{"id":648,"date":"2008-01-01T15:45:55","date_gmt":"2008-01-01T14:45:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.freidenker.org\/fw17\/?p=648"},"modified":"2018-02-18T14:56:02","modified_gmt":"2018-02-18T13:56:02","slug":"christentum-und-sozialismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=648","title":{"rendered":"Christentum und Sozialismus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine religi\u00f6se Polemik zwischen Herrn Kaplan Hohoff in H\u00fcffe und August Bebel<\/strong><\/p>\n<p><em>Separatabdruck aus dem \u201eVolksstaat\u201c von 1873\/74. Hier wiedergegeben nach dem Heft 3 der \u201eGro\u00dfe Agitationsbibliothek\u201c, der Verlagsgesellschaft \u201eDer Freidenker\u201c, 1929.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Kaplan Hohoff schreibt:<\/strong><\/p>\n<p><em>An die verehrliche Redaktion des \u201eVolksstaat\u201c zu Leipzig<\/em><\/p>\n<p>Sie geben in dem Leitartikel in Nr. 114 des \u201eVolksstaat\u201c vom 21. November einen Passus wieder aus einer in Ihrem Verlage erschienenen Brosch\u00fcre, die den Titel hat: \u201eDie parlamentarische T\u00e4tigkeit des Deutschen Reichstags und der Landtage und die Sozialdemokratie.\u201c<\/p>\n<p>In demselben wird u. a. die Behauptung aufgestellt, da\u00df Staat und Kirche sich \u201ebr\u00fcderlich unterst\u00fctzen, wenn es das Volk zu knechten, zu verdummen und auszubeuten gilt\u201c; die katho\u00adlische Geistlichkeit und der moderne Staat seien \u201evollst\u00e4ndig einig, wenn es sich um Unterdr\u00fcckung des Volkes handelt\u201c; die Priesterschaft sei stets \u201ef\u00fcr den R\u00fcckschritt und die Barbarei eingetreten\u201c.<\/p>\n<p>Da ich nun ein Mitglied der katholischen Kirche sowohl als des katholischen Klerus und als Geistlicher verpflichtet bin, eine Kleidung zu tragen, die es jedem, der mich sieht, sofort anzeigt, da\u00df ich der katholischen Priesterschaft angeh\u00f6re, so werden Sie mir zugeben, da\u00df ich pers\u00f6nlich und speziell durch die obigen Anschuldigungen mitgetroffen und vor allen Lesern des \u201eVolks\u00adstaat\u201c, denen ich im Leben begegne, aufs \u00e4rgste kompromittiert erscheine. Ich sehe mich daher gen\u00f6tigt, an Ihre Loyalit\u00e4t zu appellieren und Sie zu ersuchen, die folgende Verteidigung und Rechtfertigung meiner selbst zur Kenntnis Ihrer Leser zu bringen. Ich glaube dies um so mehr fordern zu m\u00fcssen und zu k\u00f6nnen, da ich au\u00dfer meiner Ehre und meinem guten Namen nichts, rein gar nichts besitze, auf mich also im vollsten Sinne die Worte Anwendung finden w\u00fcrden: \u201eEhre verloren, alles verloren!\u201c<\/p>\n<p>Sie sind ein Gegner der katholischen Religion: Sie sind des\u00adgleichen ein Gegner der liberalen Bourgeoisie. Wenn die S\u00f6ldlinge dieser letzteren Ihnen die S\u00fcnden der T\u00f6ckianer [1] aufb\u00fcrden, so schreien Sie aus Leibeskr\u00e4ften \u00fcber das Ihnen geschehene Unrecht und sagen mit Recht, man d\u00fcrfe nicht den Sozialismus verantwortlich machen f\u00fcr dasjenige, was einzelne Menschen tun, die sich Sozialisten nennen, und Sie lehnen jede Solidarit\u00e4t mit den Hasenclever-Hasselm\u00e4nnern [2] ab. Zu meinem gro\u00dfen Befremden mu\u00df ich aber jetzt sehen, da\u00df Sie gegen\u00fcber dem Ultra-montanismus und dem ultramontanen Klerus in denselben Fehler fallen, den Sie an den Liberalen so scharf r\u00fcgen. Sie machen die Kirche verantwortlich f\u00fcr die Fehler ihrer Diener und die Religion f\u00fcr die M\u00e4ngel und S\u00fcnden ihrer Bekenner; Sie legen der Gesamtheit zur Last, was einzelne verschuldet; Sie verdammen den Schuldigen mit dem Unschuldigen. Oder nennen Sie mir ein Laster, einen \u00dcbelstand \u2014 soweit er nicht in der Natur alles Irdischen begr\u00fcndet ist \u2014 eine Ungerechtigkeit und Nichts\u00adw\u00fcrdigkeit, die nicht von der katholischen Kirchenlehre streng verboten und verp\u00f6nt w\u00e4re. Nennen Sie mir irgend etwas, das von Ihnen f\u00fcr sch\u00e4ndlich und verwerflich gehalten und dessen Beseitigung von Ihnen angestrebt wird, das nicht auch entfernt und beseitigt sein w\u00fcrde, wenn die Lehren der katholischen Reli\u00adgion befolgt w\u00fcrden. Nennen Sie mir irgend etwas Gutes, Edles, W\u00fcnschenswertes, nennen Sie mir eine Tugend, welche nicht im Flor st\u00e4nde, wo man den Weisungen des Christentums nach\u00adkommt Sie werden nicht dazu imstande sein! Und darum werden Sie einr\u00e4umen m\u00fcssen, da\u00df die Schuld von den Mi\u00dfst\u00e4nden, die Sie tadeln, nicht am Katholizismus, nicht an der Religion und der Kirche liegt, sondern an den Menschen.<\/p>\n<p>Wissen Sie nicht, da\u00df Tausende und aber Tausende und Millionen von katholischen Christen und katholischen Priestern seit 1800 Jahren buchst\u00e4blich die Worte Christi erf\u00fcllt haben: \u201eWenn du vollkommen sein willst, so gehe hin, verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen und folge mir nach\u201c? Wissen Sie nicht, da\u00df ein Franz von Assisi, ein Vincenz von Paula und zahllose andre Millionen von Talern f\u00fcr die Armen gesammelt haben, da\u00df sie ihr ganzes Verm\u00f6gen den D\u00fcrftigen und Notleidenden schenkten und aus Liebe zu Gott und ihren Mitmenschen die freiwillige Armut w\u00e4hlten, um mit den Armen arm zu sein? Wissen Sie nicht, da\u00df auch heute noch Tausende und Hundert\u00adtausende von Katholiken und Priestern jenem Beispiel folgen?<\/p>\n<p>Wenn z. B. ein Bruder des Bischofs von Ketteler die Husarenattila mit der rauhen Kutte des Kapuzinerm\u00f6nchs und das flotte Offiziersleben mit der strengen Ordensaskese vertauscht, wenn ein flei\u00dfiger Student alle philosophischen Systeme von Sokrates und Pythagoras bis auf Schopenhauer, Feuerbach, Lassalle und Marx pr\u00fcft und schlie\u00dflich bei seinem wissenschaftlichen Forschen zu dem Resultat gelangt, da\u00df der Katholizismus das Beste und Vollkommenste sei, wenn er deshalb Theolog und Priester wird, um diese allein wahre und allein begl\u00fcckende Doktrin nach besten Kr\u00e4ften zu verbreiten: was, frage ich, gibt Ihnen das Recht, die Aufrichtigkeit und Lauterkeit seiner Gesinnung in Abrede zu stellen und ihn \u201eeigenn\u00fctziger Heuchelei\u201c zu beschuldigen?<\/p>\n<p>Wenn solche Anklagen von Gegnern des Sozialismus gegen die Herren Liebknecht und Bebel erhoben werden, so weisen Sie voll tiefer Indignation auf die schlechte Situation hin, in welche Sie durch die Vertretung Ihrer Prinzipien sich gebracht sehen. Nun wohl, auch mir wallt das Blut ob solcher Anschuldigung und auch ich glaube dieselbe durch den einfachen Hinweis auf die kl\u00e4gliche Stellung der meisten katholischen Geistlichen in der Gegenwart entkr\u00e4ften zu k\u00f6nnen. Au\u00dfer den Schulmeistern und den Nachtw\u00e4chtern ist sicherlich keine Beamtenkategorie d\u00fcrftiger besoldet als der niedere katholische Klerus. Ich kann Ihnen be\u00adweisen, da\u00df ich pekuni\u00e4r schlechter gestellt bin als ein Lakai, oder eine Kammerjungfer. Und die Geringheit der Eink\u00fcnfte ist noch das Allerwenigste: Ha\u00df und Verfolgung, Spott und Hohn \u2014 das ist heute der Anteil des katholischen Priesters!