{"id":7009,"date":"2019-09-19T01:36:38","date_gmt":"2019-09-18T23:36:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=7009"},"modified":"2020-01-04T19:56:16","modified_gmt":"2020-01-04T18:56:16","slug":"was-war-und-was-bleibt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=7009","title":{"rendered":"Was war und was bleibt"},"content":{"rendered":"<p>Aus: <a href=\"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=6996\">FREIDENKER Nr. 3-19<\/a>, September 2019, 78. Jahrgang, S. 3-11<\/p>\n<p><em>Von <strong>Egon Krenz<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Als Heranwachsender habe ich noch Plakate der Nazis gesehen, auf denen Russen mit einem Messer im Mund als Untermenschen gezeigt wurden.<\/p>\n<p>Selbst in der Bundesrepublik geh\u00f6rte und geh\u00f6rt es noch zur Staatsdoktrin, dass die \u201eGefahr aus dem Osten\u201c, also von Russland, droht.<\/p>\n<p>F\u00fcr den ersten Kanzler der Bundesrepublik, Konrad Adenauer, begann Sibirien gleich hinter der Elbe, also dort, wo die sowjetisch besetzte Zone anfing.<\/p>\n<p>F\u00fcr ihn und seine Gesinnungsfreunde war die DDR ein \u201eSatellitenstaat\u201c, ein \u201eAgent des Kreml\u201c, ein \u201everl\u00e4ngerter Arm Moskaus\u201c und damit f\u00fcr den Westen genauso gef\u00e4hrlich wie die UdSSR selbst.<\/p>\n<p>Wenn 1990 das Verst\u00e4ndnis vieler Russen f\u00fcr die deutsche Einheit vorhanden war, dann auch deshalb, weil die DDR das Wort \u201eDeutscher\u201c befreit hat von V\u00f6lkerhass und Aggression. F\u00fcr viele DDR-B\u00fcrger war der Begriff \u201eSowjetmensch\u201c identisch mit \u201eFreund\u201c.<\/p>\n<p>Es gibt keine Sowjetunion und es gibt keine DDR mehr. Aber die Werte wie Freundschaft, Solidarit\u00e4t, gegenseitige Achtung und menschliche N\u00e4he, die die B\u00fcrger beider Staaten verband, sie sind nicht veraltet.<\/p>\n<p>Die Mehrheit unserer Generation ist in der Hoffnung aufgewachsen: Kriege k\u00f6nnen und m\u00fcssen aus dem Leben der Menschheit verbannt werden. Kriege sind kein Naturgesetz. Kriege k\u00f6nnen durch Menschen verhindert werden.<\/p>\n<p>Dass es in Europa von 1945 bis 1991 keinen Krieg gegeben hat, ist in erster Linie auch das Verdienst der Generationen, die den Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieg gewonnen, den deutschen Faschismus zerschlagen und danach Ihr Land unter gr\u00f6\u00dften Anstrengungen und Entbehrungen wiederaufgebaut haben.<\/p>\n<p>Die Vision eines friedliebenden Europa, die nach dem Zweiten Weltkrieg m\u00f6glich schien, zerschellte, als die NATO Jugoslawien bombardierte. Die NATO-Staaten machten auf diese Weise aus dem Kalten einen hei\u00dfen Krieg \u2013 mitten in Europa.<\/p>\n<p>Ich bin \u00fcberzeugt \u2013 das w\u00e4re zur Zeit der Existenz der UdSSR und ihrer Verb\u00fcndeten undenkbar gewesen. Aus dieser Gewissheit heraus teile ich auch die Analyse Wladimir Putins, dass die Zerschlagung der Sowjetunion eine globalpolitische Katastrophe war. Die Auswirkungen dieses Dramas erleben wir noch heute auf Schritt und Tritt.<\/p>\n<p>Vieles, was seit Anfang der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in der Welt durcheinandergeraten ist \u2013 ob in der Ukraine, in Syrien, im Irak, in Libyen oder anderen Teilen der Welt \u2013 ist eng verbunden mit den Folgen der Zerschlagung der UdSSR und dem Weltmachtstreben der USA.<\/p>\n<h5>NATO auf Konfrontationskurs<\/h5>\n<p>Die NATO m\u00f6chte Russland klein sehen, h\u00f6chstens als \u201eRegionalmacht\u201c, wie das Obama formulierte.<\/p>\n<p>Mich beunruhigt zutiefst das feindselige Russlandbild, das bestimmte deutsche Politiker und Medien verbreiten.<\/p>\n<p>Ich habe in der Vergangenheit einige Male den 22. Juni, den Jahrestag des \u00dcberfalls des faschistischen Deutschland auf die Sowjetunion, bei Moskauer Freunden erlebt.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df daher aus eigener Erfahrung, dass dieser Tag auch in Familien mit dem patriotischen Versprechen verbunden war: Nie wieder sollen fremde Truppen den Grenzen des Vaterlandes so nahe sein wie an jenem 22. Juni 1941.<\/p>\n<p>Auch aus diesem Datum heraus \u2013 und das sollten besonders Deutsche verstehen \u2013 ist das Bed\u00fcrfnis dieses Landes gewachsen, in sicheren Grenzen zu leben.<\/p>\n<p>Als Deutschland 1990 seine staatliche Einheit erhielt \u2013 wesentlich durch die Politik Gorbatschows \u2013 h\u00e4tte ich mir nicht im Traum vorstellen k\u00f6nnen, dass es angesichts der Schuld, die Deutschland mit dem \u00dcberfall auf die Sowjetunion auf sich geladen hat, je wieder eine deutsche Regierung geben k\u00f6nnte, die nach einem \u00abglobalen milit\u00e4rischen Engagement\u00bb strebt, das letztlich auch gegen russische Interessen gerichtet ist.