{"id":7647,"date":"2020-03-04T01:06:07","date_gmt":"2020-03-04T00:06:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=7647"},"modified":"2020-03-24T13:22:53","modified_gmt":"2020-03-24T12:22:53","slug":"angebliche-pleite-der-ddr-ist-ein-maerchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=7647","title":{"rendered":"\u201eAngebliche Pleite der DDR ist ein M\u00e4rchen\u201c"},"content":{"rendered":"<h4>\u00d6konom Blessing zu Treuhand und Einheit<\/h4>\n<div class=\"b-article__lead\">\n<p><strong>Die am 1. M\u00e4rz 1990 gegr\u00fcndete Treuhand-Anstalt in der DDR hat einen klaren politischen Auftrag gehabt. Den hat sie erf\u00fcllt und dabei keine Fehler gemacht, wie manche Kritiker meinen. So sieht es der \u00d6konom Klaus Blessing. Im Gespr\u00e4ch mit Sputniknews hat er das erkl\u00e4rt und ebenso die Frage beantwortet, warum die DDR 1989\/90 nicht pleite war.<\/strong><\/p>\n<p><em>von <strong>Tilo Gr\u00e4ser<\/strong><\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\"><em>(Erstver\u00f6ffentlichung am 29.02.2020 auf <a href=\"https:\/\/de.sputniknews.com\/deutschland\/20200229326522375-ddr-treuhand-blessing\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">sputniknews.com<\/a>)<\/em><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"b-article__text\">\n<p>Die DDR sei 1989 eine \u201ebankrotte und ausgelaugte Ruine\u201c gewesen, behauptete die Journalistin Ulrike Herrmann 2019. Deshalb sei das Handeln der Treuhandanstalt alternativlos gewesen. \u00c4hnliches wie das, was in Herrmanns Buch <a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/deutschland-ein-wirtschaftsmaerchen\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener noreferrer\">\u201eDeutschland, ein Wirtschaftsm\u00e4rchen\u201c<\/a> zu lesen ist, wird weitgehend als politisches und mediales Allgemeingut verkauft, seitdem der zweite deutsche Staat 1990 von der Landkarte verschwand.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Wirtschaftsexperten Klaus Blessing wirkt das, als sei es notwendig, diese Legenden von der \u201emaroden DDR-Wirtschaft\u201c bis heute zu wiederholen. Angesichts der Jubil\u00e4en vom \u201eMauerfall\u201c und der deutschen Einheit sowie der Gr\u00fcndung der DDR 1949 werde \u201ewieder Dreck \u00fcber die DDR ausgekippt\u201c, stellte er im Gespr\u00e4ch mit Sputniknews fest. \u201eDamit keiner auf die Idee kommt: Da war ja mal was, was gar nicht so verkehrt war\u201c, f\u00fcgte er hinzu.Blessing (Jahrgang 1936) ist \u00d6konom und war als Staatssekret\u00e4r im DDR-Ministerium f\u00fcr Erzbergbau, Metallurgie und Kali und seit 1986 als Abteilungsleiter f\u00fcr Maschinenbau und Metallurgie unter SED-Wirtschaftssekret\u00e4r G\u00fcnter Mittag t\u00e4tig gewesen. Er hatte Einblick in Interna der DDR-Wirtschaftsf\u00fchrung. Dar\u00fcber hat er 2016 das Buch \u201eWer verkaufte die DDR?\u201c <a href=\"http:\/\/klaus-blessing.de\/publi_verk_ddr.htm\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener noreferrer\">ver\u00f6ffentlicht<\/a>, das 2019 neu aufgelegt wurde.<\/p>\n<h5>Alter Auftrag f\u00fcr neue Anstalt<\/h5>\n<p>Der Titel sei provokativ gemeint, erkl\u00e4rte der Autor im Gespr\u00e4ch. Es k\u00f6nne auch gefragt werden: \u201eWer verschenkte die DDR?