<\/p>\n<p>Lassen Sie also n\u00e4chstens niemals wieder den Spruch au\u00dfer acht: \u201eWas du nicht willst, das man dir tu&#8216;, das f\u00fcg&#8216; auch keinem andern zu!\u201c<\/p>\n<p>Wenn man aber, so werden Sie jetzt vielleicht denken, auch nicht dem gesamten ultramontanen Klerus Heuchelei und Eigen\u00adnutz vorzuwerfen berechtigt ist, so sind doch mindestens diejenigen, welche es wirklich ernst und ehrlich meinen, \u00fcberspannte Schw\u00e4rmer und Narren. Falls Sie so spr\u00e4chen, w\u00fcrde ich Sie schon eher entschuldigen k\u00f6nnen. Aber ich m\u00fc\u00dfte es auch dann unbegreiflich finden, wenn die Sozialisten sich dar\u00fcber wundern und beklagen, da\u00df ihnen der gleiche Ehrentitel beigelegt wird, Ich habe bisher geglaubt, da\u00df die Redakteure des \u201eVolksstaat\u201c mehr Sittlichkeits- und Rechtlichkeitsgef\u00fchl bes\u00e4\u00dfen als ihre Kollegen von der offizi\u00f6sen und liberalen Presse; sonst w\u00fcrde ich diese kurze Defension nicht niedergeschrieben haben und nicht an Sie abgehen lassen. Ich hoffe nicht entt\u00e4uscht zu werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>H\u00fcffe bei Pr. Oldendorf, 22. November 1875.<\/em><\/p>\n<p><em>Wilhelm Hohoff, Kaplan<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>August Bebel antwortet:<\/strong><\/p>\n<p><em>Mein Herr!<\/em><\/p>\n<p>Sie haben in Nr. 9 ein Schreiben ver\u00f6ffentlicht, worin Sie als ein \u201eDiener der Kirche\u201c sich gegen die Angriffe zu verteidigen suchen, welche ich in der von mir herausgegebenen Brosch\u00fcre: \u201eDie parlamentarische T\u00e4tigkeit des Deutschen Reichstags usw.\u201c gegen die Kirche und die Religion \u00fcberhaupt erhoben habe. Ihre Verteidigung erheischt eine Antwort, und zwar von mir als Ver\u00adfasser jener Brosch\u00fcre. Erfolgte diese nicht eher, so wollen Sie dies durch ein l\u00e4ngeres Unwohlsein entschuldigen, das mich am Schreiben verhinderte, und f\u00e4llt sie etwas l\u00e4nger aus, so m\u00f6gen Sie daraus schlie\u00dfen, da\u00df ich Ihre Einw\u00e4nde f\u00fcr wichtig und be\u00addeutend genug hielt, um sie in einer l\u00e4ngeren Ausf\u00fchrung zu widerlegen.<\/p>\n<p>Sie f\u00fchlen sich durch einige Stellen meiner Brosch\u00fcre per\u00ads\u00f6nlich getroffen und verletzt, wozu Sie, wie Sie bei nochmaligem Durchlesen derselben vielleicht selber zugeben werden, keine Ursache haben. Ich habe kirchliche Personen nicht angegriffen, ich habe nirgends bestritten, da\u00df es unter den \u201eDienern der Kirche auch eine Anzahl g\u00e4be, die aus innigster, ehrlichster \u00dcberzeugung ihrem Berufe obliegen\u201c; ich konnte dies um so weniger, als ich einigerma\u00dfen die Pr\u00e4paranden-Anstalten kenne, welche bestimmt sind, junge, unbefangene und noch unwissende Gem\u00fcter zum \u201eDienste der Kirche\u201c zurechtzukneten und zu erziehen. Ich gehe noch weiter: ich gebe zu, da\u00df es Tausende von M\u00e4nnern gibt, selbst auf vorgeschrittener Bildungsstufe, welche mit Leib und Seele der Kirche und ihren Lehren ergeben sind, da\u00df es Tausende und aber Tausende gibt und Millionen gegeben hat, welche durch gro\u00dfe Opfer aller Art sich ihr Seelenheil bei der Kirche zu er\u00adkaufen suchten. Aber was beweist das gegen die von mir ent\u00adwickelten und hier in Frage stehenden Ansichten? Einfach nichts, absolut nichts. Dieselbe Opferwilligkeit, Selbstpeinigung und Askese, derselbe fanatische Glaube, mit welchem Millionen Menschen an dem Christentum gehangen haben und noch h\u00e4ngen, alle diese Eigenschaften haben Millionen Anh\u00e4nger des Judentums, der Lehren des Buddha, des Confucius, des Muhammed bewiesen, sie alle k\u00f6nnen mit demselben Recht wie Sie auf die Erfolge ihrer Religion, auf die Opfer ihrer Gl\u00e4ubigen hinweisen.<\/p>\n<p>Wollte man statistisch feststellen, in welcher Religion Millionen von Menschen am eifrigsten geglaubt und gestrebt, die gr\u00f6\u00dfte Entsagung, die gr\u00f6\u00dfte Selbstpeinigung, die gr\u00f6\u00dfte Aufopferung stattgefunden hat, es unterl\u00e4ge keinem Zweifel, die Religion des Buddha w\u00fcrde in allen Beziehungen den Katholizismus und das Christentum \u00fcberhaupt \u00fcbertreffen.<\/p>\n<p>Nach Ihrer Auffassung des Wertes der Religion m\u00fc\u00dfte also eigentlich der Buddhaismus die wahre und wirkliche Religion sein und ich mich einer gro\u00dfen S\u00fcnde schuldig machen, wenn ich erkl\u00e4rte, da\u00df trotz alledem der Buddhaismus so gut wie das Christentum die Menschenentwicklung zur Freiheit und Selbst\u00e4ndigkeit nur gehindert und unterdr\u00fcckt hat. Sie selbst aber sind gen\u00f6tigt, kraft der Lehren Ihrer Kirche den Buddhaismus als falsch, verkehrt, ketzerisch zu betrachten, obgleich sich mit Leichtigkeit nachweisen l\u00e4\u00dft, da\u00df, was Moral und Sittenstrenge betrifft, der Buddhaismus nicht nur dem Christentum vollst\u00e4ndig ebenb\u00fcrtig ist, sondern die Morals\u00e4tze, viele christliche Gebr\u00e4uche und Dogmen aus dem \u00e4lteren Buddhaismus in das 400 Jahre j\u00fcngere Christentum her\u00fcbergenommen sind.<\/p>\n<p>Und hier kommen wir auf den Hauptkern der Frage. Was ist denn das Christentum? Antwort: Wie jede andere Religion Menschenwerk. Der Mensch, der auf seiner niedrigen Bildungsstufe keine klare Vorstellung von der Natur und den Naturereignissen, die ihm bald n\u00fctzten, bald ihn sch\u00e4digten, besitzen konnte, der keinen Begriff von seiner eignen Stellung als Mensch besa\u00df, schrieb alles Unverstandene, das um ihn vorging, \u00fcbersinnlichen Wesen zu, welche die f\u00fcr ihn unbegreiflichen Erscheinungen nach Laune und Willk\u00fcr hervorriefen und deren Gunst er folglich, um sie sich geneigt und freundlich gesinnt zu erhalten, durch Bitten, Gebete, Zeremonien und Opfer zu erlangen suchte. Je nach dem Bildungszustand der V\u00f6lker, der Bodenbeschaffenheit, dem Klima usw. nahmen die unverstandenen Naturgewalten als \u00fcbersinnliche Wesen verschiedene Eigenschaften und Gestalten an. Demgem\u00e4\u00df bildete sich auch die Verehrungsweise, die, da die Formen bald sehr kompliziert und verwickelt wurden, von p\u00fcnktlicher und gewissenhafter Befolgung der religi\u00f6sen Gebr\u00e4uche aber Erfolg oder Nichterfolg bei den h\u00f6chsten Wesen