<\/p>\n<p>So verh\u00e4lt es sich mit einem sogenannten \u201eWei\u00dfbuch zur Sicherheitspolitik und zur Zukunft der Bundeswehr\u201c, das die Bundesregierung am 13. Juni 2016 \u2013 ausgerechnet in zeitlicher N\u00e4he zum 75. Jahrestag des \u00dcberfalls Deutschlands auf die UdSSR \u2013 beschlossen hat.<\/p>\n<p>\u201eVergessen sind die Jahrzehnte der politischen und milit\u00e4rischen Zur\u00fcckhaltung. Jetzt geht es in Berlin um die aktive Mitgestaltung der globalen Ordnung\u201c, hie\u00df es dazu vorab in der \u201eFrankfurter Allgemeinen Zeitung\u201c.<\/p>\n<p>In deutschen Medien wird wahrheitswidrig behauptet, \u201edas Machtstreben des russischen Pr\u00e4sidenten (geh\u00f6re) zu den gr\u00f6\u00dften Gefahren f\u00fcr die Bundesrepublik\u201c.<\/p>\n<p>Russland k\u00f6nne f\u00fcr Deutschland kein Partner mehr sein, hei\u00dft es. Russland stelle die \u201eeurop\u00e4ische Friedensordnung\u201c offen in Frage, wird behauptet. Das sind alte Klischees aus der Mottenkiste des Kalten Krieges, in dem der Westen seine Politik mit der \u201esowjetischen Gefahr\u201c begr\u00fcndete.<\/p>\n<p>Mit solch absurden Diagnosen werden historische Tatsachen verdreht.\u00a0 Korrekt ist n\u00e4mlich, dass die europ\u00e4ische Friedensordnung mit dem Moment in Frage gestellt wurde, als die NATO begann, ihre einstigen Grenzen von der Elbe und Werra im Zen\u00adtrum Europas weit nach Osten \u2013 in die N\u00e4he Russlands \u2013 zu verlegen.<\/p>\n<p>Die USA und ihre Verb\u00fcndeten stehen nun mit Streitkr\u00e4ften entlang der Grenzen Russlands, schicken nach Gutd\u00fcnken milit\u00e4rische Einheiten dorthin, umzingeln das Land. Deutschland bildet gar eine Speerspitze der NATO in unmittelbarer Nachbarschaft zur Russischen F\u00f6deration.<\/p>\n<p>Mich erinnert all das an die Jahre der Systemkonfrontation. Damals f\u00fchrte die NATO regelm\u00e4\u00dfig Man\u00f6ver in Gebieten durch, die nur wenige Kilometer von den Staatsgrenzen der DDR und der \u010cSSR entfernt waren.<\/p>\n<p>Der Oberkommandierende der Vereinten Streitkr\u00e4fte der Warschauer Milit\u00e4rkoalition, der sowjetische Armeegeneral P. Lushew, sch\u00e4tzte das damals als eine gef\u00e4hrliche Quelle f\u00fcr eine Aggression ein.<\/p>\n<p>Am 8. Juli 1989 meldete er in einer Geheimsitzung den Partei- und Staatschefs der Warschauer Milit\u00e4rkoalition in Bukarest \u2013 ich zitiere:<\/p>\n<p>\u201eEs wird immer schwerer einzusch\u00e4tzen, ob es sich tats\u00e4chlich nur um \u00dcbungen oder um konkrete Vorbereitungen auf eine Aggression handelt. Wir m\u00fcssen auch 1989 von einer milit\u00e4rischen Bedrohung durch die NATO ausgehen.\u201c<\/p>\n<p>An dieser Lageeinsch\u00e4tzung hat sich nur insofern etwas ge\u00e4ndert, als dass die Situation noch gef\u00e4hrlicher geworden ist. Die NATO-Man\u00f6ver wurden nach Osten verschoben &#8211; dorthin, wo fremde Truppen nach den Erfahrungen von 1941 nie wieder sein sollten.<\/p>\n<p>Nun wehrt sich Russland. In der Propagandasprache der NATO hei\u00dft das aber, \u201eRussland ist eine Bedrohung.\u00a0 Russland ist aggressiv\u201c.<\/p>\n<p>Jene, die nicht m\u00fcde werden, das bis 1989 bestehende Grenzregime an der Au\u00dfengrenze des Warschauer Vertrages von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer zu kriminalisieren, beobachten nun mit Sympathie die Grenzverschiebung der NATO in Richtung Russland.<\/p>\n<p>Die deutsch-russische und die deutsch-sowjetische Geschichte vermittelt aber die Lehre: Deutschland ging es immer am besten, wenn es gute Beziehungen zu Russland hatte. Das wusste schon der Eiserne Kanzler Bismarck, der von 1860 bis 1862 als preu\u00dfischer Gesandter in St. Petersburg t\u00e4tig war. Im Blick auf seine Russland-Politik erkl\u00e4rte er u. a.: \u201eWir wollen nach wie vor den Frieden mit unseren Nachbarn, namentlich aber mit Russland suchen\u2026Ich nenne vorzugsweise Russland\u2026\u201c<\/p>\n<p>Als Deutscher denke ich mit Scham an die deutschen Verbrechen w\u00e4hrend der Leningrader Blockade. Ich tue dies in dem Wissen, dass kein Land der Erde mehr Opfer f\u00fcr die Freiheit Europas vom Faschismus gebracht hat als die UdSSR.<\/p>\n<h5>Freundschaft mit Russland!<\/h5>\n<p>Als ein Rotarmist am 30. April 1945 das rote Siegesbanner auf dem Deutschen Reichstag in Berlin gehisst hatte, war ich gerade 8 Jahre alt geworden.<\/p>\n<p>Zu jung, um schon die politischen Zusammenh\u00e4nge der damaligen Zeit durchschauen zu k\u00f6nnen. Alt genug aber, um zu verstehen, dass Krieg etwas Furchtbares und Frieden etwas Gutes ist.<\/p>\n<p>Mein sp\u00e4teres freundschaftliches Verh\u00e4ltnis zu russischen Menschen hat seinen Ursprung in den ersten Nachkriegsjahren.<\/p>\n<p>Ich lernte sowjetische Soldaten kennen, die anders waren als jene \u201ebarbarischen Untermenschen\u201c, von denen die Nazipropaganda berichtet hatte.<\/p>\n<p>Einer von ihnen war unweit unserer Wohnung einquartiert. Offizier war er und Dolmetscher der Milit\u00e4rkommandantur.