\u201c Doch er selbst gebe keine einfachen Antworten, betonte Blessing. Er wolle nicht in den Chor derjenigen einstimmen, die sagen \u201eDie Treuhand war\u2019s\u201c. Die vor 30 Jahren gegr\u00fcndete Treuhand-Anstalt habe zwar den Verkauf der DDR-Wirtschaft abgewickelt. Aber diese Institution sei nicht allein verantwortlich, sondern \u201enur das letzte \u2013 wenn auch wuchtige \u2013 Rad im Getriebe\u201c gewesen.<\/p>\n<p>\u201eDie Treuhand hat \u00fcberhaupt keine Fehler gemacht\u201c, widersprach Blessing jenen, die von Fehlern der der vor 30 Jahren gegr\u00fcndeten Anstalt sprechen. Das hatte selbst deren <a href=\"https:\/\/de.sputniknews.com\/politik\/20190723325490421-breuel-treuhand-ddr\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">einstige Chefin, Birgit Breuel<\/a>, im vergangenen Jahr getan. \u201eDie Treuhand hat einen politischen Auftrag gehabt\u201c, erinnerte der Buchautor.<\/p>\n<p class=\"\">Dieser Auftrag sei bereits nach der Gr\u00fcndung von BRD und DDR 1949 aufgestellt worden, als 1952 auf westdeutscher Seite der \u201eForschungsbeirat f\u00fcr gesamtdeutsche Fragen\u201c gebildet worden sei: \u201eEr lautete: Die DDR muss weg!\u201c Das Gremium, das bis 1972 arbeitete, habe die Szenarien f\u00fcr den \u201eTag X\u201c ausgearbeitet, an dem die Bundesrepublik die DDR \u00fcbernimmt.<\/p>\n<h5>Modrow-Regierung wollte Privatisierung<\/h5>\n<p class=\"\">\u201eDie hatten alles ausgearbeitet: Wie man eine W\u00e4hrungsunion macht, wie man volkseigene Betriebe reprivatisiert. Auch die Idee einer Treuhand-Anstalt steht da, wenn auch unter anderem Namen. Das Szenario, die DDR zu verkaufen oder zur\u00fcckzukaufen, wurde damals detailliert erarbeitet, pikanterweise Feder f\u00fchrend von Alt-Nazis mit Erfahrung bei der Eroberung fremder Gebiete.\u201c<\/p>\n<p>Blessing erinnerte daran, dass bereits unter der von Hans Modrow (SED) gef\u00fchrten Regierung begonnen wurde, die DDR-Wirtschaft zu reprivatisieren. So wurde bereits am 1. M\u00e4rz 1990 <a href=\"https:\/\/deutsche-einheit-1990.de\/ministerien\/ministerium-fuer-wirtschaft\/treuhandgesetz-und-treuhandanstalt\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener noreferrer\">beschlossen<\/a>, eine \u201eAnstalt zur treuh\u00e4nderischen Verwaltung des Volkseigentums\u201c (Treuhandanstalt\/THA) zu gr\u00fcnden. \u201eDieser Beschluss enthielt auch das Recht zur Privatisierung\u201c, so der Experte.In Verantwortung der damaligen Wirtschaftsministerin Christa Luft wurden dazu mehrere Gesetze erlassen. Von der neugew\u00e4hlten Volkskammer wurde der endg\u00fcltige Treuhand-Auftrag dann am 17. Juni 1990 in dem \u201eGesetz zur Privatisierung und Reorganisation des volkseigenen Verm\u00f6gens\u201c festgeschrieben: \u201ePrivatisierung wurde nun zur ersten Pflicht\u201c, kommentierte das Blessing.<\/p>\n<h5>\u201eDDR war nicht durchweg marode\u201c<\/h5>\n<p>Damals vor 30 Jahren sei es darum gegangen, das Volkseigentum wieder in private Taschen zu \u00fcberf\u00fchren und die Marktwirtschaft in der DDR zu etablieren. In seinem genannten Buch weist er nach, dass selbst f\u00fchrende SED-Mitglieder daran mitgewirkt haben. \u201eDie DDR war bei weitem nicht pleite und durchweg marode\u201c, erkl\u00e4rte Blessing zu den weitverbreiteten Behauptungen \u00fcber den Zustand der DDR-Wirtschaft 1989.