solcher Grad an Uniformität der Positionen lässt sich mit besonderen „national-religiösen Geschichten“ nicht erklären, und auch nicht – wie im Falle der Europäer – mit dem – politisch-moralisch gerechtfertigten (!) – Schuldkomplex wegen des an den europäischen Juden von Hitler-Deutschland verübten faschistischen Völkermordes.

Um den christlichen Zionismus als ideologisches Phänomen gesellschaftlich zu bestimmen, ist es nötig, den Bogen weiter zu spannen und die Entwicklung im Rahmen des gesamten kapitalistischen Systems einzubeziehen. Der Erklärungsrahmen muss den grundlegenden Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit erfassen, und zwar im Hinblick darauf, dass heute mehr als je zuvor eine Handvoll hoch industrialisierter, kapitalistischer Staaten existieren, deren Systeme auf der Ausbeutung und Unterdrückung der Völker aller Länder beruhen. Dies ist die weltpolitische Realität, auf welcher der von Avnery beschriebene amerikanische und israelische Mythos beruht, der Mythos einer „blühenden, demokratischen und moralisch hoch stehenden Gesellschaft“, die der Welt der „Wilden“ und „Barbaren“ gegenübersteht. Aber grassiert dieser Höherwertigkeitsmythos denn nicht in allen „westlichen“ Gesellschaften? Hat diese Spaltung der Welt nicht in allen kapitalistischen Zentren zu einer Sakralisierung der eigenen Identität geführt?

Auf diesen Zusammenhang verweist der ehemalige libanesische Finanzminister und internationale Wirtschaftsberater George Corm in einem lesenswerten Buch („Missverständnis Orient. Die islamische Kultur und Europa“, Zürich 2004) : „Je mehr sich die Kluft zwischen dem materiellen Reichtum, dem überwältigenden technischen Fortschritt des Westens und der Stagnation der anderen Zivilisationen vertiefte, umso mehr versank das anthropologische Denken des Westens in essentialistischen Theorien, die die Differenz zum Anderen als unüberbrückbaren Graben imaginieren. Man hat den Eindruck, dass der Westen seine Differenz geradezu ‘sakralisiert’, wenn er über sich selbst nachdenkt.“ Auch wenn gegenwärtig der westliche Rassismus gegenüber anderen Zivilisationen seinen hauptsächlichen öffentlichen Ausdruck in der Fetischisierung von „Demokratie und Menschrechten“ findet, mit der Interventionen und Kriege gerechtfertigt werden, zeigt doch gerade die parallel dazu kaum minder stark wirkende christliche Ideologie des Interventionismus, wie sehr der Westen, der vorgibt, im Zuge der Aufklärung Weltliches und Geistliches getrennt zu haben, dennoch mythisch-religiös geprägt geblieben ist.

Die Machteliten der wenigen ausbeutenden und unterdrückenden Staaten sehen sich, von den antiimperialistischen Gegenbewegungen, die durch ihre aggressive Politik provoziert werden, bedroht. In dieser Konstellation formiert sich in der gegenwärtigen Entwicklung des kapitalistischen Weltsystems das „allgemeine Bündnis der Imperialisten aller Länder“, das nach Lenin die „grundlegende ökonomische Tendenz des kapitalistischen Systems“ ist (LW 27/359-60), und zwar in Form von Bestrebungen, die innerimperialistischen Rivalitäten zu dämpfen und zur Verteidigung ihrer Interessen kosmopolitisch zusammen zu arbeiten.

Nur im Rahmen dieses Gesamtbündnisses des „Westens“ gegen den „Rest der Welt“ ist heute die ideologische Funktion des christlichen wie auch des jüdischen Zionismus konkret zu bestimmen. Nicht von ungefähr hat der frühere spanische Ministerpräsident Jose Maria Aznar, einer der prominenten europäischen Neokonservativen, in einer Studie vorgeschlagen, die NATO zu einer Weltpolizei umzubauen und alle Verbündeten der USA als NATO-Mitglieder aufzunehmen, selbstverständlich auch Israel. („NATO: An Alliance for Freedom – How to transform the Atlantic Alliance to effectively defend our Freedom and democracies”, vorgestellt am 30. November 2005 in Brüssel, dokumentiert auf der Webseite der von Aznar geleiteten Stiftung Fundación para el Análisis y los Estudios Sociales (FAES): www.fundacionfaes.es/documentos/Informe_OTAN_Ingles.pdf )