<\/p>\n<p>Jeden Abend, wenn er in sein Quartier zur\u00fcckkam, brachte er mir etwas Essbares mit. Mal war es ein tiefschwarzes und feuchtes Soldatenbrot, mal etwas W\u00fcrfelzucker und gelegentlich auch in Zeitungspapier eingewickelter Speck. Mittags schickte er mich zur Gulaschkanone der sowjetischen Einheit, die in meiner Stadt stationiert war. Dort erhielt ich ein Kochgeschirr voller Kascha oder auch Kohlsuppe. Russische Worte f\u00fcr Brot, Zucker, Speck, Kohlsuppe und Gr\u00fctze habe ich damals gelernt. Ich habe sie nie wieder vergessen.<\/p>\n<p>An manchen Abenden sa\u00df der Russe auf den steinigen Stufen vor dem Haus und drehte sich aus Zeitungspapier und Tabak eine Zigarette. Einmal summte er eine Melodie so vor sich hin, die ich noch nie geh\u00f6rt hatte. \u201eSing mit\u201c, forderte er mich auf. \u201eDas kann ich nicht\u201c, antwortete ich. Er rief, als m\u00fcsste ich mich daf\u00fcr sch\u00e4men: \u201eDas ist doch das \u201aHeider\u00f6slein\u2019 von Goethe!\u201c<\/p>\n<p>\u201eHeider\u00f6slein\u201c und \u201eGoethe\u201c, liebe Freunde, diese Worte h\u00f6rte ich wenige Tage nach Kriegsende 1945 das erste Mal.<\/p>\n<p>Nicht von einem Deutschen, von einem Russen in sowjetischer Uniform.<\/p>\n<p>In Erinnerung geblieben aus dieser Zeit ist mir vor allem ein riesiges Plakat, das die sowjetische Besatzungsmacht \u00fcberall aufh\u00e4ngen lie\u00df. Auf ihm standen die Worte: \u201eDie Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk, der deutsche Staat bleibt bestehen.&#8220;<\/p>\n<p>Der, der das gesagt hatte, hie\u00df Josef Stalin. Damals begann ich zu begreifen, was ich bis heute verinnerlicht habe: Die Sowjetunion hat nie ein Gleichheitszeichen zwischen dem deutschen Volk und dem deutschen Faschismus gesetzt.<\/p>\n<p>Die Sowjetarmee hat das Hakenkreuz zerschlagen, nicht aber die deutsche Nation.<\/p>\n<p>Das ist eine historische Wahrheit, die nicht hoch genug bewertet werden kann. Schon sie allein w\u00fcrde rechtfertigen, dass deutsche Regierungen den Beziehungen zu Russland eine Sonderstellung einr\u00e4umen.<\/p>\n<p>Parallel zum Streben der NATO um die Neuordnung der Welt gibt es einen ideologischen Kampf um die Deutungshoheit der Geschichte des 20. Jahrhunderts mit den zwei Weltkriegen, der Oktoberrevolution sowie den beiden Weltsystemen und Milit\u00e4rbl\u00f6cken.<\/p>\n<h5>Gegen den Geschichtsrevisionismus<\/h5>\n<p>Nicht wenige Zeithistoriker haben in Bezug auf die Geschichte der UdSSR und der DDR den uralten Grundsatz der Geschichtsschreibung vergessen: \u201eSine ira et studio\u201c (ohne Zorn und Eifer).<\/p>\n<p>Sie sind \u2013 meist im Auftrage der Politik \u2013 damit besch\u00e4ftigt, die Vergangenheit zu verdammen statt sie zu analysieren. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts wird sehr stark antikommunistisch und antisowjetisch gedeutet.<\/p>\n<p>Als Herr Gauck zum Bundespr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt wurde, sagte er, 1990 sei er \u201enach 56-j\u00e4hriger Herrschaft von Diktatoren\u201c endlich B\u00fcrger geworden. Er wirft damit 12 Jahre Hitlerbarbarei, 4 Jahre sowjetisch besetzte Zone und 40 DDR-Jahre in einen Topf.<\/p>\n<p>Das ist schlicht verkehrte Geschichte. Wer in einem Atemzug Faschismus und DDR nennt, verleumdet ja nicht nur die DDR, die sich zu Recht als antifaschistischer deutscher Staat verstand. Ein solches Gleichheitszeichen ist ja zugleich eine Verharmlosung des Faschismus. Ich spreche bewusst von \u201eFaschismus\u201c. Ich nenne ihn nicht \u201eNationalsozialismus\u201c \u2013 wie das seit 1990 in Deutschland \u00fcblich ist.<\/p>\n<p>Der deutsche Faschismus war weder \u201enational\u201c, noch war er \u201esozialistisch\u201c. Er war einmalig verbrecherisch und mit nichts Vern\u00fcnftigem auf der Welt vergleichbar oder gleichzusetzen.<\/p>\n<p>Zudem wird mit solchen Vergleichen verdeckt, dass die Geschichte zwischen 1945 und 1990 in Deutschland eine Auseinandersetzung war zwischen zwei W\u00e4hrungen, zwei Systemen, zwei Bl\u00f6cken, zwei Staaten, zwei grundverschiedenen Idealen und zwei verschiedenen Entw\u00fcrfen f\u00fcr die Zukunft.<\/p>\n<p>W\u00e4re es nach dem Willen der UdSSR sowie der Kommunisten und Sozialdemokraten der sowjetischen besetzten Zone gegangen,w\u00e4re aus Deutschland \u201eein einheitliche(s) antifaschistische(s), demokratische(s) Regime, eine parlamentarisch-demokratische Republik mit allen demokratischen Rechten und Freiheiten f\u00fcr das Volk\u201c geworden.<\/p>\n<p>So steht es im Aufruf der Kommunistischen Partei Deutschlands vom 11. Juni 1945, der zuvor in Moskau beraten worden war.<\/p>\n<p>Im Osten Deutschlands begann damit unter dem Schutz der Sowjetmacht eine antifaschistisch-demokratische Revolution. Ihre Kernpunkte waren die Bestrafung der Nazi- und Kriegsverbrecher sowie ein umfangreiches Programm demokratischer Reformen.