<\/p>\n<p>\u201eDas ist widerlegt\u201c, sagte er und verwies unter anderem auf <a href=\"https:\/\/www.bundesbank.de\/de\/publikationen\/bundesbank\/die-zahlungsbilanz-der-ehemaligen-ddr-1975-bis-1989-689284\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener noreferrer\">Untersuchungen<\/a> der Deutschen Bundesbank zur DDR-Zahlungsbilanz. Der DDR-Au\u00dfenhandelsminister Gerhard Beil habe in seinen Erinnerungen geschrieben, dass das Land 800 moderne Industrieobjekte errichtet hatte, so das Eisenh\u00fcttenkombinat Ost (EKO) oder das Petrolchemische Kombinat (PCK) Schwedt.<\/p>\n<p>Blessing hat mehrere B\u00fccher zum Thema ver\u00f6ffentlicht und sich dabei auf Untersuchungen bundesdeutscher Wirtschaftsforschungsinstitute \u00fcber die DDR-Wirtschaft gest\u00fctzt. F\u00fcr ihn sind Aussagen wie die der \u201etaz\u201c-Journalistin Herrmann \u201egro\u00dfer Unfug, der nat\u00fcrlich einem politischen Ziel dient.\u201c<\/p>\n<h5>\u201eSch\u00fcrer-Papier\u201c mit Teil-Wahrheit<\/h5>\n<p>Solche Urteile werden immer wieder mit einer Analyse des DDR-Planungschefs Gerhard Sch\u00fcrer von Ende Oktober 1989 begr\u00fcndet, dem \u201eSch\u00fcrer-Papier\u201c. \u201eDas ist ein legend\u00e4res Dokument, das die uns b\u00f6se Gesinnten immer und immer wieder zitieren\u201c, so der Autor. \u201eGerhard Sch\u00fcrer hat es ja nur unterschrieben. Andere standen dahinter, die es initiiert haben.\u201c<\/p>\n<p>Sie hatten zum Ziel, im Herbst 1989 der neuen SED-F\u00fchrung unter Egon Krenz einen Ernst der wirtschaftlichen Lage in der DDR darzustellen, der so nicht vorlag. Sie wollten damit grundlegende Ver\u00e4nderungen in Richtung Marktwirtschaft initiieren. \u201eDas Aufgeschriebene war jedoch nur ein Teil der DDR-Wahrheit auf wirtschaftlichem Gebiet\u201c, betonte Blessing.<\/p>\n<p class=\"\">Es habe zwei Wirtschaftskreisl\u00e4ufe in dem Land gegeben, erkl\u00e4rte er: \u201eDer eine war der staatliche, geleitet von der Plan-Kommission unter Sch\u00fcrer. Der zweite war der ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigte der \u201aKoKo\u2018, der \u201aKommerziellen Koordinierung\u2018 unter Alexander Schalck-Golodkowski.\u201c Alle Guthaben, die im \u201eSchalck-Imperium\u201c lagen, seien nicht in das \u201eSch\u00fcrer-Papier\u201c eingegangen.<\/p>\n<h5>\u201eAngebliche Pleite der DDR ist M\u00e4rchen\u201c<\/h5>\n<p>So habe Sch\u00fcrer von 49 Milliarden Valuta-Mark Auslandschulden der DDR geschrieben. Die Bundesbank habe dann festgestellt, dass es nur 19 Milliarden Valuta-Mark gewesen seien. Das w\u00e4ren nach damaligen Umrechnungskurs 750 Dollar pro Kopf der DDR-Bev\u00f6lkerung gewesen, so Blessing. \u201eDie angebliche Pleite der DDR ist ein M\u00e4rchen!\u201c<\/p>\n<p>Es habe eine positive Bilanz von 30 Milliarden Valuta-Mark im \u201eKoKo\u201c-Bereich gegeben, die im Herbst 1989 verschwiegen worden seien. Auf dieses Geld habe Planungschef Sch\u00fcrer keinen Zugriff gehabt. Die Schulden der DDR seien normale Lieferkredit-Schulden gewesen, erkl\u00e4rte der Experte. Deshalb habe sich die DDR \u00fcberhaupt nicht hoch verschulden k\u00f6nnen, betonte Blessing.