abhing, M\u00e4nnern \u00fcbertragen wurden, die sich ausschlie\u00dflich mit den religi\u00f6sen Bed\u00fcrfnissen befa\u00dften. Da man naturgem\u00e4\u00df aber hierzu nur die Kl\u00fcgsten und Gewandtesten nahm, wurden diese sp\u00e4ter auch die Herrschenden. So entstand die Priesterklasse die es bei allen V\u00f6lkern der Welt verstanden hat, in kurzer Zeit ihre Macht immer mehr auszudehnen, indem sie den V\u00f6lkern den Glauben von ihrer Wichtigkeit und Unentbehrlichkeit immer st\u00e4rker einzufl\u00f6\u00dfen suchte und, um dies zu k\u00f6nnen, von vorn\u00adherein jeder Aufkl\u00e4rung und Weiterentwicklung des Menschen entgegentreten mu\u00dfte. Zu der Unkenntnis der Natur und der Naturerscheinungen kamen noch Peinigungen und Gewaltsam\u00adkeiten der eigenen Herrscher oder fremder V\u00f6lker und Herrscher, die schon fr\u00fchzeitig als selbstverdiente Strafen f\u00fcr begangenes Unrecht angesehen wurden und das Bed\u00fcrfnis nach religi\u00f6sen \u00dcbungen nur verst\u00e4rkten. H\u00e4ufig auch au\u00dferstande, das Joch der Eroberer und Vergewaltiger aus eigener Kraft abzusch\u00fctteln, ent\u00adwickelte sich die Hoffnung auf einen \u00fcberirdischen Helfer, einen Messias, der zum Lohne f\u00fcr treue Verehrung der h\u00f6chsten Wesen erscheinen und das Volk befreien werde. Diese und \u00e4hnliche Ideen, die bei fast allen V\u00f6lkern mehr oder weniger ausgepr\u00e4gt vorhanden waren, hatten in ganz besonderer Weise infolge der historischen Entwicklung der kleinasiatischen und der angrenzenden afrikanischen V\u00f6lker im Judentum Platz gegriffen, aus dem sp\u00e4ter das Christentum entstand. Und dieses trat keineswegs als eine fertige und abgeschlossene Religion, wie man uns so gern zu lehren pflegt, auf die B\u00fchne, sondern entwickelte sich erst allm\u00e4hlich zu einem Religionsgeb\u00e4ude, dessen Brauchbarkeit f\u00fcr die Unterdr\u00fcckung der Menschheit sehr bald von den herrschenden Klassen der damaligen Zeit erkannt wurde. Das Christentum ist so wenig der \u201eg\u00f6ttlichen Offenbarung\u201c entsprossen wie die von mir vorhin bezeichneten Religionen, deren Stifter mit der gleichen Entschiedenheit ihre g\u00f6ttliche Sendung betonten, wie dies vom mythischen Stifter der christlichen Religion geschehen sein soll und wie Hunderte von Millionen Anh\u00e4nger beweisen, welche die Glaubenslehren des Buddha, Confucius und Muhammed gefunden haben, mit demselben, ja teilweise fanatischeren Glauben an ihre Wahrhaftigkeit.<\/p>\n<p>Ich habe nicht, wie Sie von sich behaupten, die philosophi\u00adschen Systeme von Sokrates und Pythagoras bis auf Schopenhauer, Feuerbach, Lassalle und Marx gepr\u00fcft \u2014 wobei ich bemerken will, da\u00df es den beiden letzteren nie eingefallen ist, ein philosophisches System aufzustellen, sie haben Praktischeres getan, und da\u00df ein philosophisches System des Sokrates nicht existiert, denn Sokrates hat auch nicht eine Zeile hinterlassen, sondern was wir \u00fcber seine Ansichten wissen, wissen wir durch seine Sch\u00fcler, namentlich Plato, der ihn auch in seinem Hauptwerk \u201eDer Staat\u201c als Hauptperson im Dialog einf\u00fchrt. Die philosophischen Systeme des Sokrates, Lassalle und Marx d\u00fcrfen Sie also aus Ihrem Wissensschatze streichen. \u2014 Aber ich habe mich ein bi\u00dfchen mit Kulturgeschichte und Naturwissenschaften besch\u00e4ftigt und danach gefunden, da\u00df f\u00fcr ein denkf\u00e4higes und mit den Forschungen und Entdeckungen der Naturwissenschaft einigerma\u00dfen vertrautes Hirn es recht schwer sein mu\u00df, an das Christentum als das \u201eBeste und Vollkommenste\u201c zu glauben. Die Tatsachen allein, welche die neuere Naturwissen\u00adschaft \u00fcber die Entstehung und das Alter der Erde, \u00fcber die Entstehung und Entwicklung der Menschen in unwiderleglicher Weise feststellt, rauben dem Christentum den Boden, auf dem es steht, und bringen es zu Falle. Auch mu\u00df Ihnen so gut wie mir bekannt sein, da\u00df die Gr\u00fcndungs- und Entwicklungsgeschichte des Christentums von nichts weniger als g\u00f6ttlicher Abstammung zeugt, da\u00df Zank, Hader, Streit, gegenseitige Verfolgungssucht unter den ersten Christen schon in der abscheulichsten Weise sich breit machten, in allen diesen \u201eTugenden\u201c aber jene vorangingen, welche als \u201eLehrer und Diener der Kirche\u201c mit dem entgegengesetzten Bei\u00adspiel h\u00e4tten vorangehen sollen.<\/p>\n<p>Christus selbst, dessen Existenz sehr nebelhaft, von dessen Lehren und Reden auch nicht ein von ihm selbst geschriebenes Wort vorhanden ist, wurde erst sp\u00e4ter, nach seinem Tode, als Gottmensch verehrt. Jahrhunderte lang w\u00fctete der Streit dar\u00ad\u00fcber, ob Christus Gott gleich oder nur Gott \u00e4hnlich sei; erst im Jahre 325 wurde auf der Kirchenversammlung zu Nic\u00e4a, wo es wie auf dem polnischen Reichstag herging und die Vertreter der beiderseitigen Richtungen in der Christenheit in Ermangelung von Gr\u00fcnden sich mit Vorw\u00fcrfen und gegenseitigen Beschimpfungen bedienten, und als das nicht mehr ziehen wollte, eine gr\u00fcndliche Pr\u00fcgelei vornahmen, die Zweieinigkeit von Gott und Christus endg\u00fcltig festgestellt. Die christlichen L\u00e4mmerhirten hatten das Bed\u00fcrfnis, eine feststehende Ansicht \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Christus zu Gott zu schaffen, weil der Streit unter den Priestern auch die L\u00e4mmer ergriff und viele der Gescheiteren und Denkenden stutzig machen mu\u00dfte. So war der erste gro\u00dfe Schritt zur Be\u00adgr\u00fcndung der christlichen Kirche, d. h. zur Leithammelei der Massen im Sinne der christlichen Priester und herrschenden Klasse geschehen.<\/p>\n<p>Im Widerspruch mit den Christen des Abendlandes hatte sich unter den Christen des Morgenlandes aber die Ansicht von einer Dreiheit des Gottes, wie sie in \u00e4lteren Religionen sich eben\u00adfalls gebildet hatte, entwickelt. Damit drohte eine neue Gefahr der Kirche, und so ward denn eilig, 56 Jahre sp\u00e4ter, im Jahre 381, auf der Kirchenversammlung zu Konstantinopel aus der Zweieinigkeit eine Dreieinigkeit geschaffen und der heilige Geist als Dritter im Bunde hinzugef\u00fcgt Das ist die sehr weltliche Geschichte der g\u00f6ttlichen Dreieinigkeit, des h\u00f6chsten Dogmas der christlichen Kirche. Sie werden zugeben, Herr Kaplan, da\u00df rein menschliche Vorg\u00e4nge, wie die hier geschilderten, sehr schlecht geeignet sind, den Glauben an die G\u00f6ttlichkeit des Christentums zu befestigen, und da\u00df es sich eben nur aus der gro\u00dfen Um\u00adbildung der damaligen Zeit und der Unkenntnis, welche der Mensch \u00fcber seine Beziehungen zu Welt und Natur und Natur\u00adereignissen hatte, und leider noch hat, erkl\u00e4ren l\u00e4\u00dft, da\u00df ein so zusammengebrauter Glaube Millionen Anh\u00e4nger gefunden hat. Millionen Anh\u00e4nger, die bis auf den heutigen Tag nur m\u00f6glich waren, weil die so von den Kirchenversammlungen zusammen\u00adgestellten, zusammengestrittenen und zusammengezankten Dogmen von Kirchen und Staats wegen der Menschheit als \u201eg\u00f6ttliche Offenbarungen\u201c eingebl\u00e4ut und schon mit der Muttermilch eingesogen wurden. Wenn es passiert, da\u00df in der zweiten H\u00e4lfte des 19, Jahrhunderts noch Hunderttausende von K\u00f6pfen sich \u00fcber das neu ausgeheckte Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes erhitzen, darf man sich nicht wundern, wie fast zwei Jahrtausende lang ein gro\u00dfer Teil der Menschheit an die g\u00f6ttliche Abstammung und Offenbarung des Christentums glauben konnte.