<\/p>\n<p>Die Betriebe der Nazi- und Kriegsverbrecher wurden enteignet und in Volkseigentum \u00fcberf\u00fchrt. Durch eine Bodenreform erhielten Landarbeiter, Klein- und Mittelbauern eigenes Land. Eine Schulreform zerschlug das Bildungsprivileg der Reichen. Nazis durften keine Lehrer werden. Nazirichter durften kein Recht sprechen.<\/p>\n<p>In den drei von den Westm\u00e4chten besetzten Zonen setzte dagegen fr\u00fchzeitig eine Restauration der alten kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse ein.<\/p>\n<p>Erst nachdem die Bundesrepublik im Mai 1949 gegr\u00fcndet worden war, entstand im Oktober 1949 die DDR. Sie wurde nicht gegr\u00fcndet, um Deutschland zu spalten. Deutschland war bereits gespalten, als die DDR gegr\u00fcndet wurde.<\/p>\n<p>Wenige Tage nach der Gr\u00fcndung der DDR erhielten Pr\u00e4sident Wilhelm Pieck und Ministerpr\u00e4sident Otto Grotewohl ein bemerkenswertes Telegramm aus Moskau. Es enthielt die konzentrierte sowjetische Strategie in der Deutschlandfrage.<\/p>\n<p>Absender war der Vorsitzende der sowjetischen Regierung. Er schrieb: \u201eDie Bildung der Deutschen Demokratischen friedliebenden Republik ist ein Wendepunkt in der Geschichte Europas\u201c.<\/p>\n<p>Er nannte auch den Grund daf\u00fcr. \u201eEs unterliegt keinem Zweifel\u201c, schrieb er, \u201edass die Existenz eines friedliebenden demokratischen Deutschlands neben dem Bestehen der friedliebenden Sowjetunion die M\u00f6glichkeit neuer Kriege in Europa ausschlie\u00dft.\u201c<\/p>\n<p>Um jedes Missverst\u00e4ndnis auszuschlie\u00dfen, die Gr\u00fcndung der DDR k\u00f6nne doch als Spaltung Deutschlands verstanden werden, endet das Telegramm mit dem Satz: \u201eEs lebe und gedeihe das einheitliche, unabh\u00e4ngige, demokratische friedliebende Deutschland.\u201c<\/p>\n<p>Die Idee der deutschen Einheit verfolgte die Sowjetunion auch 1952. In einer Note an die Westm\u00e4chte schlug sie die Herstellung der deutschen Einheit durch gesamtdeutsche Wahlen vor. Die Westm\u00e4chte lehnten ab.<\/p>\n<p>Bundeskanzler Adenauer prahlte gegen\u00fcber dem Franz\u00f6sischen Au\u00dfenminister: \u201eVergessen Sie nie, dass ich der einzige Regierungschef bin, der die Einheit Europas der Einheit seines Vaterlandes vorzieht.\u201c<\/p>\n<p>Geschichtlich bleibt unbestreitbar: Solange die Sowjetunion und mit ihr auch die DDR existierten, gab es in Europa keinen Krieg.<\/p>\n<p>Im Umkehrschluss bedeutet das allerdings auch: Das Verschwinden der DDR von der politischen Landkarte ist ebenfalls ein europ\u00e4ischer Wendepunkt.Zum ersten Mal nach 1945 wurde Krieg in Europa \u2013 sogar mit deutscher Beteiligung \u2013 wieder m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Das Ungl\u00fcck der Deutschen war nicht die DDR. Das Ungl\u00fccksdatum der Deutschen ist der 30. Januar 1933.<\/p>\n<p>Ohne den Machtantritt Hitlers kein zweiter Weltkrieg. Ohne Krieg keine deutsche Niederlage, ohne Niederlage weder Jalta noch Potsdam, weder DDR noch Bundesrepublik, weder Grenze an Elbe und Werra noch die \u201eBerliner Mauer\u201c.<\/p>\n<p>Das ist die Logik deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert. Wer die DDR einen \u00abUnrechtsstaat\u00bb schimpft, l\u00e4sst solche grundlegenden Zusammenh\u00e4nge v\u00f6llig au\u00dfer Acht.<\/p>\n<p>Das Unnat\u00fcrliche nach 1945 war nicht die DDR, sondern die Spaltung Europas und Deutschlands. Es war der Kalte Krieg, der Europa und Deutschland spaltete.<\/p>\n<p>Ein Ausgangspunkt war die Verk\u00fcndigung der sogenannten \u00abTruman-Doktrin\u00bb vom 12. M\u00e4rz 1947. Der amerikanische Pr\u00e4sident ordnete damals an: \u201eKeinerlei Kompromisse mit Moskau. Von nun an k\u00f6nnen Vereinbarungen mit der UdSSR nur gerechtfertigt sein, wenn darin sowjetische Zugest\u00e4ndnisse festgelegt werden, ohne dass dabei die Haupthandlungsfreiheit der Vereinigten Staaten selbst eingeschr\u00e4nkt wird\u201c.<\/p>\n<p>Wer wollte bestreiten, dass dies die gleiche Politik war, die die USA auch gegenw\u00e4rtig gegen\u00fcber Russland betreiben?<\/p>\n<p>Es ist schon verbl\u00fcffend, wie die Abwertung und Entstellung der Geschichte der UdSSR und der DDR einerseits und die aktuelle NATO-Politik andererseits Hand in Hand laufen.<\/p>\n<p>Diejenigen, die die DDR in Bausch und Bogen verdammen, machen es zwar demagogisch; aus ihrer Sicht aber nicht einmal ungeschickt.<\/p>\n<p>Sie nutzen die Tatsache aus, dass der Westen von Anfang an wahrheitswidrig die Spaltung des Kontinents allein der UdSSR und mit ihr der DDR angelastet hat. Erst nachdem die Bundesrepublik Deutschland 1955 der NATO beigetreten war, entstand der Warschauer Vertrag.