<\/p>\n<p>\u201eDie DDR konnte doch nicht den Weg gehen, den heute alle armen L\u00e4nder gehen: Bei IWF und Weltbank Geld zu holen. Wie es Ungarn gemacht hat. Was da passiert w\u00e4re, ist klar: Diktat dieser Finanzm\u00e4chte \u00fcber die Wirtschafts- und Sozialpolitik, wie das heute allerseits praktiziert wird. Das war aus politischen Gr\u00fcnden f\u00fcr die DDR richtigerweise ausgeschlossen.\u201c<\/p>\n<h5>\u201eDDR war kein Entwicklungsland\u201c<\/h5>\n<p>F\u00fcr ihn war das Ziel des vielzitierten \u201eSch\u00fcrer-Papiers\u201c und seiner Zuspitzungen, die DDR-Wirtschaft markwirtschaftlich zu reformieren. Blessing leugnet nicht, dass viele DDR-Betriebe Probleme hatten und oftmals mit kaum modernisierten Maschinen produzieren mussten. Auch die Devisen im Staatsplan seien knapp gewesen: \u201eEs wurde auf Teufel komm raus verscheuert. Rentabilit\u00e4t spielte keine Rolle. Die Investitionsquote war zu gering.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEs ist nicht zu leugnen, dass es in der DDR marode Betriebe gab, ebenso marode Infrastruktur\u201c, sagte er zur Legende von der \u201emaroden DDR\u201c. \u201eAber es ist genauso wenig zu leugnen, dass es nicht nur \u201aLeuchtt\u00fcrme\u2018, sondern ganze Betriebe und Kombinate gab, die teilweise nach h\u00f6chstem internationalen Stand ausger\u00fcstet waren.\u201c<\/p>\n<p>So sei die Metallurgie-Industrie der DDR in hohem Ma\u00df modernisiert worden. \u201eIn der Chemie sah es so aus: Bitterfeld war dreckig, das PCK Schwedt war etwas ganz Anderes.\u201c Die DDR d\u00fcrfe nicht auf den Stand eines Entwicklungslandes zur\u00fcckgestuft werden, meinte Blessing im Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<h5>Verheerende Ausgangslage von Beginn an<\/h5>\n<p class=\"\">Die Investitionsprobleme der DDR seien durch die vorrangig auf privaten Konsum orientierte Wirtschafts- und Sozialpolitik der SED-F\u00fchrung unter Erich Honecker bedingt gewesen. \u201eDa wurde mit \u00fcbertriebener Subventionspolitik viel falsch gemacht\u201c, gestand Blessing ein. Honecker sei aber klar gewesen, dass es die vorhandene Akzeptanz des Staates gef\u00e4hrdet h\u00e4tte, wenn das ver\u00e4ndert worden w\u00e4re.<\/p>\n<p class=\"\">Zugleich habe die SED-F\u00fchrung aber keinen Mut gehabt, der DDR-Bev\u00f6lkerung \u00fcber die Lage und die eigenen M\u00f6glichkeiten \u201ereinen Wein\u201c einzuschenken. Der \u00f6konomische R\u00fcckstand der DDR zu den f\u00fchrenden westlichen Staaten, insbesondere der BRD, betrug laut Blessing etwa 40 Prozent. \u201eDoch man muss doch nicht diesen Wachstums- und Konsumtionswahnsinn, den man heute erlebt, anstreben oder gar \u00fcberbieten wollen.\u201c<\/p>\n<p>Aus Sicht von Blessing spielte die wirtschaftliche Ausgangslage der DDR 1949 eine \u201everheerende Rolle\u201c. Er erinnerte an die Vorgabe des Potsdamer Abkommens 1945, Deutschland als einheitlichen Wirtschaftsraum zu erhalten. Das habe die westliche Seite sofort gekappt und die Embargo-Politik begonnen, mit der Folge: \u201eDer Osten stand f\u00fcr sich allein.