<\/p>\n<p>Wie die heilige Dreieinigkeit erst durch die Priesterschaft geschaffen wurde, so erging es genau dem Heiligendienst. In den ersten Jahrhunderten wurden keine Bilder in den Kirchen gelitten, ja die Kirchenversammlung zu Elvira verbot sogar feierlichst, \u201edie Gegenst\u00e4nde der Verehrung und Anbetung an den W\u00e4nden abzumalen\u201c. Eusebius und Chrysostomus, zwei be\u00adr\u00fchmte Kirchenv\u00e4ter, die um 390 nach Christi lebten, bezeichneten den Bildergebrauch als G\u00f6tzendienst, und doch ist sp\u00e4ter die Heiligenanbetung und der Bilder- und Reliquiendienst in der christlichen Kirche so schlimm wie unter den schlimmsten \u201eHeiden\u201c getrieben worden und wird heute noch in der katholischen Kirche als Kultus gepflegt.<\/p>\n<p>Der so viel bedeutende Rosenkranz ist eine Nachahmung desselben Gebrauchs bei den alten \u00c4gyptern, also \u201eHeiden\u201c, dieselbe Einrichtung besteht in dem \u00e4lteren Buddhaglauben.<\/p>\n<p>Die Kindertaufe war von alters her bei morgenl\u00e4ndischen und teutonischen V\u00f6lkern gebr\u00e4uchlich gewesen; erst im vierten Jahrhundert wurde sie von den christlichen Priestern eingef\u00fchrt, heute wird sie den Gl\u00e4ubigen als \u201eein von Gott eingesetztes Sakrament\u201c bezeichnet und gelehrt. Das Abendmahl, welches nur eine Verchristlichung des bei den Juden gebr\u00e4uchlichen Passahfestes ist, erhielt ebenfalls erst sp\u00e4ter seine jetzige Bedeutung. Das Nic\u00e4asche Glaubensbekenntnis, 325 nach Christi, enth\u00e4lt noch kein Wort davon. Das Passahfest der Juden ward sp\u00e4ter die christliche Ostern.<\/p>\n<p>Der Teufelsglaube, der im Christentum eine so gro\u00dfe Rolle spielt, namentlich im Protestantismus kultiviert wurde und im 16. und 17. Jahrhundert die Ursache der schauderhaften Hexen\u00adverbrennungen war, ist \u00e4lteren \u201eheidnischen\u201c Religionen entnommen.<\/p>\n<p>Der Glaube an das Fortleben nach dem Tode ist eine nichts weniger als christliche Idee; er war vorhanden bei allen auf h\u00f6herer Kulturstufe stehenden V\u00f6lkern des Altertums und ist vom Christentum einfach aufgenommen und nach seiner Weise zu\u00adbereitet und ausgebildet worden. Das gleiche gilt in bezug auf das sogenannte Weltgericht oder den \u201ej\u00fcngsten Tag\u201c, der in den \u201eheiligen\u201c Schriften der Perser lange vor Christi Geburt bereits Erw\u00e4hnung findet.<\/p>\n<p>Die Erl\u00f6sung der Menschheit durch einen Gesandten des h\u00f6chsten Wesens, wie sie im Christentum dem Stifter desselben zugeschrieben wird, ist ebenfalls keine christliche Besonderheit; sie wurde von Buddha im 4. Jahrhundert vor Christi, ebenso von Zoroaster gelehrt, und selbst Sokrates deutet auf sie hin.<\/p>\n<p>Wie ich hier bereits die wichtigsten Dogmen und Gebr\u00e4uche, auf denen das ganze Christentum beruht, einfach als aus dem \u201eHeidentum\u201c her\u00fcbergenommen nachgewiesen habe, so kann Gleiches mit den Formen des christlichen, speziell des katho\u00adlischen Gottesdienstes geschehen. \u00dcberall zeigt sich die Nach\u00adahmung des Heidentums, nirgends eine Spur von selbst\u00e4ndigen, originalen Ideen. Der Opfertisch der Griechen und R\u00f6mer, die alle hier zu erw\u00e4hnenden Einrichtungen wieder dem \u00c4gyptertum entnommen hatten, ward der christliche Altar, der Rednerstuhl wurde die christliche Kanzel; Farben und Formen der Priesterkleider sind wesentlich dieselben wie bei den Priestern der alten \u00c4gypter, die Farben des \u00e4gyptischen Tag-Osiris, Rot und Wei\u00df, und die langen R\u00f6cke der unbehosten \u00c4gypter werden noch heute von den christlichen Priestern der verschiedenen Konfessionen getragen; der Krummstab des richtenden Osiris ging \u00fcber den Krummstab des christlichen Bischofs; aus der geh\u00f6rnten Kopfbedeckung der Priester des Nacht-Osiris wurden die christ\u00adlichen Priesterh\u00fcte, und sogar die Tonsur der katholischen Priester ist dem \u00e4gyptischen Gottesdienst entnommen, sie versinnbildlichte das Bild des strahlenden Sonnengotts Osiris. Weihwasser, R\u00e4ucherungen und Salben, der Kelch, Musik, Gesang, Niederknien zum Gebet, Verbeugung vor dem Allerheiligsten, die Wechselges\u00e4nge und Reden zwischen Priester und Gemeinde alles Gottesdienstformeln, die heute noch, namentlich in der katholischen Kirche, eine so gro\u00dfe Rolle spielen, sind ohne Au\u00dfnahme dem heidnischen Gottesdienste entlehnt<\/p>\n<p>Ebenso ward das Geburtsfest des Sonnenkindes, zur Zeit der k\u00fcrzesten Tage, umgewandelt in den Geburtstag Jesu. Das Fest des altsemitischen Feuergottes im Sommer ward christliches Johannesfest; das syrische Herbstfest, bei den Juden Laubh\u00fctten ward Michaelisfest.<\/p>\n<p>Die \u00c4hnlichkeit heidnischer und christlicher Religionssitten geht noch weiter. Der j\u00fcngere Sonnengott der \u00c4gypter entsprach genau der sp\u00e4teren Darstellung des christlichen Jesu. Das geneigte Haupt, das wallende Haar, das milde Antlitz, der Strahlenkreis um das Haupt und die segenspendenden H\u00e4nde waren bei jenem wie bei diesem. Isis, die Himmelsg\u00f6ttin der \u00c4gypter, mit dem Sonnenkinde entsprach genau der christlichen Mutter Gottes mit Strahlen- oder Sternenkranz und dem Christuskinde auf dem Arm oder im Scho\u00df usw.<\/p>\n<p>So ist alles im Christentum heidnischer Abstammung, das Christentum selbst nichts als Heidentum, d. h. eine Religion wie alle anderen Religionen auch: Menschenwerk, nichts mehr und nichts weniger, sich entwickelnd und gestaltend, je nachdem die Sitten, Gewohnheiten und die alten Religionen eines Volkes, unter denen es sich Bahn brach, es notwendig machten. Wie in Arme\u00adnien der Haupttempel der Mondg\u00f6ttin Artemis durch Beseitigung ihrer Bilds\u00e4ule in einen Christentempel umgeschaffen, in Ephesus der heidnische Dianentempel dem Sankt Johannis geweiht ward, so wird noch heutigentags in der Peterskirche in Rom einem bronzenen Jupiter der Fu\u00df gek\u00fc\u00dft, weil die Geistlichkeit behauptet, er stelle den heiligen Petrus vor.