<\/p>\n<p>1971 hatte die sowjetische F\u00fchrung anl\u00e4sslich des 100. Jahrestages der deutschen Reichsgr\u00fcndung unter Bismarck gegen den Willen Walter Ulbrichts und entgegen der DDR-Verfassung empfohlen, dass die DDR nicht mehr von einer deutschen Nation ausgeht, sondern von zwei Nationen \u2013 einer sozialistischen in der DDR und einer kapitalistischen in der Bundesrepublik. Das bedeutete die perfekte Abgrenzung der beiden deutschen Staaten, was aus heutiger Sicht ein Fehler war.<\/p>\n<h5>Eine Wende r\u00fcckw\u00e4rts<\/h5>\n<p>Damit sollte die deutsche Frage f\u00fcr abgeschlossen gelten und die deutsche Zweistaatlichkeit f\u00fcr alle Zeiten besiegelt sein. Nun, im Jahre1988, vermuteten wir wohl nicht ganz zu Unrecht, dass Gorbatschow die deutsche Frage wieder f\u00fcr offen erkl\u00e4ren wollte, ohne dar\u00fcber aber mit uns ernsthaft gesprochen zu haben.<\/p>\n<p>Hatte sich Chruschtschow in seinen Erinnerungen noch dazu bekannt, selbst den Befehl zum Mauerbau gegeben zu haben \u2013 was weitgehend den Tatsachen entsprach &#8211;\u00a0 wollte der sowjetische Au\u00dfenminister Schewardnadse die Verantwortung allein der DDR zuschieben, was geschichtlich falsch war und aktuell die DDR in eine schwierige Situation brachte (Fernsehinterview im Januar 1989 am Rande des Abschlusstreffens der Europ\u00e4ischen Sicherheitskonferenz in Wien).<\/p>\n<p>Anfang Mai 1989 besuchte US-Pr\u00e4sident Bush Polen und Ungarn, um dort f\u00fcr Reformen im Sinne des Westens zu werben. Er forderte offen, \u201edie Sowjetunion in die Wertegemeinschaft des Westens\u201c zu holen. Nachdem w\u00e4hrend seiner Visite in Budapest die ungarische Grenze zum Westen faktisch ge\u00f6ffnet wurde, nahm die Ausreisewelle aus der DDR \u00fcber die Tschechoslowakei und Ungarn zu.<\/p>\n<p>Die innenpolitische Situation der DDR versch\u00e4rfte sich erheblich. Am 9. Oktober 1989 kam es in Leipzig zu einer gro\u00dfen \u201eMontagsdemonstration\u201c, an der 70\u00a0000 B\u00fcrger aus der ganzen DDR teilnahmen. In einem Aufruf von sechs Leipziger Prominenten wird zur Besonnenheit der Demonstranten aufgerufen.<\/p>\n<p>Dort steht w\u00f6rtlich: \u201eWir alle brauchen einen freien Meinungsaustausch \u00fcber die Weiterf\u00fchrung des Sozialismus in unserem Land. \u2026\u201c Das war kein Ruf zur Abschaffung der DDR. Der 9. Oktober war eine Aufforderung an die DDR-F\u00fchrung, endlich einen Dialog mit den B\u00fcrgern \u00fcber die weitere Entwicklung der DDR zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Am 18. Oktober 1989 wurde Erich Honecker von seinen Funktionen abgesetzt und ich zum SED-Generalsekret\u00e4r gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Ich sprach damals von einer \u201eWende\u201c, die war nicht in Richtung deutsche Einheit gedacht. Ich verstand darunter eine Erneuerung der DDR nach dem Beispiel der \u201ePerestroika\u201c in der Sowjetunion. Mir war zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar, dass Gorbatschow mit dieser Politik schon im eigenen Land gescheitert war.<\/p>\n<p>Der \u201eDemokratische Aufbruch\u201c, deren Pressesprecherin die heutige Bundeskanzlerin Angela Merkel war, betonte: \u201eDie kritische Haltung \u2026 zum real-existierenden Sozialismus bedeutet keine Absage an die Vision einer sozialistischen Gesellschaftsordnung: Wir beteiligen uns am Streit um die Konzeption des Sozialismus\u201c.<\/p>\n<p>Die politische Klasse der BRD erkannte ihre Chance. Sie verst\u00e4rkte ihre propagandistische und politische Einflussnahme in der DDR. Immer \u00f6fter wurde jetzt bei den Kundgebungen aus der Losung \u201eWir sind das Volk\u201c der Slogan \u201eWir sind ein Volk\u201c.<\/p>\n<p>Ein wichtiges Datum auf dem Wege zum 9. November 1989 war mein Gespr\u00e4ch mit Gorbatschow am 1. November in Moskau.<\/p>\n<p>Ich fragte ihn: \u201eMichael Sergejewitsch, welchen Platz r\u00e4umt die Sowjetunion beiden deutschen Staaten im gesamteurop\u00e4ischen Haus ein? Im Westen gibt es Spekulationen, dass im Europ\u00e4ischen Haus f\u00fcr die DDR kein Platz mehr ist. \u201c<\/p>\n<p>Gorbatschow macht auf mich den Eindruck, als habe er meine Frage nicht verstanden. Ich erg\u00e4nze daher:<\/p>\n<p>\u201eDie DDR entstand nach dem Zweiten Weltkrieg und im Ergebnis des Kalten Krieges. Sie ist also auch ein Kind der Sowjetunion. Es ist f\u00fcr mich wichtig zu wissen, ob die Sowjetunion zu ihrer Vaterschaft steht?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDie Einheit Deutschlands\u201c, so Gorbatschow, \u201esteht nicht auf der Tagesordnung. Dar\u00fcber hat sich die Sowjetunion mit ihren fr\u00fcheren Partnern aus der Zeit der Anti-Hitler-Koalition geeinigt. Genosse Krenz, \u00fcbermittle dies bitte den Genossen des SED-Politb\u00fcros\u201c, fasste Gorbatschow seinen Standpunkt zusammen.<\/p>\n<p>Das war noch am 1. November 1989! Nur wenige Wochen sp\u00e4ter gab es schon hinter dem R\u00fccken der DDR Gespr\u00e4che mit der Bundesregierung \u00fcber die Herstellung der deutschen Einheit.