\u201c<\/p>\n<h5>BRD schuldete der DDR Milliarden D-Mark<\/h5>\n<p>Zudem habe die Sowjetunion die Wirtschaftsstruktur der DDR bestimmt. Zu den Reparationsleistungen geh\u00f6rten laut Blessing nicht nur der Abbau von Fabriken und Anlagen: Die gesamte Wirtschaft der DDR sei dem Bedarf der Sowjetunion angepasst worden. So seien Schwermaschinen f\u00fcr den \u201egro\u00dfen Bruder\u201c produziert worden, anstatt \u201eklein und fein\u201c zu produzieren. Diese erzwungene Struktur habe bis zum Ende des Landes gewirkt.<\/p>\n<p>So habe die DDR habe die Folgen des verheerenden faschistischen Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion allein tragen m\u00fcssen, erinnerte Blessing. In seinem Buch verweist er auf einen vom Historiker Arno Peters initiierten und von 58 Wissenschaftlern sowie drei Senatoren der Hansestadt Bremen im November 1989 unterzeichneten Aufruf an die Regierung der Bundesrepublik, deren Reparations-Ausgleichs-Schuld an die DDR zu zahlen: Darin wurde festgestellt, dass die BRD der DDR eine Ausgleichszahlung f\u00fcr die geleisteten Reparationen in H\u00f6he von 727,1 Milliarden D-Mark (zu Preisen von 1989) schulde.<\/p>\n<p>\u201eKohl war jedoch nicht bereit, auch nur einige Milliarden raus zu r\u00fccken\u201c, sagte der \u00d6konom. \u201eEr wollte die DDR nicht st\u00fctzen, sondern st\u00fcrzen.\u201c Mit Blick auf 1989\/90 und zur Frage nach m\u00f6glichen Alternativen stellte er klar: \u201eEine Weiterexistenz der DDR, so wie sie war, war unm\u00f6glich. Das w\u00e4re auch falsch gewesen. Da musste etwas ver\u00e4ndert werden.\u201c<\/p>\n<h5>Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse verhinderten Alternativen<\/h5>\n<p>Blessing meint aber, dass etwas Anderes m\u00f6glich gewesen w\u00e4re: \u201eH\u00e4tte die neue F\u00fchrung der DDR die tats\u00e4chliche Wirtschaftslage gekannt, die nicht so dramatisch war wie sie dargestellt wurde, dann h\u00e4tte sie anders mit Helmut Kohl &amp; Co. verhandeln k\u00f6nnen.\u201c Er bezeichnete r\u00fcckblickend eine Konf\u00f6deration beider deutscher Staaten als \u201edenkbar\u201c, f\u00fcgte aber hinzu: \u201eOb sie unter den politischen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen realistisch gewesen w\u00e4re, ist fraglich. Kohl wollte keine Konf\u00f6deration mit der der DDR, sondern deren Annexion.\u201c<\/p>\n<div class=\"b-inject m-inject-min\">\n<div class=\"b-inject__media\"><a href=\"https:\/\/de.sputniknews.com\/berliner-mauer-30\/20191128326045819-kohl-november-wende\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><picture><source class=\"\" srcset=\"https:\/\/cdnde1.img.sputniknews.com\/img\/32604\/57\/326045790_0:207:2791:1691_331x0_80_0_1_13c5ec13140c40a5d5a5ccf07db2798c.jpg.webp\" media=\"(min-width: 768px)\" data-srcset=\"https:\/\/cdnde1.img.sputniknews.com\/img\/32604\/57\/326045790_0:207:2791:1691_331x0_80_0_1_13c5ec13140c40a5d5a5ccf07db2798c.jpg.webp\" \/><source class=\"\" srcset=\"https:\/\/cdnde1.img.sputniknews.com\/img\/32604\/57\/326045790_0:207:2791:1691_768x0_80_0_1_481d5a1e81380f168677bba9fb39955b.jpg.webp\" media=\"(min-width: 480px)\" data-srcset=\"https:\/\/cdnde1.img.sputniknews.com\/img\/32604\/57\/326045790_0:207:2791:1691_768x0_80_0_1_481d5a1e81380f168677bba9fb39955b.jpg.webp\" \/><source