<\/p>\n<p>Man r\u00fchmt dem Christentum so gern nach, da\u00df es sich vor anderen Religionen dadurch auszeichnet, da\u00df es den Eingott-Glauben einf\u00fchrte \u2014 der eine Gott aber doch wieder in der Dreiheit vereinigt und umgekehrt \u2014, eine f\u00fcr den gesunden Menschenverstand unfa\u00dfbare M\u00f6glichkeit. Aber auch das ist nur Mythe. Bei den Juden war schon 500 Jahre vor Christi die heilige Dreieinigkeit im einigen Gott vereinigt, und derselbe Glaube war viele Jahrhunderte vor Christi bei den \u00c4gyptern vorhanden. Im heidnischen Inder- und \u00c4gyptertum ist \u00fcberhaupt jedes christliche Dogma, jeder christliche Kirchengebrauch Jahrhunderte lang vor Christi Geburt vorhanden gewesen, so da\u00df man mit vollem Recht sagen kann, das Christentum ist nichts als der Abklatsch der Religion dieser beiden \u00e4ltesten Kulturl\u00e4nder.<\/p>\n<p>Wie nun Dogmen und Gebr\u00e4uche der christlichen Kirche nichts weniger als \u201eGottes Werk\u201c sind, so ist dasselbe bei der Schrift der Fall, auf welche das ganze Christentum sich st\u00fctzt Die Bibel ist das verwirrteste Buch, welches existiert, ein Buch so voller Ungereimtheiten und Widerspr\u00fcche, da\u00df es in der ganzen Christenheit bis auf den heutigen Tag nie zwei Menschen gegeben hat, welche vollst\u00e4ndig \u00fcbereinstimmend sie ausgelegt und verstanden h\u00e4tten. Wer einigerma\u00dfen die Ent\u00adstehungsgeschichte dieses \u201eheiligen\u201c Buches kennt, wird sich dar\u00fcber freilich nicht wundern.<\/p>\n<p>Die Verworrenheit, die Unklarheit und die Widerspr\u00fcche der Bibel oder der sogenannten heiligen Schrift waren es, die von jeher den Grund zu den verschiedenartigsten Sekten inner\u00adhalb der christlichen Kirche gelegt haben. Eine Verworrenheit, welche die katholische wie die evangelische Kirche l\u00e4ngst in lauter Sekten aufgel\u00f6st haben w\u00fcrde, wenn nicht die Priester-und die Staatsgewalt die Rechtgl\u00e4ubigkeit an den einmal aufgestellten Lehren mit Gewalt aufrechterhalten h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Darum handelt die katholische Kirche von ihrem Standpunkte aus ganz korrekt, wenn sie das Lesen der Bibel den Laien verbietet. Konnten die Gelehrten \u00fcber sie nicht einig werden, wie sollte das dem einfachen gesunden Menschenverstande m\u00f6glich sein? Kein Buch in der Welt hat denn auch mehr Menschen ins Irrenhaus gebracht wie die Bibel. Die armen Gr\u00fcbler suchten, was nicht darin stand, und wenn sie glaubten, eine Wahrheit entdeckt zu haben, kam eine andere Stelle und zieh sie des Irrtums. Das ist allerdings zum Verr\u00fccktwerden!<\/p>\n<p>Die Bibel ist nat\u00fcrlich nicht \u201eGottes Wort\u201c, sie ist nicht von denen geschrieben, deren Namen sie in der Buch- oder Kapitelbezeichnung tr\u00e4gt; die Bibel ist einfach eine Zusammenstellung von Schriften der verschiedensten M\u00e4nner, deren Verfasser zum gr\u00f6\u00dften Teil sogar dem Namen nach nicht einmal bekannt sind und in verschiedenen Zeitaltern gelebt haben. Die Verschiedenheit dieser Schriften war es, die in den ersten Jahrhunderten des Christentums die furchtbarsten Streitigkeiten \u00fcber deren Deutung und Echtheit hervorrief, so da\u00df es nur nach und nach den Kirchen-Versammlungen m\u00f6glich war, eine Einheit zu schaffen, indem sie, ohne R\u00fccksicht auf Echtheit oder Unechtheit, eine Masse von Schriften, die in die neuen Verh\u00e4ltnisse nicht mehr pa\u00dften, unterdr\u00fcckten, beseitigten oder verschiedene unter einem gemeinsamen Titel vereinigten. So kam nach jahrhundertelangem Streit und Kampf unsere Bibel als \u201eunfehlbares Glaubensbuch\u201c und \u201eGottes Wort\u201c zustande, an deren Wahrhaftigkeit und Richtigkeit zu zweifeln vor noch nicht gar langer Zeit selbst von Staats wegen als Kardinalverbrechen galt.<\/p>\n<p>Genaue Forschungen haben ergeben, da\u00df keine einzige der vorhandenen Abschriften von Evangelien und Apostelbriefen \u00e4lter ist als das 4. Jahrhundert nach Christi. Man fand, da\u00df viele wichtige Stellen des Alten und des Neuen Testaments sp\u00e4rliche Einschaltungen sind, also von beliebigen Verfassern beliebig eingeschoben, von der leitenden Priesterschaft nach Wunsch und Interesse ausgelegt und dem gutm\u00fctigen Volke als \u201eGottes Wort\u201c aufgeschwatzt werden. Die Vergleichung aller vorhandenen Hand\u00adschriften der Bibel hat mehr als 50000 Abweichungen ergeben, von denen sehr viele den bez\u00fcglichen Stellen einen wesentlich andern Sinn geben, und trotzalledem ist die Bibel \u201eGottes Wort\u201c, an dem nicht ger\u00fchrt und getastet werden soll.<\/p>\n<p>Sie werden zugeben, Herr Kaplan, da\u00df, wenn alle philo\u00adsophischen Systeme den Glauben an die G\u00f6ttlichkeit des Christen\u00adtums nicht ersch\u00fcttern sollen k\u00f6nnen, derartige feststehende Tat\u00adsachen geeignet sind, nach dem bis hierher Ausgef\u00fchrten aber auch begreifen, da\u00df ich nicht nur ein Gegner des Katholizismus, sondern jeder Religion sein mu\u00df, weil nach meiner festen \u00dcber\u00adzeugung die Religion nur da Geltung haben kann, wo Unwissen\u00adheit \u00fcber die menschliche Entwicklung wie Unbekanntschaft mit den Forschungen der Geschichte und Naturwissenschaft besteht, welch letztere, wie schon angedeutet, die ganze Sch\u00f6pfungs- und Menschenentwicklungsgeschichte, wie sie die Bibel lehrt, einfach auf den Kopf stellt. Vom naturwissenschaftlichen Standpunkte die Unhaltbarkeit der Religion weiter darzutun, w\u00fcrde mich zu weit f\u00fchren. Lesen Sie Schriften, wie die von Haeckel, L. B\u00fcchner, Karl Vogt, Radenhausen (\u201eIsis. Der Mensch und die Welt\u201c), Kolb (Kulturgeschichte) und andre, und bringen diese bei Ihnen eben\u00adfalls nicht fertig, was das angebliche Studium aller philosophi\u00adschen Systeme von Pythagoras bis Feuerbach und Schopenhauer bei Ihnen nicht fertiggebracht hat, dann zweifle ich an Ihrer klaren Denkf\u00e4higkeit, und ich w\u00e4re wohl gezwungen, Sie unter die \u201e\u00fcberspannten Schw\u00e4rmer\u201c zu rechnen.