<\/p>\n<p>Vor einigen Jahren haben Vertraute von Gorbatschow Protokolle des Politb\u00fcros des ZK der KPdSU ver\u00f6ffentlicht. Es sind wohl 1400 Seiten, aufgeschrieben von drei Beratern des Generalsekret\u00e4rs. Was und wie dort von der DDR gesprochen wurde, hat mich zutiefst erregt. Da war von der Br\u00fcderlichkeit, die mir noch am 1. November 1989 demonstriert wurde, nichts zu sp\u00fcren. Wenn diese Berichte stimmen, war der Umgang der Gorbatschow-F\u00fchrung mit der DDR ziemlich unehrlich.<\/p>\n<h5>Woran ist die DDR zugrunde gegangen?<\/h5>\n<p>Das Thema ist viel zu komplex, um alle Aspekte ersch\u00f6pfend zu behandeln.<\/p>\n<p>Lenin sagte: \u201eDie Arbeitsproduktivit\u00e4t ist in letzter Instanz das Allerwichtigste, das Ausschlaggebende f\u00fcr den Sieg der neuen Gesellschaftsordnung.\u201c<\/p>\n<p>Wahrscheinlich haben wir damals in allen europ\u00e4ischen sozialistischen Staaten nicht begriffen, dass dieser Satz im Umkehrschluss auch eine Drohung enth\u00e4lt, n\u00e4mlich die: Dass die neue Gesellschaftsordnung wieder untergehen wird, wenn sie keine h\u00f6here Arbeitsproduktivit\u00e4t erreicht als der Kapitalismus.<\/p>\n<p>Der Marxismus ist nicht obsolet. Auch der Zusammenbruch des europ\u00e4ischen Sozialismus l\u00e4sst sich nur auf der Grundlage der Erkenntnisse des historischen Materialismus und der materialistischen Dialektik erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Aus meiner Sicht sind die wichtigsten Gr\u00fcnde f\u00fcr das Ende der DDR:<\/p>\n<ul>\n<li>Die Spaltung Deutschlands war unnat\u00fcrlich. In puncto industrieller Entwicklung gab es schon in der Vorkriegszeit ein Ost-West-Gef\u00e4lle, das die DDR geerbt hat. Die DDR war in den ersten Jahrzehnten ihrer Existenz auf die deutsche Spaltung nicht eingerichtet. Bis Ende der 50er Jahre trat sie f\u00fcr ein einheitliches Deutschland ein.<\/li>\n<li>Von Anfang an war die DDR, \u201ederen Heimholung mit allen Mitteln zu betreiben w\u00e4re\u201c, den Anfeindungen aus dem Westen ausgesetzt \u2013 und der \u00f6konomische Sch\u00e4digung (Sabotage, Abwerbung).<\/li>\n<li>Ganz Deutschland hatte den Zweiten Weltkrieg verloren, aber nur Ostdeutschland und sp\u00e4ter die DDR mussten daf\u00fcr zahlen. Die DDR-Reparationsleistungen waren 25-mal h\u00f6her als die der alten Bundesrepublik \u2013 und die BRD bekam den Marschallplan.<\/li>\n<li>Die DDR litt an einem st\u00e4ndigen Mangel an Rohstoffen, der sich negativ auf ihre Wirtschaft auswirkte. Die Unsicherheiten im deutsch-deutschen Handel zwangen die DDR, eine eigene Schwerindustrie aufzubauen, was ungeheure Kosten verursachte. Die Konsumg\u00fcterindustrie, einschlie\u00dflich des Automobilbaus, kamen dadurch zu kurz.<\/li>\n<li>Die separate W\u00e4hrungsreform durch die westlichen Alliierten am 20. Juni 1948 war das eigentliche Datum der deutschen Spaltung. Die Separat-W\u00e4hrung erm\u00f6glichte der Bundesrepublik einen wirtschaftlichen Aufschwung, der unter dem Namen \u201eWirtschaftswunder\u201c in die Geschichte einging, w\u00e4hrend Ostdeutschland eine nichtkonvertierbare W\u00e4hrung behielt und dadurch faktisch vom westlichen Markt ausgeschlossen wurde. W\u00e4hrend die Bundesrepublik mit den USA und anderen westlichen Staaten starke Wirtschaftspartner hatte, war die DDR mit den \u00f6stlichen wirtschaftsschwachen Staaten verbunden, die zudem alle unter den Zerst\u00f6rungen des Krieges zu leiden hatten.<\/li>\n<li>Die Grenze quer durch Deutschland war Teil jener Trennlinie, die von der Ostsee im Norden bis an das Schwarze Meer im S\u00fcden die Milit\u00e4rbl\u00f6cke NATO und Warschauer Vertrag voneinander fernhielt, an der mitentschieden wurde, dass aus dem Kalten Krieg kein hei\u00dfer wurde. Sie war System- und Wirtschaftsgrenze, und die daraus entstehenden \u00f6konomischen Belastungen der DDR verhinderten die L\u00f6sung wichtiger Probleme ihrer Wirtschaft.<\/li>\n<li>1950 betrug der R\u00fcckstand der DDR gegen\u00fcber der jungen Bundesrepublik in der Arbeitsproduktivit\u00e4t ca. 60 bis 70 Prozent. Zwar konnte die DDR aufholen, aber 1989 betrug dieser R\u00fcckstand noch immer 45%. Darin liegt auch eine Ursache daf\u00fcr, dass zu wenig Mittel zur Verf\u00fcgung standen, um wichtige W\u00fcnsche der DDR-B\u00fcrger zu befriedigen.<\/li>\n<li>Die sozialistischen L\u00e4nder Europas hatten seit den siebziger Jahren vers\u00e4umt, die wissenschaftlich-technischen Revolution zu nutzen. Sie blieben im \u00f6konomischen Wettbewerb mit dem Westen zur\u00fcck. Ihr Planungssystem entsprach nicht mehr den Notwendigkeiten. Die Zusammenarbeit im RGW funktionierte nicht mehr. Die Wirklichkeit entfernte sich immer st\u00e4rker vom Ideal des Sozialismus. Es kam zu einem Vertrauensverlust gro\u00dfer Teile der Bev\u00f6lkerung zur Staatsf\u00fchrung.<\/li>\n<\/ul>\n<h5>Schicksalsgemeinschaft<\/h5>\n<p>Das Schicksal der DDR war im Guten wie im Schlechten mit dem der Sowjetunion verbunden.