class=\"\" srcset=\"https:\/\/cdnde1.img.sputniknews.com\/img\/32604\/57\/326045790_0:207:2791:1691_480x0_80_0_1_c6fae0239b7baae1391d855d57728e71.jpg.webp\" media=\"(min-width: 0px)\" data-srcset=\"https:\/\/cdnde1.img.sputniknews.com\/img\/32604\/57\/326045790_0:207:2791:1691_480x0_80_0_1_c6fae0239b7baae1391d855d57728e71.jpg.webp\" \/><\/picture><\/a>Zu dem Argument, dass die DDR-Bev\u00f6lkerung in Richtung Einheit dr\u00e4ngte, sagte er, dass diese im Herbst 1989 zuerst endlich ernst genommen werden wollte. Dem sei der Wunsch nach Reisefreiheit gefolgt. Es habe auch das \u201eSchielen auf das Konsum-Niveau im Westen\u201c gegeben.<\/div>\n<\/div>\n<p>Er als \u00d6konom habe es als am schwierigsten angesehen, die Reisefrage zu l\u00f6sen, da die DDR-B\u00fcrger Devisen brauchten, wenn sie in die Welt reisen wollten. Die DDR-Mark sei nicht konvertierbar gewesen, was ein entscheidendes Problem gewesen sei. \u201eDie Freigabe zur Konvertierung h\u00e4tte jedoch sofort zum Ruin der DDR-Wirtschaft gef\u00fchrt, was sp\u00e4ter praktisch durch die W\u00e4hrungsunion erfolgt ist.\u201c<\/p>\n<h5>\u201eHeute \u00e4hnliche Stimmung wie 1989\u201c<\/h5>\n<p class=\"\">Blessing sieht die Ereignisse vor 30 Jahren vor allem unter dem Gesichtspunkt, was das mit den heutigen Verh\u00e4ltnissen und Entwicklungen zu tun hat, wie er im Gespr\u00e4ch erkl\u00e4rte: \u201eDie Situation heute ist ja \u00e4hnlich, in viel globalerem Ma\u00dfstab. Es gibt die weltweite Dominanz des kapitalistischen Systems. Was es anrichtet, sp\u00fcren wir zwar in Deutschland noch recht wenig, global ist es verheerend: Kriege, Flucht, Elend, Umweltzerst\u00f6rung.\u201c<\/p>\n<p>Es gebe bei vielen Menschen wieder diese Stimmung: \u201eDas kann es doch nicht gewesen sein.\u201c Das sei \u00e4hnlich wie 1989, sagte Blessing und f\u00fcgte hinzu: \u201eBlo\u00df die Menschen wissen keinen Ausweg.\u201c Deshalb h\u00e4lt er es f\u00fcr wichtig, die heutigen und kommenden Generationen \u00fcber die Verleumdungsm\u00e4rchen zur DDR aufzukl\u00e4ren, zum Hinterfragen anzuregen und Alternativen aufzuzeigen.Im Gespr\u00e4ch benannte er als grundlegende Erkenntnis: \u201eWer ein anderes besseres System haben will, muss andere Eigentumsverh\u00e4ltnisse schaffen. Nur darauf kann sich Frieden, Solidarit\u00e4t und Gerechtigkeit gr\u00fcnden. Diese Aussage macht aber dem Kapital nach wie vor Angst wie dem Teufel das Weihwasser.\u201c Deshalb die andauernde Verleumdung des DDR-Systems.<\/p>\n<h5>\u201eBlick nach vorn statt Nostalgie wichtig\u201c<\/h5>\n<p>Eine zweite Erkenntnis ist f\u00fcr ihn wichtig: \u201eMit dem Kapital kannst Du nicht zum gegenseitigen Vorteil verhandeln, wenn Du es nicht erpressen kannst. Wenn ich ihm ausgeliefert bin, diktiert es, was zu tun ist.\u201c Der \u00d6konom nannte Griechenland als aktuelles Beispiel daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend meinte er: \u201eEs geht mir darum, aus der Vergangenheit Schlussfolgerungen f\u00fcr das Heute zu ziehen.\u201c Aber leider \u00fcberwiege bei vielen noch lebenden DDR-Verantwortungstr\u00e4gern der \u201eh\u00e4ufig nostalgische\u201c Blick zur\u00fcck. \u201eAlle meine gesellschaftskritischen Publikationen hatten und haben jedoch zum Ziel, den Blick nach vorn zu richten\u201c, sagte Blessing.