<\/p>\n<p>Wie stehen wir jetzt zueinander? Ich habe nachgewiesen, da\u00df der Katholizismus respektive das Christentum weder das \u201eBeste\u201c noch das \u201eVollkommenste\u201c ist, sondern nicht besser und vollkommener wie andre Religionen auch, d. h. h\u00f6chst mangelhaft und unvollkommen, und da\u00df seine Beseitigung vom Standpunkte des Fortschritts der Menschheit recht bald zu w\u00fcnschen ist. Aber die Moral des Christentums! rufen Sie aus. Die Moral, lieber Herr, hat mit dem Christentum und der Religion \u00fcberhaupt gar nichts zu schaffen; die Moral ist universell, wenn auch verschieden nach dem jeweiligen Bildungszustand der V\u00f6lker. Bei allen V\u00f6lkern haben sich bestimmte Regeln \u00fcber die Beziehungen von Mensch zu Mensch herausgebildet, deren Aufrechterhaltung im Interesse aller als allgemein notwendig anerkannt wird. Keine Gesellschaft kann ohne solche Regeln bestehen; ihre \u00dcbertretung gilt als unmoralisch und wird oft blo\u00df durch die Kundgabe von Unzufriedenheit von seiten Dritter, oft aber auch noch durch materielle und physische Strafen, vollzogen durch die die Gesell\u00adschaft vertretende Autorit\u00e4t, an dem \u00dcbelt\u00e4ter heimgesucht. Wie verschieden selbst innerhalb der katholischen Kirche gewisse Ein\u00adrichtungen beurteilt, von dem einen Teil als moralisch und in der Ordnung, von dem andern als unmoralisch und darum verabscheuungsw\u00fcrdig angesehen werden, m\u00f6gen zwei Beispiele zeigen. Da\u00df eine Ehe auch ohne priesterlichen Segen ihre volle G\u00fcltigkeit habe, findet der katholische Franzose ganz in der Ordnung, der gut katholische Deutsche betrachtet sie als Konkubinat, also etwas sehr Unmoralisches. Die absolute Trennung der Kirche vom Staat findet der katholische Nordamerikaner selbstverst\u00e4ndlich, viele deutsche Katholiken sehen sie als eine schm\u00e4hliche Preisgabe der Kirche seitens des Staates an. Die Gebote der N\u00e4chstenliebe aber, die Gebote der allgemeinen Menschenliebe, der Gleichheit aller Menschen, der gegenseitigen Duldung, diese Lehren sind ohne Ausnahme im Buddhaismus wie im Mohammedanismus enthalten; sie sind theoretisch bei allen V\u00f6lkern von einiger Kultur anerkannt und werden bei Indern, Chinesen, Persern und Arabern auch mehr praktisch gehandhabt wie im Christentum, das alle diese sch\u00f6nen Dinge erst f\u00fcr das \u201ek\u00fcnftige\u201c Leben durchf\u00fchren will. Die Religion der Liebe, die christliche, ist seit mehr als 18 Jahrhunderten gegen alle Andersdenkenden eine Religion des Hasses, der Verfolgung, der Unterdr\u00fcckung gewesen. Keine Re\u00adligion der Welt hat der Menschheit mehr Blut und Tr\u00e4nen gekostet wie sie, keine hat mehr zu Verbrechen der scheu\u00dflichsten Art Veranlassung gegeben, und wenn es sich um Krieg und Massenmord handelt, sind die Priester aller christlichen Kon\u00adfessionen noch heute bereit, ihren Segen zu geben und hebt die Priesterschaft der einen Nation gegen die feindlich ihr gegen\u00ad\u00fcberstehende Nation flehend die H\u00e4nde um Vernichtung des Gegners, zu ein und demselben Gott, dem Gott der Liebe, empor.<\/p>\n<p>Wenn heute die Kirche in dem fr\u00fcheren Ma\u00dfe nicht mehr unterdr\u00fcckt, dann sind nicht die Priester und die Diener der Kirche daran schuld, sondern der allgemeine menschliche Fortschritt, der trotz Priester und Kirche und gegen Priester und Kirche erk\u00e4mpft worden ist. Sie sagen, was die Diener der Re\u00adligion getan, kann der Religion selbst nicht zum Vorwurf gemacht werden. Aber, Verehrter, wenn die Priester nicht als Ausnahme, sondern als Regel von den \u00e4ltesten Zeiten bis auf den heutigen Tag nicht auf die Moralgrunds\u00e4tze der Religion \u2014 die, ich betone es noch einmal, mit der Religion selbst durchaus keinen ausschlie\u00dflichen Zusammenhang haben \u2014 achteten, sondern Tag f\u00fcr Tag dagegen s\u00fcndigen, was ist denn eine solche Religion wert? Die eifrigsten Gl\u00e4ubigen haben aber, wenn sie auch glaubten, Gutes zu tun, am meisten der Menschheit geschadet, denn sie haben jedes R\u00fctteln an den Dogmen als Ketzerei, jedes Be\u00adzweifeln der Grundlagen der Religion als Kardinalverbrechen an\u00adgesehen und mit Feuer und Schwert dagegen gew\u00fctet. Die Kreuzz\u00fcge, die zahllosen Religionsverfolgungen, die Inquisition, die Judenverfolgungen, die Hexenprozesse, in denen Hunderttausende von Menschen dem blinden Wahn geopfert wurden, sind von fanatischen Priestern hervorgerufen und gesch\u00fcrt, von den Klugen und Kaltbl\u00fctigen unter ihnen f\u00fcr Ausbreitung der Macht der Kirche \u2014 die ihre Macht war \u2014 und des Raubes wegen unterst\u00fctzt worden.<\/p>\n<p>Das Christentum ist freiheits- und kulturfeindlich. Durch seine Lehre vom passiven Gehorsam gegen die \u201evon Gott ein\u00adgesetzte\u201c Obrigkeit, sein Predigen zur Duldung und Ergebung im Leiden, verkn\u00fcpft mit dem Hinweis, da\u00df f\u00fcr alle Beschwerden hienieden die Seligkeit im jenseitigen Leben entsch\u00e4digen werde, hat es die Menschheit von ihrem Zwecke, sich nach allen Rich\u00adtungen zu vervollkommnen, nach ihrer h\u00f6chsten Entwicklung zu streben und der gewonnenen G\u00fcter sich zu freuen und sie zu genie\u00dfen, abgezogen. Es hat die Menschheit in der Knechtschaft und Unterdr\u00fcckung gehalten und bis auf den heutigen Tag sich zum Werkzeug politischer und sozialer Ausbeutung hergegeben. Nach dem Sturz der griechischen und r\u00f6mischen Kultur hat das Christentum mehr als 1000 Jahre in Europa geherrscht, und die dickste Unwissenheit und Barbarei lastete auf den V\u00f6lkern. Spanien, das unter der Herrschaft der \u201eheidnischen\u201c Mauren in Ackerbau, Gewerbe, K\u00fcnsten und Wissenschaften den h\u00f6chsten Bl\u00fctepunkt erreichte und in Wohlstand schwamm, in dem zu jener Zeit \u2014 also unter den heidnischen Mauren oder Arabern \u2014 Christen und Juden eine Toleranz genossen, wie sie in unsern modernen Kulturstaaten kaum oder erst seit kurzem f\u00fcr die Juden besteht, ward, als christliche Waffen die Mauren verdr\u00e4ngten und das Christentum die Alleinherrschaft hatte, eine St\u00e4tte des Fana\u00adtismus und religi\u00f6ser Verfolgungssucht. Die bl\u00fchendsten St\u00e4dte und Gegenden wurden verw\u00fcstet, der Glanz arabischer Wissen\u00adschaft zerst\u00f6rt und das Land auf jenen tiefstehenden Kultur- und Bildungszustand gebracht, aus dem es sich bis heute noch nicht erholt hat. Die Wissenschaft und der Fortschritt, welche im 12. Jahr\u00adhundert in Italien, im 15. Jahrhundert auch in Deutschland sich zu regen begannen, waren nicht die Folge des Christentums, sondern des Studiums der heidnischen altklassischen Literatur, die aus dem Staub und Moder, in die sie unter der Christen\u00adherrschaft gelangt war, hervorgeholt wurde und den kirchlichen Anfechtungen und Verfolgungen zum Trotz in immer weitere Kreise drang und die Menschheit auf die Bahnen des Fortschritts f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Das Leben und die T\u00e4tigkeit der hohen wie der niederen Geistlichkeit aller Jahrhunderte lief schnurstracks den Lehren entgegen, die sie f\u00fcr andre lehrte. Die Religion war nur Mittel zum Zweck, um die Herrschaft \u00fcber die Massen auszu\u00fcben und mehr und mehr zu befestigen.