<\/p>\n<p>1982 schickte Leonid Breschnew den ZK-Sekret\u00e4r Russakow zu Erich Honecker, um mitzuteilen, dass die UdSSR nicht mehr in der Lage war, die vereinbarten Mengen an Erd\u00f6l zu liefern. Das traf den Lebensnerv der DDR. Sowjetisches Erd\u00f6l war eine Lebensader unserer Volkswirtschaft.<\/p>\n<p>Es hie\u00df, die Sowjetunion sei in einer dramatischen Phase wie seinerzeit Sowjetrussland zu Zeiten des Brester Friedens. Wir r\u00e4tselten, was das wohl bedeuten sollte? Beim Brester Frieden ging es bekanntlich um Sein oder Nichtsein Sowjetrusslands.<\/p>\n<p>Sollte es 1982 wirklich so schlimm um die Sowjetunion stehen? Wir wollten es nicht glauben. Statt eine eigene Bestandsaufnahme zu machen und mit der Bev\u00f6lkerung dar\u00fcber offen zu sprechen, beschworen wir in der DDR die Kontinuit\u00e4t, die sich angesichts der neuen Bedingungen nicht aufrechterhalten lie\u00df.<\/p>\n<p>Die Bev\u00f6lkerung der DDR war nicht nur gut gebildet, sie war auch politisch sehr interessiert. Sie h\u00e4tte ein offenes Wort \u2013 und w\u00e4re es noch so hart gewesen \u2013 gut verstanden.<\/p>\n<p>Damit bin ich bei einem unserer Kardinalfehler: Als die inneren und \u00e4u\u00dferen Schwierigkeiten zunahmen, als sich die Realit\u00e4t des Alltags mehr und mehr von unseren Idealen entfernte, verlernte das Politb\u00fcro, das Erich Honecker leitete und dem ich angeh\u00f6rte, auf die Stimmung der Bev\u00f6lkerung zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Die DDR-Wirklichkeit hatte sich mehr vom Ideal entfernt als die Bev\u00f6lkerung hinnehmen wollte. Das belastete das Vertrauensverh\u00e4ltnis zwischen F\u00fchrung und Bev\u00f6lkerung. Wenn ich \u00fcber den Anteil der DDR an ihrer Zerst\u00f6rung spreche, erinnere ich an einen weiteren Gedanken Lenins, der das Problem auf den Punkt bringt:<\/p>\n<p>\u201eAlle revolution\u00e4ren Parteien\u201c, sagte er, \u201edie bisher zugrunde gegangen sind, gingen daran zugrunde, dass sie \u00fcberheblich wurden und nicht zu sehen vermochten, worin ihre Kraft lag, dass sie sich scheuten, von ihren Schw\u00e4chen zu sprechen\u201c.<\/p>\n<p>Gorbatschow sprach bald vom \u201eNeuen Denken\u201c. Die Sache hatte nur einen Haken: Der Westen dachte \u00fcberhaupt nicht daran, neu zu denken. Die NATO r\u00fcstete auf, w\u00e4hrend die UdSSR das milit\u00e4rische Gleichgewicht aufgab. Brent Scowcroft, Sicherheitsberater mehrerer amerikanischer Pr\u00e4sidenten: \u201eWir hatten einen Plan, Gorbatschow nicht.\u201c<\/p>\n<h5>Vorl\u00e4ufiges Fazit<\/h5>\n<p>Ich spreche nicht vom Scheitern des Sozialismus, sondern von seiner Niederlage. F\u00fcr mich ist das keine formale Frage der Wortwahl. Scheitern hat etwas Endg\u00fcltiges an sich, Niederlage ist eher etwas Zeitweiliges.<\/p>\n<p>Wenn der Sozialismus gescheitert w\u00e4re, k\u00f6nnte das ja auch bedeuten, dass er auch in Zukunft keine Chance mehr h\u00e4tte und der Kapitalismus doch das Ende der Geschichte w\u00e4re.<\/p>\n<p>Der erste Anlauf f\u00fcr eine ausbeutungsfreie Gesellschaft, die Pariser Kommune, \u00fcberdauerte 72 Tage, der zweite, die Oktoberrevolution, hielt schon 72 Jahre. Der dritte Anlauf wird kommen. Wann? Das wissen wir nicht. Die positiven wie negativen Erfahrungen der UdSSR wie der DDR sind aber daf\u00fcr unerl\u00e4sslich.<\/p>\n<p>Der Sozialismus \u2013 wie immer man ihn in verschiedenen politischen Lagern nennen mag \u2013 ob Fr\u00fch- oder Staatssozialismus, ob sowjetisch gepr\u00e4gter, realexistierender oder sogenannter \u2013 er war weltgeschichtlich bisher die einzige reale Gegenmacht zum Imperialismus. Es gibt viel Kritisches \u00fcber ihn zu sagen.<\/p>\n<p>Doch: Was w\u00e4re wohl aus Europa und der Welt geworden, wenn die Sowjetunion dem deutschen Faschismus nicht den entscheidenden Schlag versetzt h\u00e4tte? Wie h\u00e4tten sich die Kolonialm\u00e4chte gegen\u00fcber ihren Kolonien verhalten? Der Zerfall des Kolonialsystems ohne die Wirkungen der Oktoberrevolution ist nicht vorstellbar. Ohne den Sozialismus h\u00e4tte es m\u00f6glicherweise nicht nur einen kalten, sondern einen dritten Weltkrieg gegeben.<\/p>\n<p>Die Idee des Sozialismus ist nach meiner \u00dcberzeugung nicht tot. Verloren hat ein bestimmtes Modell des Sozialismus.<\/p>\n<p>Die Geschichte ist kein gradliniger Weg zum gesellschaftlichen Fortschritt. Es gibt auch Epochen des R\u00fcckschritts und der Stagnation. Die Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte mit allen ihren Auswirkungen geht trotzdem voran. Damit werden fr\u00fcher oder sp\u00e4ter neue und sicher aussichtsreichere Versuche zustande kommen, die Gesellschaft grundlegend zu \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Deshalb sollte man die vielen positiven wie negativen Erfahrungen der vergangenen Epoche nicht geringsch\u00e4tzen. Sie k\u00f6nnen f\u00fcr die Zukunft von bleibendem Wert sein, weil sie lehren, was sich bei der Neugestaltung der Gesellschaft bereits bew\u00e4hrt hat und was nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Der Text basiert auf einer (bisher in Deutschland nicht ver\u00f6ffentlichten) Gastvorlesung an der Staatlichen Universit\u00e4t in St. Petersburg, 10.08.16.