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Dr. Klaus Blessing<\/strong> (Jahrgang 1936) hat Betriebswirtschaft studiert und danach in metallurgischen Betrieben und Kombinaten der DDR gearbeitet. Ab 1970 war er als Abteilungsleiter und ab 1980 als Staatssekret\u00e4r im Ministerium f\u00fcr Erzbergbau, Metallurgie und Kali der DDR t\u00e4tig. Von 1986 bis 1989 war er Abteilungsleiter f\u00fcr Maschinenbau und Metallurgie im ZK der SED. Er ist Autor mehrerer politischer Sachb\u00fccher und publiziert in diversen Tageszeitungen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Tilo Gr\u00e4ser<\/strong>, Berlin, ist Diplom-Journalist, als Redakteur und Korrespondent bei Sputniknews t\u00e4tig und Mitglied des Deutschen Freidenker-Verbandes<\/em><\/p>\n<p>Link zur Erstver\u00f6ffentlichung: <a href=\"https:\/\/de.sputniknews.com\/deutschland\/20200229326522375-ddr-treuhand-blessing\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/de.sputniknews.com\/deutschland\/20200229326522375-ddr-treuhand-blessing\/<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Bild: Leuna-Werke<br \/>\nFoto: MichaelFrey und Sundance Raphael, CC BY-SA 3.0, <\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\">Quelle: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=7107459\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=7107459<\/a><\/span><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><b>Beitrag von Tilo Gr\u00e4ser<\/b> \u00fcber ein <b>Gespr\u00e4ch mit Klaus Blessing<\/b><br \/>\nDie DDR sei 1989 eine \u201ebankrotte und ausgelaugte Ruine\u201c gewesen, behauptete die Journalistin Ulrike Herrmann 2019. Deshalb sei das Handeln der Treuhandanstalt alternativlos gewesen. &#8230;<br \/>\nF\u00fcr den Wirtschaftsexperten Klaus Blessing wirkt das, als sei es notwendig, diese Legenden von der \u201emaroden DDR-Wirtschaft\u201c bis heute zu wiederholen. Angesichts der Jubil\u00e4en vom \u201eMauerfall\u201c und der deutschen Einheit sowie der Gr\u00fcndung der DDR 1949 werde \u201ewieder Dreck \u00fcber die DDR ausgekippt\u201c, stellte er im Gespr\u00e4ch mit Sputniknews fest. \u201eDamit keiner auf die Idee kommt: Da war ja mal was, was gar nicht so verkehrt war\u201c<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":7650,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"jetpack_post_was_ever_published":false,"footnotes":""},"categories":[11,1162],"tags":[454,491,988,1249,122],"class_list":["post-7647","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-arbeit-soziales","category-geschichte","tag-ddr","tag-geschichte","tag-politische-oekonomie","tag-treuhand","tag-wirtschaft"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Leuna-Werke_800x445.jpg?fit=800%2C445&ssl=1","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p9stpK-1Zl","jetpack-related-posts":[{"id":6138,"url":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=6138","url_meta":{"origin":7647,"position":0},"title":"Diskussion: \u201eWar die DDR-Wirtschaft pleite, marode und unproduktiv?\u201c","author":"Webredaktion","date":"2. 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