<\/p>\n<p>Wie weitsehende und ber\u00fchmte M\u00e4nner der verschiedensten Zeiten die Religion nur als Mittel zum Zweck \u2014 der politischen Herrschaft \u2014 betrachteten (Aristoteles, Macchiavelli), habe ich schon in meiner Brosch\u00fcre erw\u00e4hnt; es ist nicht \u00fcberfl\u00fcssig, \u00c4u\u00dferungen und Taten einiger kirchlicher Autorit\u00e4ten gleichfalls anzuf\u00fchren. Der Bischof Synesius erkl\u00e4rte 410 n. Ch. Geb.: \u201eDas Volk will durchaus, da\u00df man es t\u00e4usche, man kann auf andere Weise gar nicht mit ihm verkehren. &#8230; Ich meinesteils werde stets Philo\u00adsoph sein f\u00fcr mich, aber Priester\u201c \u2014 was in diesem Falle doch wohl Betr\u00fcger hie\u00df \u2014 \u201ein bezug auf das Volk\u201c. Und ebenso schrieb Gregor von Nazians an den Hieronymus: \u201eEs bedarf nichts als Geschw\u00e4tz, um beim Volke Eindruck zu machen. Je weniger es begreift, deste mehr bewundert es. Unsre V\u00e4ter und Lehrer haben oft nicht das gesagt, was sie dachten, sondern was ihnen die Umst\u00e4nde und das Bed\u00fcrfnis in den Mund legten.\u201c Zur Zeit als Papst Julius II. (1475 bis 1513) regierte, existierte am r\u00f6mischen Hofe ein Leben, das an Ausschweifung, Liederlichkeit und Religionsverspottung das denkbar M\u00f6gliche leistete. Als eines Tages aus dem frommen Deutschland gro\u00dfe Geldsendungen ankamen, sprach der Papst zu einem seiner Kardin\u00e4le die denk\u00adw\u00fcrdigen Worte: \u201eGelt Bruder, die Fabel von Jesus Christus ist eintr\u00e4glich.\u201c Wie der franz\u00f6sische Gesandte die Moral des Papstes Paul III., im 16. Jahrhundert, beurteilte, geht aus folgender Stelle eines Briefes an seinen Hof hervor: \u201eDer Papst und seine Minister (Kardin\u00e4le) haben euch bisher in jeglicher Weise hintergangen; jetzt suchen sie es durch Heuchelei und L\u00fcgen zu decken und eine wahre Niedertr\u00e4chtigkeit daraus zu machen.\u201c Papst Paul VI. rief, um gegen die gut katholischen Spanier zu k\u00e4mpfen, nicht blo\u00df die Protestanten zu Hilfe, sondern forderte sogar den \u201eErbfeind\u201c der Christen, die T\u00fcrken, auf, das spanische Sizilien und Neapel zu \u00fcberfallen. Papst Alexander VI. lebte mit seiner eignen Tochter, der ber\u00fcchtigten Lukretia Borgia, in Blutschande. Als er einst sieben Kardin\u00e4le bei einem Gastmahl vergiften wollte, verstanden diese es, den Koch zu bestechen und lie\u00dfen ihn nebst seinem Sohn, den er neben der Tochter besa\u00df, obgleich er im Z\u00f6libat lebte, vergiften.<\/p>\n<p>Hunderte und Tausende von Schandtaten der Geistlichkeit lie\u00dfen sich hier noch anreihen; die vorgef\u00fchrten m\u00f6gen gen\u00fcgen.<\/p>\n<p>Sie bestreiten zwar meine Angabe, da\u00df Staat und Kirche sich jederzeit br\u00fcderlich verst\u00e4ndigt, wenn es sich um die Aus\u00adbeutung des Volkes gehandelt, als richtig, vergessen aber den Beweis zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Wenn irgendein Staat verpflichtet war, das Bild eines christ\u00adlichen Musterstaates zu geben, war es der Kirchenstaat, der un\u00admittelbar unter der Regierung des Papstes und der h\u00f6chsten Geistlichkeit stand; und welches Bild hat uns der Kirchenstaat bis zum letzten Tage seines Bestandes geliefert? Das traurigste, das in Europa sich auftreiben lie\u00dfe. Eine schm\u00e4hlich vernach\u00adl\u00e4ssigte, in Aberglauben und Unwissenheit versunkene Bev\u00f6l\u00adkerung; die Arbeit gesch\u00e4ndet und unterdr\u00fcckt, dagegen herrschend die unversch\u00e4mteste Bettelei und die gro\u00dfartigste Massenarmut Die Verbrecherstatistik schlimmer wie in irgendeinem Staate der Welt, die \u00d6ffentliche Unsicherheit sprichw\u00f6rtlich, die Staatsver\u00adwaltung die liederlichste, die existierte, und das Gebot der christ\u00adlichen N\u00e4chstenliebe, das sich doch zun\u00e4chst in der Toleranz gegen Andersgl\u00e4ubige zeigen m\u00fc\u00dfte, mit F\u00fc\u00dfen getreten. Das war der christliche Musterstaat. In allen Staaten Europas, wo Vertreter der Kirche, einerlei ob protestantische oder katholische, in der Staatsleitung, in der Volksvertretung ein Wort mitzusprechen haben, \u00fcberall ist ihr Einflu\u00df auf Zur\u00fcckhaltung und St\u00e4rkung der volksfeindlichen Staatsgewalt bedacht Und wenn im Augen\u00adblick Deutschland in bezug auf die katholische Priesterschaft eine Ausnahme zu machen scheint, so scheint dieses auch nur der Fall zu sein. Eine Politik, wie sie unkluger von keinem Staatsmann der herrschenden Klassen je gef\u00fchrt wurde, hat die katholische Geistlichkeit in die Stellung der Unterdr\u00fcckten ge\u00adbracht, und diese Stellung einzig und allein ist es, welche sie veranla\u00dft, heute Forderungen zu vertreten, die sie in der umgekehrten Lage nimmer stellen oder guthei\u00dfen wurde. Welche Stellung die Leiter und bewu\u00dften Vertreter des Katholizismus \u2014 denn die Geleiteten wie die unklaren K\u00f6pfe kommen nicht in Betracht \u2014 vor wenig Jahren noch in Bayern, in Preu\u00dfen und anderw\u00e4rts einnahmen, ist hinl\u00e4nglich bekannt; sie standen stets auf der Rechten, der \u00e4u\u00dfersten Rechten sogar, wie dies im Augenblick tats\u00e4chlich noch in \u00d6sterreich und namentlich auch in Frankreich der Fall ist und in Deutschland in B\u00e4lde wieder sein wird. Dar\u00fcber t\u00e4uschen wir uns also nicht. Kann es denn anders sein? Der Fortschritt der Menschheit bedingt, da\u00df allem Vorrecht und aller Herrschaft der Krieg erkl\u00e4rt wird; die Kirche \u00fcbt eine nicht geringere Herrschaft auf das Volk aus wie der Staat. Auf der Autorit\u00e4t und dem blinden Glauben beruhend, mu\u00df sie alles bek\u00e4mpfen, was diese zu untergraben trachtet, also das Wissen und die Bildung, wie sie der Sozialismus erstrebt. Der Sozialismus, der das reine Volks- und Menschentum ist, welcher die Moralhetze, welche der Kirche seit 18 Jahrhunderten kaum mehr als Aush\u00e4ngeschild f\u00fcr die Unterdr\u00fcckung und Ausbeutung der Massen gedient haben, in der Wirklichkeit zur Geltung bringen will; der die allgemeine Gleichheit, die allgemeine Menschenliebe, das allgemeine Gl\u00fcck nicht verwirklichen will, weil ein Buddha, ein Jesus, ein Mohammed sie gepredigt, sondern weil es Ziele und Ideale sind, nach denen die Menschheit unter allen Zonen, allen Staats-, allen Religionsverfassungen bewu\u00dft oder instinktiv gestrebt hat, und denen sie zugestrebt haben w\u00fcrde, wenn es auch keinen Buddha, keinen Christus, keinen Mohammed gegeben h\u00e4tte. Diese haben vielmehr, indem sie die Erde als ein Jammertal darstellten, die Entbehrung und Ent\u00adhaltsamkeit predigten und die Menschheit auf ein k\u00fcnftiges Leben, das nicht existiert, verwiesen, dem menschlichen Streben die schlimmsten Fesseln angelegt und den menschlichen Fortschritt gehemmt.