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Egon Krenz, Dierhagen, war u.a. Erster Sekret\u00e4r des Zentralrats der FDJ,<br \/>\nMitglied des Politb\u00fcros und Sekret\u00e4r des ZK der SED,<br \/>\nstellvertretender und zuletzt Vorsitzender des Staatsrates der DDR<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<h5>Download<\/h5>\n<p>Der Artikel kann auch als PDF-Dokument angesehen und heruntergeladen werden:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"1076\" data-permalink=\"https:\/\/www.freidenker.org\/?attachment_id=1076\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/pdf_icon-2.png?fit=32%2C32&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"32,32\" data-comments-opened=\"0\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"pdf_icon\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/pdf_icon-2.png?fit=32%2C32&amp;ssl=1\" class=\"alignnone size-full wp-image-1076\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/pdf_icon-2.png?resize=32%2C32&amp;ssl=1\" alt=\"\" width=\"32\" height=\"32\" data-attachment-id=\"1076\" data-permalink=\"https:\/\/www.freidenker.org\/?attachment_id=1076\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/pdf_icon-2.png?fit=32%2C32&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"32,32\" data-comments-opened=\"0\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"pdf_icon\" data-image-description=\"\" data-medium-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/pdf_icon-2.png?fit=32%2C32&amp;ssl=1\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/pdf_icon-2.png?fit=32%2C32&amp;ssl=1\" \/> <a href=\"https:\/\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Freidenker_2019-03_Krenz-WasWarUndWasBleibt.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Egon Krenz: Was war und was bleibt<\/a> (Auszug aus FREIDENKER 3-19, ca. 388 KB)<\/p>\n<hr \/>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"7367\" data-permalink=\"https:\/\/www.freidenker.org\/?attachment_id=7367\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/denmark.png?fit=20%2C15&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"20,15\" data-comments-opened=\"0\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"denmark\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/denmark.png?fit=20%2C15&amp;ssl=1\" class=\"alignnone size-full wp-image-7367\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/denmark.png?resize=20%2C15&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"20\" height=\"15\" \/> Der Artikel ist auch ins D\u00e4nische \u00fcbersetzt worden: <a href=\"https:\/\/arbejderen.dk\/teori\/tidligere-ddr-leder-socialismens-id%C3%A9-er-ikke-d%C3%B8d\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Tidligere DDR-leder: Socialismens id\u00e9 er ikke d\u00f8d<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Bild oben: \u00a9 Sputnik \/ Tilo Gr\u00e4ser 2019<br \/>\n<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><b>Beitrag von Egon Krenz aus FREIDENKER 3-19<\/b><br \/>\nAls Heranwachsender habe ich noch Plakate der Nazis gesehen, auf denen Russen mit einem Messer im Mund als Untermenschen gezeigt wurden. &#8230; Wenn 1990 das Verst\u00e4ndnis vieler Russen f\u00fcr die deutsche Einheit vorhanden war, dann auch deshalb, weil die DDR das Wort \u201eDeutscher\u201c befreit hat von V\u00f6lkerhass und Aggression. F\u00fcr viele DDR-B\u00fcrger war der Begriff \u201eSowjetmensch\u201c identisch mit \u201eFreund\u201c.<br \/>\nEs gibt keine Sowjetunion und es gibt keine DDR mehr. Aber die Werte wie Freundschaft, Solidarit\u00e4t, gegenseitige Achtung und menschliche N\u00e4he, die die B\u00fcrger beider Staaten verband, sie sind nicht veraltet.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":7012,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"jetpack_post_was_ever_published":false,"footnotes":""},"categories":[13,1162],"tags":[454,335,1192,188,56,222,430,564],"class_list":["post-7009","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-frieden-antifaschismus-solidaritaet","category-geschichte","tag-ddr","tag-frieden","tag-geschichtsrevisionismus","tag-krieg","tag-nato","tag-russland","tag-sowjetunion","tag-sozialismus"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/egon_krenz_325704007_800x445.jpg?fit=800%2C445&ssl=1","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p9stpK-1P3","jetpack-related-posts":[{"id":18563,"url":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=18563","url_meta":{"origin":7009,"position":0},"title":"Zum 10. 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