Auf der Ebene der NATO-„Demokratien“, in denen der militärisch-industrielle Komplex die Richtung der Politik bestimmt, wären wir somit beim Schlüssel des Rätsels angelangt. Hören wir dazu abschließend den israelische Soziologen und Friedensaktivisten Jeff Halper. Dieser ist der Gründer des „Israelischen Komitees gegen Hauszerstörungen“. Seine Mitglieder versuchen, die Häuser palästinensischer Familien vor den Caterpillar-Bulldozern der israelischen Armee zu schützen. Notfalls bauen sie die Häuser, so weit möglich, in kürzester Zeit wieder. Halper meint, das von den meisten ignorierte Schlüsselelement des Einflusses der Israel-Lobby auf den US-Kongress, sei die Tatsache, „dass Israel selbst sich höchst strategisch im eigentliche Zentrum der globalen Rüstungsindustrie positioniert hat. Israels hochgezüchtete militärische Hardware und militärische Software sind für die Waffenentwicklung in den Vereinigten Staaten sehr wichtig. Eben erst letztes Jahr (2002) unterzeichnete Israel einen Vertrag zur Ausbildung und Ausrüstung der chinesischen Armee. Es unterzeichnete einen anderen Multimilliardenvertrag zur Ausbildung und Ausrüstung der indischen Armee. Und welche Waffen werden geliefert? Israel rüstet mit US-amerikanischen Waffen aus.“ Ferner sei Israel auch meistenteils „der Zwischenhändler für amerikanische Waffen an die ‚Dritte Welt’. „Kein Schreckensregime – Kolumbien, Guatemala, Uruguay und Argentinien zur Zeit der Obristen, Burma, Taiwan, Zaire, Liberia, Kongo, Sierra Leone – , das nicht ausgeprägte militärische Beziehungen zu Israel hat.“ Israelische Waffenhändler träten als Söldner auf. Halper weist darauf hin, dass Israel mit Großbritannien ein Raketensystem entwickelt und für Holland einen neuen Düsenjäger. Von Deutschland habe es gerade drei hoch entwickelte U-Boote gekauft. „So kann Israel bei den großen Jungens mitspielen“. Die drei deutschen U-Boote hat Israel bereits zu Atomwaffenträgern umgebaut. Zwei weitere Tauchboote der „Dolphin“-Klasse haben Schöder und Fischer als letzte Amtshandlung Israel geschenkt. Sicherheitsexperten kritisieren, dass Deutschland damit Beihilfe zur Verbreitung von Massenvernichtungswaffen leistet.

Dies sei, so Halper, das „missing piece“ in der Debatte über die Rolle der Israel-Lobby (einschließlich des christlichen Zionismus). Auf der Webseite des American Israel Public Affairs Committee (AIPAC), der wichtigsten pro-israelischen Lobby in den USA, gebe es einen Eintrag „Strategische Kooperation“. Die USA und Israel hätten einen förmlichen Bündnisvertrag, der Israel Zugang zu fast der gesamten US-amerikanischen Militärtechnologie gebe. „Wenn AIPAC dem Kongress Israel verkauft, geht es nicht zu den Kongressabgeordneten und bittet sie, Israel zu unterstützen, weil es jüdisch-christlich ist oder weil es die ‚einzige Demokratie im Mittleren Osten’ ist. Es verkauft Israel auf folgender Basis: ‚Sie sind Mitglied des Kongresses, und ihre Verantwortung ist es, Israel zu unterstützen, und zwar deshalb, weil so und so viele Betriebe in Ihrem Staat Geschäftsbeziehungen zu Israel haben, weil es da Leute aus der Rüstungsforschung gibt, die an den Universitäten Ihres Wahlkreises sitzen, weil so und so viele Arbeitsplätze in Ihrem Wahlkreis von der Rüstungs- und Verteidigungsindustrie abhängen’. Und sie buchstabieren das runter auf das Ausmaß, in dem der Wahlkreis von Israel abhängig ist. Wenn Sie also Ihre Stimme gegen Israel abgeben, stimmen Sie gegen die Gans, die goldene Eier legt.“ (Interview mit Jon Elmer, “Israel and the Empire” in “FromOccupiedPalestine.org” v. 20. September 2003)

 

Zionistische Christen mobilisieren für den nationalistischen Block in Israel

Ähnlich arbeiten die „Christen Vereint für Israel“ (CUFI), eine neue Lobby nach dem Modell von AIPAC, der wichtigsten jüdischen Pro-Israel-Lobby. Mit dem Initiator von CUFI, Pfarrer John Hagee, sprach Shmuel Rosner von der linksliberalen israelischen Tageszeitung Haaretz (v. 5. Mai 06: „The gospel according to John”). Das Arbeitskonzept beruhe, so Rosner, „auf der simplen Annahme, die in der Wirklichkeit der amerikanischen Politik verwurzelt ist: Gewählte Abgeordnete hören nie auf, Wahlkampf zu machen und haben daher einen ständigen Bedarf an Aktivisten, Geld und Unterstützung vor Ort.“ Die Unterstützung komme von Einzelnen, die sich persönlich einsetzten, und von dem Geld wohlhabender Bürger. Für den 18. Juli 06 sei eine landesweit organisierte Aktion gegenüber dem Kongress geplant. Dann würden mehrere Millionen Menschen mit Hagee beten. Denn der Leiter der Cornerstone Church in San Antonio/Texas mit 18.000 Mitgliedern, verfüge durch seine Auftritte in Radio- und Fernsehstationen und seine zehn Bestseller-Bücher über eine Anhängerschaft von Mehreren Millionen. Mit ihm müssten alle Abgeordneten rechnen.