<\/p>\n<p>Das Gute, das w\u00e4hrend der Herrschaft des Christentums entstanden, geh\u00f6rt ihm nicht, und das viele \u00dcble und Schlimme, das es gebracht, das wollen wir nicht, das ist mit zwei Worten unser Standpunkt.<\/p>\n<p>Und nun werden Sie vielleicht einsehen, Herr Kaplan, wie himmelweit verschieden unser Streben von dem des Katholizismus, des Christentums ist. Ihre Bisch\u00f6fe, Ihre Domherren, Ihre Grafen, Barone und Bourgeois, die als Leiter an der Spitze der katholischen Bewegung stehen, das sind nicht unsre M\u00e4nner; die wollen die Gleichheit und das Gl\u00fcck der Menschen nicht denn sonst m\u00fc\u00dften sie ihre bevorrechtete Stellung, wenn nicht aufgeben, so doch benutzen, um der von ihnen angeblich erstrebten Wohlfahrt der Menschen zum Siege zu verhelfen. Aber sie sind die Hauptverteidiger der Vorrechte, der Standes- und Klassenherrschaft, sie wollen nicht die Gerechtigkeit, sondern die Mildt\u00e4tigkeit, nicht die Gleichheit, sondern die dem\u00fctige Unterwerfung, nicht das Wissen, sondern den Glauben. Und w\u00e4hrend das Volk nach menschenw\u00fcrdiger Existenz und dem Ertrage seiner M\u00fche und Arbeit strebt und verlangt, predigen sie ihm die Zufriedenheit und vertr\u00f6sten es auf den Himmel, sie selbst aber leben in Herrlichkeit und Freude und genie\u00dfen die Fr\u00fcchte der Arbeit andrer. Das katholische Volk, das diesen M\u00e4nnern folgt, das geh\u00f6rt zu uns, und dieses hoffen wir eines Tages noch, wenn auch ihm die Augen aufgehen, auf unsre Seite zu ziehen. Treten dann die ausgebeuteten und unterdr\u00fcckten niederen katho\u00adlischen Geistlichen, deren Proletarierstellung Sie so vortrefflich schildern, mit in unsre Reihen, gut, sie sollen uns willkommen sein; Sie werden dann finden, da\u00df das ideale Streben, da\u00df Sie vergeblich in Ihrer Kirche zu verwirklichen suchten, in unsern Reihen und durch uns verwirklicht wird, und da\u00df wir eine bessere Aufgabe f\u00fcr Sie haben, als die Verrichtung leerer Formeln einer Religion, die bisher nur, wie jede andre, ein Hemmschuh des wahren Fortschritts der Menschheit war. Sie, Herr Kaplan, sind schlechter gestellt, nach Ihrem eignen Gest\u00e4ndnis, als ein Lakai oder eine Kammerjungfer, und f\u00fchren ein Leben wie der niedrigste Proletarier; der Bischof aber lebt wie ein gro\u00dfer Herr und bezieht die Eink\u00fcnfte und Ehren eines solchen. Will das Christentum, wie Sie sagen, dasselbe wie der Sozialismus, wie kann es dann ein solches System der Standesunterschiede und der Ungleichheit aufrechterhalten und als \u201evon Gott geschaffene Einrichtung\u201c verteidigen? Kann eine solche Religion unsre Achtung und unsern Beifall finden? Oder muten Sie uns zu, da\u00df wir auf die allgemeine Wohlfahrt und das m\u00f6glichst hohe Gl\u00fcck aller Menschen warten sollen, bis eine Religion, die seit bald 19 Jahrhunderten besteht und bis heute nicht einmal ihre eignen Priester zu ihren angeblichen Grunds\u00e4tzen bekehrt hat, es uns bringt? Da k\u00f6nnten wir bis in alle Ewigkeit warten, und das menschliche Leben ist kurz. Nein, nein! Suchen Sie noch so eifrig zwischen der Kirche und angeblich \u201eeinzelnen\u201c ihrer Diener einen Unterschied zu machen, es wird und kann Ihnen nicht gelingen. Was Sie als Ausnahme hinzustellen suchen, ist Regel und Prinzip, und Ihre Regel die Ausnahme. Sie wissen aber, da\u00df die Ausnahme nie die Regel aufhebt.<\/p>\n<p>Es ist mir also nicht m\u00f6glich, Ihrer Ansicht mich anzu\u00adschlie\u00dfen, wonach das Christentum dasselbe erstreben soll wie der Sozialismus. Christentum und Sozialismus stehen sich gegen\u00ad\u00fcber wie Feuer und Wasser. Der sogenannte gute Kern im Christentum, den Sie, aber ich nicht darin finde, ist nicht christlich, sondern allgemein menschlich, und was das Christentum eigentlich bildet, der Lehren- und Dogmenkram, ist der Menschheit feindlich. Ich \u00fcberlasse es Ihnen, wie Sie sich in diesem Widerspruch Ihrer Theorie mit der Praxis zurechtfinden wollen.<\/p>\n<p>Der Verfasser der Brosch\u00fcre: <em>\u201eDie parlamentarische T\u00e4tigkeit des Deutschen Reichstags und der Landlage und die Sozialdemokratie\u201c Leipzig, im Februar 1874.<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><u>Fussnoten<\/u><\/p>\n<p>[1] Redewendungen, die auf Rechnung der damaligen Streitigkeiten zwischen den beiden sozialdemokratischen Richtungen zu setzen sind D.H.<\/p>\n<p>[2] Redewendungen, die auf Rechnung der damaligen Streitigkeiten zwischen den beiden sozialdemokratischen Richtungen zu setzen sind D.H.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Bild Beschreibung: August Bebel\/ Bild: Quelle: http:\/\/www.fes.de\/archiv\/Service\/ausstellungsdownload.htm. Eine Nutzung gestattet unter Angabe der Quelle: (\u00a9 AdsD der Friedrich-Ebert-Stiftung)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Eine religi\u00f6se Polemik zwischen Herrn Kaplan Hohoff in H\u00fcffe und August Bebel (1873\/74).<\/strong><br \/>\n[August Bebel:] Was ist denn das Christentum? &#8230; Wie jede andere Religion Menschenwerk. Der Mensch, der auf seiner niedrigen Bildungsstufe keine klare Vorstellung von der Natur und den Naturereignissen, die ihm bald n\u00fctzten, bald ihn sch\u00e4digten, besitzen konnte, der keinen Begriff von seiner eignen Stellung als Mensch besa\u00df, schrieb alles Unverstandene, das um ihn vorging, \u00fcbersinnlichen Wesen zu, welche die f\u00fcr ihn unbegreiflichen Erscheinungen nach Laune und Willk\u00fcr hervorriefen und deren Gunst er folglich, um sie sich geneigt und freundlich gesinnt zu erhalten, durch Bitten, Gebete, Zeremonien und Opfer zu erlangen suchte.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":649,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"jetpack_post_was_ever_published":false,"footnotes":""},"categories":[15],"tags":[303,387,564],"class_list":["post-648","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-religions-kirchenkritik","tag-august-bebel","tag-christentum","tag-sozialismus"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/Bebel.jpg?fit=800%2C445&ssl=1","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p9stpK-as","jetpack-related-posts":[{"id":6113,"url":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=6113","url_meta":{"origin":648,"position":0},"title":"Im Gespr\u00e4ch: Erneuerer oder Totengr\u00e4ber des Sozialismus?","author":"Webredaktion","date":"31. 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