„Was wird er tun, wenn die israelische Regierung beschließt, Teile des Heiligen Landes zu räumen, das den Juden versprochen ist?“ möchte Rosner wissen. Doch Hagee „vermeidet sorgfältig, in diese Falle zu tappen.“ Obgleich er es vorziehen würde, so Hagee, dass die Juden „das Land nicht anderen geben würden, räumt er ein, dass, falls sie sich dazu entschlössen, sie frei seien eine solche Entscheidung zu treffen.“ Zu Iran kommt auch aus dem Munde des geistlichen Herrn nichts als Kriegshetze. Er hoffe, „dass die USA sich Israel bei der Zerstörung der atomaren Anlagen des Iran anschließen würden. Danach, sagt er, sei eine landgestützte Operation nötig, um sicherzustellen, dass das gefährliche Regime des Iran ersetzt wird.“

Werfen wir abschließend einen Blick auf das Land, das diese Zionisten mit ihrer christlichen Liebe verfolgen. Eine Teilung des völkerrechtlich den Palästinensern zugesprochen Teils Palästinas, d.h. ein israelischer Teilrückzug ist das Programm mit dem Premierminister Ehud Olmert die Wahl gewann. Es soll ohne Verhandlungen mit den Palästinensern durchgesetzt werden. Die Aussicht auf einen lebensfähigen palästinensischen Staat würde endgültig begraben. Aber Teilrückzug aus den besetzten Gebieten wäre immerhin Rückzug. Dafür gäbe es in der Knesset voraussichtlich eine Mehrheit von 58 jüdischen Abgeordneten (28 jüdische Kadima-Mitglieder, 17 der Arbeitspartei, 7 der Rentnerpartei, 5 von Meretz und dem 1 jüdischen Mitglied von Hadash). Dagegen verfügt die extrem-nationalistische Opposition (Likud, Shas, die Orthodoxen, Liebermanns „Unser Haus Israel“ und die Nationale Union) nur über 50 Abgeordnete. Zieht man auch die arabischen Knesset-Mitglieder, die den Rückzug sicher befürworten würden, in Betracht (1 von Kadima, 2 von der Arbeitspartei, 2 von Hadash, 3 von der nationaldemokratischen Partei Balad, 4 von der islamistischen Einheitsliste), so kommt man auf eine deutliche Mehrheit von 70 zu 50 für eine Teilung des Landes. (Zahlen nach Uri Avnery v. 05. Mai 06).

Schließlich gibt es in Israel auch eine einzigartige jüdisch-arabische politische Alternative der Linken: Hadash, das Bündnis der Kommunistischen Partei Israels mit anderen fortschrittlichen Kräften, ist schwach, konnte aber seine Präsenz in der Knesset von zwei auf drei Abgeordnete erhöhen. Dieses binationale Bündnis stand bei den Wahlen in Gegnerschaft zum jüdischen Nationalismus. Es stand auch in Konkurrenz zur Arabischen Einheitsliste, einer Liste mit eindeutig islamistischem Zuschnitt, wie auch der arabischen Nationaldemokratische Allianz von Azmi Bishara, die ein begrenzt nationales Programm verfolgt. Hadash sieht in dem Wahlergebnis „das völlige Scheitern der Parteien, die gegen den Rückzug aus den besetzten palästinensischen Gebieten und gegen den Abbau der israelischen Siedlungen opponieren, d.h. des Likud und der Partei ‚Nationale Einheit’ (Ajdut Leumit).“ Dieser Fehlschlag bestätige, „dass die Mehrheit der israelischen öffentlichen Meinung für einen vollständigen (!) Abzug aus den palästinensischen Gebieten ist. Die Parteien, die in der einen oder anderen Form die Notwendigkeit einer Politik betonen, die Besatzung zu beenden, oft allerdings in demagogischer Form und ohne die Absicht, eine solche Politik wirklich verfolgen zu wollen, sind in der Mehrheit.“

Fazit: Wenn diese Analyse zutrifft, was wahrscheinlich ist, so ist es umso mehr ein Gebot internationaler demokratischer Solidarität mit den israelischen Friedenskräften und den Palästinensern, den christlichen Zionisten und anderen irrationalen Fanatikern den Spiegel vorzuhalten.


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